Der Absacker - Macht euch locker!

Sa 09.05.20 | 20:57 Uhr
Ein Mann trägt während einer Protestkundgebung der Initiative "Querdenken 711"
Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Na, spüren Sie es schon? Wie sich die harte Hand der Corona-Beschränkungen von unserer kollektiven Gurgel löst? Bei einigen offenbar nicht, ihnen ist im Würgegriff der Kontaktverbote das Blut in den Kopf geschossen. Was bei Sebastian Schöbel trotzdem auf gewisses Verständnis stößt.

Haben Sie schon Ihre Liste fertig? Die Liste mit den Cafés und Restaurants, die Sie nach Ende der Beschränkungen besuchen werden. Meine steht schon! Platz 1 musste ich teilen: Zwischen der Sportkneipe mit der besten Currywurst meiner Stadt und dem Café, das zum Mittagessen eine absolut legendäre Blut- und Leberwurst macht. Das Gericht hat in Ostdeutschland, wo ich aufgewachsen bin, noch einen anderen Namen. Aber der ist in einer Pandemie nicht so passend.

1. Was vom Tag bleibt

Mehr als eine drohende "zweite Welle" der Corona-Infektionen oder das lange Warten auf die Wiedereröffnung der Kitas beschäftigt mich gerade dieses Problem: Die fehlenden Einnahmen für den öffentlichen Haushalt. Um 90 Prozent sind die Gewerbesteuereinnahmen im April in Berlin eingebrochen. Der Finanzsenator ruft bereits zum Sparen auf – Töne, die man von Matthias Kollatz in den Boom-Jahren fast nie hören musste. Und auch wenn wohl niemand gerne Steuern zahlt: Berlin braucht das Geld gerade an allen Ecken, für den Bau und die Sanierung von Schulen, für mehr Personal in der Verwaltung oder Investitionen in den ÖPNV. Schließlich lassen sich viele Probleme, die wir gerade haben – von kaputten U-Bahnen bis fehlenden Kita-Plätzen – auf die mageren Spar-Jahre zurückführen. Und nicht vergessen: Arm ist Berlin immer noch, die Stadt ist mit 57,7 Milliarden Euro verschuldet. Die Nachwehen dieser Krise, vor allem die befürchtete Welle der Unternehmenspleiten, könnten das Ende des Berliner Wachstums bedeuten.

Da machen Geschichten wie die von Annett Manteuffel Hoffnung: Sie hat uns erzählt, wie sie ihren Blumenladen im Bahnhof Berlin-Lichterfelde Ost halten konnte – aber auch, wie schwer dieser Kampf ist und mit welchen enormen Einschränkungen sie leben muss. Ihre Lieferketten sind zum großen Teil eingebrochen (60 Prozent weniger aus dem europäischen Blumen-Land Holland) und sie brauchte die Soforthilfe des Senats, um wieder starten zu können. Trotzdem sagt sie: "Seit Corona habe ich meine Arbeit ganz anders schätzen gelernt. Ich belächele jetzt andere Dinge, weil ich so dankbar bin, dass ich wieder aufmachen kann, die Familie absichern, meine Angestellte absichern, dass es wieder ans Laufen kommt. Keine 100 Prozent, aber ich kann den Laden halten."

Mit solchen Unternehmerinnen und Unternehmern schaffen wir das.

2. Abschalten

Es gibt ja Leute, die meinen, außer Corona falle uns nichts mehr ein hier beim rbb, Stimmt nicht! Ich zum Beispiel habe mich nach dem Angriff auf ein Team der "heute-Show" vom ZDF mit linker Gewalt gegen Journalisten beschäftigt. Für den Podcast "Die erzählte Recherche" habe ich darüber mit meinem Kollegen Jo Goll, unserem Experten für die linksextreme Szene, und mit den beiden Satirikern Ingmar Stadelmann und Carsten van Ryssen von der "Abendshow" des rbb unterhalten.

Hier finden Sie die Folge in der ARD-Audiothek. Das Wort "Corona" fällt übrigens kein einziges Mal!

3. Und, wie geht's?

Ich erwarte nicht, dass Sie meine Meinung veröffentlichen, passt ja so gar nicht ins Bild all der verantwortungsbewussten und verständnisvollen Mitbürger*innen.

