Schülerinnen bei einer "Fridays for Future"-Demo am 5. April 2019 in Berlin (Quelle: imago/Stefan Boness/Ipon)
Audio: rbb|24 | 23.05.2019 | O-Ton Volker Quaschning | Bild: imago/Stefan Boness/Ipon

Interview | Fridays for Future - "Eines meiner Kinder ist aus Klimagründen Veganer geworden"

Bei Familie Quaschning aus Berlin sind die Rollen klar verteilt: Vater Volker ist bei Scientists for Future, die Mutter bei Parents for Future, die Kinder bei Fridays for Future. Eigentlich auch kein Wunder - denn Volker Quaschning forscht zu klimarelevanten Themen.

rbb|24: Herr Quaschning, fühlen sie sich eigentlich schuldig dafür, dass Ihre Generation zu wenig getan hat, um den Klimawandel zu verhindern oder umzudrehen?

Volker Quaschning: Gute Frage. Im Prinzip ja. Ich bin ja Teil der Generation und auch Teil der Bevölkerung auf dem Planeten, die verantwortlich ist. Wenn ich ein Einwohner gleichen Alters in Kenia wäre, dann wäre mein ökologischer Fußabdruck so gering, dass ich im Prinzip kaum etwas zur Situation beigetragen hätte. Aber hier in unserem Teil der Erde haben wir doppelt so viel CO2-Ausstoß pro Kopf wie der Durchschnitt der Menschheit. Ich habe zwar im Rahmen meiner Möglichkeiten versucht, diesen zu reduzieren. Doch wenn man den Wert sowieso nicht auf Null reduzieren kann, geht man auch manchmal Kompromisse ein. Weil man auch als Wissenschaftler sieht, dass es gar nicht möglich ist, klimaneutral zu sein. Und da kann ich schon sagen, dass ich viel konsequenter hätte sein müssen.

Sie selbst engagieren sich ja bei Scientists for Future. Auch bei Parents for Future?

Parents for Future macht bei uns in der Familie im Wesentlichen meine Frau. Die Kinder machen Fridays for Future und ich bin eben bei Scientists for Future.

Was sagen Ihre Kinder zu Ihrem Engagement?

Ich bin als Wissenschaftler ja schon seit vielen Jahren im Klimabereich. Deshalb ist die Klima-Sache bei uns in der Familie nicht neu. Daher war das eigentlich relativ selbstverständlich.

Ihr Engagement ist Ihren Kindern nicht peinlich?

Nein. Eher im Gegenteil. Ich denke eher, dass sie ein wenig stolz darauf sind, dass sich da auch ihre Eltern reinhängen.

Was hat sich in ihrem Alltag durch den Einsatz fürs Klima verändert?

Eines meiner Kinder, das schon lange Zeit Vegetarier war, ist jetzt aus Klimagründen Veganer geworden. Was auch durchaus Sinn macht. Ich kann das aus wissenschaftlicher Sicht sehr begrüßen, weil etwa ein Sechstel aller Treibhausgase aus der Viehzucht kommen. Der Schritt von vegetarischer auf vegane Ernährung ist deswegen sehr spannend. Bei vegetarischer Ernährung sind nämlich meist sehr viele Milchprodukte enthalten, die ebenfalls einen hohen Fußabdruck haben. Mein Kind macht das mit enormer Konsequenz, isst auf Klassenfahrten dann auch mal nur ein trockenes Brötchen, wenn es nichts anderes gibt. Wir haben daher auch zu Hause von überwiegend vegetarischer auf überwiegend vegane Ernährung umgestellt. Ich versuche das weitgehend zu übernehmen. Bin aber viel unterwegs auf Dienstreisen und da wird das manchmal auch sehr anstrengend. So radikal, dass ich dann lieber eine trockene Schrippe esse, bin ich nicht.

Fliegen Sie denn gemeinsam in den Urlaub?

Privat haben wir Flugreisen schon vor mehreren Jahren eingestellt. Dienstlich bin ich in diesem Jahr einmal geflogen. Aber auch solche Flüge sind für mich inzwischen auf dem Prüfstand. Es müsste jetzt ein enorm wichtiger Grund vorliegen, dass ich mich mit dem Flugzeug bewege. Ich sage Termine inzwischen auch einfach ab und versuche, die Radikalität in Sachen Transport an den Tag zu legen, die man eigentlich müsste.

Ist so zu leben in einer Stadt wie Berlin leichter als irgendwo auf dem Land?

Ja. Wir fahren beispielsweise relativ wenig Auto. Jeder hat eine Monatskarte. Das ist auf dem Land ja schon viel schwieriger, wenn man eine schlechte ÖPNV-Anbindung hat. Bei der Ernährung kommt es darauf an, ob man beispielsweise einen Bioladen in der Nähe hat, der entsprechende Alternativen anbietet. Wenn man nur bei Aldi einkaufen kann, kann man auf dem Land die Konsequenz in der Art und Weise vielleicht nicht durchziehen.

