Collage: Ein kleines mit GHB gefülltes Gläschen neben einem Maßstab; ein verschwommenes Bild von feiernden Menschen in einem Berliner Club. (Quelle: dpa/A. Bürgi)
Audio: Inforadio | 23.10.2019 | Jenny Barke | Bild: dpa/A. Bürgi

Berlin auf Droge | Probleme mit "Liquid Ecstasy" - "Und dann gehen die Lichter aus"

Die Droge GHB wird in Berlin immer beliebter. Doch die Dosierung des als "Liquid Ecstasy" bekannten Stoffes ist eine Gratwanderung, der Konsum kann tödlich sei. In vielen Berliner Clubs ist die Substanz deshalb tabu. Von Jenny Barke

Auf Daniels* Glastisch liegen alle Utensilien für den Trip. Viel braucht es nicht: Ein Glas, eine Karaffe Wasser, ein braunes Apothekerfläschchen und einige Plastikpipetten mit ablesbarer Milliliterskala. "Die haben wir im Hunderterpack im Netz gekauft", erklärt Daniel. "Pi mal Daumen zu dosieren ist nämlich bei 'G' ganz schlecht."

Der Student hat vor einem Jahr das erste Mal GHB mit Freunden genommen. Lange Zeit war er strikt gegen den Konsum, weil ihn die Horrorstorys über den Stoff abschreckten. Denn mit dem auch als "Liquid Ecstasy" bekannten Stoff ist es wie mit so vielen Wirkstoffen: Die Dosis macht das Gift. Es ist sozusagen ein Rave auf Messers Schneide. Wenige Tropfen liegen zwischen Jubel oder  Trance - und einer Überdosis, die zu Atem- und Herzstillstand führen kann.

Preisgünstig und beliebt bei unerfahrenen Konsumenten

Aber irgendwann wurde Daniel doch neugierig. "Der ganze Körper kribbelte, es war wie schweben", so beschreibt er seinen ersten Rausch. "Die Emotionen bei G sind wie bei vielen anderen Drogen, es wird alles viel intensiver und kuscheliger."

Daniel wirkt aufgeklärt, er hat sich vor seinem Konsum gut informiert. Weil er die hohe Suchtgefahr kennt, will er GHB auf Partys nicht zur Gewohnheit werden lassen, bisher habe er nicht mehr als fünf bis sechs Mal konsumiert.

So rational wie Daniel konsumieren die Droge aber längst nicht alle. Denn was viele nicht wissen: Sobald Alkohol und GHB zusammenfließen, potenziert sich ihre Wirkung.

Schnell tritt ein kompletter Gedächtnisverlust ein, weshalb die Substanz in dieser Kombination oft als sogenannte K.o.-Tropfen missbraucht wird.

Vervierfachung des GHB-Konsums in vier Jahren Forschung

Aktuelle Zahlen zu den Drogentoten in Berlin zeigen, dass GHB hier immer häufiger eine Rolle spielt. Während 2016 und 2017 eine Intoxikation mit GHB nicht zu den Todesursachen zählte, starben 2018 fünf Menschen nach dem Konsum von GHB. In diesem Jahr waren es bis einschließlich Juli bereits zwei. Das geht aus Zahlen der Berliner Polizei hervorgeht, die rbb|24 vorliegen.

Felix Betzler ist Psychiater und beobachtet mit Sorge den neuen Drogentrend. Er leitet an der Berliner Charité eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe für Partydrogen. In einer seiner Umfragen unter Berliner Party-Gängern haben 2018 fast zehn Prozent der Befragten angegeben, GHB zu konsumieren. Das sei eine Vervierfachung gegenüber einer Umfrage vier Jahre zuvor, betont der Charité-Psychiater. Beide Umfragen sind nicht repräsentativ.

"GHB wird im gleichen Kontext angeboten und konsumiert, in dem auch andere Substanzen angeboten werden, die aus suchtmedizinischer Sicht deutlich harmloser sind, wie Cannabis oder MDMA", sagt Betzler. Die Konsumenten wüssten häufig zu wenig über die Gefahren der Substanz. "Sie probieren es nach drei, vier Drinks oder anderen Drogen aus -  und dann gehen die Lichter aus."

