Archivbild: Inge Deutschkron, Zeitzeugin und Schriftstellerin, und Stefan Tidow (l-r), Staatssekretärs für Umwelt und Klimaschutz in Berlin, nehmen an den Feierlichkeiten für den Spatenstich für Otto-Weidt-Platz in der Europacity teil. (Qualität: dpa/B. Pedersen)
Bild: dpa/B. Pedersen

Der Absacker - Zuhören, bitte!

Vor 75 Jahren kapitulierte Berlin. Bis heute erzählen Jüdinnen und Juden über die Zeit im Untergrund während des Zweiten Weltkrieges - ein großes Glück für uns alle. Derweil macht besonders ein Vorfall am 1. Mai fassungslos. Von Johannes Mohren

Da war diese WhatsApp-Nachricht meines besten Freundes vor zwei Tagen.

"Hast du zufällig 'Ich trug den gelben Stern' von Inge Deutschkron?"

Ja, habe ich. Und weiß exakt an welcher Stelle - was bei mir doch eher unüblich ist. Ich habe die heute 97-Jährige bei einem Vortrag in der Akademie der Künste erlebt. Mehr als drei Jahre ist das inzwischen bereits her. Das zumindest sagt meine Hausarbeit, die ich damals für mein Masterstudium über sie geschrieben habe. Ihre Worte sind noch ungleich näher.

Der Saal war voll. Ausverkauft. Wegen Deutschkron und für sie. Es war schon damals einer ihrer wenigen Auftritte. Wacklig war die kleine Frau auf den Beinen - und hatte doch eine unglaubliche Ausstrahlung, die den ganzen Raum einnahm. Ich war tief bewegt von ihr, die - als Jüdin untergetaucht in Berlin - den Zweiten Weltkrieg überlebte und danach als Journalistin unter anderem über die Auschwitz-Prozesse berichtete. 

Nach der Nachricht meines Kumpels habe ich das Buch gar nicht aus der Hand gelegt, sondern direkt wieder angefangen zu lesen. Zum nun dritten Mal. Und irgendwie passt es in diesen Tagen besonders gut, in denen vor 75 Jahren der Krieg in Berlin endete. Was Deutschkron über diesen 2. Mai 1945 geschrieben habe, wollte auch mein Freund wissen - ebenfalls ein Journalist, der an einem Radio-Beitrag dazu arbeitet. 

"Und dann war auf einmal alles still, unheimlich still, unerklärlich still. (...) Bis vor kurzem hatte noch die 'Stalinorgel unseren Tagesablauf beherrscht - ihr schreckliches Aufheulen, das in regelmäßigen Abständen erfolgte. Nun schwieg sie. Es war Wirklichkeit, worauf wir so lange und sehnsüchtig gewartet hatten: der Krieg war zu Ende. Freuen konnte ich mich nicht mehr."

1. Was vom Tag bleibt

Auch mein Kollege Oliver Noffke hatte das Glück, eine Zeitzeugin zu treffen. Ruth Winkelmann hat ihn in ihrem kleinen Reihenhaus in Waidmannslust empfangen. Herausgekommen ist ein beeindruckender Text, dessen Lektüre ich Ihnen unbedingt ans Herz lege. Ruth Winkelmann hat ebenfalls im Berliner Untergrund überlebt. Bis heute erzählt sie davon. Wenn nicht gerade die Corona-Krise sie stoppt. Und so endet der Artikel mit einem Wunsch:

"Für mich gibt es eigentlich gar keine andere Stadt als Berlin", sagt sie. "Und auch Brandenburg. Ich liebe Brandenburg, diese schönen Wälder, diese herrlichen Seen." Die 91-Jährige hofft, dass es nicht zu lange dauern wird, bis sie wieder eine Schulklasse besuchen kann.

Es ist ein Geschenk, das sie uns allen macht. Und so sei - in einem sonst appellfreien Text - doch einer erlaubt: Zuhören, bitte! Sobald es wieder und so lange es noch geht.

