Schwimmbadszene aus Gropiusstadt (Bild:Heimatmuseum Neukölln)
Bild: Heimatmuseum Neukölln

Jubiläum - Moderner Wohnen: 50 Jahre Gropiusstadt

Eine Trabantensiedlung feiert Jubiläum: Am 7. November 1962 legten der damals Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, und Architekt Walter Gropius den Grundstein für die Gropiusstadt. Sie diente als Vorbild für zahlreiche andere "Reißbrett-Siedlungen". Doch das visionäre Bauprojekt machte bald als soziales Ghetto von sich reden.

"Überall nur Pisse und Kacke. Egal wie neu und großzügig alles von weitem aussieht. Und ich habe die Nase voll." So beschreibt die 13-jährige Christiane F. Ende der 1970er Jahre die Gropiusstadt. Millionen Menschen lesen ihre Lebensgeschichte im Bestseller "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und bekommen einen Eindruck von der ganz persönlichen Hölle des Teenagers. Ihre Heimat ist ein sozialer Brennpunkt am Rande Berlins mit Drogen, Kriminalität und sozialer Verelendung.

Eine bessere Stadt bauen

Dabei war zu Baubeginn alles ganz anders geplant. Die Idee, aus der ehemaligen Ackerfläche am Stadtrand eine Großwohnsiedlung zu machen, entstand in den 50er Jahren. "Wir wollen eine bessere Stadt bauen", sagte Willy Brandt damals. Modernes Wohnen im Grünen statt der üblichen Altbau-Tristesse in Kreuzberg, Wedding oder Neukölln, das war der Plan. Ein Stararchitekt wurde engagiert, es war der Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Seine Vorstellung: kreisrunde Hochhäuser mit Wohn- und Geschäftsvierteln dazwischen, kein Gebäude höher als fünf Geschosse.
Doch der Mauerbau 1961 machte die Planungen hinfällig: Wohnraum war fortan knapp in Westberlin. Statt 15.000 sollten nun in der Gropiusstadt fast 20.000 neue Wohnungen entstehen und das platzsparend in weniger Gebäuden als zunächst vorgesehen. Die Häuser schossen gewaltig in die Höhe. Das Ideal-Hochhaus in der Fritz-Erler-Allee ist mit 30 Stockwerken eines der höchsten Wohngebäude in Deutschland. "Einheit in der Vielfalt ist das erstrebenswerte Ziel, nicht langweilige Monotonie", schrieb Walter Gropius enttäuscht über den Projektverlauf an den Berliner Bausenator. 1969 verstarb der Planer, der sich um sein Werk betrogen sah, in den USA. Trotzdem trägt die Trabantenstadt  seit 1972, drei Jahre vor ihrer endgültigen Fertigstellung, offiziell den Namen des berühmten Bauhaus-Architekten.
Straßenszene Gropiusstadt 1969 (Bild:Museum Neukölln)
Fritz-Erler-Allee / Ecke Wutzkyallee im Jahr 1969.

Viertel der armen Leute

Der Berliner Senat ließ hier vor allem Sozialwohnungen schaffen, Ende der 70er Jahre lag deren Anteil bei 90 Prozent. Die Gropiusstadt wurde zum Viertel der armen Leute, denen außer einem Dach über dem Kopf nur wenig geboten wurde. Von dunklen Ecken und Angsträumen war die Rede, das Erscheinen des Buches "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" versetzte dem Viertel den Todesstoß – zum Teil zu Unrecht. "Überall wussten sie: die Leute sind hier alle drogenabhängig. Es wurde stark übertrieben", empört sich Hans-Georg Miethke, ein pensionierter Postbeamter, der seit 1969 in einem siebenstöckigen Hochhaus in der Wutzkyallee lebt und die Zuteilung der für Berliner Verhältnisse äußerst modernen Wohnung als großes Glück empfand.
Mit dem Fall der Mauer entschlossen sich trotzdem viele Bewohner, die Gropiusstadt zu verlassen. In den Berliner Wohnungsmarkt war Bewegung gekommen, das führte in der Hochhaussiedlung zu großer Fluktuation. Übrig blieben vor allem ältere Menschen, viele türkische und osteuropäische Migranten zogen in die leeren Wohnungen nach. Die Trabantenstadt wurde zum Schmelztiegel der Kulturen und die Konflikte mit den alteingesessenen Bewohnern blieben nicht aus.

Gutverdiener anlocken

Im Jahr 2001 schaffte der Senat den Wohnberechtigungsschein für die Siedlung ab. Die Gropiusstadt sollte kein reines Sozialbauviertel mehr sein. Auch wer mehr verdient, soll sich nun hier niederlassen können – und natürlich wollen. Deshalb plant die Degewo umfangreiche Investitionen. Bis 2016 will die Wohnungsgesellschaft rund 90 Millionen Euro in die energetische Modernisierung der bestehenden Gebäude stecken. Zudem sollen rund 400 neue Wohnungen gebaut werden – flach, mit nur vier bis fünf Stockwerken. Wilde Imbissbuden sollen dafür weichen. Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der die Degewo berät, nennt das "kontrollierte Gentrifizierung". "Wir werten die Gegend auf. Warum soll nicht auch ein Pilot in der Gropiusstadt wohnen?"
Wer mehr über die wechselvolle Geschichte der Trabantensiedlung am Rande der Stadt erfahren möchte, kann sich darüber noch bis zum 25. November in der Ausstellung "Heimat Großsiedlung – 50 Jahre Gropiusstadt" in der Forum Factory, Besselstraße 13-14, in Berlin-Kreuzberg informieren. Der Eintritt ist frei.

Beitrag von Oliver Soos und Sebastian Schöbel, Inforadio

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