GHB fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz. Doch viele Konsumenten umgehen mit Leichtigkeit dieses Gesetz. Denn im Internet können sie die verwandte Substanz GBL kaufen - ein Lösungsmittel, welches die chemische Industrie zur Herstellung von Reinigern für Graffitis und als Basis für Medikamente nutzt.

Der Körper wandelt dieses legale GBL in das illegale GHB um. Vor allem bei jungen Partygängern ist der preisgünstige Stoff beliebt - bei der risikofreudigsten und unerfahrensten Konsumentengruppe also. Auch auf Chemsex-Partys in der Schwulenszene findet GHB reißenden Absatz, denn die Substanz wirkt stark sexuell stimulierend.

Nach Mischkonsum kommt Krankenwagen

Während Berliner Clubs andere illegale Drogen wie Ecstasy, Speed und Kokain oft tolerieren, gilt nach Informationen von rbb|24 in zahlreichen Einrichtungen für GHB ein Null-Toleranz-Gebot. An vielen Türen hängen Verbotsschilder für die Droge, erzählen Club-Gänger. Es drohe sofort Hausverbot, berichtet auch Konsument Daniel.

Raimund Reintjes von der Clubcommission vertritt als Sprecher die Szene. Erfahrungsgemäß würden Gäste auf GHB schnell zu Stimmungskillern - oder im schlimmsten Fall zu Notfällen. "Dann irren sie über die Flure, schwanken, haben motorische Schwierigkeiten und sind nicht mehr Teil des Feierkosmos'. Das empfinden auch viele Gäste als unangenehm." Nicht selten komme nach Mischkonsum der Krankenwagen. 

GHB-Konsument Daniel hält das GHB-Verbot in Clubs nicht für sinnvoll. "Die Substanz ist so oder so verfügbar. Mit Verboten steigt die Gefahr, dass Konsumenten es heimlich machen und ihren Freunden nicht mehr sagen, was sie nehmen, weil es ihnen unangenehm ist." Er argumentiert, dass die Dosierung entscheidend sei und wünscht sich, dass Clubs skalierte Pipetten kostenlos verteilen.

Symbolbild: Junge Frau liegt mit einer Bierflasche auf dem Fussbode. (Quelle: dpa/Frank Röder)Wenn man GHB und Alkohol zusammen konsumiert, potenziert sich die Wirkung.

Befördern Dosierhilfen den Konsum?

Die Berliner Clubbetreiber polarisiert das Thema. Die einen plädieren dafür, Pipetten an der Bar bereitzustellen. Die anderen wollen die Dosierhilfen nicht offerieren, weil sie Angst haben, den Konsumenten damit ein falsches Signal zu senden. In diesem Konflikt zeigt sich im Kleinen die grundsätzliche Debatte über den Umgang mit Drogen. Befürworter einer präventiv-toleranten Drogenpolitik stehen denen einer repressiv-ablehnenden Einstellung zum Drogenkonsum gegenüber.

Clubcommissionssprecher Reintjes beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Substanzkonsum in Clubs und hat die Erfahrung gemacht, dass sich nur mit einer anhaltenden informationsbasierten Drogenarbeit Notfälle vermeiden lassen.  Dafür wünscht sich Reintjes die Unterstützung des Senats und dauerhaft den Auftrag, die Clubgänger aufzuklären. Die Clubcommission begrüßt das Drug-Checking Modell des rot-rot-grünen Senats, das 2020 starten soll. Hier sollen Konsumenten ihre Drogen testen lassen können und gleichzeitig aufgeklärt werden.

Entzug von GHB schwieriger als von Heroin

Auch Konsumentenforscher Betzler hält eine akzeptierende Präventionsarbeit für den richtigen Weg. Man könne einerseits Dosierhilfen ausgeben und andererseits kenntlich machen, dass die Droge unerwünscht ist. Dass Konsumenten über die extreme Suchtgefahr aufgeklärt werden müssen, sieht er bei seinen Patienten. Betzler nennt die Substanz sein "Sorgenkind" unter den Partydrogen.

