Ein Mann zeigt am 05.03.2016 in Rathenow (Brandenburg) dem Fotografen ein Schild mit der Aufschrift "Lügenpresse". (Quelle: dpa/Zinken)
Audio: Inforadio | 12.04.2019 | Doerthe Nath mit Jenny Barke | Bild: dpa/Zinken

Interview | Psychologe über Klimaleugner - "Die Frage nach dem Klimawandel ist hochgradig politisch"

Eine rbb|24-Datenauswertung zeigt, dass Berlin und Brandenburg durch den Klimawandel heiße Zeiten erwarten könnten. Leser warfen rbb|24 daraufhin Propaganda vor. Im Interview erklärt Psychologe Klaus Oberauer, warum es beim Thema Klimawandel oft um mehr als Fakten geht.

rbb|24: Herr Oberauer, Klimaforscher auf der ganzen Welt beschäftigen sich täglich mit Klimadaten. Ein Großteil von ihnen kommt zu dem gleichen Schluss: Der Klimawandel findet statt. Wieso leugnen so viele Menschen diese Fakten?

Klaus Oberauer: Die meisten Menschen orientieren sich in dieser Frage an ihren politischen und gesellschaftlichen Bezugsgruppen. Nicht an den Wissenschaftlern, die sich von Berufs wegen mit dem Thema beschäftigen. Sondern an Politikern und Menschen des öffentlichen Lebens, dem Freundes- und Bekanntenkreis, also denjenigen, denen sie vertrauen. Dadurch formt sich die eigene Einstellung und danach suchen sie sich heraus, welchen Experten sie glauben. Ich glaube, so ungefähr ist der Gedankengang. Und man findet zu jeder Auffassung jedes Themas irgendeinen Experten, der das bestätigt, was man gerne glauben möchte.

Sowohl unsere Datenauswertung zum Klimawandel in Berlin und Brandenburg als auch die dazugehörigen Posts in den sozialen Netzwerken werden sehr häufig und emotional diskutiert. Es entsteht der Eindruck, dass der Klimawandel keine Faktenfrage ist, sondern eine Glaubensfrage.

Das hat sicher damit zu tun, dass das Thema in politischen Kontexten diskutiert wird. Es geht eben nicht nur darum, die wissenschaftliche Frage zu erörtern. Wenn ich frage, "Was hat die Auslöschung der Dinosaurier ausgelöst?", kann ich das wunderbar distanziert diskutieren. Egal, welche Meinung ich über Dinosaurier habe, hat meine Meinung keinerlei politische Konsequenzen.

Und das ist beim Thema Klimawandel anders?

Die Frage des Klimawandels ist hochgradig politisch. Denn die Einstellung, die Auffassung, die man dazu hat, hat unweigerliche Konsequenzen für das politische Handeln. Deshalb kommen schnell organisierte Interessen- und Lobbygruppen ins Spiel. Die wollen entweder Maßnahmen gegen den Klimawandel pushen oder versuchen andererseits, diese zu blockieren. Je nachdem, welche politischen und gesellschaftlichen Interessen sie haben.  

Klimaskeptiker haben die schlimmsten Fantasien, wie ihre Freiheit beschnitten werden könnten. Dass Politiker ihnen jetzt das Autofahren oder Fliegen verbieten.

Psychologe Klaus Oberauer

Wem stehen Klimaskeptiker nahe?

Am meisten wird zu dem Thema in den USA geforscht und auch wir forschen zu Klimaskeptikern im angelsächsischen Raum. Dort haben wir die Erfahrung gemacht, dass die politische Orientierung eine Variabel ist, die uns am ehesten erlaubt, vorauszusehen, welche Einstellung eine Person zum menschengemachten Klimawandel haben wird. Für die US-Population gilt: Wer den Republikanern nahe steht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Klimawandel skeptisch gegenüberstehen. Demokraten äußern sich dazu eher befürwortend.

