Symbolbild: Eine junge Frau über einem Tablett, auf dem Geldkarten, Kokain-Linien und zusammengerollte Geldscheine liegen. (Quelle: dpa/M. Ruetschi)
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Video: rbb|24 | 21.10.2019 | Bild: dpa/Ruetschi

Berlin auf Droge | Anstieg von Drogen-Lieferdiensten - Koks frei Haus

Drogen auf Bestellung: Mit einem Anruf wird Kokain bis vor die Haustür geliefert. Die Berliner Polizei spricht von einem erheblichen Anstieg und erhebt jetzt erstmals Zahlen zu sogenannten Koks-Taxis. Von Nico Schmolke

Samstagabend, zwei junge Frauen in einer Wohnung, irgendwo in Berlin. Auf dem Tisch stehen bereits leere Sektflaschen, als eine der beiden in ihr Handy tippt: "Hallo, hast du Zeit in die ***straße zu kommen?" Sie wollen feiern gehen, aber vorher noch ein bisschen Kokain ziehen. Zwei Minuten später die Antwort: "Ja, welche Hausnummer?"

Weil es Wochenende ist, müssen die Frauen über eine Stunde warten. Sonst kommen die Koks-Taxis schon nach 15 bis 30 Minuten, berichten etliche Konsumenten. Der Dealer meldet sich per SMS, eine der beiden Frauen steigt vor dem Haus zu ihm ins Auto. Sie reicht 50 Euro nach vorne und erhält ein kleines Plastikgefäß mit weißem Pulver. 50 Meter weiter steigt sie wieder aus.  So leicht ist es, in Berlin an Kokain zu kommen.

Zurück in der Wohnung wird das noch etwas körnige Pulver mit einer Karte zerkleinert, in Linien portioniert und durch die Nase gezogen. "Du bist total hyped", beschreibt eine der beiden Frauen die Wirkung, "hast Lust zu kommunizieren über Gott und die Welt. Du hast keine Hemmungen über Probleme zu sprechen, die dich belasten."

Zunehmender Kokain-Konsum

Der Kokain-Konsum in Berlin steigt. Darauf deuten Untersuchungen der Berliner Abwässer hin, die von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht veröffentlicht wurden. Die Menge der nachgewiesenen Kokain-Rückstände hat sich in Berlin von 2014 bis 2018 fast verdoppelt (siehe Grafik).

Falls Sie die Grafik auf Ihrem Mobiltelefon nicht sehen können, klicken Sie bitte hier.

Die Kokain-Lieferdienste sind einer der leichtesten Wege, um an die Droge zu kommen. Das registriert auch die Polizei. "Wir haben derzeit bei uns in der Dienststelle eine Belastung mit Ermittlungen zu Kokain-Lieferservicen, die ein ganzes Kommissariat beschäftigen. Das war in den Vorjahren nicht so", sagt Olaf Schremm, Leiter des Dezernats für Rauschgift- und Arzneimittelkriminalität beim Landeskriminalamt. 

Für das Jahr 2018 wurden durch eine nachträgliche Auswertung elf Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit Koks-Taxis festgestellt. Seit Mai 2019 werden solche Fälle nun gesondert erfasst, bis Anfang Oktober waren es bereits 35 Vorgänge. "Wir können die Anzahl der Services gar nicht überblicken. Wir wissen aber aus Ermittlungsverfahren, dass bei solchen Handynummern pro Tag dreistellige Anrufe eingehen", so der Chef der Berliner Drogenfahnder.

Bei den Drogentoten steht die weiße Substanz an Platz zwei der Todesursachen, hinter Heroin. Und die Zahlen steigen. Im Jahr 2016 starben in Berlin 21 Menschen nach dem Konsum von Kokain, 2018 waren es 35 und im laufenden Jahr kamen allein bis einschließlich Juli bereits 25 Menschen wegen der Droge ums Leben. Das geht aus Zahlen der Berliner Polizei hervor, die rbb|24 exklusiv vorliegen.

