Interview | Mückenfund in Brandenburg - "Sie unterscheidet sich deutlich von unseren heimischen Mückenarten"

Sa. 07.06.25 | 09:46 Uhr
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Symbolbild: Eine Person untersucht unter dem Mikroskop verschiedene Mückenarten.(Quelle:picture alliance/dpa/J.Büttner)
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Audio: Radioeins | 04.06.2025 | Gespräch mit Doreen Walter | Bild: picture alliance/dpa/J.Büttner Download (mp3, 10 MB)

Im Oderbruch gibt es einen exotischen Neuzugang: Die Mücke "Anopheles hyrcanus" stammt aus Südeuropa und könnte theoretisch Malaria übertragen. Angst müsse man trotzdem nicht haben, erklärt die Biologin Doreen Werner im Interview.

rbb: Frau Werner, Sie betreiben Mücken-Monitoring und suchen regelmäßig nach neuen Arten. Was ist das für ein Gefühl, wenn Ihnen eine neue Art wie jetzt die Anopheles hyrcanus ins Netz geht? Freude oder Alarm?

Doreen Werner: Zuerst ist da immer das Glücksgefühl. Man sieht die Mücke zum ersten Mal unterm Mikroskop und weiß sofort: Das ist etwas Besonderes. Die hast du hier noch nie gesehen, da müssen wir näher hinschauen. Für einen Forscher ist das ein unglaubliches Glücksgefühl.

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Doreen Werner © Jarno Müller/ ZALF
Jarno Müller/ ZALF

Doreen Werner

Die deutsche Biologin und Entomologin hat sich auf die Erforschung von Stechmücken spezialisiert. Mit ihrem Team vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg konnte sie - erstmals für Deutschland - die wärmeliebende Stechmückenart Anopheles hyrcanus in Brandenburg nachweisen.

Sie haben 62 Exemplare von Anopheles hyrcanus im Oderbruch gefangen. Wie sieht diese Mücke aus?

Unglaublich hübsch! Man verbindet Stechmücken ja eher mit negativen Assoziationen: hässlich, grau, lästig. Aber diese Art ist wirklich hübsch gesprenkelt – schwarz-weiß gefleckte Flügel, länglich geformt. Sie unterscheidet sich deutlich von unseren heimischen Arten. Aber es gibt noch andere schöne Mückenarten, das darf man nicht vergessen.

Woher stammt dieser hübsche Neuankömmling – und was macht die Mücke in Brandenburg?

Ursprünglich ist sie in Spanien, Portugal bis nach Ostasien verbreitet. Aber durch den Klimawandel, also wahrscheinlich durch steigende Temperaturen, breitet sie sich immer weiter nach Norden aus. Es war damit zu rechnen, dass das passiert, weil die bisherigen Nachweise aus Ungarn, Österreich, der Tschechei und Polen stammten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis wir sie auch bei uns fanden.

Kann Anopheles hyrcanus stechen? Und: Besteht die Gefahr, dass sie – wie andere Anopheles-Arten – Krankheiten wie Malaria überträgt?

Jede weibliche Stechmücke kann stechen, nimmt eine Blutmahlzeit – sie braucht das Blut, um ihre Eier entwickeln zu können. Und ja: Auch Anopheles hyrcanus ist grundsätzlich in der Lage, Malaria-Erreger zu übertragen. Aber: Wir haben in Deutschland bereits acht andere Anopheles-Arten, einige davon flächendeckend weit verbreitet – und die sind wesentlich effektivere Überträger.

Müssen wir uns also Sorgen machen wegen dieser neuen Mücke?

Nein, wir müssen keine Angst haben – weder vor dieser noch vor anderen Stechmücken. Ja, sie sind lästig, manche mehr, manche weniger. Die gemeine Hausmücke zum Beispiel, die nachts ins Schlafzimmer kommt, und uns um den Schlaf bringt, ist wohl am nervigsten. Aber wichtig ist: Wer nach einem Stich ungewöhnliche Krankheitssymptome entwickelt, sollte zum Arzt gehen – und dabei bedenken, dass es sich auch um eine Sekundärinfektion an der Einstichstelle handeln kann. Kratzen verursacht oft Eiterungen, Schwellungen, manchmal sogar Blutergüsse. Das sind Reaktionen, die meist auf unsere Unwissenheit zurückgehen.

Was tun Sie eigentlich gegen Mückenstiche – haben Sie so einen kleinen elektronischen Hitzestift?

Nein. Erstens werde ich nicht so penetrant angeflogen. Und zweitens weiß ich, wie ich mich schützen kann, wenn ich in gefährdete Gebiete gehe: lange, geschlossene Kleidung – also lange Hosen, lange Ärmel. Und ich weiß natürlich auch, dass ich nicht kratzen darf.

