Archivbild: Überschwemmung auf Märkischer Allee nach einem Unwetter Berlin, 22.07.2017 (Bild: imago/Andreas Gora)
Audio: rbb|24 | Statement Peter Hoffmann | Bild: imago/Andreas Gora

Klimawandel | Interview mit PIK-Forscher Peter Hoffmann - "Extremsituationen wie 2018 können sich noch verschärfen"

Bei einer weiteren Erderwärmung wird die jährliche Niederschlagsmenge in Berlin-Brandenburg wohl nicht kleiner - sondern eher größer. Warum trotzdem die Gefahr von Dürren besteht, erklärt der Potsdamer Klimaforscher Peter Hoffmann im Interview.

rbb|24: Herr Hoffmann, Berechnungen vom Landesamt für Umwelt Brandenburg sagen, dass bei einem fortschreitenden Klimawandel die Niederschlagsmenge nicht weniger wird - sondern gleich bleibt oder eher noch zunimmt. Gleichzeitig warnen Klimaforscher vor Dürren wie 2018. Wie passt das zusammen?

Peter Hoffmann: Mit fortschreitender Erwärmung kann die Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen. Das Wasser verdunstet in erster Linie über den Ozeanen. Wenn mehr Wasser in der Atmosphäre ist, heißt das aber noch nicht, dass es an einer bestimmten Stelle als Regen runterkommt. Da gibt es mehrere Einflussfaktoren, wie zum Beispiel Wetterlagen.

Es gibt Wetterlagen, die im Sommer viel Regen bringen. Tiefs über Mitteleuropa sind die Wetterlagen mit den höchsten Regenintensitäten - wie im Jahr 2017. Dann ist aber auch die Dauer wichtig: Hält die feuchte Wetterlage lang an, kommt es zu Dauerregen mit starken Überflutungsgefährdungen. Dominiert dagegen, wie 2018, ein Hochdruckgebiet über Mitteleuropa - und das über Wochen -, bleibt der Regen aus. Je nach Andauer dieser Wetterlagen können sich diese Zustände in beide Richtungen verstärken.

Im Winter, so zumindest die Vermutung, wird man verstärkt Westwind-Wetterlagen haben. Diese sind im Winter verbunden mit Regen, also der Einfluss vom Atlantik wird stärker. Im Sommer ist es eher so, dass - aufgrund der globalen Veränderung der Temperaturverhältnisse - die Wetterlagen stärker mäandern: dass man einmal diese feuchten Wetterlagen hat und auf der anderen Seite diese trocknen. Und dann gibt es Jahre, wo eine solche Phase dann auch mal dominieren kann, wie 2018 oder 2017.

Die Daten projizieren für die Zukunft, dass einzelne Regen- oder Schneefälle extremer werden. Warum verteilt sich Niederschlag nicht gleichmäßig?

Wenn man die Jahressumme betrachtet, dann fällt die gleiche Niederschlagsmenge voraussichtlich an weniger Tagen im Jahr. Das zeichnet sich bereits jetzt in Messdaten ab. Denn auch die Anzahl der Trockenphasen steigt. Das heißt: Wenn sich die gleiche Regenmenge auf weniger Tage im Jahr verteilt, müssen die Intensitäten steigen.

Wenn man Jahresniederschläge im Ganzen betrachtet, ist das Problem: Man fasst die trockenen Phasen mit den feuchten Phasen zusammen und sieht in der Summe gar nichts. Aber wenn man gezielt nach Indikatoren sucht - wie zum Beispiel die jahreszeitliche Verteilung aussieht oder extreme Niederschlagsereignisse - dann sieht man schon Veränderungen.

Jetzt schon sichtbar ist eine Niederschlagszunahme in den Wintermonaten und eine ausgeprägte Frühjahrstrockenheit in den letzten Jahren bis Jahrzehnten. Im Sommer variierten die Niederschläge zuletzt sehr stark. Wir hatten 2017 als Jahr mit Rekordniederschlägen - und auf der anderen Seite 2018, das trockenste Jahr seit Beginn von Wetteraufzeichnungen. Solche Entwicklungen verändern oder verschärfen sich unter fortschreitendem Klimawandel.

