Richtfest im August geplant - Potsdamer Synagoge sorgt weiter für Streit

Di 05.07.22 | 06:23 Uhr | Von Stefanie Brockhausen
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Baustelle des Synagogenzentrums in Potsdam im Juli 2022. (Quelle: rbb/Stephanie Brockhausen)
Audio: Antenne Brandenburg | 04.07.2022 | Stefanie Brockhausen | Bild: rbb/Stephanie Brockhausen

Seit Jahren wird in Potsdam um den Bau einer Synagoge gerungen. Nach hitzigen Diskussionen nahm der Plan zuletzt Fahrt auf. Jetzt ist der Rohbau fast fertig. Doch bei einer Baustellenbesichtigung gab es wieder Ärger. Von Stefanie Brockhausen

Das Synagogenzentrum in Potsdam nimmt Gestalt an: Drei der fünf Geschosse sind bereits errichtet. In wenigen Wochen soll der komplette Rohbau fertig sein, das Richtfest ist für den 26. August geplant. "Wir liegen sehr gut im Plan", sagt Gerit Fischer, Technische Geschäftsführerin beim Brandenburgischen Landesbetrieb für Liegenschaften und Bauen. "Darauf sind wir auch sehr stolz. Alle am Bau haben derzeit mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Aber wir sind glücklicherweise noch gut im Rennen."

Synagogenraum mit Glasdach geplant

Der Baustellenrundgang am Montag sollte Aufschluss geben über den Stand der Bauarbeiten – und Einblicke in das Innere des Potsdamer Synagogenzentrums bieten. Vieles ist hinter Gerüsten und Balken nur zu erahnen. Etwa der künftige Synagogenraum, das Herzstück des Gebäudes, der sich über drei Etagen erstreckt und über ein Glasdach mit Licht versorgt wird. Aber die sieben Fensterbögen im Synagogenraum ermöglichen schon jetzt einen Blick auf die Umgebung mit Filmmuseum und Landtag.

Nicht alle sind begeistert

Die Brandenburger Kulturministerin Manja Schüle (SPD) sieht in dem schnellen Baufortschritt ein Zeichen für den unbedingten Willen, die Synagoge nach den jahrelangen Diskussionen endlich fertig zu stellen. "Alle wünschen sich die Synagoge sehnlichst hier in der Mitte der Landeshauptstadt", so Schüle. Der Neubau wird vom Land mit knapp 16 Millionen Euro finanziert.

Der Vorsitzende der Potsdamer Synagogen-Gemeinde, Ud Joffe, zeigt sich allerdings wenig begeistert – im Gegenteil: Beim Baustellenrundgang, zu dem ausschließlich die Presse eingeladen war, schimpfte Joffe lauthals über die vermeintliche Ausgrenzung der jüdischen Gemeinden bei dem Termin. "Nur eine Religionsgemeinschaft darf gestalten. Was hier passiert, ist, dass der Staat gestaltet. Das ist ein Verbrechen", so Joffe.

Dass keineswegs der Staat, sondern ein jüdischer Wohlfahrtsverband die Trägerschaft des Synagogenzentrums übernimmt, lässt Joffe nicht gelten. "Feigenblatt", schimpft er und an Kulturministerin Schüle gerichtet: "DDR-Staat!" Einem Pressevertreter gegenüber wurde Joffe sogar handgreiflich, schubste ihn.

Kulturministerin sieht "leidenschaftliches Ringen um Synagoge"

Die Beteiligten bemühten sich derweil demonstrativ um Gelassenheit. "Ich interpretiere das als ein sehr leidenschaftliches Ringen um das eigene Gebäude, um die eigene Synagoge", sagt Kulturministerin Schüle.

"Die große Mehrheit der Potsdamer Gemeinden hat zurückgemeldet, dass dieser Bau ihren Vorstellungen entspricht", ergänzt Günter Jek von der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Er gab auch zu bedenken, dass es "sicherlich keine zweite landesgeförderte Synagoge hier in Potsdam" geben werde. "Wenn wir diesen Bau gemeinsam nutzen wollen, müssen wir uns aufeinander zubewegen. Die ZWST wird alles dafür tun, um alle Beteiligten einzubinden." Ob das gelingt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 04.07.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Stefanie Brockhausen

14 Kommentare

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  1. 14.

    Da sind wir einer Meinung. Denn ein solcher "Volksentscheid" würde bsw. gegen das Gesetz der freien Religionsausübung verstoßen, was genannter Kommentator nicht zu wissen scheint. Zudem geht er offenbar davon aus, die Potsdamer Bevölkerung würde mehrheitlich den Bau einer Synagoge ablehnen. Das lässt schon einigermaßen tief blicken . . .

  2. 13.

    Sie ist ja aus gutem Grund nicht vorgesehen - genau, wie eine Volksabstimmung bspw. über die Todesstrafe, weil das mit den Grundwerten kollidieren würde oder auch darüber, dass die Bevölkerung vor Ort (nicht) entscheidet, ob Zuziehende dort wohnen dürfen oder nicht. (Wie bspw. in Heidenau) So manch "national befreite Zonen" blieben mittels solcher Abstimmungen sonst unter sich.

    Ich finde das vollkommen richtig, dass es diese Ausschlussgründe gibt.

  3. 12.

    Oliver, Oranienburg! Der vermutliche Wohnort passt zum Kommentar.

  4. 11.