So endet eine Email, die an unser Absacker-Postfach geschickt wurde. Und zur Überraschung der Autorin habe ich sie nicht nur gelesen, sondern schreibe jetzt auch darüber. Einerseits, weil mich viele ihrer Argumente an die lautstarken – und höchst dubiosen - "Corona-Kritiker" erinnern, die derzeit v.a. im Netz und zum Teil auch auf der Straße, etwa vor der Berliner Volksbühne demonstrieren. Andererseits, weil sie mir vor Augen führt, warum zurzeit selbst Menschen, die normalerweise nicht Verschwörungstheoretikern folgen, sondern seriösen Medien wie dem rbb (sie hört gerne radioeins) nun anfällig für deren Argumente sind.

Denn sie glaubt einfach nicht an die Gefährlichkeit dieses Virus.  

Ich bin keine Verschwörungstheoretikerin, keine AFD-Wählerin oder – Funktionärin, auch nicht rechts- oder linksradikal. Ich hatte nur einfach noch nie Angst vor irgendwelchen Krankheiten. Sterben werden wir alle, egal woran. Weil jetzt mal ein Virus gefährlicher sein könnte, rechtfertigt das so drastische Einschnitte?

Sie finde jenseits des medialen Mainstreams Stimmen, die sie darin bestärken. Während die Panik vor Corona von traditionellen Medien angefeuert und von Politikern in Maßnahmen übersetzt worden sei. Dabei sei die Zahl der Infizierten gering gemessen an der Gesamtbevölkerung. Auf all diese Punkte könnte ich jetzt mit Fakten antworten, mit tiefgehenden Recherchen, mit fundierter Analyse. Aber all das ist ja längst geschehen. Und würde auch nichts bringen. Denn im Kern lässt sich die (sehr lange) Email in diesem Zitat zusammenfassen:

Ich bin wütend!

Weil es mal hieß, Beschränkungen wie im chinesischen Wuhan werde es in Deutschland nicht geben.

Weil "ich seit acht Wochen faktisch einem Berufsverbot unterliege und weit und breit kein Ende abzusehen" (sie ist Musiklehrerin).

Weil ihr Enkelkind den hart erkämpften Kita-Platz nicht nutzen kann und ihre Kinder ohne Hilfe bei der Betreuung nicht arbeiten können.

Wut. Die fühle ich selbst, wenn ich nach langen Wochen im Home-Office-Stress mit Kinderbetreuung meine Kinder anbrülle, weil mir für Einfühlungsvermögen und Verständnis die Kraft fehlt. Wenn ich Freunde und Bekannte sehe, die in der Krise ihre Jobs verlieren. Wenn ich mal wieder meine Eltern vertrösten muss, weil sie ihre Enkel auch nicht zu Geburtstagen sehen können – Risikogruppe, Sie kennen das vielleicht. Und trotzdem glaube ich, dass wir im Angesicht der Pandemie den ausgebildeten Medizinerinnen und Medizinern, den Virologen wie Dr. Drosten, vertrauen sollten. Weil nur sie uns eine echte Chance auf ein Impfmittel geben. Und weil ich Politikerinnen und Politikern unterstelle, dass sie wahrlich kein Interesse haben können, die deutsche Wirtschaft lahmzulegen – denn nichts ist uns in Deutschland so wichtig wie die Wirtschaft, egal wie blau die Augen von Bill Gates sind. Aber niemand hilft uns, diese Wut zu bewältigen. Das müssen wir alle selber tun. Jeden Tag. Jeder und jede für sich allein.

Wie erleben Sie denn die aktuelle Lage? Was hilft Ihnen, Hoffnung zu bewahren? Schreiben Sie uns an: absacker@rbb-online.de

4. Ein weites Feld

Weil der letzte Abschnitt so lang ist, hier etwas ganz Kurzes - das die Absurdität mancher Corona-Berichterstattung treffend auf die Schippe nimmt. Und das Jahrzehnte bevor es Corona überhaupt gab.

Bleiben Sie gesund. Und ruhig.

Sebastian Schöbel

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