Den Berechnungen zufolge steigt die Niederschlagsmenge im Winter und sinkt im Sommer. Was sind die Gründe dafür?

Im Mittel nehmen die Winterniederschläge zu und die Sommerniederschläge ab - aber die Extreme können intensiver ausfallen.

Im Winter hat man eher großräumigen Niederschlag. Und beim Übergang zu wärmeren Temperaturen werden die Regenmengen, die fallen, größer. Auch Schneefälle können zum Beispiel intensiver ausfallen, wie sie dieses Jahr gezeigt hat [im Alpenraum, Anm.d.Red.].

Im Sommer sind dagegen ein Großteil der Niederschläge gewittrige Ereignisse. Das heißt: Die sind sehr punktuell. Es gibt also Regionen, wo der Niederschlag fällt, aber in den umliegenden Regionen bleibt es trocken. Wenn man dann über ein größeres Gebiet einen Mittelwert errechnet - dann mittelt man zwischen Regionen, wo gar nichts gefallen ist oder wo sehr viel. Deshalb sieht man die eindeutigeren Trends im Winterniederschlag.

Aber wenn ein Gewitter da ist, dann kann die Intensität zunehmen mit steigender Temperatur.

Beim Brandenburger Landesamt für Umwelt findet sich die Formulierung, die Region Berlin-Brandenburg sei eine der am stärksten gefährdeten in Deutschland - mit Blick auf die jetzigen klimatischen Gegebenheiten und den erwarteten Klimawandel. Ist das so?

Die Region Brandenburg ist speziell durch beide Extreme - Starkregen und lange Trockenperioden - durchaus stärker gefährdet als andere Regionen in Deutschland. Brandenburg ist eine Region, die ja ausgesprochen trocken ist. Aber wir sehen in den Simulationsdaten auch, dass es in einer Region, die bislang trocken ist, nicht zwingender Weise noch trockener werden muss. Das hat damit zu tun, dass sich auch großräumige Veränderungen einstellen.

Bis jetzt haben wir es mit ganz bestimmten Wetterabfolgen zu tun, aber diese verändern sich: dadurch dass sich die Arktis stärker erwärmt oder die Kontinente stärker als die Ozeane. Das verändert gewohnte Wettermuster und kann zur Folge haben, dass Großwetterlagen länger vor Ort verweilen, die eben beispielsweise auch Dauerregen begünstigen, selbst in Regionen, die bislang trocken waren - oder eben Trockenjahre.

Was können die Folgen für Berlin und Brandenburg sein?

Man muss sich mit beiden dieser Extreme auseinandersetzen. Wenn intensive Regenfälle kommen, weiß man nicht, wohin mit dem Wasser. Wassermanagement wird eine entscheidende Rolle bei zukünftigen Planungen spielen. Talsperren müssen immer so gefüllt sein, dass sie auch ein Trockenjahr kompensieren können, sodass eine gewisse Versorgungssicherheit gewährleistet ist.

Aber nichtsdestotrotz: Es wird zukünftig Abfolgen von Witterung geben, die es bisher noch nicht gegeben hat. Ein Beispiel wären zwei Trockenjahre in Folge. Bisher ist es so, dass Grundwasser in erster Linie durch die Niederschläge in den Wintermonaten aufgefüllt wird. Bleiben aber diese Niederschläge im Winter aus und es kommen zwei Trockensommer in Folge, dann können sich Extremsituationen, wie wir sie 2018 gesehen haben, noch verschärfen.

Das hieße dann auf lange Sicht Trinkwasserknappheit?

Trinkwasserknappheit war bisher noch kein Thema, da die Niederschläge im Winter im Prinzip immer ausgereicht haben, um das Defizit im Sommer zu kompensieren. Aber wie gesagt: Wenn sich die gleiche Witterungsperiode über Jahre erstreckt, dann kann es durchaus auch zu Versorgungsengpässen kommen.

