Berlinerin beim Urban Gardening (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Bild: dpa/Jörg Carstensen

Interview | Stadtplaner Carlo Becker zur IGA 2017 - "Konzepte für Freiräume oder Stadtgrün fehlen"

Die IGA in Berlin? Ist nicht wirklich zeitgemäß, sagt Carlo Becker, Professor für Landschafts-Architektur und Experte für nachhaltige Stadtentwicklung. Er plädiert für die "Multi-Codierung" der kleinteiligen städtischen Grünräume statt der Schaffung von großen Parks.

rbb|24: Herr Becker, am 13. April startet die große IGA 2017 in Berlin. Ist eine solche Gartenausstellung noch zeitgemäß für eine Großstadt im dritten Jahrtausend?

Carlo Becker: Da scheiden sich die Geister, ob das Thema Gartenausstellung noch das richtige Format ist. Fragen wie "Was macht die aktuelle Landschaftsarchitektur?", "Was gibt es an neuem Saatgut und Stauden und Entwicklungen in Bereichen wie Friedhofswesen oder  Kleingärten?" - für ein interessiertes Gartenpublikum sind solche Themen durchaus passend. Wenn man sich aber die Landschaftsarchitektur und die Stadtgrünentwicklung anguckt, dann geht es nicht mehr nur um große Parks, sondern es gibt viele kleinteilige Strukturen: die Begrünung von Dächern, Fassaden und Straßenräume, kleine Pocket-Parks oder "Resträume", die zu Gardening-Flächen werden. Das ist eine ganz andere Entwicklung, die eine Gartenschau unter Realbedingungen nicht thematisieren kann. Das ist meine Kritik an einer Gartenausstellung.  Ich lehne sie nicht ab, aber die Gartenschau ist nur ein Teil grüner Stadtentwicklung. Wir müssen uns gleichzeitig auf weitere Themen und Herausforderungen konzentrieren. Ich nenne das Multicodierung.

Was verstehen Sie genau unter Multi-Codierung?

Wir haben es in der Stadt mit vielen Interessenlagen zu tun: Es gibt den Naturschützer, den Klimaanpasser, den Erholungssuchenden, den Sportler und den Party-Macher. Dann haben wir noch weitere Interessenlagen wie den Verkehr, das Wohnen, Gewerbe und die Immobilienwirtschaft.  Alle diese Interessen  haben unterschiedliche Codes, mit denen auf die knappen Flächen in der Stadt geschaut wird. Und wenn wir es nicht schaffen, diese Flächenansprüche von einem "Nebeneinander" zu einem "Miteinander" zu organisieren, dann wird bei begrenzten Flächen Stadtentwicklung nicht nachhaltig gelingen. Das heißt beispielsweise, Straßenräume dürfen nicht nur einseitig dem Auto gehören, sondern sind auch Aufenthaltsräume für die Menschen. Es soll keine Monofunktion geben, wir brauchen daher die multicodierte Stadt.

Bei der IGA könnte man einen solchen Multi-Code-Ansatz ja vielleicht in der Seilbahn sehen, die nach der Ausstellung auch das öffentliche Verkehrsnetz ergänzt. Wäre das in Ihrem Sinne?

Das hat einen Wert, einen Mehrwert auch für den Bezirk. Das würde passen. Aber die Herausforderung, wie sich Stadtgrün in der dichten Stadt kleinteilig entwickelt, das bekommen wir damit nicht auf dem Weg. Alle zwei Jahre gibt es bundesweit eine IGA, BUGA oder IGS, da wird meist ein großer Park neu geschaffen, der in seiner Gestaltintensität in der Regel anschließend wieder zurückgebaut wird. Die Gartenschauen sind damit Motor für neue Parks in unseren Städten. Das ist gut so. Aber das Format der Gartenausstellung ist eben nur ein Segment grüner Stadtentwicklung. Das ist nicht ausreichend.

