Archivbild: begeisteter Lehrer mit Schülern (Quelle Symbolbild: imago/Westend61)
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Serie: Unerzogen | Kurt-Schwitters-Schule - "Wir Lehrer zeigen den Schülern, dass wir unseren Job lieben"

An die Kurt-Schwitters-Sekundarschule in Prenzlauer Berg wollen jährlich mehr Kinder, als es Plätze gibt. Die Schule arbeitet Montessori-orientiert, setzt aber trotzdem auf klare Regeln und Respekt. Das schaffe, so die Schulleiterin Katrin Kundel, auch großen Spaß.

Wie bereitet man Kinder darauf vor, aktiver und wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein? Dazu gibt es vielfältige Ansätze. Im Elternhaus sorgen unterschiedliche Erziehungstrends für Gesprächsstoff. Was aber, wenn Kinder spätestens in den Schulen auf das Regelwerk Schule treffen? rbb|24 hat mit Schulleitungen dreier sehr unterschiedlicher Schulen über ihre Erziehungsmethoden gesprochen und nachgefragt, wie wichtig ehemals preußische Tugenden heute noch sind – und wie gut besonders alternativ erzogene Kinder klar kommen.

Die Montessori-orientierte Kurt-Schwitters-Schule in Prenzlauer Berg ist eine integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe. Als Europaschule bietet sie einen deutsch-portugiesischen Zweig an. Sie ist besonderes beliebt und erhält jährlich mehr Anmeldungen als Plätze zur Verfügung stehen, sagt Schulleiterin Katrin Kundel.

rbb|24: Frau Kundel, bitte vervollständigen Sei den Satz "Regeln sind da, um …"

Katrin Kundel: … gebrochen zu werden.

Gibt es an ihrer Schule Noten? Und wenn ja, warum?

Wir sind eine sehr sehr große Schule mit insgesamt 940 Schülern und über 100 Lehrkräften. Alle anderen Modelle mit Lernentwicklungsberichten sind in einer Sekundarschule 7-13 kaum leistbar bei der Größe der Schule. Letztlich müssen ja auch in der 9. und 10. Klasse und beim Abitur Rahmenbedingungen und Prüfungsformate eingehalten werden, die alle auf Noten basieren. Da ist es realistischer und praktikabler mit Noten zu arbeiten.

Mit welchen erzieherischen Instrumenten arbeiten Sie?

Es gilt wie in allen Berliner Schulen das Schulgesetz und auch in diesem Rahmen die gelten die Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Wir bemühen uns aber, viele andere Instrumente auszuprobieren. Vor allem Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation - mit allen Beteiligten. Auch in Konflikt- und Krisenfällen, wo dann quasi Regeln gebrochen werden. Wir versuchen so, eine gemeinsame Basis herzustellen. Aber es gibt natürlich auch bei uns in der Schule mal einen Verweis oder eine Verwarnung.

Es gibt in diesem Sinne keine Strafen. In extremen Fällen werden die Eltern informiert.

Katrin Kundel

Was passiert zum Beispiel mit einem Schüler, der wiederholt zu spät kommt. Arbeiten Sie an Ihrer Schule mit Strafen?

Es gibt in diesem Sinne keine Strafen. In extremen Fällen werden aber die Eltern schriftlich informiert. Es gibt dann durchaus auch die Androhung der Schulverweigerung – das zöge eine Schulversäumnisanzeige nach sich. Aber wir versuchen auch, das Problem kommunikativ zu lösen. Beziehungsweise – Schule ist ja keine freiwillige Institution -  gibt es auch die Möglichkeit, wenn jemand wiederholt zu spät kommt und es gar nicht verstehen will, das über die Leistungsbewertung zu spiegeln. Ich halte das natürlich nicht für den ersten Schritt, sondern für den allerletzten.

Sie erwähnten gerade die Zusammenarbeit mit den Eltern – wie wichtig ist die?

