Menschen an der Spree / Quelle: imago images / Jochen Eckel
Bild: imago images / Jochen Eckel

Absacker - Vom Privileg des normalen Lebens

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und wenn ihm die Gewohnheiten genommen werden, wird er sauer. Das Gefühl von Normalität ist allerdings keine Selbstverständlichkeit nach Corona. Laura Kingston über das Privileg, ein "Normalo" zu sein.

Ich starre auf den Bildschirm - inzwischen seit gut einer Stunde - und mir fällt einfach nicht ein, wie ich diesen Absacker beginnen soll. Ist es der eine Sekt zu viel, den ich gestern Abend hatte, der a) meine letzten funktionierenden Gehirnzellen getötet und b) die Lust auf einen Absacker verdorben hat? Oder liegt es daran, dass sich für mich inzwischen alles einfach wieder normal anfühlt. Ich weiß, das Gefühl mit einer Reihe von Privilegien zusammenhängt: Dass ich immer (und in der Hochphase der Pandemie sogar mehr) Arbeit hatte. Dass ich gesund geblieben bin. Dass es allen in meiner Familie, gemessen an den Umständen, gut geht. Normalität ist ein Privileg.

1. Was vom Tag bleibt

Und wenn den Menschen dieses Privileg genommen wird, bäumen sie sich auf. Das erkennt man nicht nur daran, dass es nach wie vor Hygienedemos gibt - wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie noch vor ein paar Wochen. Es zeigt sich auch an den "geheimen" Raves in der Hasenheide. Einer davon wurde von einem Kollegen der rbb Abendschau festgehalten. Mich hat vor allem das Statement eines Feiernden zum Nachdenken gebracht: "Am Ende ist man irgendwie Mensch, man ist jung und man hat nur diese Zeit, der Sommer geht flöten... und dann macht man Sachen, die vielleicht nicht ganz so klug sind."

Nicht ganz so klug war auch das, was vergangene Nacht 400 bis 500 Personen in Stuttgart veranstaltet haben: Nach einer Drogenkontrolle im Schlosspark (so wie die Hasenheide offenbar ein beliebter Ort zum Feiern) haben nach Tagesschau-Informationen mehrere Hundert Menschen Polizist*innen angegriffen. Es kam zu 24 Festnahmen.

Ist das die "Spaßgesellschaft", von denen - auch in vielen Kommentaren auf rbb|24 - immer die Rede ist?

 

2. Abschalten

Abschalten fällt mir gerade extrem schwer, denn: Ich bin twittersüchtig. Das, was vergangene Nacht in Stuttgart passiert ist, habe ich heute morgen durch den Trend #Stuttgart erfahren. Aus dem ist inzwischen #Bürgerkrieg geworden. Eine Eskalation in Form von Hashtags. Und die ist nicht selten. Sogenannte "Meinungen" werden immer radikaler - auch wenn das soziale Netzwerk nur ein kleiner Ausschnitt der Realität ist.

Der Ton wird dennoch immer rauer - auch in Kommentaren auf anderen Webseiten. Deswegen ist mein Tipp zum Abschalten ein altbekannter und dennoch nicht zu unterschätzender: Wenn Sie es gerade gar nicht gebrauchen können, dass ihr Tag versaut wird, dann vermeiden Sie Kommentarspalten und zu lange Twitter-Aufenthalte. Das werde ich für den restlichen Tag auch tun... vielleicht.

3. Und, wie geht's?

"Wie die Leute zu Beginn der Pandemie hamsterten, bekamen wir auch in unserem Laden mit. Bei uns war es nicht Klopapier, sondern Kartoffeln, Mehl und Schnaps. Sonst verkaufen wir rund 600 Kilo Kartoffeln pro Woche und im März fast doppelt so viele! Da die Mühle nicht hinterherkam, blieb zwei Wochen das Regal mit dem Mehl leer."

