Zwischenbilanz Neun-Euro-Ticket - "Die Idee ist gut, aber nicht ganz durchdacht"

Fr 01.07.22 | 06:02 Uhr | Von Sascha Erler
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Reisende warten auf dem Bahnhof Potsdam-Sanssouci auf den in Richtung Frankfurt (Oder) fahrenden Regionalzug. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Video: rbb24 Brandenburg aktuell | 01.07.2022 | S. Erler/N. v. Capelle | Bild: dpa/Soeren Stache

Seit einem Monat gibt es das Neun-Euro-Ticket. Viele Millionen Tickets wurden verkauft, es fahren so viele Menschen Bahn wie vor der Pandemie. Doch wie sind ihre Erfahrungen? Sascha Erler hat sich in der Lausitz umgehört.

Morgens um sieben am Senftenberger Bahnhof: Hier geht es Richtung Dresden und Richtung Cottbus. Eigentlich ist es Hauptpendelzeit. Doch am Bahnsteig stehen gerade mal eine Handvoll Leute. Darunter ist auch David. Er pendelt jeden Tag beruflich von Senftenberg nach Dresden. Sonst fahre er mit dem Auto, sagt er. Das sei trotz gestiegener Spritpreise einfach billiger. Rund 50 Euro pro Strecke würde ihn die Bahnfahrt normalerweise kosten, jetzt fährt er fast umsonst. Das Auto stehen zu lassen, hat er im ersten Monat, seit das Neun-Euro-Ticket in Kraft ist, noch nicht bereut.

Auch für Amelie rechnet sich die Fahrt. Sie arbeitet in Senftenberg, kommt jeden Tag aus Cottbus. "Ich fahre sowieso mit dem Zug und habe tatsächlich 300 Euro gespart. Der Zug ist auch nicht voller als sonst."

Züge sind überfüllt in Tourismusgebieten

Am Bahnhof Lübben sieht die Situation nicht ganz so entspannt aus. Hier kreuzen die Bahnlinien Cottbus-Berlin und Eberswalde-Senftenberg.

Der Ort liegt mitten im Spreewald, viele Menschen reisen mit Fahrrädern an. Gerade die gelb-grünen Bahnen der ODEG in Richtung Berlin und Cottbus seien oft überfüllt, berichtet Passagier Pierre. Es komme da auf den richtigen Zeitpunkt der Reise an. Doch der ist gerade generell ungünstig im Tourismusgebiet: Es ist die letzte Woche vor den Sommerferien, und viele Schulklassen nutzen die verbleibenden Tage für Ausflüge.

Die zehnte Klasse der Spreewaldschule Lübben etwa wartet am Bahnsteig auf den Zug Richtung Hamburg. "Die Fahrt war schon gebucht und bis Hamburg fahren wir mit dem ICE, da müssen wir normal bezahlen. Aber innerhalb Hamburgs nutzen wird das Neun-Euro-Ticket. Das wird dann mit dem bezahlten Preis verrechnet", erklärt Klassenlehrerin Beate Theilig. Viel mache das nicht aus – aber für ein Eis für alle reiche es allemal.

Fahrräder bereiten Probleme

Die zehnte Klasse der Spreewaldschule ist nicht die einzige, die mit dem Zug auf große Reise geht. Das zeigt sich gleich beim nächsten einfahrenden Zug. Pierre schiebt sein Rad einmal die komplette Länge entlang, findet aber keinen Platz. Dieser Zug fährt ohne ihn. Zwar ist er unterwegs zum Bewerbungsgespräch nach Cottbus, hat sich aber einen ordentlichen Zeitpuffer eingebaut. Geduld ist eben gefragt bei der Bahnreise durch den Spreewald - und manchmal auch eine gewisse Vorliebe für engen Körperkontakt.

