Der Schwedter Steg im Prenzlauer Berg im Regen mit einem Jogger im roten Dress und der Zionskirche (Bild: imago-images/Rolf Zöllner)
Bild: imago-images/Rolf Zöllner

Der Absacker - Wenn das Wetter die Gemüter abkühlt

Die sogenannten Eisheiligen versetzen Berlin nach kurzen Sommergefühlen wieder zurück in einen milden Winter. Nervig? Nö, eigentlich nicht, findet Laura Kingston. Sie sieht in den Eisheiligen eine Chance, dass sich die Gemüter endlich wieder ein bisschen abkühlen.

Sieben Grad in Berlin, es regnet, es windet. Heute ist mein erster freier Tag seit Wochen und ich muss sagen: Das Wetter ärgert mich kein bisschen. Denn es bedeutet Entspannung. Das sommerliche Wetter der vergangenen Tage hatte zur Folge, dass die Parks überfüllt und die Schlangen an den Eisdielen lang waren. Ein kleines Stück Normalität, das bei mir allerdings vor allem eines zurücklässt: ein flaues Gefühl im Magen - auch wenn ich mir das Spaghetti-Eis selbst verkniffen habe. Denn die Reproduktionszahl "R" stieg zuletzt laut Robert-Koch-Institut (RKI) wieder, also über 1. Vielleicht kann uns die Eisheilige, die jetzt angebrochen ist, ein bisschen unter die Arme helfen.

1. Was vom Tag bleibt

Dass die Eisheiligen Berliner*innen dazu motivieren, diese Woche zu Hause zu bleiben, hofft wohl auch Innensenator Andreas Geisel (SPD). Der hat heute im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses diese bittere Erkenntnis geäußert: Viele Berliner*innen seien der Einschränkungen inzwischen überdrüssig. Das bekämen vor allem Polizeibeamte zu spüren, weshalb Polizeipräsidentin Barbara Slowik jetzt über eine neue Taktik nachdenkt. Vor allem die Ansammlungen aus Verschwörungstheoretiker*innen, oft links- oder rechtsextremistischer Gesinnung, machten den Beamten das Leben schwer; immer wieder würden Angriffe gegen die Polizei sei bei solchen Ansammlungen beobachtet. Bleibt nur zu hoffen, dass die Temperaturen die Köpfe (unter den Aluhüten) ein kleines Bisschen abkühlen.

2. Abschalten

Auf Instagram und Twitter begegnen mir zur Zeit immer wieder Posts, in denen der aktuelle (Corona-)Zustand wertgeschätzt wird. So eine Lockdown-Nostalgie kommt nicht nur von traditionellen Stubenhockern, sondern von vielen Introvertierten, Naturliebhabern oder einfach unverbesserlichen Misanthropen. Vielleicht können jene, die Hummeln im Hintern haben und inständig darauf warten, dass alles wieder normal ist, alle #lovinglockdown-Verfechter als Inspirationsquelle nutzen. 

3. Und, wie geht's?

Noch "sehr weit entfernt von 'fit'" ist Annika Sprüssel nach eigenen Angaben. Sie war schwer an Covid-19 erkrankt. Wie es ihr in den vergangenen Wochen ergangen ist, schilderte sie uns in einer Mail: 

Ich musste leider feststellen, dass die Aussage "Deutschland ist gut vorbereitet." zumindest bei mir in Berlin kaum zutraf. Ich wurde nach Beginn am ca. 8. März und Verschlechterung am 14. zwar vom Hausarzt telefonisch krankgeschrieben, da ich aber nicht in die Kriterien fiel, wie sie zu der Zeit galten, weigerten sich der Hausarzt, meine Lungenfachärztin, die Rettungsstelle eines Krankenhauses und das zuständige Gesundheitsamt zu testen. Aufgrund der RKI-Vorgaben waren ihnen die Hände gebunden. Leider führte das dazu, dass ich ohne Kontrolle allein zu Hause lag, keiner fragte nach meinem Zustand. Erst nach zweiter Verschlechterung, nach weiteren zwei Wochen mit hohem Fieber, andauernder Luftnot und schwerem Husten (musste mit der 112 selber aktiv werden) wurde ich getestet: 41°C Fieber, schlechte Blutwerte und Lungenfunktion im [Eimer] - ab auf die Isolierstation. Dann endlich wurde ich behandelt: Sauerstoff, Medikamente für Besserung der Atmung und Fiebersenker.

