Symbolbild: Crystal Meth, andere Drogen und viel Bargeld wird im Landeskriminalamt in Berlin präsentiert. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Audio: Inforadio | 21.10.2019 | Interview mit Olaf Schremm | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Interview | Berliner Drogenfahndung - "Wir können als Polizei nicht das Drogenproblem in Gänze lösen"

Die Zahl der registrierten Rauschgiftdelikte in Berlin steigt. Kokain-Lieferdienste werden offenbar immer populärer. Und die Polizei? Der Chef der Berliner Drogenfahndung, Olaf Schremm, über kleine Fische und große Herausforderungen bei den Ermittlungen.

rbb: Herr Schremm, als Leiter des Berliner Rauschgiftdezernats stehen Sie an der Front des Kampfes gegen die Rauschgiftkriminalität. Gegen wen kämpfen sie?

Olaf Schremm: Wir kämpfen in allererster Linie gegen Händler, Banden und gewerbsmäßig organisierte Strukturen. Wir kämpfen gegen die organisierte Kriminalität im Bereich der Betäubungsmittelkriminalität, gegen den internationalen Einfuhrschmuggel, gegen den Ausfuhrschmuggel. Das heißt: Wir konzentrieren uns auf die Personen, die mit Betäubungsmitteln und Drogen illegal versuchen, viel Geld zu verdienen.

Wenn Dealer etwa mit Geldscheinen wedeln - wie schwer ist es, sich gegen eine mögliche Vereinnahmung zu wehren?  

Seit den sieben Jahren, wo ich hier bin, ist kein einziger Fall bekannt – und auch nicht der Verdacht aufgekommen –, dass meine Mitarbeiter durch Bestechung oder Korruption in diesen kriminellen Sumpf hineingezogen werden. Alle hier sind hoch engagiert und motiviert. Es würde auch auffallen, wenn jemand abrupt seinen Lebensstil ändert, über mehr finanzielle Mittel verfügt. Ich glaube, das kann ich in meiner Dienststelle ziemlich ausschließen.

Die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistiken von 2011 bis 2018 zeigen: Die Polizei registriert immer mehr Rauschgiftdelikte. Was tut das Drogendezernat dagegen?

Wir versuchen natürlich mit allen Mitteln, die schlimmsten Auswirkungen der Drogenkriminalität zu bekämpfen. Aber wir können als Polizei nicht das Drogenproblem in Gänze lösen. Diesen Anspruch erheben wir auch nicht. Im Drogenbekämpfungsplan der Bundesrepublik Deutschland ist die Repression nur ein Teil. Es gibt auch die Prävention, also die Aufklärung, die Vorsorge und den Bereich der Schadensminimierung, etwa durch Drogenkonsumräume. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass eine Gesellschaft niemals drogenfrei sein kann. Der Mensch nimmt seit Tausenden von Jahren irgendwelche Rauschmittel, weil er sie toll findet. Die Frage ist nur, wieviel, wie oft und wird er davon süchtig? Die Polizei ist bei der Bekämpfung der Drogenproblematik nur ein Player von mindestens vier.

Stichwort Kokain: Zwischen 2014 und 2018 hat sich die Zahl der im Abwasser nachgewiesenen Kokain-Rückstände verdoppelt. Zudem werden in Berlin Kokain-Lieferdienste offenbar immer populärer. Wir haben in unserer Recherche herausgefunden, wie leicht es ist, so ein Taxi zu bestellen. Wie ist das möglich?

Dass es nach Ihrem Eindruck recht einfach ist, verdeckt ein bisschen den Blick auf unsere Erfolge. Wir haben allein im Jahr 2018 über 864 Tatverdächtige bei Kokain-Verstößen festgestellt, also mindestens zwei pro Tag. Es sollte sich keiner sicher fühlen, der so einen Lieferservice betreibt oder dort mitarbeitet. Er kann jederzeit von uns erwischt werden. Dieses Entdeckungsrisiko wollen wir aufrechterhalten.

Hadern Sie mit der aktuellen Drogenpolitik des Senats?

Ein konkretes Hadern mit der Politik – nein. Ich würde eher sagen, wir müssen noch mehr Wert auf die Prävention legen. Wir als Polizei, kommen immer eine Sekunde zu spät – wenn die Prävention versagt hat. Wenn wir kommen, da kommen wir eigentlich zu spät.

Dreiviertel aller festgestellten Rauschgiftdelikte sind Konsumentendelikte, Menschen, die mit Kleinstmengen erwischt werden. Lohnt es sich, diese kleinen Fischer zu jagen?

Das Betäubungsmittelgesetz schreibt es uns im Moment vor. Die Polizei ist dem Legalitätsprinzip unterworfen: Wir müssen jede Straftat erst einmal aufnehmen und verfolgen. Ob sie eingestellt wird oder nicht, entscheidet in Deutschland nur die Staatsanwaltschaft. So ist derzeit die Lage. Verändern kann sie nur der Gesetzgeber.

Welche Gründe sprechen dafür, den Eigenverbrauch in Kleinstmengen nicht mehr zu verfolgen?

Es würde natürlich den Arbeitsaufwand der Polizei verringern.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie einer Hydra den Kopf abschlagen und dann zwei Köpfe nachwachsen?