Doch tatsächlich sind es die Fahrräder, die der Bahn und ihren privaten Mitbewerbern viele Probleme bereiten. In den ersten zwei Wochen des Neun-Euro-Tickets hat die DB Regio mehr als eine Million Menschen mit Fahrrädern befördert. Besonders auf Verbindungen in beliebten Tourismus-Regionen und an Feiertagswochenenden hätten nicht immer alle mitreisen können, so die Deutsche Bahn. Die empfiehlt deshalb, Fahrradvermietungen zu nutzen und insbesondere am Wochenende kein Fahrrad mit in den Zug zu nehmen.

Wer sein Fahrrad in den Urlaub, aber nicht im Zug mitnehmen möchte, kann dafür übrigens den DB Gepäckservice nutzen. Vom 1. Juli bis zum 30. September bietet die Deutsche Bahn die Kombination aus Bahn und Fahrrad zum Preis von 29,90 Euro je Richtung an. Damit ist auch der Fahrradversand in diesem Zeitraum 20 Euro günstiger.

Angebot zu kurz und zu wenig Züge

Am Cottbuser Hauptbahnhof, dem größten in Südbrandenburg, kann man am ehesten einen Eindruck bekommen, dass sehr viele Menschen zurzeit tatsächlich mit der Bahn unterwegs sind. Da kann es durchaus fünf Minuten dauern, bis der Menschenstrom vom Bahnsteig hinunter in den Verbindungstunnel abgebrochen ist. Und natürlich auch hier: Fahrräder.

Anita und Maggie sind früh mit der Bahn im Ruhrgebiet losgefahren und stehen, zusammen mit ihren Rädern, nach mehrfachem Umsteigen und einigen Verspätungen am Bahnsteig. Hier warten sie auf den Zug nach Bad Muskau, um von dort den Oder-Neiße-Radweg entlang zu radeln. In der ersten Monatshälfte haben sie ihre Heimat mit dem Neun-Euro-Ticket erkundet. Auch wenn sie schonmal länger warten mussten – einen Platz im Zug haben sie immer bekommen, erklären die beiden Frauen.

Auch ihr Fazit fällt daher positiv aus, kleine Abstriche machen sie jedoch schon: "Die Züge sind zu voll. Die Idee ist gut, aber nicht ganz durchdacht. Für drei Monate so ein Ticket anzubieten, reicht nicht. Das muss verlängert werden. Und es müssen mehr Züge auf die Gleise."

Sendung: rbb24 Inforadio, 01.07.2022, 06 Uhr

Beitrag von Sascha Erler

76 Kommentare

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  1. 76.

    Die Zukunft wird ein Mix aus ÖPNV, Auto und/oder Fahrrad oder auch zu Fuß werden. Je nach örtlichen Gegebenheiten und persönlichen Bedüfnissen. Dass ÖPNV Angebote in Ballungszentren oder Mittelzentren besser ausgebaut sind als auf dem Platten Land mit Einsiedlergehöften, wird auch in Zukunft so sein. Da gilt es dann, andere Antriebe für Individualverkehr zu nutzen. Dieses 9 Eur Ticket macht auch Druck von unten auf die Politik, wo schnell nachgebessert werden muss für die grüne Zukunft. Und Leute mal noch eins: Es geht nicht so weiter, dass jeder ein 400qm Grundstück in zersiedelten Stadtrandlagen haben will, aber mit ner U-Bahn vor der Tür. Ein wenig Mäßigung tut Not! Guter ÖPNV lohnt erst, wenn je 1000qm eine gewisse Anzahl von Menschen lebt und nicht nur 20.

  2. 75.

    Das Ticket ist eine super Sache ,klar definiert welche Züge genutzt werden dürfen, Trotzdem meckern Leute nur von Zuhause aus rum. Geht raus habt Spaß .Man muss mit dem Rad nur wissen wann man losfahren will ohne Massenaufläufe. Ich fahr jede Woche durch D mit dem Regio. Nur in NRW ist Wahnsinn. Man kann auch Gegenden erkunden für die man sonst viel Geld bezahlen muss .Hoffe das solch ein Ticket in anderer Form kommt. Trotzdem wähle ich nicht die Parteien die sowas beschlossen haben.