"Als ob man Pizza bestellt"

Ähnlich wie Cannabis ist Kokain eine Droge, die nicht nur von Party-Gängern konsumiert wird, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft angekommen ist. Der Unternehmer Michael* (*Name geändert) nahm Kokain anfangs nur an den Wochenenden: "Ein Jahr lang ging es gut, aber nach circa zehn, zwölf Monaten habe ich die Kontrolle komplett verloren. Dann habe ich täglich Kokain konsumiert." Weil auch in seinem Umfeld etliche Menschen Kokain nahmen, um ihren Alltag zu bewältigen, erschien ihm das als normal. Bei drei verschiedenen Koks-Taxis bestellte er den Stoff. "Als ob man Pizza bestellt, ganz normal war das. Das gab mir das Gefühl, dass es nichts Falsches ist."

Hanspeter Eckert, Leiter der ambulanten Therapieeinrichtung Kokon (Bild: rbb)Hanspeter Eckert, der Leiter der ambulanten Therapieeinrichtung Kokon.

Irgendwann kann er kaum noch schlafen, wird immer abweisender gegenüber Freunden und Familie, die Nase läuft andauernd. Es gibt kaum noch einen Moment, in dem er nicht an die Droge denkt. Seine Verlobte schickt ihn dann zu Kokon, einer ambulanten Therapieeinrichtung in Charlottenburg. Michael schafft den Absprung, hört auf und ist seit einigen Monaten in Therapie.

Einrichtungsleiter Hanspeter Eckert erlebt immer wieder, wie schnell die Menschen in den Sog von Kokain geraten: "Es ist vollkommen mittelschichtstauglich geworden. Du kannst den Dealer in deiner Arbeitspause bestellen oder nach dem Abendessen, wann man es eben möchte." Mit Einzelgesprächen und Gruppenangeboten lernen die Patienten bei Kokon, ohne Kokain zu leben. Immer wieder wird jemand rückfällig, gibt dem Verlangen nach. Weil Kokain mit etwa 70 Euro pro Gramm ziemlich teuer ist, stürzt das viele Abhängige in den finanziellen Ruin.

Koks statt Obst

Der Drogenfahnder Schremm verweist auf Ermittlungserfolge der Polizei: Allein im vergangenen Jahr seien über 850 Tatverdächtige festgestellt worden, die im Bereich Kokain gegen das Betäubungsmittelgesetzt verstoßen haben: "Es sollte keiner glauben, dass er ohne Entdeckungsrisiko einen Koks-Lieferservice betreiben könnte."

Doch die Gegenseite ist oft schneller. Als im Umfeld von Clubs Visitenkarten auftauchten, auf denen Obst angeboten wurde, war klar, dass dahinter in Wahrheit Koks-Taxis steckten. Als die Polizei Ermittlungen aufnahm, waren die Nummern bereits wieder abgeschaltet.

Die Abwasseranalyse

Wer Drogen genommen hat, scheidet Rückstände aus. Die Mengen der Substanzen, die im Abwasser von Drogen herrühren, sind winzig. Chemiker können sie herausfiltern und bekommen anhand der Abbauprodukte einen Eindruck, wie viel Kokain, Methamphetamin und Ecstasy in einer Stadt genommen wird. Die mittlere einwohnerspezifische ausgeschiedene Menge beschreibt die Menge an Drogenrückständen, die die Klärwerke täglich erreicht. Sie wird aus der Konzentration der Substanzen und der täglichen Abwassermenge berechnet.

Sendung: Abendschau, 21.10.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Nico Schmolke

Kommentar

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Antwort auf [Carlos] vom 23.10.2019 um 07:56
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32 Kommentare

  1. 32.

    Ich empfehle eine Kampagne für Großflächenplakaten (im Clubland) mit den Zuständen in den Regionen wo Koka angebaut wird, Kokain erzeugt und dann über kriminelle Killerkommandos vertrieben wird. Alle Konsumenten sollten sich das reinziehen, dass nicht nur deren Nase blutet. Würden durch Bierherstellung ähnliche Kartelle unterhalten werden, würde es uns dann noch schmecken? Wer Koks schnupft, trägt Verantwortung. Wer das ignoriert, hat soziale Kompetenz verloren.

  2. 31.

    Hallo RBB 24!
    Danke für die Berichterstattung, Recherche und Aufklärung!
    Was ich allerdings nicht verstehe ist, wie man behaupten kann, dass ein Koks-Konsument im wesentlichen sich selber schadet - wo doch in den Herstellungsländern Koks mit fürchterlicher Gewalt (auch an Kindern) und Tod verknüpft ist?
    Für mich spiegelt das - wie überall sonst auch - unsere eurozentristische, arrogante Art, mit dem Leid, das wir verursachen nicht umzugehen, ja, es nicht zur Kenntnis zu nehmen.