Stefanie Peters beschreibt die Zeit im März, als das Hamstern gerade Trend wurde. Sie ist in der Produktionskette ganz am Anfang, denn sie arbeitet als Landwirtin in Nauen. Inzwischen hat sich bei ihr allerdings alles wieder normalisiert:

"Was ich durch die Pandemie gelernt habe: Das wertzuschätzen, was uns zuvor so selbstverständlich erschien, was dann aber ein paar Wochen lang gar nicht möglich war. Dazu gehört, meine Freunde zu sehen. Jetzt geht es wieder, und ich freue mich riesig darüber."

Stefanie Peters erzählt in der Rubrik #Wiegehtesuns? ausführlich, wie es ihr geht.

Welche Anekdoten erzählen Sie Freundinnen und Freunden, wenn Sie über die letzten Monate nachdenken? Was hat Corona mit Ihnen gemacht? Schreiben Sie uns an absacker@rbb-online.de.

 

4. Ein weites Feld

So unterschiedlich die Erfahrungen sind, die wir in der Pandemie gemacht haben, eines haben wir, glaube ich, gemein: Das Ringen um Normalität. Endlich wieder essen gehen, endlich wieder feiern (wenn auch illegal im Park), endlich wieder Freunde umarmen, endlich wieder reisen. Vielleicht können uns die Beschränkungen der letzten Monate aber auch lehren, dass wir in der Lage sind, uns zu verändern und "normal" neu zu denken: Muss es (nach dem Skandal in mehreren Schlachthöfen) wirklich das Billigkotelett zu Abend sein? Muss ich alle paar Monate fliegen? Und ist zu Hause kochen nicht eigentlich auch ganz schön?

Wie auch immer ihre neue Normalität aussehen mag, passen Sie auf sich auf und bewahren Sie ein Lächeln unter der Schutzmaske.

Ihre Laura Kingston

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9 Kommentare

  1. 9.

    Danke an Laura für den gelungenen Absacker
    und an Katja und Sina für Ihre gelungenen Kommentare :)

  2. 8.

    In einem Punkt hat die Autorin recht. Alle wünschen sich Normalität ohne covid. In der Realität ringen tatsächlich viele darum. Aber die Normalität der einen ist privilegiert und die vieler Menschen ist ganz anders. An meiner Brennpunktschule-und davon hat Berlin viele- gibt es für 80% der Familien kein endlich wieder reisen- im Gegenteil, die ganzen Kinderferienreisen sind alle abgesagt.Endlich wieder essen gehen bedeutet:vielleicht in eine Burgerkette am Geburtstag. Ja es muss das Billigkotelett sein-wenn überhaupt. Ausser dass die Schule und die Spielplätze zu waren und es kein warmes Essen gab, hat es für Tausende Kinder und deren Eltern keine massiven Einschnitte gegeben. Deren Normalität vor mit und nach Corona heißt Nicht-Teilhabe. Und Twittern ging auch nicht, weil das einzige Handy im Haushalt auch die einzige Verbindung zu Schule ist. Somit ist es ein Privileg ein privilegierter Normalo zu sein. Davon unabhängig finde ich die Absacker als Rubrik immer lesenswert.

  3. 7.

    Ob die Krankenschwester, Verkäuferin oder der Busfahrer auch von "Vom Privileg des normalen Lebens" träumt?

  4. 6.

    "Wenn Sie es gerade gar nicht gebrauchen können, dass ihr Tag versaut wird, dann vermeiden Sie Kommentarspalten"

    Dann stellt die Kommentarspalten halt ab, wenn sie sonst keine Funktion haben.

  5. 5.

    Weil es sich in Stuggi um eben solche Leute aus der Party- und Clubszene handelte, die dort auch bereits seit einiger Zeit feiert. Und nun eskalierte es nach einer Kontrolle durch die Polizei. Die Stimmung ist von Ihrem "friedfertig" ansatzlos umgeschlagen im pure Gewalt.

  6. 4.