Für die IGA in Berlin wurden zumindest bereits grüne Flächen genutzt …

Was gut ist! Man hat angedockt an Flächen, die schon grün entwickelt waren und die man jetzt qualifiziert und ergänzt. Dort musste nicht alles neu entwickelt werden, sondern man hat auf etwas Vorhandenem aufgebaut.

Blick vom Kienberg auf die Baustelle des großen Abenteuerspielplatzes auf der Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2017 in Berlin-Marzahn, aufgenommen am 08.04.16 (Quelle: rbb online / Schneider).
Der Kienberg in Marzahn-Hellersdorf während der IGA-Arbeiten | Bild: rbb online / Schneider

Was würde denn aus Ihrer Sicht zur Nachhaltigkeit einer IGA gehören?

Der Mut zur Innovation für neue Themen in der Stadtentwicklung! Innovation entsteht, wenn wir einen gewissen Ausnahme-Zustand erzeugen. Da gibt es als Beispiel die IBAs (Internationale 
Bauausstellungen). Sie gehen auf aktuelle Themen der Stadtentwicklung ein. So stellte man sich zum Beispiel in Hamburg vor einiger Zeit dem Thema Energie und Klimawandel in der Stadt. Anhand virulenter Fragestellungen wurden auf andere Städte übertragbare Lösungen und Konzepte für Freiräume oder Stadtgrün entwickelt. Diese Konzepte fehlen bei uns – etwa eine Internationale Grün-Ausstellung, die nicht auf einen großen Park setzt sondern auf aktuelle Themen in der bestehenden Stadt.

Würde sich eine solche Internationale Grün-Ausstellung über die ganze Stadt verteilen?

Sie dürfte nicht auf 100 Hektar als ein großer Park abgefeiert werden, sondern sie müsste in die Stadt nach Kreuzberg, Friedrichshain oder Lichtenberg in die gründerzeitlichen Stadtquartiere. Sie müsste kleinteilige Maßnahmen und Flächen und vielleicht eine Handvoll Referenz-Orte haben.

Was würde man denn bei einer solchen Internationalen Grün-Ausstellung finden?

Man könnte etwa zum Thema "Neubau" ein Haus finden, das entkoppelt ist von negativen Wirkungen auf das Stadtklima. Ein Grundstück wird bebaut, trägt aber nicht zur Erwärmung sondern zur Kühlung der Stadt bei. Fassaden sind begrünt und werden bewässert, sodass Wasser an den Fassaden verdunsten kann. Die Dächer werden produktiv: sie produzieren Nahrungsmittel und durch Verdunstung Kälte. Man würde die Gebäudewände zu einem Klettergerüst machen, um Bewegung in der Stadt zu ermöglichen. So würde man anfangen, die Idee der Mehrfachcodierung in die Stadt zu bringen. Solche Strategien unter Realbedingungen bekommt man nicht mit einer klassischen IGA hin, wo man eine Fläche hat und einen Park gestaltet, auch nicht, wenn man da noch ein paar hippe Urban Gardening Projekte mit hineinnimmt. Damit entkoppelt man das Urban Gardening auch von seiner realen Situation. In Kreuzberg etwa hat man mit Schattenwurf, Vandalismus, Altlasten und einer sehr heterogenen Gesellschaft zu tun.

Dieser Ansatz wäre also aus ihrer Sicht nachhaltiger als eine Gartenausstellung. Was halten Sie denn davon, was mit den Flächen des Kienbergparks passiert – der wird ja für die IGA verändert?

Da hat die IGA bestimmt etwas Gutes am Kienberg geleistet. Die Entwicklung sieht struktureiche Wald und Offenflächen vor und das ist positiv. Auch dass es Beweidungskonzept mit alten Arten in den Randbereichen gibt, ist ein gutes Zeichen dafür, dass man nicht nur gärtnerisch denkt, sondern auch Landschaftspflege im landwirtschaftlichen Sinn erfolgt. Es gibt ein paar Ideen wie Baum-Rigolen – also Bäume, die in einem Trog stehen, damit das Wasser zurückgehalten wird, damit es verdunsten kann und damit für Kühlung sorgt. Solche Ansätze sind experimenteller und zeigen, dass ein gewisser Innovationsgeist kultiviert wird.

