Symbolbild: Schild "Vorbild Schweden Keine Schäden" (Quelle: dpa/Sachelle Babbar)
Bild: dpa/Sachelle Babbar

Absacker - Wenn der Brandenburger für Schweden jubelt

Auf der anderen Seite des Gartenzauns ist das Gras bekanntlich immer grüner. Es sei denn, es ist Corona und man wohnt in Schweden: So schreibt es ein Absacker-Leser in einer Mail an uns. Sebastian Schöbel entdeckt derweil viel schönes Grün auch daheim.

Das Coronavirus hat uns die Vorteile des Internets und der Digitalisierung ziemlich deutlich vor Augen geführt: ungeduscht im Schlafanzug arbeiten, Videokonferenzen mit den Kollegen während nebenbei die neue Lieblingsserie läuft, und endlich mal Zeit für den ein oder anderen gut durchdachten Tweet oder Facebookpost. Das Internet, könnte man sagen, ist der eigentliche Gewinner der Coronakrise.

Nur stimmt das eben nicht, weil das Internet - da ist es eben doch sehr menschlich - manchmal auch mit dem Hintern einreißt, was es mit den Händen aufgebaut hat. So wie bei Andreas Kalbitz, Ex-Noch-AfD-Chef in Brandenburg. Der hat nämlich seinen Mitgliedsantrag anno dazumal bereits corona-konform ohne menschlichen Kontakt über Internet gestellt. Und nun ist der digitale Wisch weg.

Was ärgerlich ist, aber offenbar unvermeidbar: Solche Onlineanträge kann man ja auch nur ganz schlecht speichern. So wird das Internet zum Hund, der die Hausaufgaben gefressen hat.  

1. Was vom Tag bleibt

Deutlich weniger lustig sind die Geschichten, die mein Kollege Martin Adam zusammengetragen hat: Er hat mit Menschen gesprochen, die eine Covid19-Erkrankung überstanden haben. Und auch wenn das Einzelschicksale sind, die nicht verallgemeinert werden sollten, so finde ich es doch bedrückend, wie schwer der Verlauf zum Teil sein kann.

Wenn da ein 64-jähriger Internist erzählt, er sei wochenlang körperlich völlig am Ende gewesen, "zu schwach, um mir etwas zu essen zu kochen", dann macht mich das nachdenklich. Der Mann ist nur wenige Jahre jünger als mein Vater. Oder die Musiklehrerin, die plötzlich ihr Parfüm nicht mehr riechen konnte, bevor Fieber und Gliederschmerzen kamen, und die heute sagt, sie habe noch immer Angst, nicht wirklich immun zu sein. Diese Frage ist in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zuletzt nämlich auch immer wieder aufgekommen: Was, wenn man einmal Covid-19 überstanden hat, das Virus aber irgendwann zurückkommt?

Da braucht man auch ein paar gute Geschichten, um wieder auf andere Gedanken zu kommen. Die von Romy Kasper ist so eine - weil sie auch so irre klingt. Die Frau hat gerade die Bahnrad-Bundesliga gewonnen. Von ihrem Wohnzimmer aus. Die haben quasi die Rennmaschinen von allen Bahnradfahrerinnen der Liga miteinander vernetzt und dann wurde getreten, getreten, getreten - mit Blick auf die die eigenen vier Wände.  

2. Abschalten

Ich halte hier im Absacker als einziger waschechter Brandenburger natürlich immer gerne die Fahne mit dem roten Adler hoch. Das fällt in diesen Tagen besonders leicht, weil das Wetter gerade grandiose Touren mit Fahrrad oder Boot erlaubt. Mich entspannt wenig so sehr wie der Blick auf ein altes Dorf mit alten, preußischen Gutshäusern.

Passend dazu gönne ich mir auch gerade mal wieder den guten alten Fontane und seine "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Wobei, nicht das Buch: Der rbb hat letztes Jahr eine tolle Doku-Reihe zu Fontanes legendärem Werk ausgestrahlt. Und alle fünf Teile gibt es noch bis Ende des Jahres in der ARD-Mediathek.

3. Und, wie geht's?

Brandenburger neigen ja nicht unbedingt zu Jubelstürmen, die brummeln Anerkennung eher in sich hinein. Fontane meinte gar, sie seien "ohne rechte Liebenswürdigkeit". Umso mehr faszinierte mich die geradezu euphorische Email eines Potsdamer "Absacker"-Lesers, der uns aus Schweden schrieb. Dort lebt er schon seit etwas mehr als vier Jahren. Und er ist ein großer Fan der schwedischen Corona-Maßnahmen.