Sie ist uns sehr wichtig. Wir freuen uns auch darüber, dass sich in den letzten Jahren unserer Wahrnehmung nach, Eltern sehr stark und kooperativ engagieren. Im Rahmen unserer Montessori-Orientierung gibt es bei uns das Instrument des "Logbuchs". Das ist eine Art einheitliches Hausaufgabenbuch. In diesem Logbuch bewerten sich die Schüler täglich selbst. Am Wochenende werden sie von den Lehrkräften bewertet und wir erwarten von den Eltern, dass sie das unterschreiben. Da gibt es dann auch die Möglichkeit der Rückkommunikation. Da die Schüler darin auch notieren, was im Unterricht behandelt wurde, gibt es auch eine Gesprächsgrundlage für die Eltern, um mit ihren Kindern sprechen zu können. Denn pubertierende Kinder antworten auf die Frage der Eltern, wie es in der Schule war ganz oft einfach "ok". Das kann man als Mutter oder Vater dann schlecht kontrollieren. Das funktioniert mit dem Logbuch ganz gut. Hundert Prozent funktioniert aber nie irgendwas.

Anschlag in der Kurt-Schwitters-Schule (Quelle: Kurt-Schwitters-Schule)
Am Schwarzen Brett steht das Selbstverständnis der SchuleBild: Kurt-Schwitters-Schule

Merken Sie Kindern an, wenn im Elternhaus eine alternative Erziehungsmethode (z.B. "unerzogen" – das Kind soll hier möglichst wenig durch Erziehung überformt werden) angewandt wird?

Das kann man ja nicht trennen. Die Kinder legen ihr Leben ja nicht ab, wenn sie durch das Schultor laufen. Doch unser Anspruch ist nicht, ganze Familien umzuerziehen, sondern wir wollen im Rahmen der Schule – wo sich die Kinder und Jugendlichen sehr lange am Tag aufhalten – Vereinbarungen haben, wie wir miteinander umgehen. Die wollen wir hier in der Schule einhalten. Die Kinder sind an unserer Schule ja auch nicht mehr so klein – da kann man mit ihnen schon aushandeln, wie wir uns hier verhalten. Wenn die Familien das zuhause anders machen, werden wir ihnen da nicht reinregieren.

Wie setzt sich die Schülerschaft an Ihrer Schule zusammen? Wie groß ist der Anteil so genannter Problemschüler in etwa?

Das ist ganz schwer korrekt zusammenzufassen. Wir haben sehr viele Kinder und Jugendliche, die nicht mit Vater und Mutter zuhause leben, sondern pendeln. Das macht uns manche Mühe. Da ist dann der Turnbeutel bei Papa und das Mathebuch bei Mama – immer in der falschen Woche. Das hat extrem zugenommen und nicht alle Kinder kommen damit gut klar. Wir haben auch Schüler aus einkommensschwachen Familien, wo deutlich wird, dass die finanziellen Verhältnisse nicht so günstig sind. Das beobachten wir, vor allem um die Kinder auch unterstützen zu können. Damit Ungleichheiten nicht zum dominierenden und entscheidenden Zusammenlebensprinzip werden. Wir haben auch viele Kinder, die mit einem Förderstatus wegen  emotionaler und sozialer Störungen kommen. Außerdem gibt es auch Schüler, und das nimmt auch zu, die psychische Erkrankungen haben.

Wie werden Schüler an Ihrer Schule motiviert?