Einen passenden Übergang zum zweiten Thema des Tages gibt es nicht. Wie auch. Es ist schwierig - ja: unmöglich -, an Stellen Brücken zu bauen, an denen Menschen diese gewaltsam einreißen. Bis zu 20 vermummten Personen, die ein Team der ZDF-Satiresendung "heute-show" angreifen - und Mitglieder so verletzen, dass sie ins Krankenhaus müssen. Mitten in Berlin. 

Der Schock saß und sitzt tief. Auch bei mir ist das so, seit ich am Freitagabend durch den ersten Tweet der Sendungsmacher von dem Übergriff erfahren habe. Sechs tatverdächtige Personen wurden zwischenzeitlich festgenommen, sind allerdings wieder auf freiem Fuß.

2. Abschalten

Nun ja, eines muss ich an dieser Stelle vorweg offen zugeben: Inge Deutschkron war tatsächlich ein Zufallstreffer. Ich habe in meinem Berliner WG-Zimmer ansonsten wahrlich kein Bücherregal, das bei - in diesen Tagen so häufigen Videomeetings - als beeindruckende Kulisse dienen könnte. Und so muss ich Grunde sogar sehr dankbar sein, dass meine Followerzahl bei Twitter - trotz aus meiner Sicht absolut hochwertiger Tweets - beständig zwischen 413 und 415 schwankt und ich weit unter dem Radar des Accounts Room Rater [twitter.de] fliege.

Der bewertet nämlich das, was die Kamera bei Videoschalten hinter den Menschen offenbart. Auf einer Skala von null bis zehn - und zwar durchaus schonungslos. Ein Bücherregal ist da schon mal ein guter Punktelieferant. Oder schicke Tapete. Oder ausgefallene Stühle. Und nichts - wirklich gar nichts (!) - davon habe ich. So müsste ich wohl befürchten, nicht wie Prinz Harry royale zehn von zehn Punkten abzustauben, sondern es erginge mir eher ähnlich wie Lady Gaga. Für den Musik-Star fällt die Stil-Kritik ebenso kurz wie (sorry, es lässt sich kaum anders sagen) vernichtend aus: "Die Lampe bekommt zwei Punkte. Das war's", steht dort. Punkt.

Und wenn ich mich jetzt mit meinem Schreibtisch-Stuhl leicht umdrehe und gen Decke starre, ahne ich Böses. Da hängt kein edles lichtspendendes Designer-Stück, das punktemäßig noch etwas rausreißen könnte - nein: Es baumelt ein petrolfarbenes 08/15-Modell einer großen schwedischen Möbelkette herunter. Vielleicht sollte ich also demnächst die Kamera auslassen. Denn das Interesse an derartigen stilistischen Versagen scheint groß. Der Room-Rater-Account hat schon mehr als 125.000 Follower. Nach nicht einmal einem Monat.

3. Und, wie geht’s?

In Polen steht am 10. Mai die Präsidentschaftswahl an - und wegen der Coronavirus-Pandemie herrscht Chaos in der Zeit davor. Fairer Wahlkampf ist in der Krisenzeit unmöglich, Briefwahlen werden durchgedrückt und der ehemalige EU-Ratschef Donald Tusk ruft seine Landsmänner zum Boykott auf. Larissa Mass ist Reporterin für TV, Radio und rbb|24 in unserem Studio in Frankfurt (Oder) und beschäftigt sich mit der Wahl im Nachbarland.

Wir fragen uns, wie wir in der Doppelstadt Frankfurt (Oder)-Słubice über die Wahl in Polen berichten können, wenn wir selber als Journalisten gar nicht über die Grenze können. Telefonate und Skype-Gespräche mit der anderen Seite der Oder zeichnen mir ein Stimmungsbild - aber ich finde es geradezu schmerzhaft, dass ich nicht selber über die Stadtbrücke kann, um mit eigenen Augen die Situation zu sehen und einzuordnen. 

Gespannt verfolge ich die Meldungen am Wochenende: Was passiert an der Grenze, welche neuen Gesetze werden von der polnischen Regierung durchgesetzt, wie reagieren die Polen in Berlin und Brandenburg? Ich unterhalte mich auch privat viel mit polnischen Freunden, frage sie aus, wie es ihren Familien in Polen geht und ob sie die Wahl planen zu boykottieren. Die Gesetzeslage ist teils unübersichtlich, auch meine politischen Experten am Telefon geben zu: Wir wissen nicht, was noch passiert - alles passiert auf Brechen und Biegen.