Was sollen wir tun, wenn wir eine Mücke entdecken, die wir nicht kennen? Sie haben mal gesagt, man könne Ihnen die Mücken per Post schicken. Gilt das noch?

Das gilt nach wie vor! Das Projekt Mückenatlas läuft unbegrenzt weiter. Wir bitten alle Menschen in Deutschland, uns Mücken aus ihrem Umfeld zu schicken – jede Art, auch bekannte. Jede Mücke zählt auf der Verbreitungskarte. Denn wir wissen oft noch gar nicht genau, wann und wo welche Mücken unter welchen Bedingungen vorkommen. Und: Jeder Einsender bekommt eine Rückmeldung. So kann man auch selbst herausfinden, was bei einem zu Hause kreucht und fleucht – vielleicht ist ja eine Überraschung dabei.

Vielen Dank für das Gespräch.

Diese Tiere gehören hier nicht her – und breiten sich trotzdem aus

Mit Doreen Werner sprachen Julia Menger und Kerstin Hermes.

Das Original-Interview wurde für den Text redaktionell bearbeitet. Sie können das Audio oben im Artikel nachhören.

Sendung: Radioeins, 03.06.2025, 05:00 Uhr

10 Kommentare

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  1. 10.

    Jedes Lebewesen- ob Pflanze, Insekt, Vogel, Säugetier etc. - hat in der Natur seine Daseinsberechtigung. Auch wenn wir das eine oder andere Getier oder Pflanze als lästig oder nicht schön empfinden. Ausgenommen wir Menschen, die die Lebensgrundlage und Lebensräume der anderen Lebewesen zerstören. Wodurch u.a. Tiere und Pflanzen sich in Mitteleuropa ansiedeln, die hier eigentlich nicht Keven würden. Z.B. durch menschenverursachten Klimawandel, einführen von Tieren und Pflanzen aus anderen Regionen.

  2. 9.

    Sie können sich auch mal selber fragen, welchen Sinn andere Arten wie z.B. die Menschheit haben.

  3. 8.

    Nach dem "kratzen" juckts erst richtig. Wer sich nicht mit Chemie vollballern will, nimmt z.B. 'ne Zwiebel, 'ne Zitrone oder einen "Mückentoaster" - also so einen kleinen Stick mit einer Miniheizplatte vorn dran.

  4. 7.

    Nach den Stich etwas Spucke wo es juckt und gut ist. Ansonsten fragen sie den Arzt oder Apotheker.

  5. 6.

    Mich nervt immer, dass nicht gekratzt werden soll. Wie soll denn der Juckreiz sonst "behandelt" werden? Ist ja nicht jede/r so ein Held, diese massive Hautreizung zu ignorieren.

  6. 5.

    Der interessante 'Ausflug' in die Mückenwelt beruhigt nur oberflächlich. Es ist wie bei den kleinen Hündchen, die wollen ja nur spielen und beißen nicht, bis man selbst entsprechende Erfahrungen machen muss. Sie sind zwar nicht zwingend, kommen aber unerwartet vor! Die hier beschriebene Mücke folgt nun welchen Ausdünstungen der Haut? Dass die Forscherin nicht "heimgesucht" wird, mag ja beruhigend sein, aber der Normalverbraucher hätte vielleicht weitergehende Hinweise erwartet. Mein Wissen darüber wächst leider sehr spärlich an, aber dass süßlich riechende Seifenprodukte von Anopheles vieler Arten als sehr attraktiv empfunden werden oder auch Schweiß nach eigenen körperlichen Aktivitäten - das gebe ich hier schon mal als Erfahrung weiter. Dennoch könnte ja ein Nachtrag/update zu dieser Frage helfen? Schließlich hat man ja mal eine Fachfrau dabei?
    Denn toll finde ich die Mücken ganz und gar nicht!

  7. 4.

    Ich hätte diese Fachfrau auch mal gefragt, welchen Sinn Mücken überhaupt haben. Ein paar Fliegen und Schmetterlinge mehr hättens auch getan, damit Kleingetier was zu naschen hat. ;-)

  8. 3.

    Es wird alles immer schlimmer.

  9. 2.

    Wenn ich ganz ehrlich bin ... ich liebe Plattmücken

  10. 1.

    Angst würde auch nicht weiterhelfen. Die Menschheit wird eh' nicht mehr viele Kapitel in der Geschichte des Planeten schreiben. Da einige von uns immer und überall mobil sein wollen, sich damit brüsten, an Orten gewesen zu sein, die noch nie zuvor jemand gesehen hat, meist mit Selbstbildnissen vor Motiv verifiziert, heute hier und morgen am anderen Ende der Welt, solange das alles nicht sozial geächtet wird, kommen wir immer näher zum Punkt ohne Wiederkehr.

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