Archivbild: Vermummter Demonstrationsteilnehmer bei der 1. Mai Demonstration in Berlin (Quelle: dpa/Christian Mang)
Bild: dpa/Christian Mang

Der Absacker - Ein bisschen Anarchie im Pandemie-Wahnsinn

Die Revolutionäre 1. Mai Demo wird wohl nur eine Übung in Grüppchenbildung, die Polizei kündigt aber schon mal eine harte Linie an. Derweil liegen Arbeitsmarkt und Wirtschaft mit Covid-19 flach. Von Sebastian Schöbel

Ich hatte mal einen Lehrer, im Werkunterricht, der hat unaufmerksame Schüler mit einem alten Tafelschwamm beworfen.

Trockener Schwamm hieß: Bitte aufpassen.

Nasser Schwamm hieß: Hergehört!

Mein gestriger "Absacker" mit dem Titel "Suche Lebensqualität, biete Kinder" hatte viel von so einem nassen Schwamm: Er bekam Aufmerksamkeit. "Schämt euch", schrieb ein Leser wütend. Und Twitter-Nutzer(in) "Buh" fragte: "Wenn Menschen Kinder nicht erziehen können, warum haben sie dann welche?" Manche stellten gleich die Fähigkeiten heutiger Eltern infrage, andere wünschten sich zum klassischen Erziehungsmodell. Also das mit der Mama daheim, vermute ich.

Es gab aber auch Lob: Einige Leserinnen und Leser fühlten sich in ihrer persönlichen Belastung zwischen Haushalt, Erziehung und Homeoffice bestätigt. "Vielen Dank dafür", schrieb mir ein Leser, "Sie treffen damit ziemlich genau unseren familiären, wunden Punkt."

Schließlich meldete sich auch noch meine Mutter. Um mir auszurichten: "Hör mal, du warst auch ganz schön anstrengend!" Das Internet und Mütter vergessen nie etwas.

1. Was vom Tag bleibt

Weil wir gerade von anstrengenden Kindern sprechen: Eine Revolutionäre 1. Mai Demo wird es zwar nicht geben, wegen der Corona-Auflagen, aber irgendwie werden Linksautonome auch in diesem Jahr ihren Protest auf die Straße bringen. 5.000 Polizisten werden dort auf sie warten. Und Innensenator Andreas Geisel kündigte heute im rbb schon einmal an: Die "Politik der ausgestreckten Hand" werde es nicht geben. Und zwar nicht nur, weil man sich wegen Corona ja eh nicht gegenseitig anfassen soll: Nach Infektionsschutzgesetz darf man sich zwar mit einem Mundschutz vermummen, aber nur mit maximal 19 anderen Personen zusammen zur Demo treffen. Und die Polizei werde alles unterbinden, was dem zuwiderläuft, rigoros. Der 1. Mai könnte also dieses Mal ungemütlich werden. Außerdem ist Regen angesagt.

Ungemütlich sind auch die Zahlen vom Arbeitsmarkt: Corona zwingt die Wirtschaft in die Knie, die Arbeitslosigkeit ist im April stark gestiegen. In Berlin lag das Plus bei 23 Prozent, in Brandenburg bei 10 Prozent. Und wie meine Kolllegin Vanessa Klüber recherchiert hat, kehrt sich das wirtschaftliche Kräfteverhältnis zwischen Berlin und Brandenburg ausnahmsweise mal um: Die einst boomende Hauptstadt steht plötzlich wackeliger da als das vermeintlich rückständige Brandenburg.

2. Abschalten

Ich höre gerade viel von Menschen, die den Corona-Lockdown zur Selbstoptimierung nutzen wollen - und zwar nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Mit Bildung nämlich, indem sie die großen Klassiker abstauben und nochmal/erstmals lesen.

Nun vergammelt bei mir auch irgendwo das gesammelte Werk von William Shakespeare. Aber zum Lesen komme ich kaum (siehe: hier). Zum Glück gibt es die Sternenflotte der Vereinten Förderation der Planeten und ihren Kapitän Jean-Luc Picard. Der britischste aller Weltraumfranzosen ist gerade wieder in Serie zu sehen. Und sein realer Schauspieler Patrick Stewart erinnert auf Instagram die Welt, warum man ihn einst an Bord der Enterprise holte: Weil er einer der renommiertesten Shakespeare-Darsteller unserer Galaxie ist und selbst in größter intergalaktischer Not die Worte des großen Barden zitieren kann.

Aktuell tut er das als Corona-Service jeden Tag: "A Sonnet a Day" heißt die Aktion, bei der Stewart jeden Tag ein Shakespeare-Sonnet vorliest, gefilmt von seiner Frau in seinem Haus. Ein wenig große Theaterkunst für den Mainstream, serviert in kurzen Video-Happen. Und Stewart ist wunderbar menschlich, wenn ihm beim Rezitieren die Katze auf den Schoß springt oder wenn er sich am nächsten Tag entschuldigt, weil seine Darbietung (aus seiner Sicht) zu schlecht war. So viel Kultur kann sich jeder von uns einmal am Tag gönnen.