  3. 74.

    Das 9-EUR-Ticket führt für Vulnerable dazu, dass Sie, wenn irgend möglich, auf die Nutzung des öff.NV, verzichten. Für die Gesundheit !!! Zur Arbeit fahren, muss sein. Früh, vor 5 Uhr, das geht. Die Rückfahrt ist wie russisch Roulette... Wegen der egoistischen Masken-Verweigerer in den überfüllten Bahnen. Meine Eltern kann ich leider nicht besuchen ! S-Bahn seit Wochen = Ersatzverkehr mit Bussen und Regio 5 seit dem 9-EUR-Ticket unerträglich überfüllt.

  4. 73.

    Dafür hat man als ÖPNV-Nutzer aber auch Vorteile: Man muss nicht zur Tankstelle oder zum Waschen fahren, keinen Parkplatz suchen, nicht zum TÜV oder zur Werkstatt. Kein Wechsel von Sommerreifen auf Winterreifen, usw. Das alles spart auch Zeit. Und natürlich auch Geld. Nicht jeder hat einen langen Weg zur nächsten Bushaltestelle. Es gibt genug Leute, bei denen es prima funktioniert. Manche im Speckgürtel von Städten wie Berlin, Potsdam haben direkten Bahnanschluss in fußläufiger Entfernung. Auch ländliche Gebiete wie z.B. Lübben und Lübbenau im Spreewald sind an den Taktverkehr in Richtung Cottbus und Berlin angeschlossen. So schlecht ist das nicht. Natürlich gibt es Gegenden mit starkem Verbesserungsbedarf. Das ist aber eine Sache des politischen Willens und der Setzung von Prioritäten. Wenn man es nicht will, werden schnell Argumente gesucht, warum es nicht funktionieren "kann" - statt an Lösungen zu arbeiten.

  5. 72.

    Wer außerhalb von Berlin wohnt und jeden Tag pendeln muss, dem nützt auch kein 9 € Ticket! Die meisten müssen zum Teil 20 Minuten und mehr laufen um an Bahn oder Bus zu kommen. Nach dreizig Jahren konnte kein vernünftiger Anschluss erstellt werden. Unser Senat mit 5000€ im Monat und Dienst Wagen stört es nicht. Warum auch !

  6. 71.

    Ja, wer hat der kann. Alternativ gäbe es noch die Suche nach Fahrgemeinschaften oder einer Unterkunft am zukünftigen Arbeitsort. Aber wenn man gleich ein Auto kaufen kann, braucht man das alles nicht, auch keine Verkehrswende und keinen Umweltschutz. So wird gleich die nächste Generation auf die Unverzichtbarkeit eines Autos getrimmt.

  7. 70.

    "Warum man das nicht gleich nur auf digitale Fahrscheine per APP begrenzt hat, erschließt sich einem irgendwie nicht wirklich." IHNEN wird sich das auch in 10 Jahren nicht "erschließen", dass es immer noch Menschen gibt, die kein Smartphone haben und dadurch von solchen Aktionen ausgeschlossen wurden.

  8. 69.

    Dafür brauchr man mehr rollendes Material und längere Bqhnsteige. Ist also nicht so einfach.

  9. 68.

    Das war Ihnen aber doch bekannt als Sie in die Pampa gezogen sind. Also brauch3n Sie sich jetzt nicht beschweren.

  10. 67.

    Aber es gab auch weniger Fahrgäste insgesamt. Und auch weniger Menschen, die ihr Rad mitnahmen.

  11. 66.

    Von Anfang an ist das 9€ Ticket für ganz Deutschland nicht tragbar. Ein 9€ Ticket, wird die Autofahrer nicht dazu bringen über 600€ im Jahr für überfüllte Züge zu zahlen. Was ist denn im September?? Mit Bürokratie hat die BVG viel Arbeit, ein lukratives Angebot für Jahres Tickets wäre sinnvoller. Mit meiner Jahreskarte konnte ich bisher auch nicht außerhalb von Berlin fahren.

