Schulnoten stehen durchgestrichen an einer Tafel (Quelle: imago/Roland Mühlanger)
Bild: imago/Roland Mühlanger

Serie: Unerzogen | Freie Schule Pankow - "Noten? Gibt es bei uns nur im Notfall"

Die Freie Schule Pankow meint es ernst mit dem Freisein. Hier geht man davon aus, dass jeder Mensch - auch Kinder - selbst wissen, zu welchem Zeitpunkt sie bereit sind, sich welchen Lerninhalten zuzuwenden. Von Noten hält man hier nichts. Daher gibt es auch keine.

Wie bereitet man Kinder darauf vor, aktiver und wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein? Dazu gibt es vielfältige Ansätze. Im Elternhaus sorgen unterschiedliche Erziehungstrends für Gesprächsstoff. Was aber, wenn Kinder spätestens in den Schulen auf das Regelwerk Schule treffen? rbb|24 hat mit Schulleitungen dreier sehr unterschiedlicher Schulen über ihre Erziehungsmethoden gesprochen und nachgefragt, wie wichtig ehemals preußische Tugenden heute noch sind – und wie gut besonders alternativ (un)erzogene Kinder klar kommen.

Die Freie Schule Pankow (FSP), die derzeit im Übergangsquartier in Berlin-Wilmersdorf sitzt, gilt als  Schule, in der Lernen selbstbestimmt und in jahrgangsübergreifenden Gruppen stattfindet. Sie geht von der 1. bis zur 10. Klasse. Am Ende der 10. Klasse können die Schüler den mittleren Bildungsabschluss erwerben. Wollen sie ihr Abitur machen, müssen sie eine andere Schule mit gymnasialer Oberstufe besuchen.

Lehrerin Katharina Hinterwimmer, die zwei Schüler der Sekundarstufe, Clara und Amon, mit zum Gespräch bat, hat uns Rede  und Antwort gestanden. Vor dem Interview bitten alle drei darum, geduzt zu werden - das sei an Ihrer Schule üblich.

Regeln sind dazu da, damit alle sich wohl fühlen.

Clara (Schülerin FSP)

rbb|24: Bitte vervollständigt den Satz "Regeln sind da, um …"

Amon: … eine Art Disziplin zu erzeugen.

Clara: Das würde ich nicht so ganz unterschreiben. Ich finde, Regeln sind eher dazu da, um gut miteinander auszukommen. Damit alle sich einigermaßen wohl fühlen.

Gibt es an Eurer Schule Noten? Und wenn Nein, warum?

Clara: Nicht wirklich. Es gibt erst Noten bei uns, wenn es vom Staat so gewollt ist. Also wenn man auf eine andere Schule wechselt oder im Notfall. Dann werden natürlich Noten ausgestellt, denn so läuft ja unser Staatssystem. Aber sonst lehnen wir Noten eigentlich ab. Mir würden Noten jetzt nicht unbedingt beim Lernen helfen und mich motivieren. Es entstände eher ein Druckgefühl unter dem ich nicht so gut lernen könnte. Ich mag lieber das entspannte Zusammensein und ich will auch einfach mal einen schlechten Tag haben können.

Amon: Die Bewertung einer Note ist ja total emotionslos. Wenn einem die Lehrer etwas aufschreiben, kann man auch eventuelle Verbesserungen sehen. Aber bei einer Note steht einfach nur eine Zahl. Das finde ich unemotional und nicht menschlich.

Katharina (Lehrerin): Wir geben offiziell ab dem ersten Halbjahr der neunten Klasse Noten. Die kommen dann in die Schülerakten. Unsere Erfahrung ist, dass die Schüler sie gar nicht unbedingt sehen wollen.

Mit welchen erzieherischen Instrumenten wird an Eurer Schule gearbeitet?

Clara: Ich glaube, vieles kommt intuitiv von den Lehrern. Sie gehen unglaublich auf das Individuum ein. Das ist es auch, was diese Schule so besonders macht. Dass man hier als Mensch angesehen wird.

Amon: Und es ist cool, dass einem mit Problemen sofort geholfen wird.

