Klimawandel - Das Berlin von morgen ist das Frankreich von heute

Mi 13.07.22 | 09:15 Uhr | Von Kira Pieper
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Im Berliner Volkspark Friedrichshain ist am 29.06.2022 das Gras ausgetrocknet. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Bild: dpa/Christophe Gateau

Im Jahr 2060 könnten in Berlin klimatische Verhältnisse herrschen wie heute in Zentralfrankreich, Ende des Jahrhunderts dann wie an der Adria. Das geht aus Daten des Umweltbundesamts hervor. Klingt gar nicht so übel? Ist es aber. Von Kira Pieper

Bourges in Zentralfrankreich: Knapp 65.000 Einwohner, kleine Gassen führen durch eine Altstadt mit beschaulichen Fachwerkhäusern, im Zentrum eine bedeutende gotische Kathedrale, Paris liegt zwei Stunden mit dem Zug entfernt. Am wärmsten ist es dort im Juli. Dann liegen die Temperaturen durchschnittlich bei 20,4 Grad.

Dagegen Berlin: 3,6 Millionen Einwohner, innerstädtisch dicht besiedelt, viel Beton. Der Juli ist auch hier aktuell der wärmste Monat. Die Durchschnittstemperatur liegt dann bei 19,8 Grad. Mit deutlichen regionalen Unterschieden allerdings: Ist es richtig heiß, kann es in Mitte schon mal 10 Grad wärmer sein als in Spandau.

Berlin und Bourges liegen strukturell und auch geografisch sehr weit auseinander. Würde man mit dem Auto fahren, bräuchte man für die 1.200 Kilometer mehr als 13 Stunden. Und trotzdem haben Wissenschaftler in einer Studie des Umweltbundesamtes herausgefunden, dass diese beiden Städte - zumindest klimatisch betrachtet - "Zwillingsstädte" sind.

Wie Karlsruhe vor 50 Jahren

In der Erhebung haben die Verfasserinnen und Verfasser Klimaprognosen für 41 deutsche Städte mit Werten aus der Vergangenheit verglichen und so die "Klima-Zwillingsstädte" berechnet. Das Ergebnis: Schon heute ist das Klima in vielen deutschen Städten in etwa so, wie es vor 50 Jahren hundert bis sechshundert Kilometer weiter südlich war: In Berlin ist es aktuell klimatisch so wie früher in Karlsruhe. In Karlsruhe ist es aktuell so wie einst in Lyon im Süden Frankreichs. 2060 wird Berlin klimatisch in die Nähe des heutigen Bourges gezogen sein. Gegen Ende des Jahrhunderts sogar an die heutige Adria.

Das klingt doch gar nicht so schlecht, schließlich gibt es schlechtere Orte als in Frankreich zu leben, könnte man meinen. Doch Peter Hoffmann, Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, erklärt auf Nachfrage von rbb|24: Zeitgleich werde es auch in Frankreich klimatische Verschiebungen Richtung Süden geben. Dann werde dort ein Klima herrschen wie aktuell in Nordafrika. Eine Region also, die bereits jetzt extrem unter anhaltender Trockenheit und Hitze leide.

Karte: Klima-Zwillingsstädte in Europa bis 2060. (Quelle: rbb)

Temperaturen von über 40 Grad in Berlin denkbar

Auch für Berlin wären die steigenden Temperaturen fatal. Hoffmann erklärt: "Ein klimatische Verschiebung von Berlin in Richtung Adriaküste würde bedeuten, dass Hitzewellen mit Temperaturen von über 40 Grad dann noch wahrscheinlicher werden." Die Extremjahre 2018 und 2019 könnten also ein Vorgeschmack auf das gewesen sein, was uns in Zukunft erwarte, so der Klimaforscher.

Ein Blick in die Zahlen des Deutschen Wetterdienstes zeigt, dass dieses Szenario tatsächlich immer wahrscheinlicher wird: Vor 50 Jahren war es in Berlin im Schnitt an fünf Tagen im Jahr wärmer als 30 Grad. In den 2010er Jahren hat sich diese Zahl bereits verdreifacht. Mehr heiße Tage gab es nirgendwo sonst in Deutschland.