    Der Umgang mit der Mediengesellschaft ist im Vergleich zu Corona das größere Problem. Das führt zu Ängsten und Hysterie. Da wird eine mässig besuchte Party in der Hasenheide skandalisiert und im gleichem Atemzug genannt mit tatsächlich schweren Straftaten in Stuttgart (Plünderungen und Vandalismus). Da wird jeder Nichtmaskenträger in U- und S-Bahn als asozialer Unholt verunglimpft. Und da ist die Frage: Wo bleibt die Normalität? Nein, Normalität ist eben kein Privileg. Das wollen uns vielleicht die wirklich Privilegierten einreden, um von sich abzulenken oder die Corona-Hysteriker, die sich offensichtlich gerade zu nach einer "neuen Normalität" sehnen. Aber neue Normalität ist alles, aber eben nicht Normalität. Die Normalität ist einfach unser unspektakulärer Alltag. Aber unspektakulärer Alltag ist auch der größte Feind der Medienverantwortlichen. Ein Publikum, das nach Skandalen lechzst, will bespielt werden und steigert sich dann in die Hysterie hinein.

  7. 3.

    Warum nennen Sie die friedliche Hasenheide-Disko in einem Wisch mit der Stuttgarter Krawallnacht - beschrieben als ...auch nicht ganz so klug war...
    + Stempel Spaßgesellschaft?
    Es gibt 2 Gruppen: Einmal eine friedliche Club-Szene, die sich ihre Freiräume sucht, sich aber auch reflektiert und benimmt.
    Und dann gibt es diese widerliche Truppe gewalttätiger Assozialer, die regelmäßig mit Pöbeleiem und Alkohol startet und nachts dann die Stuttgarter Innenstadt zertrümmert und Menschen in den Körper tritt.

  8. 2.

    Den Einstieg zu finden, für die vielen Absacker die Sie und Ihre Kollegen schreiben, stelle ich mir auch manchmal schwierig vor - einerseits gibt es so viel zu “sagen”, andererseits ist der Kopf auch irgendwann voll, von der Flut an Informationen die wie geliefert bekommen oder selber danach “suchten”.


    Und was gibt es zum “guten Ton” in diversen Netzwerken zu sagen...? Die Meinungsfreiheit ist so ein hohes Gut. Aber manchmal, wenn ich all die negativen Äußerungen lese, die dann noch so fies und herablassend formuliert sind, drängt sich mir der Gedanke auf, dass die Zeiten besser waren, wo man höchstens mürrisch wegen eines Artikels in die Zeitung blubbert.
    Wie mit allen Technologien ist es eine Frage, was sie bewirken kann, je nachdem, wer und mit welcher Intention sie genutzt wird.

    Möchte ich etwas vom Tag erfahren und lernen? Oder möchte ich meinen Frust irgendwo abladen, meine Einsamkeit verdrängen und mich überlegen fühlen?

  9. 1.

    "Wenn Sie es gerade gar nicht gebrauchen können, dass ihr Tag versaut wird, dann vermeiden Sie Kommentarspalten und zu lange Twitter-Aufenthalte."

    Besser kann man es gar nicht auf den Punkt bringen. :D Und ich sage mir noch jedes Mal, "Du wirst es bereuen, scroll doch einfach nach Artikelende nicht weiter!" Deshalb ist es heute auch eine persönliche Premiere, dass ich doch auch mal kommentiere, aber es muss auch mal mehr Nettes im Netz stehen und eure Absacker sind echt cool und verdienen viel mehr Lob, weil sie vielfältig, klug und auf eine gute Art persönlich sind und schöne Denkanstöße und Abschlüsse für chaotische Tage im Netz bieten.

    Danke für eure Mühen und Gedanken und macht bitte weiter, ich lese das sehr gerne, auch wenn ich sonst nie kommentiere, weil Kommentarspalten im Netz echt müde und oft schwer ums Herz machen.

    Liebe Grüße! (mit einem Lächeln unter der Maske)

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