Morde während Militärdiktatur in Argentinien - Ermittler durchsuchen Berliner Wohnung von ehemaligem Junta-Offizier

Di 31.01.23 | 17:04 Uhr | Von Roberto Jurkschat
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Archivbild: "Madres de Plaza de Mayo" (Mütter vom Mai-Platz vor dem Präsidenten-Palast) demonstrieren am 09.12.1998 in Buenos Aires mit Bildern ihrer verschwundenen Angehörigen gegen Straffreiheit für den früheren Junta-General Jorge Videla und Admiral Eduardo Massera. Während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 sind nach offiziellen Angaben etwa 9000 Menschen verschleppt, gefoltert und ermordet worden. (Quelle: dpa/D. Luna)
Bild: dpa/D. Luna

Der wegen Mordverdachtes gesuchte argentinische Ex-Junta-Offizier Luis K. lebte jahrelang unbehelligt in Berlin. Nun durchsuchten Ermittler des BKA und der Berliner Generalstaatsanwaltschaft K.s Wohnung in Prenzlauer Berg. Von Roberto Jurkschat

Das Bundeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft Berlin (GSTA) haben am Dienstagmorgen in Prenzlauer Berg die Wohnräume eines früheren Angehörigen des ehemaligen argentinischen Militärs Luis K. durchsuchen lassen. Dem Ex-Offizier der Militärjunta werden die Entführung, Folterung und Ermordung von mindestens 15 namentlich bekannten jungen Frauen und Männern vorgeworfen.

Hinterbliebene stellt Strafanzeige in Deutschland

Wie die Berliner Organisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) berichtet, wurde der ehemalige Offizier in Argentinien per Haftbefehl gesucht, im Jahr 2013 floh er nach Berlin. Vor der geplanten Vernehmung in seiner Heimal habe Luis K. sich nach Deutschland abgesetzt. Behörden in Buenos Aires hatte daraufhin via Interpol eine Auslieferung K.s nach Argentinien ersucht. Da der 75-Jährige aber neben einem argentinischen auch einen deutschen Pass besitzt, war eine Auslieferung von deutschem Boden ausgeschlossen.

Weil die deutsche Justiz allersdings selbst gegen K. ermitteln kann, hat eine argentinische Hinterbliebene im Jahr 2018 gemeinsam mit dem ECCHR Anzeige gegen Luis K. in Deutschland erstattet.

Laut Generalstaatsanwaltschaft wurden bisher unter anderem Akten ausgewertet, die den Ermittlern über ein Rechtshilfeersuchen aus Argentinien zugestellt worden waren. Zudem wurden laut Generalstaatsanwaltschaft "eine Vielzahl von Zeugen" unter Beteiligung deutscher und argentinischer Ermittler vernommen.

Rechtsanwalt Kaleck: "Wir sehen Ermittlungen auf gutem Weg"

Wolfgang Kaleck, Rechtsanwalt und Generalsekratär des ECCHR in Berlin sagte rbb|24, er sei zuversichtlich, dass die Generalstaatsanwaltschaft Anklage gegen Luis K. erheben werde. "Das Verfahren wurde durch die Corona-Pandemie sicherlich verzögert, wir sehen die Ermittlungen aber auf einem guten Weg."

Kaleck selbst vertritt in dem Verfahren zwei Nebenkläger, seit 25 Jahren beteiligt er sich an der juristischen Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur. "Die Verbrechen sind inzwischen mehr als 40 Jahre her, deshalb liegt in den Verfahren eine besondere Komplexität. Wir sind in diesem Fall sehr zufrieden, wie die Ermittlungsbehörden in Deutschland den Vorwürfen nachgegangen sind. Das zeigt uns, dass es sich lohnt, an solchen Fällen dran zu bleiben."

Ermittler suchen in Prenzlauer Berg nach Beweisen

Nach Angaben der Berliner Generalstaatsanwaltschaft steht K. im Verdacht, von Anfang 1976 bis Beginn 1977 auf einem Marinestützpunkt im argentinischen Mar del Plata eine Einheit sogenannter "taktischer Taucher" befehligt zu haben. "Oppositionelle wurden dorthin verschleppt und sexuell missbraucht, gefoltert, getötet", heißt es in einer Mitteilung des ECCHR.

