Dr. Andreas Ochs am 17.06.2019 im Zoologischen Garten Berlin. (Quelle: rbb|24/Winkler)
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Interview | 175 Jahre Zoo - "Einen Elefanten zu röntgen, ist fast unmöglich"

Früher musste ein niedergelassener Kleintier-Arzt aus Berlin ran, wenn im Zoo ein Elefant Bauchweh hatte. Heute gibt es mehr Spezialisten, erzählt Andreas Ochs. Allen Situtionen ist der Zoo-Tierarzt aber auch nicht gewachsen - manchmal stößt er an natürliche Grenzen. 

Der Berliner Zoo feiert 175. Geburtstag. Im artenreichsten Zoo der Welt gibt es jede Menge Arbeit, auch für die Tierärzte. Andreas Ochs ist der leitende Veterinär.

rbb|24: Herr Ochs, wofür ist ein Tierarzt im Zoo alles verantwortlich? Es geht nicht nur um die klassische Behandlung kranker Tiere, oder?

Andreas Ochs: Nein, es ist natürlich auch ganz viel Prophylaxe - gerade im Zoo, wo die Tiere ja eigentlich gesund sind. Wir haben im Unterschied zu einer ärztlichen Praxis hier keine Klientel, die krank herkommt, sondern gesunde Tiere, die gelegentlich mal krank werden - beziehungsweise gesund bleiben müssen und deswegen überwacht werden. Die Vorbeugung vor Erkrankungen kann vielgestaltig sein. Das fängt an mit Kotproben-Entnahmen, um zu schauen, ob dort etwa Parasiten zu finden sind, und geht bis hin zur Blutentnahme. Die muss bei den meisten Tieren natürlich in Narkose gemacht werden. Zusätzlich zur Vorsorge ist man als Tierarzt immer noch für bestimmte Tierarten zuständig. Bei mir sind es die Elefanten und die Nashörner. Das heißt, man hat den Überblick über den Tierbestand und ist sozusagen Mittler zwischen den Tierpflegern und dem Direktor.

Wie kommen Sie denn an ein Nashorn oder einen Elefanten heran?

Beim Elefanten ist es nicht so schwierig. Unsere weiblichen Tiere sind den direkten Kontakt gewöhnt. Man kann direkt an sie herangehen, um beispielsweise Blut zu entnehmen. Zur Prophylaxe gehören auch die morgendliche Fuß- und Hautpflege und das tägliche Abduschen. Bei den Elefantenbullen ist es etwas anders. Der Bulle wird im sogenannten "protected contact" gehalten, im geschützten Kontakt, denn im Unterschied zu den Kühen ordnen sich Bullen nicht unter und erkennen die Pfleger nicht als Alphatier an. Unser Bulle ist ausgesprochen nett, aber man möchte es nicht probieren. Niemand geht direkt mit ihm zusammen in die Anlage. Er ist trainiert, bestimmte Kommandos zu befolgen, die am Gitter durchgeführt werden, durch das der Mensch geschützt ist. Aber das funktioniert sehr gut.

Sie müssen aber nicht nur die Elefanten und Nashörner behandeln können, sondern im Grunde alle, oder?

Theoretisch muss man als Zoo-Tierarzt alle Tiere behandeln können. Das lernt man nicht an der Uni, sondern durch viel Austausch mit anderen erfahrenen Kollegen. Als ich angefangen habe, gab es auch noch kaum Lehrbücher für sowas. Inzwischen hat sich das ein bisschen geändert, weil es jetzt natürlich viel mehr Tierärzte in den Zoos gibt. Das liegt daran, dass es auch für die Zoos EU-Richtlinien gibt - und die sehen vor, dass Zoos permanent von einem Tierarzt überwacht werden müssen, der den Bestand betreut. Früher wurde oft ein externer Veterinär dazugeholt, der eigentlich eine Pferde- oder Kleintierpraxis hatte. Hier in Berlin haben wir das Glück, dass wir bei ganz speziellen Fragestellungen Experten von der Uni dazuholen können. Es kommt aber auch vor, dass wir Humanmediziner hinzuziehen. Gerade bei den Affen gibt es durchaus Verwandtschaften - und die schlagen sich natürlich auch medizinisch nieder, sodass wir hier auch gelegentlich mit Kinderärzten und auch mit Zahnärzten zusammengearbeitet haben.

Wie ist es in Ihrem Alltag umsetzbar, dass zwei feste Tierärzte 14.000 Tiere überwachen und bei guter Gesundheit halten?

Es ist schon machbar. Die Tiere werden heutzutage wirklich besser gehalten. Sie kommen nicht mehr aus der Natur - und damit fallen bestimmte Erkrankungen weg, die einen ganzen Bestand gefährden können. Man hat als Zoo-Tierarzt schon relativ viel zu tun, aber die ganz schlimmen Sachen, die akutes und schnelles Eingreifen nötig machen, nehmen wirklich ab, obwohl der Gesamtbestand der Tiere hoch ist.

Von den 14.000 Tieren sind allerdings auch sehr viele wirbellose Tiere wie Insekten, Fische und Quallen. Das sind teilweise Tierarten, bei denen nicht unbedingt das Einzeltier behandelt werden kann und muss, sondern bei denen man dann den Gesamtbestand im Blick behalten muss. Insekten zum Beispiel werden auch durchaus mal ersetzt, da wird ganz selten was behandelt.

Deutschlands ältester Zoo feiert Jubiläum

Wenn die Tiere seltener Krankheiten aus der Natur bekommen - wirkt sich das auch positiv auf die Sterblichkeit aus?