Ich wurde so allein gelassen, hatte täglich über Wochen Angst zu ersticken, vor allem nachts, und war unendlich verzweifelt und sauer.

Annika Sprüssel ist 41 Jahre alt und leidet unter chronischem Asthma. Gerade hofft sie, ganz "gesund zu werden und wieder frei atmen zu können".

Worauf hoffen Sie gerade? Wie ist ihr gesundheitlicher (und psychischer) Zustand derzeit? Schreiben Sie uns an: absacker@rbb-online.de

4. Ein weites Feld

Was haben ein Koch, ein ehemaliger Journalist und ein Sänger gemeinsam? Den sogenannten Widerstand2020. Attila Hildmann, Ken Jebsen und Xavier Naidoo sind ganz vorne dabei, wenn es um Verschwörungstheorien rund um Corona geht. Ich werde die Theorien, die sie über die sozialen Medien verbreiten, nicht hier ausbreiten, aber eine Gemeinsamkeit ist mir doch bei all den mehr oder weniger prominenten Gesichtern des Aluhutuniversums aufgefallen: Es sind überwiegend erfolgreiche Männer. Ich bin mir tatsächlich nicht sicher, ob Frauen sich anmaßen würden, all das, was das RKI, die Politik, die Weltgesundheitsprganisation sagen, in Frage zu stellen und der Welt da draußen mitzuteilen: "Ich weiß es besser!" Nur so ein Gedanke. 

Passen Sie auf sich auf, bewahren Sie Geduld und ab und zu ein Lächeln unter Ihrer Schutzmaske!

Laura Kingston

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10 Kommentare

  1. 10.

    Lieber Max, ich würde mal sagen: Thema verfehlt. Du hast nicht auf die Frage geantwortet. Logischer Schluss fehlt.
    Frage: Was würde passieren, wenn jeder, der ungeduldig ist seiner Ungeduld freien Lauf lässt? Das wäre ja die Alternative zum geduldig sein. Bitte bis ganz zu Ende denken. Dir scheint wohl nicht klar zu sein warum es gerade so ist, wie es ist. Hast Du In den letzten 10 Tagen keinen einzigen freien Tag gehabt? Man muss aus jeder Situation das beste machen, egal wie blöd etwas ist - wir haben keine andere Wahl. Wenn ja, bitte begründen. Wir haben hier eine ernste Situation - die kann man sich nicht einfach wegwünschen. Man muss sie bewältigen, irgendwie. Zu den Zahlen, wie Du so schön sagst: Hättest Du sie gerne wieder schon hoch, damit sich Dir der Grund für Einschränkungen wieder konkret erschließt. Irgendwie haben einige, die sich permanent genötigt fühlen immer und überall möglichst laut ihre Meinung kund zu tun den Schuss noch nicht gehört.

  2. 9.

    was daran verwerflich ist? sätze wie diese:
    "... Ansammlungen aus Verschwörungstheoretiker*innen, oft links- oder rechtsextremistischer Gesinnung.."
    "... dass die Temperaturen die Köpfe (unter den Aluhüten) ein kleines Bisschen abkühlen."
    " ... Vielleicht können jene, die Hummeln im Hintern haben und inständig darauf warten, dass alles wieder normal ist, alle #lovinglockdown-Verfechter als Inspirationsquelle nutzen."
    genau dieses diffamierende, mißachtende und lächerlich machende Argumentation ist unangebracht. Die Gemüter sind erhitzt weil die Menschen ihren Job verlieren oder bereits verloren haben, weil Eltern seit Monaten Homeoffice und Homeschooling vereinbaren, Verbot von Kultur, Konzerten und Kontakt sich mit den Zahlen schon lange nicht mehr decken. Und weil eben nicht jeder der perspektivlosigkeit verspührt von sich behaupten kann, in den sogenannten Eisheiligen, mal einen freien Tag zu genießen. Wer damit auch noch zu Geduld aufruft ist Taktlos. Leider.

  3. 8.