Wir haben eine wirklich tolle Lehrerschaft. Wir bemühen uns, deutlich zu machen, dass wir unseren Job und unsere Fächer lieben. Schule ist ja eine ganz wichtige Beziehungsgeschichte. Je besser die Beziehungsarbeit funktioniert, je besser läuft der Rest. Wir bemühen uns auch um eine hohe Schülerpartizipation. Immer dann, wenn die Schüler selber etwas machen können, machen sie das ja gerne. Derzeit befinden wir uns in einer Projektwoche, die die Schülervertretung so organisiert hat, dass Schüler die Projekte für Schüler machen. Da sind die Schüler Projektleiter und die Lehrer Servicekräfte. Zu 60 Prozent funktioniert das super. Aber manche Lehrer wissen nicht so richtig, was sie machen sollen, wenn sie plötzlich keine Rolle mehr haben. Dann findet ein großes Straßenfest statt, wo die Ergebnisse präsentiert werden. Aber das ist die Krönung. Das machen wir auch zum ersten Mal in der Form. Das haben die Schüler durchgekämpft.

Eingang der Kurt Schwitters Schule in Prenzlauer Berg (Quelle: Kurt-Schwitters-Schule)Der Eingang der Kurt-Schwitters-Schule in Berlin Prenzlauer Berg

Was halten Sie vom aus der Reformpädagogik kommenden omnipräsenten Schlagwort "individuelles Lerntempo?"

Wenn ich jetzt sagen würde, das wird gelebt, kriege ich morgen 30 Anrufe. Das ist ein Anspruch, ein Ideal dem wir uns bemühen uns vorsichtig anzunähern. Aber man darf nie vergessen, dass wir 26 Schüler in der Klasse sitzen haben. Wir haben extrem beengte Räumlichkeiten. Wir sind eine völlig überbelegte Schule. Da gibt’s also schon ein paar äußere Schwierigkeiten. Generell ist auch davon auszugehen, dass nicht alle dasselbe erreichen können. Jeder hat seine Stärken und Schwächen und kann demzufolge das eine oder andere eben nicht so gut oder schnell wie der Nachbar. Und wenn ich es ganz real einschätze, dann gelingt uns [das individuelle Lerntempo |  Anm. d. Redaktion] das ganz oft eher bei den schwächeren Schülern. Aber bei den stärkeren und schnelleren Schülern ist das noch ein ganz weites Feld.

Nur wenn man respektvoll miteinander umgeht, kann das hier Spaß machen.

Katrin Kundel

Wie wichtig sind ehemals preußische Tugenden bzw. Werte wie Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin an Ihrer Schule?

Sehr wichtig. Wenn sie freiwillig gelebt werden, noch wichtiger. Ich kann mich da aber auch nicht wirklich beklagen. Wir haben teilweise die Schulklingel abgeschafft, obwohl die Schüler trotzdem pünktlich kommen sollen. Das ermöglicht aber aus meiner Sicht, anders mit dem verspäteten Erscheinen umzugehen. Da teilen jetzt vielleicht nicht alle Lehrer und Eltern meine Position. Anhand solcher Anlässe kann man diese Werte auch thematisieren. Ich halte auch Höflichkeit für sehr wichtig. Das hat ja mit Respekt zu tun. Und nur wenn man respektvoll miteinander umgeht, kann das hier Spaß machen.

Gibt es aus ihrer Sicht etwas, was man Eltern von Schulkindern heutzutage pauschal vorwerfen kann?

Pauschal vorwerfen würde ich bei der Altersgruppe, mit der wir es hier zu tun haben, dass ich oft das Gefühl habe, dass Eltern, wenn ihre Kinder in die Oberschule kommen, davon ausgehen, dass die jetzt groß sind. Sie scheinen die Hoffnung zu haben, dass dann vieles alleine läuft. Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele Eltern nicht ernst genug nehmen, dass es da doch noch Bedarf gibt.

Was ist das schönste Kompliment, das ein Schüler Ihrer Schule machen kann?

Das habe ich neulich gehört. Ein Schüler hat gefragt, wo eine bestimmte Arbeitsgemeinschaft einer bestimmten Kollegin sei, weil er sie nicht fand. Er sagte, er wolle da unbedingt hin, denn er käme nur deswegen zur Schule. Wenn auch nur ein einziges Angebot ein Kind zu einer solchen Äußerung bringt, dann ist das super.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß

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