Katharina (Lehrerin): Als besondere Form des Instruments haben wir hier wöchentlich eine Schulversammlung. Da werden Schulthemen gemeinsam entschieden. Da gibt es dann auch die Möglichkeit - beispielsweise wenn jemand einen anderen oft ärgert - gemeinsam als Schulgemeinschaft zu überlegen, was man macht. Viele Dinge werden tatsächlich hier besprochen. Es gibt aber auch pädagogische Fragen, die wir als Lehrer/Erzieher-Team selber entscheiden. Wie zum Beispiel die Handy-Frage, die viel diskutiert wurde. Aber wir versuchen, dass vieles von dem, wie wir miteinander umgehen, von der Gemeinschaft mitgetragen wird.

Schule basiert sehr stark auf Beziehung.

Katharina Hinterwimmer (Lehrerin FSP)

Was passiert zum Beispiel mit einem Schüler, der wiederholt zu spät kommt. Gibt es Strafen?

Clara: Strafen nicht unbedingt. Es wird eher geschaut, wie man es ändern kann, dass das Kind zu spät kommt. Braucht es irgendwelche Unterstützung, damit es das schafft, morgens pünktlich zu kommen? Wir versuchen, Lösungen zu finden. Wenn es funktioniert für das Kind, mit einem Verbot zu agieren, dann ist das möglich. Es wird immer individuell geschaut.

Katharina (Lehrerin): Das war bei uns schon Thema. Ich habe dann gesagt, dass ich es doof finde, wenn ich morgens da sitze und die anderen nicht da sind. Das war interessanterweise dann ein Punkt, wo ziemlich viele wieder pünktlich gekommen sind. Schule basiert sehr stark auf Beziehung.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Eltern?

Katharina (Lehrerin): Wir sind in Kontakt mit den Eltern. Wenn uns wirklich etwas auffällt, schreiben wir ihnen oder rufen an. Wir versuchen tatsächlich ganz schnell auf sie zuzugehen, wenn wir das Gefühl haben, bei einem Kind oder Jugendlichen ist etwas im Argen. Damit machen wir meistens sehr gute Erfahrungen.

Merkt man Kindern an, wenn im Elternhaus eine alternative Erziehungsmethode angewandt wird?

Clara: Erziehung prägt den Charakter. Und an unserer Schule sind andere Menschen als an anderen Schulen. Ich glaube, wir denken hier schon ein bisschen anders. Das habe ich gemerkt, wenn ich mich mit anderen Schülern unterhalte. Aber natürlich gibt’s hier auch Schüler, die eher klassisch erzogen werden. Aber die meisten sind schon alternativer. Das stört aber ganz und gar nicht, es ist eher eine Bereicherung.

Amon: Es gibt überall Unterschiede in der Erziehung. Und da wir hier nicht so viele sind und eine große Nähe zueinander haben, kann man sie gut verstehen und sich in sie hineinversetzen.

Wie setzt sich die Schülerschaft Eurer Schule zusammen?

Katharina (Lehrerin): 30 Prozent unserer Schüler sind einkommensschwach. Das Thema Gemischtsein ist uns schon ein Anliegen. Dass wir hier nicht einfach nur gehobene Bildungsbürgerkinder haben, sondern versuchen, auch für andere attraktiv zu sein. Aber wahr ist auch, dass es für Familien, die nicht mit der Sicherheit groß geworden sind, dass ihre Kinder ihren Platz in irgendeiner Weise finden, bestimmt ein weiterer Weg zu uns ist.

Wie werden die Schüler motiviert?

Clara: Wenn man das alternative Schulsystem von Anfang an kennt und einem Lernen nicht als Zwang präsentiert wird, sondern als eine coole Methode, sich weiterzuentwickeln, kommt die Motivation von ganz alleine. Meiner Meinung nach hat jedes Kind einen Drang zum Lernen. Und gerade an einer Schule wie unserer kommt dann auch ein gewisses Bewusstsein dafür, was man noch schaffen will. Wenn ich weiß, ich brauche etwas für meinen Abschluss, dann lerne ich es, obwohl ich vielleicht keine Lust darauf habe. Es geht um das Bewusstsein, dass man auf manche Sachen Lust hat und manche aus Pflichtgefühl macht, weil man weiß, dass sie später wichtig sind.