  12. 65.

    Völlig richtig !!! Was Im RE1 abgeliefert wird, ist Massenbeförderung auf engstem Raum - stickige Waggons mit ausgefallener Klimaanlage.

  13. 64.

    So ein Quatsch, was Sie schreiben. Früher gab es auch Fahrradwaggons und die Bahnsteige waren nicht länger!
    Und was ist mit Park and Ride und den vielen Fahrradstellplätzen vor den Bahnhöfen? Ich bin außerdem der Meinung, dass innerhalb Berlins das Fahrrad nicht Bus und Bahn fahren muss. Ich bin früher schon mal 28 km zur Arbeit geradelt.

  14. 63.

    Vielen Dank für ihren tollen Vorschlag......ich pendle mit der Bahn zur Arbeit, und das schon lange vor dem 9€ Ticket. Auto habe ich nicht, und vom Bahnhof zum Wohnort fährt der letzte bus um 18:00, vom Wohnort zum Bahnhof morgens früh sind die Busfahrzeiten auch sehr ungünstig. Es gibt hier draussen weder Leihräder noch sichere Abstellplätze in Bahnhof Nähe.
    Ich bin auf meinem Fahrrad angewiesen!
    Und die Schreie nach Fahrradmitnahmeverbote werden immer lauter!

  15. 62.

    Ich frage mich, warum man nicht ein 10 Euro-Ticket draus gemacht hat. Das wäre eine "runde" Summe gewesen, pro Person zwar nur 1 Euro teurer, aber in der Summe hätte der Staat dadurch am Ende ein ganzes Sümmchen weniger subventionieren müssen, bei den Millionen verkauften Sondertickets.

  16. 61.

    Was ist denn daran nicht durchdacht ?! … Alles plus Regios und das bundesweit … Durchdachter geht es gar nicht … Ja, ja, Kapazitäten vergrößern und Takte verkleinern wäre (in Zukunft) schön … Aber auf die Schnelle war und ist das Ganze super, top, prima und spitze ... Mich würde Anfang August mal interessieren, ob man sich die verkaufte Menge an Sprit in Berlin, Brandenburg und West-Polen etwas verringert hat … Denn die zählt … Nicht die reine Zahl an zugelassenen (Schlechtwetter- und Transport-) Kfz.

  17. 59.

    Ich kann ihn einen Grund nennen, warum man nicht nur auf digitale Apps begremzt hat. Nicht jeder hat ein Handy und das würde zur Ausgrenzung der Personen führen. Warum auch am Wochhenende ist auch leicht erklärt, weil Menschen auch am Wochhenende arbeiten.

    Also, erst denken, dann reden, bevor man so sinnloses Zeug schreibt. Wobei mir ihr Sinn in den gemachten Äußerungen auch nicht klar ist. Wollten sie nur irgendwas texten oder ....

    Das 9,- € Ticket ist eine gute Sache, vor allen für Berufstätige und Menschen die kein Geld haben. Die Umsetzung ist dagegen aber mangelhaft, was aber zu erwarten war, da ja die Politik in allen Sachen und Bereichen so vorgeht.

  18. 58.

    Ich kann ihn einen Grund nennen, warum man nicht nur auf digitale Apps begremzt hat. Nicht jeder hat ein Handy und das würde zur Ausgrenzung der Personen führen. Warum auch am Wochhenende ist auch leicht erklärt, weil Menschen auch am Wochhenende arbeiten.

    Also, erst denken, dann reden, bevor man so sinnloses Zeug schreibt. Wobei mir ihr Sinn in den gemachten Äußerungen auch nicht klar ist. Wollten sie nur irgenwas texten oder ....

    Das 9,- € Ticket ist eine gute Sache, vor allen für Berufstätige und Menschen die kein Geld haben. Die Umsetzung ist dagegen aber mangelnaft, was aber zu erarten war, da ja die Politik in allen Sachen und Bereichen so vorgeht.

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