Extremwetterereignisse werden zunehmen

Die steigenden Temperaturen wären fatal: Nicht nur, dass Menschen unter der Hitze leiden - so steigt zum Beispiel das Herzinfarkt-Risiko -, auch das Artensterben von Tieren und Pflanzen wird beschleunigt.

Hoffmann nennt noch ein weiteres Problem: Extremwetterereignisse werden hierzulande zunehmen. Denn: Wärmere Luft kann mehr Wasser aufnehmen und wenn es regnet, dann heftig. Allerdings können ausgedörrte Böden das Wasser gar nicht so schnell aufnehmen, also fließt es rasch ab und nimmt dabei wertvolle Nährstoffe mit, und im schlimmsten Fall sorgt es für Überschwemmungen, Erdrutsche und zerstört Ernten. Und in Städten mit versiegelten Flächen geraten Kanalisationen schon jetzt bei Starkregen an ihre Grenzen und die Grundwasserspiegel sind bereits niedrig wie nie.

Hitzewelle so früh wie nie

Auch in Frankreich kämpfen die Menschen bereits mit den steigenden Temperaturen: Ende Mai, Anfang Juni sprach der französische Wetterdienst Météo France von der frühesten Hitzewelle seit 1947. Es gab damals bereits Temperaturen von 43 Grad. Im Anschluss sorgten heftige Unwetter mit Sturm und Hagel dann laut Versicherungsverband France Assureurs für hohe Schäden in Milliardenhöhe.

Um diese klimatischen Verschiebungen überhaupt noch stoppen zu können, müsse der Temperaturanstieg begrenzt werden, so Hoffmann. Er ergänzt: "Die Klimawissenschaft ist sich einig, dass wir die schlimmsten Zukunftsszenarien vermeiden können, wenn wir jetzt den Ausbau erneuerbarer Energien weiter vorantreiben und somit den Ausstoß von Kohlendioxid rasch und auf Dauer klimawirksam senken."

Aktuell sind in Bourges 31 Grad. Für die nächsten Tage sind Temperaturen von bis zu 38 Grad angekündigt. Eine Abkühlung ist erst mal nicht in Sicht. Wird dem rasant ansteigenden Temperaturanstieg nicht entgegen gewirkt, könnte es in Berlin 2060 auch so sein.

Symbolbild: Im Volkspark Friedrichshain ist das Gras ausgetrocknet. (Quelle: dpa/C. Gateau)Im Berliner Volkspark Friedrichshain ist im Juni 2022 das Gras ausgetrocknet.

Sendung: Radio Fritz, 13.07.2022, 09:30 Uhr

Beitrag von Kira Pieper

84 Kommentare

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  1. 84.

    Was damals schon für die Verbesserung des Stadtklimas beitrug (Bewässerung von Grünflächen und Straßenland), ist heute nur noch in ein Paket von Panikmache und Schuldzuweisungen verpackt.
    Sicher, es soll wärmer werden, jeder spürt es am eigenen Leib, aber nur Jammern wird dagegen nichts ausrichten. "Experten" geben sich die Klinke in die Hand, Pfeile werden auf imaginäre Karten gemalt.
    Eine Lösungen?
    Nein!!
    CO², Saurer Regen, Ozonloch, Jetstream - überlebt, und das trotz der Panikmache und der verbreitete Angst.
    Sieht man zu Heute Parallelen?
    @Lisa - " Außerdem hilft wässern wenig ..." da spricht wohl wissenschaftliches Wissen und Kompetenz?

  2. 83.

    "Flankiert von den Horrorszenarien von "Im Jahr 2060 könnten in Berlin klimatische Verhältnisse herrschen wie heute in Zentralfrankreich ..."
    KÖNNTE -genaues weiß man nicht."

    Könnte bezieht sich auf den Zeitpunkt nicht auf den Eintritt des Ereignisses selbst, der ist bei einem weiterso sicher. Zum Beispiel kann das Ereignis auch viel früher als 2060 eintreten. Das werden Updates der Modellergebnisse durch Messungen sukkzessive zeigen.

  3. 82.

