Archivbild: Der damalige Klinikleiter Götz Brodermann zieht sich bei einem Pressetermin auf der Sonderisolierstation im Klinikum Schwabing einen Schutzanzug an (Quelle: dpa/Sven Hoppe)
Audio: Radioeins | 29.01.2020 | Interview mit dem Virologen Christian Drosten | Bild: dpa/Sven Hoppe

Fragen und Antworten - Was wir bisher über das Coronavirus wissen

Weiterhin ist das Wissen über das neue Coronavirus begrenzt. Weder ist bislang die exakte Quelle für das Virus ausgemacht, noch ist klar, wie es genau übertragen wird und ob es sich verändern kann. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick. Von Constanze Löffler

Mit welchem Virus haben wir es zu tun?

Sicher ist: Das Virus gehört zur Gruppe der Coronaviren. Je nach Stamm verursachen diese Viren harmlose Erkältungen bis hin zu schweren Atemwegsinfektionen wie im Jahr 2002 MERS (Middle East respiratory syndrome coronavirus) und im Jahr 2012 SARS (Severe acute respiratory syndrome).

Das nun erstmals in China entdeckte Virus ist ein neuer Stamm, den man bisher noch nicht beim Menschen gefunden hat. Es gehört wie das SARS-Virus zu den beta-Coronaviren und hat zu 80 Prozent das gleiche Erbgut wie SARS. Vor allem die Proteine, mit denen das Virus an menschliche Zellen andockt, sind andere. "Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass die Krankheit ebenso schwer verläuft", sagte Virologe Christian Drosten, Leiter der Virologie von der Berliner Charité in einem Interview der Tagesschau.

Wie ging die aktuelle Epidemie los?

Ende Dezember 2019 häuften sich in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan auffällige Atemwegsinfektionen. Am 31.12.2019 wurde bekannt, dass der Auslöser ein bisher unbekanntes Coronavirus ist. Die Behörden einigten sich auf den Namen 2019-nCoV. Aktuell gehen Behörden und Forscher davon aus, dass 2019-nCoV auf dem Huanan-Fischmarkt in Wuhan auf den Menschen übergesprungen ist.

Neben Fisch wird auch mit wilden Tieren gehandelt wie Reptilien, Füchsen, Wölfen. Die Tiere werden dabei eng beieinander gehalten. Das bietet für die Erreger ideale Bedingungen, sich genetisch zu verändern – und so auch Menschen zu infizieren. Menschen stecken sich eher zufällig an, etwa weil sie infizierte Tiere essen. Seltenes Fleisch zu verspeisen hat in China Tradition.

Sind bei 2019-nCoV Tiere die Auslöser?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sucht noch nach der tierischen Quelle für das neue Virus. In einer Studie, die vergangene Woche veröffentlicht wurde, vermuten chinesische Forscher Schlangen als Ursprung, eine zweite Gruppe von chinesischen Wissenschaftlern geht von Fledermäusen aus.

Die chinesischen Behörden zählen Dachs und Ratte zu den Verdächtigen. Auch bei SARS und MERS hatten Tiere das Virus weitergegeben: SARS ging 2002 von Zirbelkatzen auf den Menschen über, ebenfalls in China. Bei MERS waren zehn Jahre später Kamele die Ausgangstiere, das Ursprungsland war Saudi-Arabien.

Was ist so gefährlich an 2019-nCoV?

Das Virus breitet sich rasch aus, die Zahl der Todesopfer steigt täglich. Die chinesische nationale Gesundheitskommission warnt davor, dass das Virus sich verändern und noch infektiöser werden könnte. Es ist bekannt, dass Coronaviren mutieren – unklar ist allerdings, wie schnell das der Fall bei 2019-nCoV ist und ob dadurch die Infektiösität zu- oder abnimmt, wie der Virologe Christian Drosten sagt.

Wie steckt man sich an?

Vermutlich wird 2019-nCoV auf dem Luftweg weitergetragen. Menschen atmen sogenannte Aerosole ein, winzig kleine mit Erregern bestückte Tröpfchen, die beim Husten oder Niesen entstehen. Grundsätzlich denkbar ist auch die Übertragung durch Flächen und Griffe, die zuvor von Infizierten angefasst wurden. Wie bei Infektionskrankheiten üblich können Menschen den Erreger unwissentlich in der sogenannten Inkubationszeit an andere weitergeben – in der Zeit also, in der die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist.

Dadurch sind Infektionen schwer einzudämmen. Die Inkubationszeit liegt nach bisherigen Erkenntnissen zwischen ein und 14 Tagen. Zudem kann die Infektion auch milde Verläufe haben. Daher können Menschen, bei denen die Infektion unerkannt bleibt, das Virus unerkannt und ungehindert verbreiten.

Wie ansteckend ist 2019-nCoV?

Im Schnitt steckt ein Infizierter zwei Menschen an. Ob das so bleibt, hängt davon ab, wie gut die Eindämmungsmaßnahmen sind – die Rate der Weitergabe muss unter eins fallen, um die Ausbreitung von 2019-nCoV zu stoppen. Zum Vergleich: Ein Grippekranker gibt Influenzaviren an zwei bis drei Menschen weiter. Besonders ansteckend sind Masern: Zwölf bis 18 Personen werden durch einen Infizierten krank.

Wie lässt sich das Virus nachweisen?