Denn die körperliche Abhängigkeit mache den Entzug von GHB viel schwieriger als von Heroin: "Teilweise landen die Patienten auf der Intensivstation, weil die körperlichen Entzugserscheinungen so massiv sind, dass wir sie mit unseren herkömmlichen Methoden nicht in den Griff bekommen." Die Rückfallquote ist hoch. Viele von denen, die zu ihm kommen, sieht Betzler mehr als einmal. Zudem warnt der Arzt davor, sich mit dem Lösungsmittel irreversibel die Schleimhaut in Speiseröhre und Magen zu verätzen.

GHB-Konsument Daniel ist sich dieses Risikos bewusst. Jedem anderen würde er deshalb von "G" abraten. Auf den Rausch möchte er deshalb trotzdem nicht verzichten.

*Name von der Redaktion geändert.

Sendung: Inforadio, 23.10.2019, 8 Uhr

Beitrag von Jenny Barke

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16 Kommentare

  1. 14.

    Ich habe kein Mitleid, über Drogen wird seit den 80ern ("Keine macht den Drogen")weltweit intensiv aufgeklärt.
    Wer dennoch so dämlich ist und das Zeug konsumiert, hat nichts gelernt.
    Daran ist auch die viele Freizeit und Nutzlosigkeit der "Jugendlichen" schuld.

  2. 12.

    Drogen wie Cabbabis, Kokain u. Meth sind inzwischen in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Auch bei Erwachsenen, denen man das eigentlich so nicht zutraut. Im Übrigen kenne ich nur sehr wenig Jugendliche, die Drogen konsumieren. Ein Kiffer im Bekanntenkreis und einer, der etwas zu oft trinkt. Die Anderen haben da keine Lust drauf, keine Zeit für und sind zu aufgeklärt und vernünftig. Um auch mal etwas Positives zu schreiben...

  3. 11.

    Bezüglich der Ursachenforschung gebe ich Ihnen uneingeschränkt Recht! Das ist die Voraussetzung für eine effektive Prävention.

    Bezüglich "Jugend Schuld geben": ich glaube, es betrifft bei Weitem nicht nur Jugendliche, auch wenn diese sicher den Hauptteil der Konsumenten stellen. Insofern geht mein Schuldvorwurf nicht an Altersklassen selbst sondern eher an bestimmte Klientels, die den Konsum von Drogen für einen größeren Kick tolerieren oder sogar befördern. Drogen sind all zu oft ein Gruppenphänomen, zumindest der Einstieg dazu!

  4. 10.

    Ich stimme Ihnen ja soweit in allen Punkten zu, Ihre Antwort galt aber eher @Markus2, oder?^^

  5. 9.

    @Chrissy

    Moderne Drogen sind, meines Erachtens, alle psychoaktiven Substanzen, die man im Reagenzglas basteln kann.
    Den Beginn der modernen Droge und deren massenhaften Einsatz würde ich um 1939 bis 1945 verorten.

    Alte Drogen sind Opium und andere Pflanzenextrakte, die schon mehr als 2000 Jahre für "Spaß" sorgen.
    THC wird mindestens ebenso lange konsumiert. Das Heranzüchten extrem THC haltiger Pflanzen ist ein sehr junges Phänomen.

  6. 8.

    Es bedarf Ursachenforschung. Warum werden Menschen immer süchtiger? Warum brauchen Menschen Drogen? Liegt es womöglich an unserer unempathischen Spaß- und Konsumgesellschaft? Am immer größer werdenden Egoismus? Am immer rauher werdenden Ton miteinander? Seit Jahrzehnten wurde alles daran gesetzt, dass wir eine Freizeitgesellschaft mit materiell immer höheren Ansprüchen werden. Seit den 60-er Jahren war das das Bestreben. Und wo wir jetzt angekommen sind, ist das Ergebnis von drei Generationen, die das so wollten. Da muss angesetzt werden. Nicht mit dem Finger auf die heutige Jugend zeigen und die Schuld abwälzen.

  7. 7.