Sie hatten gerade schon die Stauseen angesprochen. Was würde es für die Oberflächengewässer bedeuten, wenn immer nur ab und zu Starkniederschläge kommen und dazwischen lange gar nichts?

Das heißt im Sommer längere Niedrigwasserstände mit steigenden Wassertemperaturen. Die wiederum sorgen dann auch dafür, dass die Wasserqualität der Gewässer, der Binnengewässer, schlechter wird. Und auf der anderen Seite auch mal in kürzeren Abständen wiederkehrende Hochwasser.

Kinder gehen am 29.06.2017 in Berlin auf einer überfluteten Straße im Stadtteil Schöneberg über eine Kreuzung. (Quelle: dpa/Stephanie Pilick)

Mir hat ein Wissenschaftler über die Spree gesagt, diese sei eigentlich schon jetzt nur noch so eine Art Fake-Fluss. Weil der Spree Wasser fehlt, vor allen Dingen dadurch, dass die Tagebau-Seen geflutet werden. Stimmt das?

Das stimmt im Prinzip. Durch das Füllen der Tagebau-Löcher wird der Spree mehr oder weniger Wasser entzogen. Trotzdem wird eine gewisse Abflussmenge gewährleistet. Aber in extremen Jahren verringert sich dadurch die Fließgeschwindigkeit und in bestimmten Flussabschnitten, nahe Berlin zum Beispiel, kann es dazu kommen, dass der Fluss rückwärts läuft oder sich die Spree dann teilweise nur aus geklärten Abwässern zusammensetzt.

Wenn man davon ausgeht, dass es mehr Probleme mit dem Wasserhaushalt gibt: Macht es dann noch Sinn diese Tagebau-Seen zu befüllen oder macht es mehr Sinn, die Spree zu befüllen?

Man muss, denke ich, beides machen. Das Befüllen der Seen ist auch wichtig für das Mikroklima in den Tagebau-Regionen. Mehr Verdunstungsflächen können zwar auch zur Folge haben, dass lokal durchaus mal örtlich dann aufgrund der neuen Gewässerflächen Gewitter ausgelöst werden. Aber am Ende haben diese neuen Gewässer auf das gesamte regionale Klima vermutlich wohl auch nicht den entscheidenden Einfluss.

Aus Ihrer Perspektive als Klimaforscher: Was müsste man als nächstes tun, um solche Extreme zu verhindern - sowohl Dürren, wie extreme Niederschläge, die ja alles verkomplizieren?

Verhindern kann man die Entwicklung, die bereits eingesetzt hat, nur schwer. Das ist ein Prozess, der über Jahrzehnte angestoßen wurde und sich weiter fortsetzt. Wir können jedoch schlimmere Folgen abmildern. Und es hängt in erster Linie davon ab, wie stark wir Klimaschutz betreiben und diesen in unserem Alltag tatsächlich umsetzen. Helfen würden uns dabei das Setzen politischer Rahmenbedingungen, die nachhaltiges und klimafreundliches Handel stärker fördern. Klar ist: Ein "Weiter wie bisher" unserer Generation hätte gravierende Folgen für die Jüngeren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Peter Hoffmann führte Friederike Steinberg, rbb|24.

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Antwort auf [Wasserschützer] vom 08.04.2019 um 11:46
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1 Kommentar

  1. 1.

    Gut, dass die Berliner Wasserbetriebe große Rückstaubecken bauen, um Überschwemmungen vorzubeugen. @rbb Hätte es auch einen positiven Effekt, wenn in den Städten flächendeckend mehr Regenwasser zur lokalen Bewässerung gesammelt wird? Gibt es entsprechende Vorhaben oder Strategien und Programme das auf den Weg zu bringen? Auf einigen Plätzen konnte ich in den vergangenen Jahren beobachten, wie Wasserspeicher angelegt wurden. In den Schrebergärten sammeln viele abfliessendes Regenwasser von den Dächern in Regenwassertonnen. Könnte das Regenwasser von den Dächern in der Stadt nicht auch den Straßenbäumen zugute kommen?

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