Gibt es dafür noch mehr Beispiele? Der Senat behauptet ja, die IGA wäre ein "kraftvoller Impulsgeber".

Für Marzahn-Hellersdorf ist sie ja ein Impulsgeber. Nach dem Motto: Wir sind jetzt nicht mehr an der Peripherie, sondern wir stehen mit unseren Themen im Mittelpunkt der Stadtentwicklung. Da sollen zwei Millionen Besucher hinkommen. Da ist man dann das blühende Stadtquartier und nicht mehr das graue Mäuschen am Rand.

Blick in die Baustelle des geplanten Restaurants auf dem Kienberg, Teil der Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2017 in Berlin-Marzahn, aufgenommen am 08.04.16 (Quelle: rbb online / Schneider).
Nicht alle waren immer mit den Bauarbeiten zur IGA einverstanden | Bild:

Die Marzahn-Hellersdorfer, also die Anwohner, üben durchaus auch Kritik an der IGA. Sie fühlen sich ausgeschlossen, bezeichnen die IGA als kommerzielles Massenspektakel. In den Kienbergpark konnte man vorher umsonst, jetzt ist er umzäunt und nur gegen Eintrittsgebühr zu betreten. Die "Gärten der Welt" waren wegen des Umbaus lange geschlossen und es soll auch jetzt vor der IGA schon zu wenige Parkplätze geben. Ist da was dran?

Grundsätzlich ja. Für die direkten Anwohner wird es im Veranstaltungsjahr allein durch den Verkehr Belastungen ergeben. Auch dass das Gelände dann ein halbes Jahr lang nicht zugänglich ist, ist Folge des Events. Das hat natürlich Auswirkungen. Da ist es wie bei jedem Großprojekt: gerne eine Gartenschau, aber bitte nicht vor meiner Haustür. Das ist verständlich aus Anwohnerperspektive. Und auch die Naturschutzbedenken, dass eventuell bestimmte Arten gestört werden, da wird was dran sein. Aber das bringt so eine Veranstaltung mit sich. Im Gegenzug werden als Ausgleich Maßnahmen der ökologischen Aufwertung geschaffen. Solche Konflikte treten bei großen Veranstaltungen eigentlich immer auf. Auch das hätte man bei einer dezentralen Konzeption zum Beispiel nicht.

Eigentlich will man auch gern die Besucherstruktur modernisieren. Nicht nur ältere Garteninteressierte und Fachbesucher sollen angezogen werden, sondern auch jüngere. Wären die auch eher ein Fall für andere Konzepte?

Ich glaube, die IGA ist nach wie vor eine Konzeption für die Generation 50plus. Man versucht natürlich immer, jüngere Menschen anzusprechen. Aber ich vermute, wenn man die Besucherzahlen auswertet, wird man sehen, dass ein Großteil aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts kommt. Die Jüngeren laufen eher mit beim Sonntagsausflug und freuen sich, wenn sie der Schwiegermutter etwas Schönes bieten können.

Aber Sie gehen schon davon aus, viele Besucher kommen?

Die Prognosen gehen von zwei Millionen Besuchern aus. Das muss nicht unrealistisch sein, sage ich mal vorsichtig. In Koblenz beispielsweise sind die Besucherzahlen übertroffen worden, obwohl ich die Ausstellung auf den ersten Blick nicht so überzeugend fand. Während Hamburg ein eigentlich ganz spannendes Konzept hatte, allerdings in einer Gegend,  die auch etwas schwieriger war. Da sind die meisten lieber auf die Reeperbahn gegangen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Bettina Rehmann.

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