Interessant dabei ist, dass die Entscheidung Pro oder Contra Klimawandel bei beiden Gruppen nichts damit zu tun hat, was die Menschen über den Klimawandel wissen, sondern es ist im Wesentlichen ein politisches Statement. Man könnte aus wissenschaftlicher Sicht sagen, dass – und das ist das tragische daran – eine an sich wissenschaftliche Frage in den Köpfen vieler Menschen zu einer Art Gesinnungsäußerung geworden ist.

Lässt sich dieses Modell auch auf Europa oder Deutschland übertragen?

Ich habe den Eindruck, dass es auch in Europa eine mehr und mehr emotional diskutierte Frage ist als eine faktenbasierte. Dennoch möchte ich die Einteilung nicht per se auf europäische Länder übertragen. In Deutschland steht auch die CDU noch fest auf dem Boden der Wissenschaft. Bisher leugnet parteipolitisch nur die AfD den Klimawandel.

Welche Menschen leugnen in Deutschland den menschgemachten Klimawandel?

Das sind auch Personen, die eher politisch rechts stehen oder eher wirtschaftsliberal denken. Denn eines haben die Klimaleugner in den USA und Deutschland gemeinsam: Sie haben Angst vor den Einschränkungen im freien Markt. Wer den Klimawandel akzeptiert, muss auch politische Konsequenzen mit tragen. Wenn man auf Grund seiner Weltanschauung dem freien Markt ganz stark verpflichtet ist, ist das ein starkes Motiv, dem Klimawandel skeptisch gegenüberzustehen.

Haben diese Menschen Angst?

Mehr als die Angst vor dem Klimawandel ist es die Angst vor der Herausforderung des Klimawandels. Die Menschen empfinden die Debatte darum und insbesondere um die am Horizont aufscheinenden möglichen Änderungen, die ja wahrscheinlich auch ihren Lebensstil betreffen werden, als furchteinflößend. Sie haben die schlimmsten Fantasien, wie ihre Freiheit eingeschränkt werden könnte. Dass irgendwelche Politiker, die an die Macht kommen, das Fliegen oder Autofahren komplett verbieten. Die meisten Menschen machen sich auch kein sehr genaues Bild davon, wie die politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen aussehen müssten. Das löst ihren Widerstand aus.

Uns wurde bei Facebook unter anderem Propaganda vorgeworfen. Warum ist für einige Leser die Möglichkeit wahrscheinlicher, dass Medien, Politiker und Forscher unter einer Decke stecken, als die Möglichkeit, dass die Daten stimmen?

Wer den menschengemachten Klimawandel leugnen und damit einigermaßen argumentationsmächtig auftreten möchte, der muss sich irgendeine Geschichte überlegen, warum ein Großteil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema auskennen, sich einig ist. Es wäre nicht besonders plausibel, all diese Forscher für inkonsequent und dumm zu erklären. Es ist einfacher, sie des Komplotts zu bezichtigen. In dem Zusammenhang müsste man dann konsequenterweise auch sagen, dass alle Politiker und Journalisten sowieso nur darauf aus sind, uns zu betrügen. Wenn man in diese Richtung argumentiert, hat man den Schritt hin zu einer Verschwörungstheorie eingeschlagen. Der von Ihnen genannte Kommentar ist ein Ausschnitt daraus.  

Einige Kommentatoren glauben zwar an den menschgemachten Klimawandel, argumentieren dann aber, dass sie nichts mehr dagegen tun können. Reale Ohnmacht oder Ausrede?

Es ist wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Die Situation, die sich uns heute aus wissenschaftlicher Sicht darstellt, kann schon sehr leicht den Eindruck von Ohnmacht auslösen. Es ist wirklich 30 Sekunden vor 12: Wir haben nur noch ein ganz kleines Zeitfenster, um das Ruder nochmal rumzureißen und großen Schaden von unserem Planeten abzuwenden. Also konkret ein Jahrzehnt oder anderthalb. Andererseits ist der Schluss "Mir egal, dann fahre ich einfach weiter meinen SUV" ein bisschen von der persönlichen Bequemlichkeit beeinflusst.