Natürlich wissen wir, dass wir nicht alle kriegen. Aber wir kriegen einige, und das ist auch ein kleiner Erfolg. Wir haben aber auch nicht den Anspruch, alle zu kriegen. Das wird die Polizei niemals schaffen. Um die Nachfrageseite muss sich jemand anderes kümmern. Die muss durch Einsicht, Aufklärung, Prävention abnehmen. Sie haben recht: Wir haben im Moment zunehmende Zahlen. Die sind oft schwierig zu interpretieren. Drogenkriminalität ist ein so genanntes Kontrolldelikt: Weder der Konsument noch der Dealer haben Interesse, diese Straftat anzuzeigen. Nur durch polizeiliche Ermittlungen können wir dieses Dunkelfeld aufhellen.

Was waren besondere Erfolge während Ihrer Laufbahn?

Es gibt Ermittlungsverfahren, die uns sehr über sehr lange Zeit binden, weil die Täter eher konspirativ arbeiten und sich meistens nicht an unsere Dienstpläne halten. Wir hatten etwa einen besonders kriminellen Täter in Berlin über anderthalb, zwei Jahre verfolgt. Er arbeitete mit mehreren Tätern zusammen, einige wurden observiert, Treffpunkte wurden bekannt. Wir mussten natürlich alle Täter gleichzeitig festnehmen, damit der eine den anderen nicht warnen kann. Das ist mit einem riesigen Koordinationsaufwand verbunden und dem Einsatz von Spezialeinsatzkommandos. Am Ende ist alles ohne Verletzungen oder Waffeneinsatz über die Bühne gegangen. Das ist für mich ein Erfolg. Natürlich gibt es auch spektakuläre Fälle, wie unseren Fund von über 400 Kilo Kokain in Bananenkisten, die dann bei der Firma Aldi landeten.

Was bedeuten solche großen Fänge für Sie?

Erstmal Erleichterung, dass man eine riesengroße Menge Stoff vom Markt nehmen konnte. Es bringt uns auch Erkenntnisse über das Täterverhalten. Und es zeigt uns, wie diese Schmuggel- und Vertriebsmechanismen funktionieren. Wir haben damals in den Bananenkisten Original-Plomben für die Container gefunden. Die Tätergruppen brechen also den Container auf und verschließen ihn hinterher mit Original-Plomben. Das lässt wiederum Rückschlüsse zu über das Vorgehen in den Ländern, wo die Verladung der Fracht erfolgt. Wenn es um Kokain geht, ist das in der Regel Südamerika, wo Korruption ein anderes Themas als bei uns ist. Wenn man dort über Original-Dokumente und Original-Plomben verfügen kann, zeigt das, wie schwierig unsere Arbeit auch in der internationalen Zusammenarbeit sein kann.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Dezernats?

Bei der Drogenpolitik oder Drogenbekämpfung vielleicht einen breiteren Konsens, eine nicht so emotionale Diskussion bei der Frage der Legalisierung. Es gibt sehr viele wissenschaftlichen Studien querbeet über die Wirkweise von Drogen. Dass man das letztendlich auch etwas miteinbezieht, und den Schwerpunkt nicht ausschließlich in der Repression sieht, sondern auch gesamtgesellschaftlich erkennt, dass wir mehr bei der Prävention machen müssen. Denn sonst kriegen wir die Nachfrageseite nicht in den Griff. Das würde ich mir wünschen und für unser Dezernat – na ja, soviel Personal wie irgend möglich. Doch das fordert jede Polizeidienststelle. Aber wir können das Problem nicht alleine lösen – auch nicht mit noch mehr Personal.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Olaf Schremm sprach Jenny Barke für Inforadio. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das vollständige Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild nachhören.

Sendung: Inforadio, 21.10.2019, 10.45 Uhr

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5 Kommentare

  1. 5.

    Falls es jemand interessiert wie es funktioniert ohne Drogen zu leben:
    https://na-berlin.de/de/wer-wir-sind/

  2. 4.

    Zum Glück gibts nur in Berlin Drogen...^^ Prävention? Es gab sehr viel Prävention. Und genutzt hat die nix. Der Mensch will feiern und sich betäuben. Darum sind die Kliniken voll und der Staat hilflos. Und wer glaubt nur die bildungsfernen Leute greifen zu Alk und Drogen, sollte sich besser informieren. Das ist Unsinn.

  3. 3.

    Heißen die Dinger an den Containern nicht Plomben?
    Im Duden jedenfalls gibt es keine Blomben!
    Ansonsten: Gib Drogen keine Chance! War mal ein bekannter Slogan. Aber ich glaube, Prävention ist heute leider nicht mehr, was es mal war!? Ich sage nur: „Wir können Hauptstadt“...schön dem Bildungsniveau angepasst. Wenn es nur nicht so traurig wäre....

  4. 2.

    Ja, mehr Prävention und Legalisierung wünsche ich mir auch. Dann wird der gestreckte Dreck hoffentlich nicht mehr rund um die Uhr an U-Bahnhöfen bzw. auf Schulwegen angeboten.

  5. 1.

    Die Bestrafung muss eindeutig zu mild sein, bei Drogendelikten, sonst würden mehr Menschen die Finger davon lassen. Vielleicht sollte man ausser Wohnungsbau, auch mal an Gefängnisbau in Berlin denken?
    Ob sich die Menschheit Gedanken über das verseuchte Abwasser macht ?? Wohl kaum !

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