Dabei steht eigentlich noch gar nicht fest, ob die Wahl rechtlich wirklich stattfinden darf per Post  - der Senat tagt erst am 7. Mai darüber, aber die Regierung scheint sich doch recht sicher zu sein, denn die Stimmzettel sind schon gedruckt. Für mich wird es in den nächsten Tagen vor allem eines: Eine Berichterstattung mit einem langen Blick auf die andere Seite des Flusses.

4. Ein weites Feld ...

... kann - nicht nur, aber gerade in diesen Tagen - manchmal auch klein sein und dennoch sehr glücklich machen. Bei mir besteht dieses Feld aus ein paar Quadratmetern schlechtem Kunstrasen mit zwei Toren. Der Bolzplatz umme Ecke hat seit ein paar Tagen wieder geöffnet und ich darf mit meinen beiden WG-Mitbewohnern ein bisschen kicken. 

Das sieht dann weniger aus wie Marcel Hartel, der nun für das "Tor des Jahrzehnts" nominiert ist. Fallrückzieher wie der des Ex-Unioners verbieten sich doch aus Selbstschutz für jemanden, der den Ball ein ums andere Mal volley über den meterhohen Schutzzaun jagt (ja, zu viel Rücklage!). Aber Spaß macht's. Und vielleicht reicht es ja - nach der Corona-Krise, die im Berliner Amateurfußball voraussichtlich für einen Abbruch der aktuellen Saison sorgen wird - für eine Joker-Rolle bei der benachbarten SpVgg Tiergarten 58. In der zweiten Mannschaft in der Kreisliga B, versteht sich. Es braucht ja auch in diesen Tagen Ziele.

In den Feierabend dribbelt, 

Johannes Mohren

und wünscht Ihnen allen ein schönes Mai-Wochenende!

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Beitrag von Johannes Mohren

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4 Kommentare

  1. 4.

    Hallo Lothar, so geht es mir auch. Bei mir war es das Buch "Der gelbe Stern", welches mich als Teenie zutiefst verstört hat und welches ich bis heute (bin Baujahr 1970)nie vergessen habe. Viele Fotos aus diesem Buch haben sich bei mir für immer eingebrannt. Mein Vater ist übrigens als Kind aus Stettin geflohen. Ich habe mich zum Glück mit den Großeltern und den Eltern ausführlich über den 2. Weltkrieg unterhalten können. Ich war mal auf dem Kurfürstendamm in der "Story of Berlin" und ich muss sagen, das hat mich auch vollkommen mitgenommen. Ich kann deshalb verstehen, dass Du Dich nicht ins Jüdische Museum traust; hab ich bisher auch nicht, nachdem meine Eltern weinend wieder rauskamen...

  2. 3.

    Auch ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Ich glaube schlimmer kann man es wahrhaftig nicht beschreiben. Ich weiß dass ich mich hier jetzt wiederhole. Als 9jähriger klärte ich mich selbst über das Fernsehen von den Greultaten des NS Regimes auf und es hat mein ganzes späteres Leben geprägt. Damals wollte niemand der Erwachsenen mit mir darüber sprechen. Nicht einmal meine zu früh verstorbene Mutter, die aus Ostpreußen geflohen war. Alles war noch so nah und in den Köpfen so manch einem. Noch heute traue ich mich nicht mal ins jüdische Museum, da ich schon im Vorfeld weiß, wie sehr mich all das wieder zutiefst berührt. Ebenso ein Besuch in ein ehemaliges KZ. Mir kommen selbst beim Schreiben dieser Zeilen die Tränen. Aber es sind auch Tränen der Wut über diese immernoch allgegenwärtigen Nazis.

  3. 1.

    Das war die schlimmste Epidemie die in Deutschland ausgebrochen war, das "Nazi-Virus", an diese Todeszahlen kam bis heute noch keine Pandemie. Bis heute bricht diese Seuche immer wieder aus, weil man sie nie richtig ausgemerzt hat, und nicht mehr so viele Tote fordert, wurde sie völlig verharmlost.

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