Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Quelle: rbb)
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Video: 14.03.2019 | zibb (bearbeitet von rbb|24) | Bild: rbb

Interview | Johan Rockström zum Klimakochbuch - Kann gesunde Ernährung das Klima retten?

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, will mit einem Kochbuch die Welt verändern - zumindest ein wenig. Wie das gehen soll, verrät er rbb|24 im Interview.  

 

rbb|24: Herr Rockström, Ihr neues Buch heißt "Eat Good: Das Kochbuch, das die Welt verändert". Das klingt sehr ambitioniert.

Johan Rockström: Viele wissenschaftliche Belege zeigen, dass die Ernährung großen Anteil an den rasant zunehmenden globalen Umweltrisiken hat, etwa an der Emission von Treibhausgasen. Rund ein Viertel davon entsteht durch Entwaldung und veränderte Landnutzung. Aber wie wir unsere Ernährung produzieren, ist auch die Hauptursache für den weltweit enormen Wasserverbrauch, die Verseuchung der Gewässer durch Überdüngung und den Verlust an Biodiversität.  

Wissenschaftler veröffentlichten kürzlich, dass wir in den letzten 40 Jahren geschätzte 40 Prozent aller Insekten weltweit verloren haben – hauptsächlich durch den massiven Gebrauch von Pestiziden. Wenn wir es schaffen, unsere Ernährung umzustellen, dann steigen auch die Chancen für den Planeten, für das Klima, die Biodiversität, für das Wasser und für das Land.

Sie sind von Schweden nach Potsdam gezogen. Wo kaufen Sie Ihre Lebensmittel ein?

Es ist ein großes Privileg, in Deutschland zu leben – und ich sage das als Schwede. Wir sind stolz darauf, in Schweden heute überhaupt ökologisches Essen kaufen zu können, aber wir liegen weit hinter Deutschland zurück. In Potsdam kann ich in Geschäfte gehen, die zu 100 Prozent ökologische und regionale Produkte anbieten und nicht nur 10 oder 20 Prozent ökologische Lebensmittel in ihrem Sortiment haben.

Und wie kommen Sie zu den Geschäften?  

Ich freue mich, in einem zentralen Teil Potsdams zu wohnen, ich nehme also das Fahrrad oder gehe zu Fuß. Ich habe auch kein Auto. 

Kochen Sie gerne?

Ich liebe es zu kochen – auch wenn ich kein großer Koch bin. In meinen vergangenen Jahren als Vater kleiner Kinder habe ich besonders gern mit meinen Kindern gekocht. Das ist ein großartiger Weg, zusammen zu forschen und zu lernen. Es mag simpel klingen: Aber was ich besonders gerne tue, ist, in den Kühlschrank zu schauen, was alles darin ist, das bald weggeworfen werden müsste, und dann daraus etwas zu kreieren, etwa eine einfache Pizza oder eine Pastete. Damit kann ich den Kindern zeigen: Wir werfen kein Essen weg, wir essen alles auf, was wir haben. Denn Lebensmittel sind unglaublich wertvoll und haben eine lange Reise von den Feldern der Bauern bis in die Küche hinter sich, bei der eine Menge Energie verbraucht wurde.

Johan Rockström's Klima-Kochbuch "Eat Good" (Bild: rbb-Fernsehen/zibb)
Mit diesem Kochbuch will Prof. Dr. Johan Rockström zeigen, dass Kochen die Welt verändern kann | Bild: rbb-Fernsehen/zibb

Wie wichtig ist es, Kindern beizubringen, sich nachhaltig zu ernähren?

Sehr wichtig! Wir müssen den Kindern zeigen, dass eine Mahlzeit in vielen Schritten entsteht. Und mit ihnen zu den Quelle zurückgeht, woher Tomaten oder Cerealien herkommen, oder wo die Kühe gegrast haben, die Milch liefern.

Welchen Effekt hätte es, wenn jede Brandenburgerin und jeder Brandenburger nur zweimal die Woche klimafreundlich kochen würde?