    Zumindest was die Bildung von Paralellgesellschaften anbetrifft ist Berlin schon Frankreich. Teile von Neukölln, Kreuzberg, Wedding spiegeln dieses Klima schon wieder. Aber hey, Hauptsache schön bunt und ein fail State

  4. 81.

    Die allseits verehrte Landwirtschaft möchte trockene Wiesen und Felder haben und dadurch trocknen Wir unser Land seit Jahrhunderten selbst aus - vollkommen richtig. Ausser Wasserbüffel, die trampeln auch auf Feuchtwiesen umher. Weiter entwässern und Alles teurer machen ist die einzigste Alternative.

  5. 80.

    "Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: 'Lächele und sei froh, es könnte alles noch schlimmer kommen.' Und ich lächelte und war froh, und es kam alles noch schlimmer."

  6. 79.

    Ein-Kind-Politi ist Bevölkerungskontrolle in China (zumindest für Han-Chinese, die Minderheiten dürfen schon immer mehr). Wohl unmöglich weltweit durchzusetzen. In Europa eher nutzlos, da die Bevölkerungen hier eher schwinden als wachsen. Das gibt auch die Idee, wie es weltweit gehen könnte. Drastische weltweite Erhöhung des Lebensstandards + Möglichket zur eigenverantwortlichen Geburtenkontrolle mit Aufklärung, sollte weltweit die Geburtenziffern stark mindern. Das würde auch vorallem Afrika viel bringen, da Afrika eigentlich genug eigene Ressourcen hat - es reicht halt nur nicht, wenn die Bevölkerungszahlen explodieren. Nebenbei würde man damit auch viele Kriegsgründe eliminieren. Ist aber eher eine Aufgabe für eine UN-Organisation und nicht für einen Nationalstaat.

  7. 77.

    Ihren Verweis gelesen. Finde ich technisch überzeugend, sollte auch in Brandenburg gehen. Ich habe da aber meine Bedenken bei der Genehmigung durch die Brandenburger Behörden aufgrund schlechter Erfahrungen.

  8. 76.

    Was nutzen solche Schätzungen?

    Könnte sein, Muss aber nicht. Haben wir nicht genug aktuelle Sorgen, daß wir uns schon für den Ärger von Übermorgen interessieren müssen?

    Der Einfluss der einzelnen Normalmenschen bleibt eh gering - sonst wär' schon lange Frieden auf der Welt.

  9. 75.

    Untersuchungen belegen, dass die Überbevölkerung des Plqneten der Haupttreiber des Klimawandels ist. Man sollte hier kontrollieren, dass eine Familie maximal ein Kind bekommen darf! Wann greift hier endlich die Politik ein?

  10. 74.

    Also wir haben uns damals fürs Landleben in Brandenburg entschieden. Aber wenn ich das alles so in den letzten Tagen/Wochen lese, wird mir Angst und Bange. Wir verkaufen lieber bald und ziehen an die Nordsee. Da ist wenigstens noch genug Wasser vorhanden

  11. 73.

    Ist wohl eine alte Diskussion in Fachkreisen. Baut man Wehre und Sperrwerke von oben (Mindestabfluss) oder von unten (Mindestwasserstand). Grundsätzlich denke ich auch das da eine große Chance besteht insbesondere im Winter die oberen Seen etwas höher zu halten und somit einige mio qm länger im Land zu halten.
    Naturschutz steht dabei aber leider oft sich selbst im Weg. Durchgängigkeit von Fließgewässern, gefordert nach WRRL.
    So eine Fischtreppe ist schön für die Fische sorgt aber für reichlich Abfluss aus den Seen.
    Wiesen und Wälder Entwässern, also alles was Mensch künstlich angelegt hat, sollte man aber einfacher stoppen können.

  12. 72.

    Ach Du grüne Neune … Nun muss insbesondere Berlin/Brandenburg wohl zunächst mal die über Jahrhunderte betriebene (weil damals notwendige) Entwässerung der Böden, Dörfer und Städte "abschalten" ? … Hoffentlich reicht es, erst mal die aller Orten und Felder vorhandenen Drainagen alle abzusperren, um diese dann nur noch bei Bedarf öffnen zu können.