    Der Oliver meinte das mit der Abstimmung wohl ein bisschen anders, Helmut. Er fragt sich offenbar, warum keine Bürgerabstimmung zum Neubau durchgeführt wurde - und vermutet, dass diese aus Angst vor dem Bürgerwillen "politisch nicht gewollt" war. Dass solch ein Volksentscheid gesetzlich nicht vorgesehen ist, kann er ja nicht wissen . . .

  5. 10.

    Über Jahre wurde in Potsdam über den Neubau der Synagoge gerungen. Immer wieder gab es Streitpunkte zum Aussehen und der Ausführung innerhalb der jüdischen Gemeinden. Das Grundstück war durch die Stadt vorgehalten und lag lange brach. Nun hat das Land BB den Bau vorangetrieben und finanziert. Herr Joffe hat bisher jeden Vorschlag zu einem Neubau verhindert. Nun werfen Sie dem Staat/Land vor nicht seinen Pflichten nachgekommen zu sein. Ich finde schon, dass der Wiederaufbau dieser Pflicht nachkommt. Aber wenn Herr Joffe immer wieder gegen jeden Lösungsvorschlag ist, dann sollte er seine persönliche Kompromissbereitschaft in Frage stellen. Und Handgreiflichkeiten werfen kein gutes Licht auf sein Verhalten.

  6. 9.

    Die Stadtverordnetenversammlung hat natürlich über den Bebauungsplan abgestimmt, weil das ja städtischer Grund ist. Über die Aussehen der Synagoge hat die StVV natürlich nicht zu befinden, das machen die jüdischen Religionsgemeinschaften aus guten Gründen selber. Die Begründung dafür habe ich hier genannt.

  7. 8.

    Warum wurde in Potsdam nicht über den Bau abgestimmt? Ach ja, hätte aus Politischer Sicht ein Debakel werden können.

  8. 7.

    Sie negieren also die systematischste Erfassung, die systematischste Schikanierung und die systematischste Tötung einer zweifellos religiös geprägten Bevölkerungsgruppe, wie sie zuvor und auch hinterher niemals stattgefunden hat?

    Gleich, wie jemand persönlich zur Religion steht: Dieser Hauch einer Wiedergutmachung gegenüber Menschen jüdischen Glaubens ist schlichtweg ein Muss. Ansonsten haben Sie sich von diesem Staat mit dem Namen Deutschland verabschiedet.

  9. 6.

    Grundbedingung dafür, dass das Land Brandenburg den Bau der jüdischen Synagoge finanziert, war, dass sich die drei vorhandenen jüdischen Gemeinden darüber einigen. Das ist keineswegs unredlich. Dann wurde nach all den Runden ergebnislosen Verhandelns der Gemeinden untereinander mit dem Bauherren des Jüdischen Wohlfahrtsverbandes ein neutraler Träger gefunden, auf den sich vor Baubeginn alle geeinigt haben.

    Ein Vertreter des Bauherren war bei der Pressekonferenz ebenso dabei wie der Architekt und die Vertreterin des Landes, was den Bau finanziert. Ich weiß nicht, wie es anders gehen soll, ohne dass wieder "ein Fass aufgemacht" wird.

  10. 5.

    Der deutsche Staat hat gar nichts. Staat und Religion sind getrennt. Pflicht und Schuldigkeit besteht auch nicht. Der Wunsch nach Versöhnung und ein Neubau auf Staatskosten sind wohl Zeichen für ein Miteinander, welches angemessen und in Würde steht.

  11. 4.

    Hallo, geht' noch? Der deutsche Staat hat sich an den Wünschen der jüdischen Gemeinden zu orientieren, das ist seine Pflicht und Schuldigkeit. Wenn Sie das nicht verstehen, frag ich mich, wo und was für einen Geschichtsunterricht Sie hatten ----- auweia

  12. 3.

    Es ist nicht die Schuld der jüdischen Gemeinden, dass es in Potsdam keine Synagoge mehr gibt (1938 geplündert, wegen Nähe zur Hauptpost aber von den deutschen Antisemiten nicht gebrandschatz, im April 1945 von den Alliierten zerstört). Dass der deutsche Steuerzahler die Kosten für den Neubau übernimmt, finde ich angemessen - dass Herr Joffe trotzdem (wieder einmal) "herummosert" nicht!

  13. 2.

    "..lässt Joffe nicht gelten. "Feigenblatt", schimpft er und an Kulturministerin Schüle gerichtet: "DDR-Staat!" Einem Pressevertreter gegenüber wurde Joffe sogar handgreiflich, schubste ihn."
    Starkes Stück! Die jüdische Gemeinde sollte sich fagen, ob dieser Mann noch der richtige Vertreter ist. Diplomatische Kritik sieht anders aus.

  14. 1.

    "...Der Neubau wird vom Land mit knapp 16 Millionen Euro finanziert..."

    Herr Joffe soll mal schön den Ball und seine Ansprüche flach halten. Sich wie selbstverständlich auf Kosten des Landes eine Synagoge bauen lassen und dann unqualifiziert rummeckern, dass angeblich nicht alle zum Termin eingeladen waren. Hat der Mensch keine anderen Sorgen? Wenn die große Mehrheit der Gemeinden damit zufrieden ist, ist doch alles gut. Wenn die Potsdamer Synagogen-Gemeinde den Bau selbst finanziert hätte, könnte er wohl auch selbst bestimmen, wer an welchem Termin teilnimmt.

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