Das Team um den SARS-Entdecker Christian Drosten hat bereits ein Nachweisverfahren entwickelt und stellt es derzeit interessierten Laboren weltweit zur Verfügung. Neben dem Rezept zur Durchführung benötigen die Labore ein spezielles Molekül, das Drosten und seine Leute per Post verschicken. Der Test untersucht Schleim aus der Lunge oder einen Rachenabstrich auf die Viren.

Das Verfahren basiert auf der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Dabei wird ein DNA-Strang vervielfältigt, um das möglicherweise vorhandene Erbgut des Virus nachzuweisen. PCR-Tests sind Standardverfahren. Die Testung im Labor dauert etwa eineinhalb Stunden. Bereits geringste Mengen an Bakterien oder Viren führen zu einem zuverlässigen Testergebnis.

Welche Art von Infektion ruft das Virus hervor?

Die Infektion mit dem neuartigen Coronavirus verursacht Atemwegsbeschwerden, Fieber, Husten, Kurzatmigkeit. In schwereren Fällen kann die Infektion eine Lungenentzündung, ein schweres akutes Atemwegssyndrom, Nierenversagen und sogar den Tod verursachen.

Das Virus setzt sich in den tiefen Atemwegen fest. Experten zufolge ist das ein Vorteil, da sich die Ansteckungsgefahr für andere dadurch verringert, da deutlich weniger infektiöses Sekret aus dem Körper gelangt als etwa bei einer Infektion der oberen Atemwege.

Wie können diese Infektionen behandelt werden?

China vermeldete erste Erfolge bei der Behandlung betroffener Patienten: Fieber und Atemwegssymptome seien zurückgegangen, das Virus nicht mehr nachweisbar. Allerdings ist unklar, womit die Chinesen behandelt haben. Der WHO zufolge gibt es bislang weder eine Impfung noch eine spezielle Therapie gegen 2019-nCoV.

Vielmehr werden die Patienten symptomatisch therapiert: mittels Gabe von Sauerstoff, Antibiotika, fieber- und schmerzsenkender Therapien sowie Stabilisierung des Flüssigkeitshaushaltes. Virologe Christian Drosten gibt sich im Tagesschau-Interview zuversichtlich, dass möglicherweise eines der gegen SARS entwickelten Medikamente auch gegen 2019-nCoV helfen könnte.

Wie versuchen die Behörden in China eine Ausbreitung zu verhindern?

Im Zentrum aller Maßnahmen geht es darum, die Bewegungsfreiheit der Menschen einzuschränken. China hat zu rigorosen Maßnahmen gegriffen und in der am stärksten betroffenen Provinz Hubei in 14 Städten den Personenverkehr gestoppt. Damit wurden 54 Millionen Menschen unter Quarantäne gestellt. Am Donnerstag vergangene Woche war bereits der öffentliche Nahverkehr, Fernbusse sowie Fähren, Zug und Flugverbindungen aus und nach Wuhan eingestellt worden.

Mittlerweile wurde der Verkehr auch in Shantou im Süden des Landes eingeschränkt. In mehreren Städten und teilweise ganzen Provinzen ist Mundschutz Pflicht. In Wuhan entstehen derzeit zwei neue Kliniken. Eine mit 1.000 Betten soll am 3. Februar in Betrieb gehen. Ein weiteres Krankenhaus mit 1.300 Betten soll ein paar Tages später seine Arbeit aufnehmen. Außerdem hat China den Handel von Wildtieren vorübergehend gestoppt.

An vielen Orten in China wurden Großveranstaltungen wie die Nationalen Winterspiele abgesagt und Vergnügungsparks geschlossen, um größere Menschenansammlungen zu verhindern.

Müssen wir uns hierzulande vor einer Ansteckung fürchten?

Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge ist das Risiko für eine Ansteckung in Deutschland sehr gering. Es besteht keine akute Gefahr. Vor einer Ansteckung mit dem neuen Coronavirus muss sich nur fürchten, wer in Wuhan war oder mit Infizierten Kontakt hatte – ansonsten deuten Atemwegsprobleme und Fieber eher auf eine Grippe hin. Laut RKI wird ein Test auf die neuen Viren nur bei Personen empfohlen, die klinische oder radiologische Hinweise auf eine akute Infektion der unteren Atemwege haben und sich bis maximal 14 Tage vor Erkrankungsbeginn in Wuhan aufgehalten haben.

Allerdings sollten sich Behörden und Kliniken darauf vorbereiten, Einzelfälle, die sich auf Reisen angesteckt haben, zu diagnostizieren und zu behandeln, sagt Virologe Drosten. Reisende aus China sollten bei Lungenproblemen oder Fieber den Notdienst kontaktieren, statt direkt eine Klinik oder einen Arzt aufzusuchen.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sind angeraten?

Das Auswärtigen Amt empfiehlt seit dem 23. Januar 2020, nicht nach Wuhan zu reisen. Auch Reisen nach China sollten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Hände waschen sowie Mund und Nase schützen hilft nicht nur gegen 2019-nCoV, sondern auch gegen die viel häufigeren Grippeviren.

Viele decken sich derzeit auch mit Atemmasken ein. Experten bezweifeln aber einen ausreichenden Schutz.

Sendung: rbbPraxis, 29.01.2020, 20:15 Uhr

Beitrag von Constanze Löffler