  13. 71.

    Habe mir den Link gespeichert. Bin aber noch nicht zum Lesen gekommen. Aber Danke, klingt erstmal ineteressant. Ist manchmal schwierig solcher Argumentenaustausch in diesen Kommentarbereichen, die jederzeit geschlossen werden können - wenn man da lange recherchiert, kann man die Antwort meist nicht mehr posten, da schon wieder geschlossen.

  14. 70.

    Muss ich mich selbst etwas verbessern. Am Handy kommentieren ist doch Quark.
    Also natürlich ist das von den Regulierungen nicht einfach, so wie alles in diesem Land nicht einfach so geht.
    Grundsätzlich existiert aber alles dafür. Sowohl das technische Regelwerk z.B des DVGW als auch die Referenzanlagen. Also geht es, wenn man will und eine Finanzierung dafür aufgestellt bekommt.
    Die Motivation in Hessen war seinerzeit die gleiche Situation die wir in BB jetzt erleben. Zu wenig Grundwasser in der Region um Frankfurt (Main) und günstig Wasser für die Landwirtschaft gewinnen. Und der Rhein galt zu der Zeit als zeitweise toter Fluß, wovon unsere Gewässer weit entfernt sind, mal vom Sommer an der schwarzen Elster abgesehen.
    Mit dem Ansatz das wird aber schwierig hätte man es vor über 250 Jahren sicher nicht geschafft Landschaften wie das Oderbruch oder den Spreewald zu schaffen, die heute als Kulturerbe gelten.

  15. 69.

    Deshalb macht man es auch weil es auf dem Papier nicht geht. Wir sind ja schließlich in Deutschland.
    Belesen Sie sich einfach mal zu dem was ich als Referenz angeführt habe. Rheinwasser wird auf Trinkwasserqualität aufbereitet und infiltriert. Natürlich kann das nicht jede sondern Leute die was davon verstehen und auch entsprechend kontrolliert werden.
    Manchmal sind Sie aber auch Berufspessimist oder Reichsbedenkenträger und manchmal wieder extrem innovativ.

  16. 67.

    Alles wird teurer im der Bundesrepublik. Führt nicht gerade diese Preisspirale zur Zerstörung unserer Erde ? Jeder muss mehr Energie aufwenden, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Fängt zum Bsp. beim Essen an- wer mehr arbeiten muss, benötigt auch mehr und besseres Essen- also ein höherer Energieaufwand. Geht bei steigenden Mieten so weiter- für irgend ein Produkt muss immer mehr gearbeitet werden, weil es immer teurer wird - also der Energieaufwand steigt immer mehr. Führt uns nicht gerade diese ,,grüne Verteuerungspolitik,, in den Abgrund ???

  17. 66.

    "Das alles ist so einfach längst nicht mehr zeitgemäß."
    Alles eine Frage des Geldes. Ist ihr Einkommen hoch genug ändert sich für sie gar nix.
    Wenn sie alles, was sie unter Konsumverhalten aufgeführt haben, den Menschen in Dtschl. verbieten wollen werden die gutsituierten Bürger einen Ortswechsel vornehmen und zurück bleibt das "Fußvolk"!
    Sie haben nicht so ganz unrecht mit ihrer Meinung aber alles zu verbieten bekommt dann doch den "Geschmack" der Diktatur......und wie schon erwähnt, wer es sich leisten kann.......

  18. 65.

    Irgendwie ist es ja schön, dass Sie es schaffen, dem Ganzen noch etwas Positives abzugewinnen … Leider ist das aber mal wieder viel zu kurz gedacht. Bei und wird es lediglich „etwas“ trockener und heißer werden, was uns allein schon vor sehr große Probleme stellen wird … Aber was werden die Menschen in den Gegenden der Erde machen, die aufgrund von extremer Dürre schon jetzt kaum noch eine Lebensgrundlage haben? Schon mal daran gedacht, dass es die dann millionenfach dorthin ziehen wird, wo ein Überleben noch möglich sein wird? Mit anderen Worten: Hierher, zu uns … ? Ihre Beschönigungen gehen dermaßen weit an der Realität vorbei …

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