    Ich möchte mich an alle wenden, die scharfe Kritik an dem Wunsch, dass sich die Gemüter hoffentlich ein wenig abkühlen, aüßern, wenden:

    Die teilweise aggressive und ins Extreme gehende Argumentation zeigt, dass einige Gemüter überhitzen.
    Doch deswegen Frau Kingston persönlich anzugreifen ist eine befremdliche Art der emotionalen Kompensation.
    Abgesehen davon, sind die Einschränkungen in Deutschland wesentlich milder, als in vielen anderen Ländern.
    Ich sehe nur Kritik aber keine Alternativen. Intuitiv gehe ich davon aus, dass viele wollen, dass alles wieder komplett unreguliert seinen gewohnten Gang geht, aus wirtschaftlichen Gründen.
    Wäre ich Covid-19, würde ich mich für dieses aufopfernde Engagement bedanken und ähnlich argumentieren.
    Auch wenn es weh tut, keine Frage, müssen wir absolut rational handeln sonst ist alle Mühe umsonst.
    Dafür braucht man einen kühlen Kopf. Frau Kingston ist in Sorge, dass die Menschen zu unachtsam werden - ich auch.
    Was ist daran verwerflich?

  4. 7.

    danke an alle die diesen unsäglichen beitrag so klug kommentiert haben. medien und politik beteiligen sich seit monaten daran panik und angst zu verbreiten (auf die reißerischen überschriften der letzten wochen möchte ich gar nicht eingehen) und jetzt sollen sich die gemüter mal wieder beruhigen? ich bin fassungslos über so viel hochnäsigkeit.
    wie wäre es denn mal mit echten inhalten. nicht nur über sondern mit denen zu reden die kritik äußern. aber dann müsste man ja seine scheuklappen abnehmen und wirklich mal darüber reden was stimmt und was nicht. wer dann am ende wohl den aluhut trägt - das wäre hilfreich. und nicht dieser zynismus gegenüber allen die nicht auf “linie” sind. guten tag

  5. 6.

    Liebe Frau Kingston,
    Maske aber nur da, wo vorgeschrieben, also niemals im Freien, sondern genau beim Überschreiten der Grenze zum jeweiligen Innenraum. Abstandsgebote kenne ich seit meiner Kindheit (Jahrgang 1961).
    Das andere überlasse ich den von der Politik zu Hysterikern gewandelten Personen (übrigens meistens Frauen).

  6. 5.

    Danke Laura Kingston :)

  7. 4.

    Liebe Frau Kingston, ein extrovertierter Mensch kommt mit den derzeitigen Zuständen nicht besser zurecht, weil introvertierte Mitmenschen den Lockdown toll finden.
    Es gibt beide Sorten Menschen, beides ist völlig ok, aber keine Gruppe kann da der anderen zum Vorbild dienen, man ist eben, wie man ist.

  8. 3.

    Pfui Teufel. Eine Chance, dass sich die Gemüter wieder abkühlen? Auf solche Reporterin hat die Medienwelt gewartet. Sie unterstützt alle überzogenen Maßnahmen, der Mittelstand steht vor dem Ruin, aber es könnten sich die Gemüter wieder ein bisschen abkühlen... Da bleibt einem der Verstand stehen!

  9. 2.

    SIe wünschen sich abgekühlte Gemüter und ruhig bleiben.
    Sagen Sie das den 309000 Menschen, die nur allein im letzten Monat arbeitslos wurden oder den 10 Mio Kurzarbeitenden, die akut um Ihre Arbeit fürchten müssen?
    Oder den vielen Kindern, die in Plattenbaugebieten der Tristess und nicht selten täglicher Gewalt ausgeliefert sind?

    Mit ein wenig Kopf in Sand stecken und mit ein paar altklugen Beruhigungssprüchen wird man nichts mehr erreichen.
    Ich glaube, viele haben noch nicht mal ansatzweise begriffen, wie groß die Zerstörungen durch die Coronapolitik bereits jetzt sind.

    Und wir dürften erst am Anfang stehen. Denn niemand wir investieren, wenn nächste Woche der nächste Shut Down droht. Wenn sich 7 Menschen pro Tag auf 100.000 Menschen angesteckt haben und das auch nur eine Woche so geht.

  10. 1.

    Aber das wäre doch nichts Gutes, wenn Frauen sich nicht "anmaßen" würden, die ihnen vorgesetzten Informationen aus Behörden (RKI) und Politik in Frage zu stellen! In welches Jahrhundert wurden Sie zurückgebeamt?

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