Welche Argumente könnten Skeptiker zum Nachdenken bringen?

Wir müssen unterscheiden. Menschen, die sich ganz stark eingemauert haben und schon komplett den Verschwörungstheorien glauben. Die wird nichts mehr überzeugen, weil Verschwörungstheorien der Natur nach so gebaut sind, dass sie argumentations- und faktenresistent sind.

Aber der Großteil der Klimaskeptiker oder Leugner ist nur unsicher und hat keine festgefahrene Meinung. Ich denke, bei diesen Menschen würde ich nicht allein auf die wissenschaftlichen Argumente des menschgemachten Klimawandels setzen, sondern viel darüber sprechen, was die Ängste auslöst. Also welche Möglichkeiten gegen den Klimawandel gibt es, die nicht die persönliche Freiheit einschränken. Wir müssen den Skeptikern außerdem zeigen, dass das nicht gleich den Umsturz der freien Marktwirtschaft nach sich zieht. Und wir sollten mehr über die wirtschaftlichen Chancen reden, zum Beispiel die ein wirtschaftlicher Umbau hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaft bedeutet, die ganzen Arbeitsplätze die dadurch entstehen. Solche Argumente in den Vordergrund zu rücken, würde am ehesten helfen, die Menschen zu mitzunehmen.

Das Gespräch mit Klaus Oberauer führte Jenny Barke. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung.

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73 Kommentare

  1. 73.

    Der Herr ist also Psychologe? Akademiker? Wissenschaftler? Allein die Eingangsfrage: klar findet ein Klimawandel statt und hat auch immer stattgefunden! Erweitert darum, wie weit da menschlicher Einfluß eine Rolle spielt, verfällt auch dieser Herrn ein ein stupides schwarz/weiß. Die Möglichkeit, daß dieser Einfluß den Wandel verstärkt, möglicherweise ihm aber auch entgegenwirkt, daß keine eindeutige Aussage gibt, erkennt der Psychologe nicht (Rhetoriker ist er auch nicht, Metereologe schon gar nicht).
    @EinTSamstag, 13.04.2019 | 13:01 Uhr
    Antwort auf [Tine] vom 11.04.2019 um 22:54
    "Dann muss eben die Bevölkerung schrumpfen oder nicht mehr so stark wachsen."
    Zu dem Thema gibt es Untersuchungen (u.A., wie Co2-schädlich Kinder sind, insbes. in westli. Industrieländern). Wenn man das thematisiert, wird man üblicherweise beim Staatsfunk zensiert.

  2. 72.

    Eher so:
    Nichts gäbe es, was nicht von einschlägiger Seite infragegestellt würde, wenn es darum geht, eigene vermeintliche Nachteile abzuwehren. Und hätte sich nicht die amtliche katholische Kirche mit 500 J. Verspätung bei Kopernikus und Galilei entschuldigt, so käme doch noch glatt mindestens einer an, der unter Beiziehung wissenschaftlicher Potenz das sonnenzentrierte Weltbild als hahnebüchenen Unsinn bezeichnete.



  3. 71.

    So sehr wir uns als Menschen nicht zu wichtig nehmen sollten, so sind doch Ihre Zeilen eher eine Persönlichkeitsverleugnung um den Preis der Verleugnung des menschlichen, zusätzlichen Anteils beim Klimawandel.

  4. 70.

    Niemand wird einen Klimawandel in Abrede stellen, nur der Hype darum.......
    Das Klima wandelt sich seit Abertausenden von Jahren, es gab Eiszeiten und Hitzezeiten, irgendwann vor ein paar tausend Jahren kam der Mensch, irgendwann verschwindet er auch wieder.
    Also ist der Klimawandel der hier so vehement kämpferisch beschriehen wird nur ein egoistisches Konstrukt um das eigene Dasein

  5. 69.

    ja und nun? ist schon der Hinweis darauf, das dies vor 9 Jahren gesendet wurde, heute bereits ein Gesinnungsverbrechen?

