Ein unglückliches Kind (Quelle: imago/Westend61)
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Serie: Unerzogen | Grundschulpädagogik - "Es ist unsere Aufgabe, die Kinder glücklicher zu machen"

Erziehung ist kein Kinderspiel. Viele haben Angst, dass aus ihren Kindern kleine Tyrannen und unsoziale Einzelkämpfer werden. Was ist eigentlich das Problem? Marion Ziesmer, Erziehungswissenschaftlerin an der Berliner FU, sieht die Gesellschaft in der Pflicht.

Wie bereitet man Kinder darauf vor, aktiver und wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein? Dazu gibt es vielfältige Ansätze. Im Elternhaus sorgen unterschiedliche Erziehungstrends für Gesprächsstoff. Was aber, wenn Kinder spätestens in den Schulen auf das Regelwerk Schule treffen? rbb|24 hat mit unterschiedlichen Fachleuten über Erziehungsmethoden gesprochen und nachgefragt, wie wie gut besonders alternativ (un)erzogene mit den Regeln der Gesellschaft Kinder klar kommen.

Marion Ziesmer ist examinierte Lehrerin und unterrichtete in den 90er Jahren an der Hermann-Boddin-Grundschule in Neukölln. Seit 2007 lehrt sie im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin (FU).

rbb|24: Frau Ziesmer, oft hört man heute von Lehrern, Unterricht sei gar nicht möglich, weil sie die Klasse nicht ruhig bekommen?

Marion Ziesmer: Ich gehe nicht rein und bitte um Ruhe. Ich sage "Kommt mal nach vorne, spielt mal einen Baum", und schon gucken alle hin. Dazu muss man vielleicht selber ein bisschen der expressivere Typ sein - aber das können auch andere.

Sie haben in der Grundschule mit teilweise aggressiven Kindern gearbeitet – wie erreichen Sie die?

Ich versuche, mit den Kindern zu leben. Sie nicht zu verwalten, sondern mit ihnen kulturelle Erlebnisse zu haben. Wenn ich dann sehe, wie berührt sie sind, wie sie leuchtende Augen kriegen und die Finger in die Höhe schnellen, dann weiß ich, sie vergessen vorübergehend auch ihre Befindlichkeit. Dieses Leben hier (in Neukölln, Anm.der Red.) ist problematisch. Es ist unsere Aufgabe, diese Kinder ein bisschen glücklicher zu machen. Und das geht auch über Bildung. Wenn ich das erzieherische Handeln ins Performative öffne, ins Schauspiel, dann wird der Unterricht nicht als Schulstunde erlebt, sondern als gemeinsames Erlebnis.

Blinder Gehorsam, dass man zu dem Kind sagt "Zieh deine Hose an, weil ich es will!", kann uns nicht gefallen.

Marion Ziesmer

Die Debatte um Erziehung, auch wenn es um alternative Ideen wie beispielsweise die "Unerzogen"-Bewegung geht, wird mit viel Angst geführt. Angst vor "Tyrannenkindern", Angst vor Kindern, die nicht gesellschaftsfähig werden. Welcher Erziehungsstil macht "Tyrannen"?

Ich glaube nicht, dass man alles auf den Erziehungsstil zurückführen kann. Aber ich bitte Eltern, sehr genau hin zu gucken, was ihre Erziehung mit ihrem Kind macht und kleine Signale wahrzunehmen. Wenn ein Kind sich sehr mit sich selbst beschäftigt und man das Gefühl hat, es könnte ein bisschen solidarischer sein, ein bisschen rücksichtsvoller - sollte man ruhig darauf eingehen. Erziehung ist ja erst mal nicht schlecht - das heißt ja, einem Kind zu helfen, heranzuwachsen. Vermutlich reibt sich bei der Unerzogen-Bewegung manch einer schon am Begriff. Erziehung bedeutet, dieses Gute des Kindes, aus den Anlagen, die wir alle haben, freizulegen. Auch Disziplin generell ist ja nicht negativ. Wenn man zwischen Disziplin und Gehorsam unterscheidet. Aber ein blinder Gehorsam, dass man zu dem Kind sagt "Zieh deine Hose an, weil ich es will", kann uns nicht gefallen. Aber eine gewisse Anleitung zur Selbstdisziplin - also zu lernen, hier sind bestimmte Sachen üblich und ich schränke meine Freiheit nicht ein, wenn ich mich diesen Normen annähere - finde ich wichtig. Es muss ja nicht mit einem riesengroßen Streit und Autorität vermittelt werden, das geht auch mit Charme, Esprit und Liebenswürdigkeit.

In der Gesellschaft stehen sich oft zwei Lager gegenüber, die einen setzen auf Regeln, die anderen auf Freiheit oder Vertrauen. Die einen sagen so entstehen Tyrannen, die anderen sagen, so wird der Mensch nicht glücklich. Woher weiß man denn was richtig ist?

Sind denn die Kinder glücklich? (bei einer der Interviewerin bekannten "Unerzogen"-Familie, Anm.d Red.) Sie haben sie doch gesehen? Was machen sie denn für einen Eindruck? Ruhen die in sich? Das sehe ich ja auch hier bei meinen Schülern: wenn ein Kind so einen verkrampften und verbissenen Gesichtsausdruck bekommt, hektisch und aggressiv ist und nicht bei sich ist - und ihm auch diese schöpferische Stille fehlt. Dann ist irgendwas nicht so gelaufen, wie es wünschenswert wäre. Dann suche ich einen Weg hin zum Kind. Ich sehe dann auch, wie sich Gesichter entspannen, wie Augen leuchten und wie wieder Neugierde und Kraft in ein Kind kommt. Mit welcher Methode ich das erreiche, kann ich nicht eindeutig festlegen.