Amon: Es ist schon motivierend, dass man viel mit in den Unterricht einbezogen wird als Schüler. Bei den Jüngeren besprechen sich die Kinder oft mit den Lehrern, worüber sie arbeiten wollen. Nicht alle lernen immer das gleiche, sondern oft das, was sie gerade brauchen. Weil man so mit den Lehrern zusammenarbeitet, macht es einfach viel mehr Spaß. So habe ich das empfunden, als ich nach fünf Jahre staatlicher Schule hierher gewechselt bin.

Was haltet Ihr vom aus der Reformpädagogik kommenden omnipräsenten Schlagwort "individuelles Lerntempo?"

Clara: Das ist einer der wichtigsten Aspekte bei uns. Dass jeder Schüler in seinem eigenen Tempo lernen kann und niemand gehetzt wird. Es wird geschaut, wo das Kind gerade steht und wo es hin will. Und das kann jeder in seinem Tempo machen. Deshalb gibt es einen großen Anteil von "Freiarbeit" an unserer Schule. Damit das Kind selbst entscheidet, was und wann es lernt.

Amon: Wenn man nicht so gut mitkommt oder etwas nicht ganz mitbekommen hat, kann man auch einfach bei den Jüngeren mitmachen und es dadurch nochmal richtig lernen.

Hier bei uns gibt es einen Rahmen. Und da drin ist relativ viel Freiheit.

Amon (Schüler der FSP)

Wie wichtig sind ehemals preußische Tugenden bzw. Werte wie Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin an Eurer Schule?

Katharina (Lehrerin): Jetzt staunen wir und schauen ratlos.

Clara: Meiner Meinung nach sind sie nicht ganz so wichtig. Jedes Kind hat ja seinen eigenen Weg, um ans Ziel zu kommen. Also um zu lernen. Und wenn der mit Disziplin und Ordnung ist, kann es das meiner Meinung nach gerne tun. Wenn es Struktur braucht, ist das total ok.

Amon: Hier bei uns gibt es einen Rahmen. Und da drin ist relativ viel Freiheit. Es läuft aber nicht alles aus dem Ruder.

Gibt es etwas, was man Eltern von Schulkindern heutzutage pauschal vorwerfen kann?

Katharina (Lehrerin): Ehrlich gesagt, kann man das nicht pauschal sagen. Wir im Team sind fast alle selber Eltern und wissen, wie kompliziert Eltern-sein ist. Ich glaube allerdings, dass Eltern heute im großen Stil verunsicherter sind als früher. Sie stellen sich die Frage, wie das ganze Eltern-Kind-Verhältnis aussehen soll und wovon es geprägt sein soll. Das Wissen – und damit das, was als gesellschaftlicher Kanon gilt – wandelt sich ja auch unheimlich schnell. Ich glaube, Eltern sollten mehr abgeholt werden statt sie zu beschuldigen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, darüber nachzudenken, wie man mit Kindern sein soll – auch an der Schule. Und was Kinder lernen sollen.

Was ist das schönste Kompliment, das ein Schüler Eurer Schule machen kann?

Katharina (Lehrerin): Da fällt mir spontan eines ein: Clara geht von der Schule. Und sie sagt fünfmal am Tag, dass sie nicht will.

Clara: Ja. Ich will nicht gehen!

Und ich habe noch eine allerletzte Frage: Warum haben wir das Interview – für das ich die Schulleitung angefragt habe – jetzt zu dritt geführt?

Amon: Weil die Schüler an dieser Schule immer mit einbezogen werden. Wir werden hier gehört. Und dazu passt auch, dass wir jetzt dabei sind.

Habe ich richtig verstanden, dass es gar keine Schulleitung gibt?

Katharina (Lehrerin): Stimmt. Wir haben eine formelle Schulleitung, aber eigentlich sind wir ein nicht-hierarchisches Team und entscheiden alles gemeinsam. Das ist manchmal sehr anstrengend. Lacht. Aber dadurch haben wir ein Team, das relativ stabil ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Hier einige nützliche Adressen, um Schzlen zu finden:
    http://www.eudec.org/Member+Schools
    http://www.freie-alternativschulen.de/index.php/startseite/adressen/schulen

  2. 1.

    Ich habe es bis zur Lehramtsanwärterin geschafft.Allerdings möchte ich an einer Schule arbeiten,wo ich intuitiv handeln kann,Schüler mitbestimmen und selbst entscheiden wann...wie und was Sie lernen ohne Hierarchie...eher Selbstbestimmung!

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