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft K. vor, als Leiter der Abteilung für Personal, Operationen, Logistik, Navigation, Kommunikation, Abwehr nachrichtendienstlicher Tätigkeiten, Öffentlichkeitsarbeit und Logistik an den Verbrechen beteiligt gewesen zu sein.

Zur Zeit der Militärdiktatur (1976-1983) wurden in Argentinien mehrere zehntausend Oppositionelle verfolgt, inhaftiert, gefoltert oder umgebracht. Laut Staatsanwaltschaft wurden zahlreiche Opfer betäubt und dann lebendig aus Flugzeugen über dem Meer oder der Mündung des Rio de la Plata abgeworfen.

In der Wohnung K.s in Prenzlauer Berg suchten die Ermittler nach Dokumenten, Unterlagen und Datenträgern, die Aufschluss über die Rolle des Beschuldigten in Zusammenhang mit dem sogenannten "Verschwindenlassen" von Oppositionellen und deren mutmaßlicher Tötung geben, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Beitrags war von Augusto Pinochet die Rede, der war jedoch Diktator in Chile. Die argentinische Militärdiktatur wurde (zunächst) von Jorge Videla angeführt.

Sendung: rbb24 Inforadio, 31.01.2023, 17:00 Uhr

Beitrag von Roberto Jurkschat

12 Kommentare

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  1. 10.

    Pinochet war nicht in Argentinien, sondern an der Spitze der Militärdiktatur in Chile. Und zwar nachdem Salvador Allende von der CIA aus dem Präsidentenpalast gebombt woren war, weil er die Großgrundbesitzer enteignen und das Volkseinkommen gerechter verteilen wollte. Das mißfiel den USA, denn dann hätten sie auch keinen ungehinderten Zuigriff auf die Bodenschätze (erze) Chiles mehr gehabt. In Argentinien war die Diktatur rund fünf Jahr früher zu Ende als in Chile. - Wenn sie schon keine Ahnung haben, Herr Roberto Jurkschat, dann sollten Sie wenigstens sorgfältiger recherchieren!

  2. 9.

    Lieber RBB, als Hinweis: Augusto Pinochet (1973-1990) es war in Chile und nicht in Argentinien

  3. 8.

    Im Text steht:
    "Zur Zeit der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) wurden in Argentinien ..."
    Pinochet - war der nicht Diktator in Chile?
    Aber solche Kleinigkeiten kann man ja mal übersehen.

  4. 7.

    Augusto Pinochet war Diktatur in Chile.

  5. 6.

    Augusto Pinochet war Diktator in Chile. Wie passt das denn hier im Beitrag zusammen??

  6. 5.

    „Zur Zeit der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) wurden in Argentinien mehrere zehntausend Oppositionelle verfolgt, inhaftiert, gefoltert oder umgebracht.“

    Das stimmt, Pinochet herrschte aber über Chile. Er war dort für etwa 3000 Morde und außergerichtliche Hinrichtungen verantwortlich. Argentinien hatte in dieser Zeit eine „eigene“ Militärdiktatur unter wechselnden Generalen und Admiralen, die ca. 30.000 Menschen ermorden, zu Tode foltern oder verschwinden ließen („verschwinden“ hieß: vom Flugzeug ins Meer werfen).

    Die 60er bis 80er Jahre waren die dunkelste Zeit der Geschichte Lateinamerikas, in der fast jeder Staat eine derart mörderische Diktatur erlebte.

  7. 4.

    Beim Lesen des Artikels ging ich davon aus, dass es um Argentinien geht, im vorletzten Absatz wird dann aber auf die chilenische Militärdiktatur Bezug genommen (Augusto Pinochet, 1973-1990).
    Stimmt das so?

  8. 3.

    "Zur Zeit der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) wurden in Argentinien mehrere zehntausend Oppositionelle verfolgt, inhaftiert, gefoltert oder umgebracht."
    Das wird sicher so gewesen sein, aber Pinochet war Diktator in Chile.

  9. 2.

    Hallo,

    da hat sich aber ein schlimmer Fehler eingeschlichen. Augusto Pinochet war Diktator in Chile, die Daten passen auch zur dortigen Militärdiktatur. Die argentinische Militärdiktatur dauerte von 1976-1983 und wurde von Jorge Rafael Videla angeführt.

  10. 1.

    Ich verstehe den Artikel nicht! Pinochet war doch Diktator in Chile und was hat er mit Verbrechen in Argentinien zu tun?

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