  3. 30.

    Wie wäre es denn, wenn die Drogis dan auch hinterher für den ganzen Schaden aufkommen? Also, wenn Einer gerettet wurde von Kokon oder anderen??? Vielleicht funktioniert das auch abschreckend??? Wie blöde muß man eigentlich sein, daß man diese Drogen nimmt?

  4. 29.

    "hast Lust zu kommunizieren über Gott und die Welt. Du hast keine Hemmungen über Probleme zu sprechen, die dich belasten." Warum brauchen manche Menschen dazu Kokain? Ich kann das ohne Kokain, wenn ich will und Vertrauen zu den Menschen habe. Grund kann sein, daß diese Frau eine soziale Phobie hat, eine krankhafte Scheu, auf Menschen zuzugehen und mit ihnen zu kontaktieren. Die steht oft in Zusammenhang mit Alkoholmißbrauch, weil dadurch diese Hemmnungen schwinden. Ich empfehle eine Behandlung beim Psychiater. Das ist sehr aussichtsreich auf Hilfe.

  5. 28.

    Bravo. Macht zwar die Probleme, die durch andere Drogen entstehen, auch nicht kleiner, bleibt aber gerne unerwähnt. Droge ist Droge. Die Eine ist legal u. wird akzeptiert u. verharmlost, d. Anderen sind illegal u. werden ignoriert. Bis dann das Maß voll ist. Dann ist d. Geschrei groß. Guckt mal in die Kliniken, d. sind größtenteil voll mit Alkoholikern. Es müsste insgesamt d. Thema "Drogenmissbrauch" fokussiert werden.

  6. 26.

    Alle Bürger würden sich das wünschen. Auch die ausm Plattenbau, Nord-Neukölln oder ausm tiefsten Wedding. Wahrscheinlich gerade die.

  7. 25.

    Als Bürger einer guten Wohngegend würde ich mir ein besseres Werkzeug von der Polizei wünschen.
    Welches mir ermöglicht ein Verkauf anzuzeigen
    Mit Polizeikräften vor Ort
    Ich mag nicht mehr 5 mal weiterverbunden zu werden - fragen zu beantworten, als ob ich selber Deale !
    Nach Aussagen der Beamten sei der Ort/Täter bekannt
    Na, wie soll ich dann meiner Bürgerpflicht nachkommen?

  8. 24.

    "Berlin ist auch Drogen-Hauptstadt."

    warum ist das so ? " Mutter, der Mann mit dem Koks ist da. " prima, aber da war Heizmaterial gemeint

  9. 20.

    Unsinn. Drogen, Dealer und Konsumenten gab es schon immer. Genauso wie Alkoholiker und Raucher. Nur, dass man inzwischen lockerer damit umgeht. In anderen Städten, Ländern u. auf anderen Kontinenten, mit verschiedenartigen Regierungen, ist es nicht anders. Oder glauben Sie, ein "Herr" Trump hat das besser im Griff? Wohl eher das Gegenteil^^

  10. 19.

    Wen wunderts wenn alle des zeig am klo nehman, da bräslt hoid wos danem.

  11. 18.

    Gab's doch schon früher, den Gassenhauer = Mutter, der Mann mit dem Koks ist da.

  12. 17.

    Ist ja nicht so, dass das seit Jahrzenten bekannt ist. Falco hat darüber damals schon ein Lied gemacht. Koks-Taxis gibts mind. seit den 80ern.

  13. 16.

    Umso konstruktiver sind hier im Forum die "Schönredner und Relativierer ".....wollen sie uns das sagen ?
    Wer ist denn für die völlig desolaten Zustände in Berlin verantwortlich....das ist nun mal RRG! Insofern hat der "Retter" Recht.

  14. 15.

    Traurig ist das... Irgendwo in Asien gibt es Todesstrafe auf Drogen... Deutschland ist zu weich!!!

  15. 14.

    Das macht unser "Retter" doch hier seit Monaten. er "rettet" jedes Thema (Drogen, Kriminalität, Unfall, schlechtes Wetter... ) und macht daraus ein "RRG muss weg" - zuverlässig konservativ, aber wenig konstruktiv.

  16. 13.

    Also mehr Tote durch Drogen als durch Rechtsextreme. Mal sehen, was in den nächsten Jahren so alles legalisiert wird...

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