Heutzutage werden fast alle Tiere im Zoo wesentlich älter, als sie es in der Natur würden. Das bedingt natürlich Erkrankungen und Symptome, die eigentlich auf der geriatrischen Schiene liegen. Wie beim Menschen, der ja auch immer älter wird, konzentriert sich deshalb jetzt die Behandlung von Alterszipperlein: Arthrosen, Hautprobleme oder einfach Auszehrung. Diese Tiere haben dann nicht mehr genug Kraft, sich in der Gruppe zu behaupten. Solange man als Tierarzt den Eindruck hat, dass die Tiere noch Spaß und Lebensqualität haben, ist das kein Problem. Aber sobald das sinkt und man feststellt dass die Tiere etwa permanent chronische Schmerzen haben oder leiden, muss der Tierarzt auch mal die Funktion des Löwen in der Natur übernehmen. Nur werden die Tiere hier dann natürlich nicht gefressen oder verfüttert, sondern schmerzlos eingeschläfert und werden dann noch mal untersucht, damit die Wissenschaft nachvollziehen kann, welche altersbedingten Erkrankungen vorhanden waren.

Giraffen im Berliner Zoo (Quelle: rbb|24/Winkler)
Bild: rbb|24/Winkler

Wie sieht es mit dem Klima aus? In Berlin ist es gemäßigt - wie wirkt sich das auf die Tiere aus?

Das ist eigentlich ideal. Wenn wir den ganz harten Winter nicht hätten, wäre es für die meisten Tiere noch besser. Wir kommen hier sehr gut mit unserem Klima zurecht - immer besser sogar, wenn die Winter so bleiben wie in den vergangenen Jahren. Aber auch die empfindlichen Tiere wie die Elefanten kommen im Winter bei jedem Wetter raus, nur nicht so lange. So ein Elefant hat ein großes Körpervolumen - bis zur Auskühlung dauert es schon eine ganze Weile. Problematisch sind eher die Ohren und Schwänze, die relativ dünn sind und schlecht durchblutet werden. Da besteht dann schon mal die Gefahr, dass es zu Erfrierungen kommt. Bei anderen Tieren ist die Vereisung der Anlagen ein Problem. Gerade bei den Huftieren, den Giraffen zum Beispiel, besteht das Risiko, dass sie sich bei Glätte etwas brechen.

Was sind denn die häufigsten Erkrankungen, die bei Ihnen auf dem Tagesplan stehen?

Am häufigsten muss man tatsächlich dafür sorgen, dass die Tiere nicht krank werden. Es gibt nämlich viele Tiere, bei denen man wenig Möglichkeiten hätte, wenn sie denn krank würden. Einen Elefanten zu röntgen, ist zum Beispiel fast unmöglich. Auch eine Operation beim Flusspferd ist fast unmöglich - das bekommt man zwar aufgeschnitten, aber nicht wieder zugenäht. Insofern ist wirklich das Wichtigste, dass man ganz genau darauf achtet, dass die Tiere gesund bleiben. Wenn man sich die Tiere ansieht, versucht man auch gleich zu  beurteilen, ob das normal ist, was sie da gerade tun. Das machen die Tierpfleger natürlich auch jeden Tag, die können das auch sehr gut beurteilen - fast noch besser als der Tierarzt. Die meisten Tiere verhalten sich beim Tierarzt nämlich ganz anders als beim Tierpfleger. Beim Arzt versuchen alle, einen möglichst gesunden Eindruck zu machen und nicht aufzufallen, weil es in der Natur für sie ein Todesurteil wäre oder zumindest dazu führen würde, dass sie in ihrer Rangordnung sinken, wenn sie deutliche Krankheits-Erscheinungen zeigen würden.

Gibt es zoo-spezifische Krankheiten?

Am häufigsten sind Infektionskrankheiten. Das liegt daran, dass die Tiere auf begrenztem Raum gehalten werden und sich die Infektionen leichter ausbreiten. Das äußert sich dann meistens in Durchfällen. Die können auch mal durch eine verquere Fütterung vorkommen. Wenn zum Beispiel im Sommer Gras geliefert wird, kann auch durchaus mal eine bakterielle Verunreinigung dabei sein. Bei den Menschenaffen kommt es auch vor, dass sie sich bei den Menschen anstecken. Deswegen sollten Tierpfleger, die krank sind, möglichst keinen Kontakt mit den Tieren haben. Wenn man erst einmal eine Erkältungskrankheit bei den Menschenaffen im Bestand hat, ist es meistens eine sehr hartnäckige Sache, weil die Tiere eigentlich nicht auf die menschlichen Erreger eingerichtet sind, und weil die Erkrankung dann immer wieder in der Gruppe herumgeht. Die Bonobos zum Beispiel sind ganz schwer dazu zu bewegen, sich hygienisch einwandfrei zu verhalten (lacht). Insofern besteht da natürlich immer die Gefahr einer Re-Infektion. Eine relativ simple Erkrankung kann dadurch sehr langwierig und dann eben auch für die Tiere richtig gefährlich werden.

Das Interview mit Andreas Ochs führte John Hennig für rbb|24.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Das Thema war zwar schon mehrfach in der Presse, hält sich aber hartnäckig an den Stammtischen. Vögel werden nicht mehr kupiert.

  2. 2.

    Ein interessanter Blick hinter die Kulissen. Danke

  3. 1.

    Fragen Sie den Kollegen doch gerne mal, was er vom tierschutzwidrigen Kupieren der Flügel im Zoo hält. Sämtliche Vogelarten sind hier flugunfähig gemacht, ein Verstoß gegen das Tierschutzgesatz, der gedulded wird.

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