Es gibt den Vorwurf, diese umweltverträgliche Lebensweise wäre nur etwas für Menschen mit dem entsprechende Geldbeutel. Ist das so?

Nein. Absolut nicht. Man muss nur einmal nachschauen, was ein Autokilometer kostet. Das ist ja die teuerste Art der Fortbewegung. Man darf eben nicht nur den Sprit rechnen, sondern auch Anschaffung und Unterhaltung. Unser Hybridauto kostet uns bei geringer Gesamtfahrleistung einen Euro pro Kilometer. Also da kann ich mich mit dem Taxi zum Bahnhof fahren lassen und erste Klasse Bahn fahren. Vegane Ernährung ist auch nicht teurer als nicht vegane. Gerade Fleisch und Milchprodukte sind nicht immer billig. Bei frischen Sachen aus dem Bioladen wird es ein bisschen teurer.

Umweltverträglich leben bietet in vielen Bereichen - weil man oft auf Sachen verzichtet oder sie anders macht - die Möglichkeit, Geld zu sparen. Man konsumiert ja auch nicht mehr so viel dann. Außerdem kauft man langlebigere Produkte, die am Anfang zwar ein bisschen teurer sind, aber auch drei Mal so lange halten. Wenn ich das strategisch durchziehe, macht sich das irgendwann auch positiv im Geldbeutel bemerkbar.

Hunderte Menschen stehen vor den Sicherheitskontrollen am Flughafen Tegel Schlange (Quelle: rbb/Friederike Sittler)
Lange Warteschlangen - wie hier am Flughafen Tegel - entfallen, wenn man nicht mehr fliegt | Bild: rbb/Friederike Sittler

Fällt Ihnen der Verzicht an irgendeiner Stelle besonders schwer?

Eigentlich geht alles leicht. Vegan zu leben ist manchmal, wenn man unterwegs ist, etwas anstrengend. Wir haben neulich mal versucht, Kuchen zu kaufen. Da waren in der Bäckerei alle mit Butter. Das hatte sich dann erledigt. In Sachen Flugverzicht geht aber alles wunderbar. Mit dem Zug zu fahren ist sogar stressfreier als zu fliegen. Wir haben beispielsweise Ostern entspannt bei supersonnigem Wetter auf der Terrasse verbracht. In den Radionachrichten hieß es, man solle drei Stunden früher an den Flughafen kommen, weil die Kontrolle durch den Osterreiseverkehr so viel länger dauere. Da saß ich im Liegestuhl auf der Terrasse, während die anderen drei Stunden anstanden. Wer hat jetzt den besseren Urlaub?

Denken Sie, dass das ganze Thema Klimaschutz, wie manchmal in den Medien unterstellt, für die Jugendlichen nur ein Trendthema ist und deren Interesse bald wieder abebbt?

Das Thema wird nicht mehr verschwinden. Einen Trend kann man ja ausprobieren und es auch wieder lassen – und das hat im Großen und Ganzen keinen Einfluss auf die Menschheit. Das was jetzt aber in Sachen Klima passiert ist ja immer noch zu wenig, um die Klimafolgen abzupuffern. Wir müssten ja in Deutschland den nächsten 15 Jahren komplett klimaneutral werden. Wenn wir das nicht schaffen, werden die Klimafolgen radikal sein. Das heißt, selbst wenn das Interesse am Thema irgendwie abebben würde, werden wir später durch Naturkatastrophen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können, wieder daran erinnert werden, dass man tunlichst was tun sollte.

Was muss denn passieren? Müssen wir mehr aufgeben als nur unsere Bequemlichkeit?

In vielen Bereichen können Einzelne gar nicht so viel tun. Wenn ich den Fuß auf die Straße setze und in den Bus einsteige, reduziere ich zwar meine persönliche Bilanz, die BVG nutzt aber auch Strom aus Kohlekraftwerken. Das heißt, ich habe oft gar keine Chance, klimaneutral zu sein. Deshalb muss zwar jeder einzelne für sich seine Hausaufgaben erledigen, aber auf der anderen Seite muss der Druck auf die Politik so groß werden, dass die Bereiche im öffentlichen Leben, auf die ich als Privatmensch keinen Einfluss habe, auch klimaneutral gemacht werden.

Gehen Sie morgen als Familie geschlossen zur Demo?

Ja. Nur eines der Kinder geht zur Schule.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Dieser mensch hat kein komisches Auto, sondern einfach die tatsächlichen Kosten wie Sprit, Versicherung, Steuern, Wartung, Reparatur und Wertverlust mit eingerechnet. Bei gringer Kilometerleistung kann man da schon auf diesen Wert kommen.

