Collage - links: Bahnhof Ostkreuz 2008 (Bild: imago/Hohlfeld), rechts: Bahnhof Ostkreuz 2017 (Bild: imago/Peter Meissner)
links: imago/Hohlfeld, rechts: imago/Meissner
Video: rbb|24 | 26.07.2018 | Antonia Schanze, Neele Westphal | Bild: links: imago/Hohlfeld, rechts: imago/Meissner

Ein Kiez im Wandel - Endstation Ostkreuz

Trotz der größten Bahnhofs-Baustelle Berlins haben in den letzten Jahren Rollkoffer ziehende Touristen, hippe Imbissbudenbetreiber und Craft-Beer-Brauereien das Ostkreuz für sich entdeckt. Anwohner sind skeptisch und ärgern sich vor allem über die Straßenbahn. Von John Hennig

Das Ostkreuz - eine unendliche Baustelle.

Seit zwölf Jahren entsteht hier, während des laufenden Betriebs, der größte Umsteigebahnhof Europas. Täglich halten schon jetzt etwa 1.500 Züge und mehr als 100.000 Menschen (also quasi ganz Cottbus) steigen hier ein, aus oder um. Zwei riesige Hostels haben sich bereits angesiedelt, um all die Menschen aufzunehmen und 2020 soll die Straßenbahnlinie 21 direkt durch die Sonntagsstraße und den Bahnhof ruckeln.

Bei Google Street View deutet auf den Aufnahmen von 2008 noch nicht viel auf diese Berliner Dauerbaustelle hin. Unscheinbar versteckt zwischen ein paar Bäumen und neben einem Hähnchen-Imbiss sowie der alten S-Bahn-Überführung steht eine einsame Tafel, die auf den Umbau am Ostkreuz hinweist. Fertig: 2016.

Am Fenster der Eckbar gegenüber wird für die Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2008 geworben, um die Ecke hat der Döner Kebap seinen Laden mit einer kleinen Fähnchen-Kette geschmückt. Die Bäckerei 2000 wirbt für Schrippen zum Preis von 10 Cent.

Blick auf den BHF Ostkreuz (Quelle: rbb|24/Antonia Schanze)
| Bild: rbb|24/Antonia Schanze

Sonntagstraße: Rollkoffer den ganzen Tag

Doch in den letzten zehn Jahren hat sich der Kiez massiv gewandelt. Die Eckbar hat jetzt einen anderen Namen, ist mit einer Holzvertäfelung verkleidet und hat die Ladenfläche des Döner Kebaps ums Eck gleich mit gemietet - für einen fünfstelligen Betrag im Monat. Direkt daneben gibt es einen Chicken-Imbiss und zwei hochwertige asiatische Lokale. Gegenüber ist das Blickfeld frei gelegt auf die Dauerbaustelle des Bahnhofs, im Hintergrund thront der verglaste Überbau der bereits ausgebauten Ringbahnstation.

Nur etwas die Sonntagstraße hinunter sind die letzten Überbleibsel von vor zehn Jahren zu entdecken: Vor einem Späti sitzen Willi, Manfred und Semir - wie nahezu jeden Tag. Etwas skeptisch beantworten sie anfangs Fragen zu ihrem Kiez; genervt schauen sie den vorbeischrammenden Rollkoffern hinterher. "Das geht hier so den ganzen Tag", erzählt Manfred, an seinem Kaffeebecher nippend. Vor allem der Trubel am Abend sei kaum auszuhalten. Die Fenster könne er kaum mal aufmachen.

Semir ergänzt, dass es zumindest zum Innenhof erträglich sei. Alle drei sind Nachbarn, wohnen direkt nebenan und kennen die lange Geschichte der Sonntagstraße. Vor allem Willi hat einen Großteil davon selbst erlebt, wie die Straße Anfang der neunziger Jahre heruntergekommen und die Immobilien nahezu nichts wert waren. Eine riesige Brache in bester Lage. Ein Wohnbauprojekt habe dann saniert, noch zu bezahlbaren Preisen, so dass sich wieder Menschen ansiedelten. Ein paar Ecken die Simplonstraße weiter, an den Bahngleisen entlang, habe ein griechischer Investor dann hochpreisig gebaut. Und so fing der Wandel an.