3. Und, wie geht's?

Auf den realen Bühnen wird es wohl noch eine ganze Weile nichts zu sehen geben. Was für Berlins Kulturfans besonders bitter ist, morgen startet nämlich das alljährliche Berliner Theatertreffen. Als Notlösung gibt es die Aufführungen nun im Netz. Für unseren rbb|24-Kulturexperten Fabian Wallmeier eine ganz neue Situation: Er wird seine Rezensionen über Inszenierungen ohne authentische Theatererlebnis schreiben müssen. Und sagt schon jetzt: Freuen kann er sich nicht.

Im vergangenen Jahr habe ich 140 Theaterinszenierungen gesehen. In diesem Jahr wird es nur ein Bruchteil davon werden. Denn wegen Corona sind die Theater geschlossen – und werden mindestens bis Spielzeitende nicht mehr aufmachen. Die allermeisten Bühnen streamen stattdessen jetzt Archivmaterial. Teilweise haben sie wirklich spannende Sachen ausgegraben. Trotzdem musste ich bislang feststellen: Das ist kein Ersatz. Nicht im Geringsten. Meine Konzentrationsspanne beim Sichten einer abgefilmten Inszenierung aus der Konserve, die oft auch gar nicht dafür gemacht wurde, sondern lediglich interne Zwecke der Archivierung erfüllte, ist kurz. Sehr kurz.

Ganz ehrlich: Komplett von Anfang bis Ende habe ich bislang nur einen einzigen Archiv-Stream angeschaut. Es war kein Vergnügen. Denn vor allem offenbarte es, was fehlt: gleichzeitig mit anderen Menschen zu einer verabredeten Zeit in einem dunklen Raum zu sitzen und unmittelbar zu erleben, was auf der Bühne passiert. Das Ausgeliefertsein, das Sich-Fallen-Lassen. Da hilft auch nicht, dass man es sich mit einem Streaming-Bier auf der Couch bequem machen kann, anstatt in einen Theatersitz eingepfercht zu sein. Ganz im Gegenteil!

In den nächsten Tagen werde ich einen neuen Versuch starten. Dann werden sechs der zehn Inszenierungen gestreamt, die in diesem Jahr eigentlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Am Freitag geht es los mit Sandra Hüller als "Hamlet". Meine Vorfreude hält sich unter diesem Umständen in Grenzen, so groß auch die Neugier auf die Abende ist, die ich noch nicht kenne. Vielleicht hilft Streaming-Schnaps statt Streaming-Bier?

Und wie geht es Ihnen? Schreiben Sie uns: sebastian.schoebel@rbb-online.de

4. Ein weites Feld...

Mein sehr geschätzter Kollege und Kumpel Justus Hütter von der rbb-Jugendwelle Fritz ist in seinem zweiten (oder ersten?) Leben Rapper. Und zwar ein ziemlich guter: Unter seinem Stagename "Juse Ju" [YouTube] ergeht er sich nämlich nicht in der öden Selbstglorifizierung, die diesem Genre oft anhängt. Also kein "mein Auto, mein Weib, mein Vorstrafenregister".

Sondern er spricht über wirklich relevante, schwierige Themen. Und dazu gehört seit heute auch die Pflege - was in Corona-Zeiten bestens passt. Heute ist Juse Jus neue Single "TNT" veröffentlicht worden. Justus erzählt darin von seiner Zeit als Zivildienstleistender in einer psychatrischen Klinik, wo er am eigenen Leib erfahren hat, wie es unseren Pflegekräften in Deutschland teilweise so ergeht. Nämlich nicht immer gut.

Kleine Warnung vorweg: Es ist Rap, die Sprache ist also sehr... direkt. Aber ehrlich.

Bleiben Sie gesund.

Sebastian Schöbel

Korrektur: In einer früheren Version dieser Kolumne wurde der berühmte Sternenflotten-Kapitän als "Jean Luc Picard" bezeichnet. Er heißt selbstverständlich "Jean-Luc Picard".

Der Autor wurde umgehend den Cardassianern zum Lichterzählen übergeben.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Zum Vorwort des Artikels(Bezug zu gestern): Die Ableitung, dass diejenigen, die sich mehr Verantwortung und Teilnahme der Eltern an der Erziehung der Kinder vorstellen, zurück zum Modell " die Mutter hat es zu machen" , wollen, ist nicht richtig. Das ist eine Vermutung des Verfassers. Vielleicht können sich männliche Elternteile auch vorstellen, mehr als die 2 Monate Elternzeit zu nehmen. Das ist leider das häufige Modell. Auch Väter könnten 15 Jahre halbtags arbeiten oder 4 Jahre Zuhause bleiben und dann versuchen den Anschluss im Beruf zu schaffen usw.usf. Schade, dass die junge Elterngeneration- natürlich nicht alle - weniger als die 68er emanzipatorisch handelt und alte Denkmuster weiter denkt. Ja, die Rente ist dann leider geringer und das möchte Mann nicht.

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