  6. 68.

    Und wie ich woanders schon schrieb:

    Dieser ganze Kreis war vor 20 Jahren schlichtweg nicht zu sehen.
    Da ging es nämlich um das Entstehungsstadium der Ergebnisse. Erarbeitet seitens unabhängiger Wissenschaftler, die recht mühsam und in unendlicher Geduld und Kleinarbeit die verschiedensten "Akteure" von ihren Ergebnissen überzeugen mussten.

    Dass erst nach Bekanntwerden der Maßnahmen gegen den Klimawandel einige Wissenschaftler sich dazu hinreißen lassen, Kontra-Stellungnahmen zu verfassen, verlagert deren Ausgangspunkt, aus unterschiedlichen Motiven heraus recht einschlägig tätig zu werden.

  7. 66.

    Interessant was sie hier so auffahren, ich fasse mal zusammen:

    - Ein Beitrag aus 2010!

    - Ein Kanal auf YT von "BilderbergerTV", extrem rechts, antisemitisch und islamophob (nach den hochgeladenen Beiträgen geurteilt)

    - Im Beitrag kommt der erzkonservative Norbert Bolz vor, der mal wieder seine abstrusen Thesen unters Volk bringen kann https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Bolz#Forschungsschwerpunkte_und_Positionen

    - and last but not least Christoph Spielberger, Autor u.a. bei achgut.com und Die Freie Welt. "Die Ausrichtung des Blogs ist klar rechts. Das Medium ist Teil des Vereinsnetzwerks Zivile Koalition der AfD-Politiker Beatrix und Sven von Storch."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Freie_Welt

    Über die sog. "Achse des Guten" muß man wirklich kein Wort mehr verlieren https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Achse_des_Guten

    Kurzum, Klimawandelleugner vom ganz rechten Rand.

    Nice try

  8. 65.

    der Bericht ist aus 3SAT "Kulturzeit" vom 19.01.2010. https://m.youtube.com/watch?v=BavBcLhEOzE
    Der Klimawandel - Die neue Religion?

  9. 63.

    Sollten sie ein Interesse daran haben dass man sie ernst nimmt sollten sie anfangen Fakten anzuerkennen und auf Fake News verzichten.

  10. 62.

    "Wer diesbezüglich keinen Spott erträgt, lebt in einer anderen Dimension als ich."

    Spott? Was sie hier betreiben ist kein Spott und was die andere Dimension angeht muß ich ihnen recht geben. Manche sagen auch Echokammer dazu.

  11. 61.

    Wenn ich den Klimawandel leugne bin ich also politisch rechts! Eine interessante These! .

  12. 59.

    Wenn wir bei der vorgeschlagenen Bevölkerungsschrumpfung den Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoffen und Energie ansetzen, dann brächte eine Bevölkerungsreduzierung hierzulande auf 10 % des jetzigen Bestandes zweifellos am meisten. Hinter den USA, die auf 5 % schrumpfen müssten. ;-

  13. 58.

    Dann muss eben die Bevölkerung schrumpfen oder nicht mehr so stark wachsen. Die Natur reguliert das schon, wenn es ihr zu viel wird. Und der Mensch führt ja auch Kriege. Nun muss nur noch an der Geburtenrate etwas reguliert werden. Dann ist wieder Platz da....

  14. 57.

    Mich wundert viel mehr, dass es dort in den USA so kalt war und der DWD Kälte bis hin zu möglichen Schneefall fuer das Wochenende in Deutschland angesagt.

  15. 56.

    ... wundert mich nur, daß Ihnen als lebenslang tätige Meteorologin beim Abtippen nicht selber aufgefallen ist, daß die auffälligen Minusgrade der vergangenen Woche nicht aus Brandenburg stammen können.

  16. 55.

    Nichts für Ungut - das hat mein Physiklehrer früher auch immer gesagt, wenn man ihn dabei ertappt hat, einen Fehler gemacht zu haben...

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