Zunehmend "ungemütliches Klientel" am Platz

"Ich erinnere mich gerne an einen Abend, da stand plötzlich ein alter Mann bei uns vor der Tür", erzählt Semir, "ich dachte erst, er wäre etwas verwirrt. Aber dann erzählte er, dass er früher hier gewohnt hat." Von dem alten Mann erfuhr Semir, dass in dem Haus einmal eine Wasch- und Badeanstalt gewesen sei. "Als wir dann im Innenhof standen, war das schon sehr emotional." Auch deshalb genieße er es sehr, hier am Späti in der Sonne zu sitzen und die Leute und ihre Straße zu beobachten. Oft kommt er ins Gespräch. Viele grüßen ihn.

Doch zu den Menschen aus dem Kiez gesellen sich zunehmend zwei weitere Gruppen: Party-Publikum, aber auch "ein ungemütliches Klientel", wie Semir es nennt. Alkohol und Drogen dominieren den kleinen begrünten Annemirl-Bauer-Platz, der noch vor zwanzig Jahren eine riesige Brachlandschaft war. "Manchmal trauen sich die Eltern mit ihren Kindern nicht mehr auf den Platz", sagt Semir. Manfred und Willi nicken schweigend.

Heidrun "Heidi" Petszulat (Quelle: rbb|24/Antonia Schanze)
Bereits seit 14 Jahren hat Heidrun "Heidi" Petszulat ihr Steinlädchen im Kiez. | Bild: rbb|24/Antonia Schanze

"Und jetzt ist da nur noch Beton"

An der Ecke zur Lenbachstraße ist das "Tonart". Stolz holt ihr Besitzer ein vergilbtes Foto aus den 1920er Jahren hervor, das an dieser Stelle bereits ein paar Menschen vor einer Kneipe zeigt - die die älteste des Viertels ist. Kurz nachdem er in den 90er Jahren den Laden übernommen hat, seien rund ums Eck zahlreiche neue Kneipen eröffnet worden. In leer stehenden Häusern und sogar in einer ehemaligen Bibliothek.

An der Boxhagener Straße hat Heidrun "Heidi" Petszulat seit 14 Jahren ihr kleines Steinlädchen. Sie sieht die Veränderung als Geschäftsfrau durchaus positiv und mag vor allem über die Touristen kein schlechtes Wort verlieren: "Die sind wirklich sehr sehr nett, in angenehmer, entspannter Urlaubsstimmung und kaufen ja gerne Mitbringsel." Also auch ihre Mineralien und Schmucksteine.

Auch ein paar andere kleine Geschäfte hätten sich gehalten, aber eins fällt ihr dann doch negativ auf: "Wenn ich jetzt hier raus gehe und das große Hostel sehe, kann ich mich daran erinnern, dass früher eine Riesen-Kastanie dort stand mit einer ganz wundervollen Grün-Rabatte. Die Aussicht hatte ich sowohl vom Laden als auch aus meiner Wohnung. Und jetzt ist da nur noch Beton."

In der Tat sieht man bei Street View noch eine grüne freie Fläche, wo heute eines der beiden riesigen Hostels schmucklos hineingesetzt wurde. Allerdings kündigen schon Fahnen das Hostel an. "Als die Kastanie gefällt wurde, war das dramatisch", erinnert sich Heidi.  

Lenbachstrasse in Friedrichshain (Quelle:rbb|24/Antonia Schanze)
| Bild: rbb|24/Antonia Schanze

"Wer vor fünf Jahren hier war, wird es nicht mehr wiedererkennen"

Laut und lebendig beschreiben fast alle Anwohner den Kiez. "Das war in Friedrichshain ja schon immer so", sagt Heidi. Einer derjenigen, der die Gegend erst im Wandel kennengelernt und direkt auf den Aufbruch gesetzt hat, ist Timo Thoennißen. Der junge Finanzberater hat vor drei Jahren gekündigt, sich selbstständig gemacht und lieber Craft Beer gebraut. Ende 2015 setzte er den allerersten Sud auf der Anlage auf.

"Das war hier vorher ein Lagerraum einer Baufirma. Alles, was wir hier drin gemacht haben, ist komplett neu, Boden, Decken, Wände, Fenster", erzählt Thoennißen. Und allein in der sechsmonatigen Renovierungs-Phase habe sich die Straße rasant verändert. "Es gibt ein neues, wirklich gutes Cafe, seit wir hier sind, haben wir ein sehr gutes japanisches Street-Food-Restaurant, einen sehr hochwertigen Vietnamesen, alles Orte, die die Straße aufwerten." Und darauf habe er durchaus spekuliert und dafür auf eine vor drei Jahren vermeintlich bessere und teurere Lage verzichtet: "Die andere Seite der Sonntagstraße war immer die belebte Partystraße, ist es auch immer noch - und hier war gar nichts. Das war eine ruhige Straße mit einer Fahrschule, Friseur und eher praktischen Dinge", erzählt Thoennißen. "Jetzt haben wir hier eine richtige Gastronomie-Gasse geschaffen."