Also ist es das Ziel herauszufinden, auf welche Art und Weise ich zu einem in sich ruhenden, entspannten, selbstbewussten Kind komme?

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass blinder Gehorsam und unüberlegte Regeln, also wenn es ständig Streit mit dem Kind gibt und das die Grundstimmung ist, für das Kind nicht zuträglich sind. Die Herangehensweise sollte sein, achtsam nach dem Kind zu schauen und mit ihm umzugehen. Das eröffnet die größeren Chancen, dass es ein zufriedenes in sich ruhendes, kraftvolles und selbstbewusstes Individuum wird. Und Regeln müssen mit Inhalt gefüllt sein, müssen immer wieder überprüft werden auf ihren Sinn und auch in Bezug auf das jeweilige Kind. Leere Normen und Werte einzutrainieren ist natürlich schwierig.

Hätte das dann gewalttätige, über die Stränge schlagende Kinder und Jugendliche zur Folge? Individuen, vor denen die Gesellschaft Angst hat?

In der arabischen Welt beispielsweise ist ja viel entglitten. Dort herrschen natürlich solche starken Normen. Ich kann das kaum einschätzen, aber man weiß, IS-Krieger leben schon in so einem Drill. Und das wollen sicherlich die Unerzogenen ganz dringend und zu Recht vermeiden.

Also eigentlich müssen der Zwang und der Befehlston raus aus der Erziehung?

Ja. Der führt auch für Lehrer zum Krieg mit den Schulklassen. Denn alle Heranwachsenden müssen ja auch irgendwie ihre Kräfte ausprobieren. Schon Zweijährige wollen sehen, wie weit sie gehen können.

Welche Sätze müssen denn zwischen den Erwachsenen ein- oder ausziehen?

Ich weiß nicht, ob da Sätze und Worte weiterhelfen. Die Stimmung ist nämlich manchmal wichtiger. Wir vertrauen in unserer Gesellschaft immer sehr auf den  Kommunikationsbegriff. Dass eins zu eins verstanden wird, was ich sage. Wesentlicher als was ich sage, ist aber wie ich es sage. Es geht um einen Tonfall der Liebenswürdigkeit, des Werbens, des Gewinnenden. Das macht unheimlich viel.

Ein Kind spielt Klavier (Quelle: imago/ZUMA press)

Sie haben vorhin von Disziplin gesprochen. Was meinen Sie damit?

Ich meine keine äußere, keine militärische, keine dumpfe, keine sture Disziplin, wo man einfach so als Rädchen in einer Maschine etwas macht, weil es verlangt wird. Sondern eine von mir selbst ausgefüllte Selbstdisziplin, die ich brauche, um im Leben handlungsfähig zu sein. Wir sind eine Gemeinschaft. Nicht nur in einer Familie, sondern auch in einem Land. Wir müssen unser Handeln gestalten, damit ein Leben miteinander möglich ist. Und dazu muss ich in der Lage sein mich zu disziplinieren, mich zurückzunehmen, auf andere zu achten, nicht immer Recht haben wollen und ich muss andere Meinungen annehmen können. Ich würde den Begriff Disziplin um Selbstdisziplin erweitern, um ihn aus dieser negativen Konnotation rauszuholen. Um schwierige Aufgaben zu lösen und große Ziele zu erreichen, brauche ich Selbstdisziplin. Wer Beethoven spielen will, muss selbstdiszipliniert sein.

Da würden wahrscheinlich viele mitgehen. Es bleibt nur die Frage: wie erreiche ich das bei meinem Kind?

Sicherlich nicht durch schimpfen, strafen, meckern, keifen oder streiten. Sondern ich glaube: einzig und allein durch Vertrauen. Echtes Vertrauen können Sie nicht heucheln. Sondern Sie müssen sich wirklich innerlich trauen, aufrichtig zu sein. Auch gegenüber kleineren Kindern, damit sie spüren: die meint es gut mit mir. Es wird trotzdem Konflikte geben. Aber dass das Kind fühlt dann, was diese Person hier von mir verlangt, soll mir nicht schaden.

Was in unserer Gesellschaft fehlt, ist Sensibilität. Die Leute denken vor allem an sich.

Marion Ziesmer

Das wäre es vielleicht: ein Kinder-Stimmungsbarometer. Um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, woher man weiß, was der richtige Weg ist. Ein Barometer, mit dem man die Reaktion vom Kind wahrnimmt, nicht nur wenn ein Kind zu streng, sondern auch wenn es zu frei erzogen wird?

Was in unserer Gesellschaft fehlt, ist Sensibilität. Die Leute denken vor allem an sich. So ein Barometer wäre gut. Damit man genau hinschaut, wie sich das Kind fühlt. Wenn das aggressiv oder auch unglücklich ist, könnte ich etwas in meinem Umgang mit ihm korrigieren. In der Wissenschaft ist das die Dekonstruktion, also immer wieder auch das Scheitern und den Zweifel zu zulassen. Ich finde das hilfreich für uns alle: Ich muss nicht perfekt lieben, ich muss nicht mehr perfekte Mutter sein, ich muss nicht die perfekte Beziehung haben, ich muss nicht die perfekte Lehrerin sein. Aber je mehr ich mir das zugestehe, und weiß, ich arbeite daran, umso eher erreiche ich, dass ich vielleicht irgendwie gut bin. Als Mutter, als Lehrerin, als Mensch.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Susanne Bruha

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Auweia...das macht mir echt Angst. Haben die Hippis echt überlebt

  2. 1.

    Wenn ich mir das so anhöre, dann möchte ich am liebsten noch einmal Kind in Ihrer Obhut sein. Bewundernswert. Ich kann nur hoffen, daß Sie viele Multiplikatoren finden. Solche Pädagogen brauchen wir.

Serie: Unerzogen