  2. 11.

    Sie verwechsel Angstmache mit dem Anerkennen von Fakten und dem entsprechenden Handeln.

  3. 10.

    @Der, der nimmer lacht: Sie dürfen sich von der Mehrheits-Mehrheits-Mehrheits-Mehrheitsmeinung der Klima“experten“ auf keinen Fall Angst vor der Klimaapokalypse machen lassen. Die GRN haben für besorgte Bürger wie Sie extra auf einem Wahlplakat propagiert: „Eine mutige Gesellschaft lässt sich keine Angst machen“. Oder soll der angeblich menschgemachte Klimawandel da etwa eine Ausnahme machen? Für den Fleischkonsum gilt wie gesagt: jeder nach seinem Gusto.

  4. 9.

    Volle Unterstützung meinerseits. Aber der geschätzte Forist SB vertritt mit seinem Bezweifeln des menschengetriebenen Klimawandels nicht eine Mindermeinung, sondern nach Umfragen bei Wissenschaftlern, die zum Klimaschutz forschen, einer Minder-Minder-Minder-Mindermeinung an.

  5. 8.

    Was hat denn dieser Mensch für ein komisches Auto? Meiner kostet mich 5cent pro km mit LPG.Und der ist wahrscheinlich umweltfreundlicher als dieser Hybrid.Auch in allen anderen Dingen ist das Denken wohl nicht so ausgeprägt.Deutschland hat weltweit einen CO2 Anteil von 2 %. Dem Klima ist es schnurzpiepegal wie viel trockene Brötchen dieser Mann isst. Aber soll er mal schön weiter seine trockenen Brötchen essen!Im Übrigen Trinken erhöht das Denkvermögen...

  6. 7.

    "Eines meiner Kinder ist aus Klimagründen Veganer geworden"
    Darf das ein Kind entscheiden, krank zu werden?

  7. 6.

    “Seit tausenden von Jahren bewährte Lebensmittel” - sie meinen Fleisch? Das wird nun leider aber nicht mehr auf die in Ihren Augen bewährte , bäuerliche Weise erzeugt, sondern auf furchtbare Weise agrarindustriell, sozusagen top-agrar. Ich freue mich aufs gezüchtete Kunstfleisch. Das schont das Klima, und auf den heutigen monokulturellen Agrarsteppen wachsen dann vielleicht sogar wieder Blumen, Kräuter und Bäume.

  8. 5.

    "Eines meiner Kinder ist aus Klimagründen Veganer geworden"

    Mein aufrichtiges Beileid. Aber keine Sorge, Abhilfe ist in Sicht: Die Massenproduktion von im Labor produzierten Kunstfleisch dürfte schon in wenigen Jahren starten. Dann kann das Kind auch wieder normal essen und braucht sich nicht mehr den Körper zu ruinieren für die Fantasie, mit seinem Verzicht auf wertvolle, seit Tausenden von Jahren bewährte Nahrungsmittel könnte es irgendwie das Schicksal von acht, neun, demnächst zehn Milliarden Menschen beeinflussen.

  9. 4.

    Sie hängen einer umstittenen Mindermeinung an, wenn Sie meinen, der Klimawandel sei nicht vom Menschen verursacht.
    Sie irren aber, wenn Sie glauben, dass ein Umdenken in Deutschland nichts brächte. Wir als Hochtechnologieland haben eine anerkannte Vorreiterstellung. Ausserdem ist Deutschland mit seinen Bemühungen nicht alleine. Und die beiden Länder USA und Brasilien, die sich zur Zeit noch vom Klimaschutz entfernen, werden wieder dabei sein, wenn deren unfähige und törichte Präsidenten erst einmal nicht mehr am Ruder sind. Ausserdem: Der Jugend gehört die Zukunft und die lässt sie sich nicht nehmen.

  10. 3.

    Keins meiner Kinder isst aus Klimagründen Veganer.

  11. 2.

    Die Sache mit der vegetarischen und veganen Ernährung hatte ich auch mit meiner Tochter durch. Hatte aber nichts mit dem Klimanotstand zu tun, vor 10 Jahren gab es sowas noch nicht. Bei vielen Jugendlichen gibt sich das wieder.

  12. 1.

    Selbst, wenn Deutschland in 15 Jahren klimaneutral ist, hat das fürs Klima keinerlei Konsequenzen. Denn D produziert gerade mal 2 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes. Meint der Interviewte ernsthaft, dass sich dadurch irgendetwas am Klimawandel ändert (der ohnehin nicht menschgemacht ist)?
    Zum sonstigen Lebensstil der Familie: Es gibt daran nichts auszusetzen. Jedem nach seinem Gusto.

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