Timo T. vom Strassenbräu am Ostkreuz (Quelle: rbb|24/Antonia Schanze)
Timo Thoennißen eröffnete vor drei Jahren das Straßenbräu. | Bild: rbb|24/Antonia Schanze

"Wer vor fünf Jahren mal hier war, wird das nicht mehr wiedererkennen. Das ist komplett anders", ist sich der Craft-Beer-Brauer sicher. Und er weiß ganz genau, woran das liegt. Er zeigt auf den Bahnhof die Straße hinunter: "Ich habe gehört, das wird der größte Bahnhof Deutschlands, was Ein-, Aus- und Umstiege angeht. Hier kommen schon jetzt unfassbar viele Menschen vorbei, dabei ist der Regionalverkehr noch nicht mal vollständig angeschlossen."

Auf der anderen Seite, in Lichtenberg, liegt die größte Jugendherberge Europas, diejenigen, die dort hin wollen, müssen alle die Neue Bahnhofstraße entlang laufen. Dabei schauen "die Touristen gar nicht so sehr nach links und rechts, sondern eher auf Online-Bewertungen, wo gute Läden sind", so Thoennißen. Aber auch die Mitarbeiter der sich ansiedelnden Betriebe - etwa Zalando, das hier zahlreiche Büros angemietet hat - müssen am Straßenbräu vorbei.

 

Ostkreuz (Quelle: rbb|24/Antonia Schanze)
| Bild: rbb|24/Antonia Schanze

Und nun kommt die Tram

Zurück am Ostkreuz hat sich das Bild vervollständigt, wie sich die Gegend gewandelt hat, obwohl es immer noch reichlich abgelebtes Berliner Lebensgefühl gibt. Die Gentrifizierung haben die Anwohner mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen.

Aber eine Angst eint sie: Schon Ende 2020 soll die bislang die Boxhagener Straße entlang fahrende Tram einen Umweg über die Sonntagstraße und durch den Bahnhof Ostkreuz nehmen. Bislang ist die nächste Haltestelle 400 Meter entfernt. Wenn die Pläne dafür umgesetzt werden, würde die Gegend mindestens zwei weitere Jahre eine Großbaustelle bleiben - und der Kiez im Vergleich mit den Street-View-Aufnahmen endgültig nicht mehr wiederzuerkennen sein.

 

Beitrag von John Hennig

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Man sollte dabei gleich die beiden anliegenden Plätze auch platt machen - wer braucht hier schon Grünflächen? - und einen zweiten ZOB einrichten. Dann können auch gleich noch ein paar Fernbusse durch die Sonntagstr. brettern. Ein Hoch auf unsere Stadtplaner und Regierenden.

  2. 12.

    Ja ja früher war alles besser, immer die gleiche Leier, aber sie haben Recht früher so ohne Telefon, Fernsehen, Internet, Flugzeugen, Rechtsstaat, Demokratie, Meinungsfreiheit war alles vieeeel besser...

  3. 11.

    Ja, also wenn jetzt auch noch die Straßenbahn verlegt wird, dann ist alles vorbei!

    Man stelle sich vor: Bisher fährt die 21 gemütlich alle zwanzig Minuten mitten auf der Fahrbahn von Boxhagener und Marktstraße ein paar hundert Meter am Bahnhof Ostkreuz vorbei. Demnächst soll sie - mit anderen Linien - "über einen Umweg" schnurstracks zum Bahnhof fahren, direkt dort halten, und das alles auch noch an eigenen Bahnsteigen. Schnelles und bequemes Umsteigen, bessere Vernetzung verschiedener öffentlicher Verkehrsmittel - eine Katastrophe für den Kiez! Und dann fallen in der Sonntagstraße auch noch ein paar Parkplätze weg. Alle (!) Anwohner schäumen. laut RBB in Angst geeint, jetzt schon vor Wut. Wo soll man demnächst mit seinem SUV hin?

  4. 10.

    Straßenbahn Bushaltestelle Bussbahnhof mit günstiger Umsteigebeziehung ohne Straßenqueerung
    all das wurde verpass
    kleinklein provinziell so wie die Zugereisten

  5. 9.