Im Kochbuch schlagen wir vor, dass jeder deutsche oder schwedische Verbraucher statt bisher 600-700 Gramm rotes Fleisch – also Rind, Schwein oder Schaf – nur 100 Gramm pro Person und Woche isst. Das entspricht den Empfehlungen der Ernährungsforschung, ist aber natürlich eine große Umstellung. Doch es ist hinreichend belegt, dass ein weitgehender Verzicht auf rotes Fleisch die Lebenserwartung hebt, Schlaganfälle, Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes drastisch reduziert. Wir müssen aber nicht Vegetarier werden, sondern zu einer sogenannten flexiblen Kost wechseln. Das bedeutet etwa auch, mehr Gemüse, Nüsse, Hülsenfrüchte und Obst zu essen.

Prof. Dr. Johan Rockström (Bild: imago)
Der Klimaforscher Prof. Dr. Rockström setzt sich mit den Grenzen natürlicher Ressourcen auseinander | Bild: imago

Wieviel Kohlendioxid verbrauchen wir durch die Ernährung?

Wir verursachen pro Person durchschnittlich fünf Tonnen CO2-Äquivalente im Jahr, das ist europäischer Durchschnitt. Wenn wir uns alle gesund ernährten, dann würden wir rund eine Tonne Treibhausgase im Jahr einsparen. Das bedeutet jedoch nicht: Esst gesund und wir retten das Klima. Aber es ist ein Teil, den wir alle leisten können. Und das Tolle dabei ist, dass wir alle gewinnen.

In Berlin und Brandenburg gibt es sehr viele Wildschweine. Sollten wir mehr Fleisch von Wildschweinen essen?

In unserem Kochbuch haben wir etliche Rezepte mit rotem Wildfleisch, denn Wild zu essen, heißt nachhaltig zu essen. Wenn wir Fleisch von Rindern, die Sojafutter erhalten, vergleichen mit Fleisch von lokal erjagten wilden Tieren, dann belastet Wildschweinfleisch aus Brandenburg das Klima sehr viel geringer.

Haben Sie ein Lieblingsrezept in Ihrem Buch?

Ich habe die Rezepte nicht selbst erfunden, sondern eine professionelle Köchin, mit der ich zusammengearbeitet habe - ein großes Privileg für mich. Sie sagte etwa: Lass uns ein Dessert für dich versuchen, du hast ja so viel davon gesprochen, keine Lebensmittel wegzuwerfen. Also: Nimm überreife Bananen, friere sie ein und schneide sie danach in kleine Stücke. Tue sie in den Mixer und du bekommst eine fluffige Eiscreme. Ich habe es dann probiert, und es schmeckte ganz wunderbar.

Haben Sie hier in der Region schon regionale Rezepte entdeckt, die Sie mögen?

Ich mag das Essen hier in Deutschland, die Bratwurst um die Ecke. Eines der ersten Dinge, die ich entdeckte, als ich letzten Herbst nach Potsdam kam, waren die vielen Restaurants mit ellenlangen Listen von Pilzgerichten, ich glaube mit Pfifferlingen, ein fantastisches Essen. Ein gutes Beispiel für nachhaltiges, regionales Essen, saisonal und sehr lecker.

Was hat Sie eigentlich motiviert, ein umweltfreundliches Kochbuch herauszugeben?

Ich forsche schon lange zum Thema nachhaltige Ernährung. Denn wie wir uns ernähren, hat großen Einfluss auf unser Klima und die Zukunft des Planeten. Dazu ist wissenschaftlich belegt, dass gesundes Essen der beste Weg ist für ein gutes und langes Leben. Ich dachte, dass es doch nett wäre, ein Kochbuch mit gesunden und umweltverträglichen Rezepten herauszugeben – und darin gleichzeitig darüber zu informieren, warum nicht nur unsere Gesundheit sondern auch die unseres Planeten von einer nachhaltigen Ernährung enorm profitiert. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Professor Johan Rockström sprach Anne Hoffmann, zibb.

Sendung: zibb, 14.04.2019, 19:00 Uhr

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