    Alltag ist, dass Menschen immer noch glauben, mit Rauschmitteln aller Art umgehen zu können und deshalb bereit sind, den Kick für den Rausch einzugehen. In Wahrheit hat kein Süchtiger seine Sucht im Griff, egal ob Alkohol, Tabak, Spielsucht oder eben berauschende Substanzen. Jeder Süchtige belügt sich da selbst, redet die Situation schön und merkt gar nicht bewusst, dass sowohl Frequenz als auch Menge der Droge ständig erhöht werden müssen, will man die Sucht noch befriedigen. Irgendwann leidet der Süchtige durchaus darunter, weit vorher aber meist die Angehörigen. Von den Kosten für die Gesellschaft ganz zu schweigen. Dabei gibt es natürlich Drogen, von denen man leichter wieder weg kommt. Die Substanzen, um die es hier im Artikel geht, gehören aber allesamt nicht dazu. Daher kann es nur Ziel sein, diese gesellschaftlich so weit abzulehnen, dass niemand damit überhaupt anfängt. Das bedarf frühzeitiger Aufklärung und Prävention.

  8. 6.

    Drogenabhängige und Dealer werden seit Jahrzehnten gejagt, die Kosten trägt die Allgemeinheit. Bitte, was möchten Sie ändern, denn das was Sie beschreiben ist z. Zt. Alltag.
    Vielleicht sollten Sie sich erst mal über echte Prävention informieren und dieses nicht mit den 1-5 Pflicht- Schulstunden vergleichen, in der Bildungsmaterial aus den letztem Jahrtausend genutzt wird, welches auch zur Erheiterung der Schüler beiträgt
    Wenn die Menschen mit Drogen umgehen könnten, gäbe es nicht so viele Notfälle. Dazu zählt auch der übermäßige Konsum von Alkohol.

  9. 5.

    So sehr Sie vor "modernen Partydrogen" auch warnen: Wie sieht es bei Ihnen mit den alten, etwablierten Partydrogen aus?

  10. 4.

    Deswegen brauchts eine Legalisierung. Kontrollierter, nicht so hoch gezüchteter Anbau, Abgabe weg vom kriminellen.Milieu. Es führt kein Weg daran vorbei. Es sei denn, unsere Politik will sich weiterhin taub und blind stellen.

  11. 3.

    Die Methode "Zuckerbrot und Peitsche" wird nicht funktionieren, also einerseits Unterstützung in Form von Pipetten oder Tests bereit stellen, andererseits aber auf Aufklärung zu bauen. Die Konsumenten sind gut aufgeklärt und gehen die Risiken sehr bewusst ein, weil sie auf ihren Rausch nicht verzichten wollen. Daran wird auch Aufklärung nichts ändern. Das Zeug wird trotzdem weiterhin eingeworfen, gespritzt oder geschnüffelt. So lange der Leidensdruck unter den Drogen nicht groß genug ist, besteht beim Abhängigen kein Anlass, davon weg zu kommen. Da die Drogen extrem billig sind, ist dieser Leidensdruck aber kaum relevant. Abhängige müssen sich nicht prostituieren oder für die Drogen kriminell werden. Wenn sie irgendwann ihr Leben nicht mehr im Griff haben, sind sie in den Klubs aber nicht mehr erreichbar. Die Hilfe wäre also für die Falschen da. Die Drogen müssen gesellschaftlich geächtet werden, solche Konsumenten konsequent ausgegrenzt werden plus Aussteigerprogrammen.

  12. 2.

    Hallo Roman, was war denn in den 70. ziger LSD?.
    Auch eine syntetische Droge.
    Also hat sich geändert!

  13. 1.

    Ich habe auf einem Festival vor etwa 10 Jahren den Tod eines jungen Mannes erlebt. Der hatte sich mit flüssigem Ecstasy den Abend versucht, schöner zu machen.

    Das ist eine Seite der Geschichte.

    Die andere Seite wird so gut wie gar nicht in den Medien behandelt. Zwar wird ein Psychiater zitiert, nicht aber sein Aufgabenspektrum.

    Diese Partydrogen triggern massiv Psychosen.

    Die Psychiatrien sind voll von Leuten, die nicht mehr "runter" kommen.

    Ich kann daher nur vor modernen Partydrogen warnen. auch THC haltige Substanzen sind gefährlich. Der THC Gehalt ist im Verlauf der letzten 10 -15 Jahre massiv angestiegen.

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