    Mit Verlaub: Etwas merk- und denkwürdig empfinde ich die Formulierung "zum Bahnhof ruckeln". - Ist mir da etwas entgangen? Ist geplant, eine Museumsstraßenbahn zum Ostkreuz zu führen? Oder sitzt der entsprechende RBB-Redakteur, John Henning, einem Bild auf, dass mit der Führung einer hochmodernen Straßenbahn, wie sie selbstverständlich auch am Ostkreuz geplant ist, nichts zu tun hat?

    Wie überall, wenn etwas verändert wird, gibt es Menschen, die Vorzüge davon haben und Menschen, die es weiter haben zur nächsten Haltestelle. Wenn am Ostkreuz jetzt nicht nur S-Bahnen, sondern auch Regionalbahnen in erklecklicher Zahl halten, ist es naheliegend, wenn auch die Straßenbahn dorthin angebunden wird. - Mir kommt das Ganze vor wie seinerzeit am Stuttgarter Platz in Bln-Charlottenburg, als die Umliegenden vehement gegen die S-Bahn-Verlegung protestierten. Jetzt aber liegen S-Bahn und U-Bahn näher zusammen. Was wäre denn die Alternative gewesen? Die U 7 zu verlegen?

  6. 8.

    Ich bin ganz Ihrer Meinung und sehe das auch so. Früher waren die Leute in Berlin angenehmer und heute kommen Leute die meinen die Preise für Wohnen, Essen und Trinken weiter kaputt zu machen. Wer ehrlich Vollzeit arbeiten geht, kann sich diese Stadt zum Leben und wohnen auch nicht mehr leisten. Viele Freunde mussten raus, weil saniert und danach unbezahlbar wurde. Der Senat hat wenig bis garnichts unternommen.

  7. 7.

    >Das war eine ruhige Straße mit einer Fahrschule, Friseur und eher praktischen Dinge", erzählt Thoennißen. "Jetzt haben wir hier eine richtige Gastronomie-Gasse geschaffen."

    Ja, eine gruselige Entwicklung, die in vielen Kiezen Berlins stattfindet: Es gibt nur noch Gastronomie für das Touri- und Partypublikum, während die Einwohner dieser Stadt zurückgedrängt werden. Als Berliner brauche ich keine Craft-Beer-Brauereien, Vintage-Modeläden und Street-Food-Restaurants von irgendwelchen zugezogenen rich kids, die meinen, sich ausgerechnet bei uns selbstverwirklichen zu müssen.

  8. 6.

    Hallo,

    ich bin der Meinung, dass die Straßenbahn alle großen Bahnhöfe anfahren sollte. Und da gehört das Ostkreuz nunmal dazu. Die aufsteigenden Leute müssen ja schließen weiterfahren können. Auch war das Ostkreuz schon zu DDR-Zeiten mit der Straßenbahn verbunden, von Rummelsburg kommend.

    Aber ob die Linie 21 die richtige Wahl ist? Es sollte zusätzlich die M13, die immerhin 24 Stunden fährt, mit dem Ostkreuz verbunden werden.

    Grüße aus Lichtenberg

  9. 5.

    Vielen Dank für die Präzisierung. Wir haben das im Text auch noch mal entsprechend angepasst. Im Interview sprach Herr Thoennißen aber definitiv von der Zentrale, zu der die Zalando-Mitarbeiter dann öfter müssen.

  10. 4.

    Ja Pauline dat is rischtisch
    aber
    Der Bahnsteig der WrizenerBahn is noch nich fertiggestellt. dann können fast alle Züge von NordOsten in Ostkreuz enden und einsetzen( bislang in Lichtenberg)
    aber
    Schon jetzt braucht der Ostkreuz Entlastung! die Verlängerung bis zum wriezenerbahnhof am Ostbahnhof wäre sinnvoll. Die Gleise liegen schon/noch bis Warschauer str. die Trasse ist frei.

  11. 3.

    Der Text ist aktuell, wir zitieren da ja Herrn Thoennißen, aber wir können gerne noch ein 'vollständig' hinzufügen. So meinte er das sicher auch.

  12. 2.

    Zalando hat zwar in den früheren Knorr-Bremse-Gebäuden an der Neuen Bahnhofstraße viel Bürofläche angemietet, baut jedoch definitiv nicht am Ostkreuz seine neue Zentrale. Die entsteht an der Mercedes-Benz-Arena. Gern geschehen.

  13. 1.

    Wann wurde denn dieser Artikel geschrieben?
    Regionalverkehr ist doch schon seit einiger Zeit angeschlossen.

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