Einfach deshalb, weil wir hier nicht nur in unserer Hauptstadt Stockholm Menschen haben, die willens und in der Lage sind, aktuelle Herausforderungen zielorientiert zu lösen. Heißt ganz konkret: Da wo notwendig und rational nachvollziehbar Restriktionen erlassen und andererseits denjenigen zu helfen, die momentan Hilfe benötigen.

Nun würden genau das vermutlich auch viele deutsche Regierungspolitiker für sich reklamieren. Aber unser Leser erklärt genauer, was er meint: In einer schwedischen Kreisstadt zum Beispiel sei der einzige Corona-Patient umgehend ins Krankenhaus gebracht und sein Haus desinfiziert worden.

Es kam aber wirklich niemand auf die Idee, für den gesamten Landkreis panisch Ausgangssperre auszusprechen.

Er lobt also den relativen entspannten Umgang der schwedischen Regierung mit dem Virus. Deren schnelle, unbürokratische Hilfe für in Not geratene Unternehmen: Das sei viel besser als das, was er von den Staatshilfen hierzulande gehört habe. Und was im Potsdamer Ernst von Bergmann Klinikum passiert ist, darüber "schüttelt man hier nur noch den Kopf".

In diesem Sinne sende ich viele Grüsse in die alte Heimat, verbunden mit einem dreifachen HOCH auf unseren Anders Tegnell!!!

Letzterer ist übrigens Schwedens Staatsepidemologe. Und sein Kurs ist umstritten - nicht mehr nur im Ausland - weil Schweden inzwischen deutlich mehr Tote zu beklagen hat als andere Länder mit scharfen Lockdown-Beschränkungen. Andererseits mussten die Menschen hier auf viele Freiheiten nicht verzichten. Es kommt wohl einfach immer auf den persönlichen Blickwinkel an: Ist das Billy-Regal nun schief oder einfach der Raum nicht schwedisch genug?

Welches von Corona betroffene Land begeistert Sie gerade besonders? Schreiben Sie uns doch über Ihre Erfahrungen an: absacker@rbb-online.de

4. Ein weites Feld...

Das erste Mal habe ich meinen kleinen Garten im Griff: Die Blumen sind käferfrei, der Rasen keine Steppe und sogar meine Hortensien halten durch - nachdem ich etliche ihrer Vorgänger Jahr um Jahr entsorgen musste.

Der Grund ist natürlich der Lockdown: Noch nie hatte ich so viel Zeit fürs heimische Grün. Der Urlaub in der Ferne ist gestrichen, soziale Kontake eingeschränkt, die Ablenkungsmöglichkeiten außer Haus bis vor kurzem defacto nicht vorhanden. Und nur die Pflanzen- und Baumärkte hatten auf. Auch die Gärten meiner Nachbarn sehen allesamt makellos aus.

Inzwischen frage ich mich manchmal, ob wir diese verrückte Zeit nicht irgendwann auch mal vermissen werden. Wenigstens ein bisschen.

Sebastian Schöbel

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Antwort auf [Stefan] vom 20.05.2020 um 09:48
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11 Kommentare

  1. 11.

    Vorbild Schweden - Keine Schäden . . . Ja genau, so reimt sich der faktenresistente "Bauchfühler" seine Welt zurecht. 'Weija!

  2. 10.

    Vielleicht ist er ja noch damit beschäftigt, die schwedischen Zahlen aus den vergangenen Jahren zu suchen, um die ich ihn gebeten hatte.

  3. 9.

    Der Bayrische Rundfunk berichtete vor vier Tagen:
    Schweden hat verglichen mit Deutschland relativ viele Todesfälle in der Corona-Pandemie zu beklagen. Nach Angaben, die dem "European Center for Disease Prevention and Control" (ECDC) bis 15. Mai vorlagen, sind in Schweden pro 100.000 Einwohner 34,7 Menschen mit Covid-19 gestorben, in Deutschland hingegen nur 9,4. In absoluten Zahlen heißt das 3.529 Tote in Schweden, 7.824 Tote in Deutschland.
    Besonders in die Kritik geraten ist, dass in Schweden viele alte Menschen in Pflegeheimen gestorben sind.

    Das herauszufinden hat nur eine Minute gedauert, lieber Klaus!

  4. 8.

    Ihre Beobachtung ist richtig. Viele Deutsche haben das Bild des schwedischen Wohlfahrtsstaates aus 1980. Das ist aber vorbei. Was Sie gehört haben, stimmt. Viele haben 2-3 Jobs. Die nette Bedienung sonntagsmittags im Café putzt nach Schluss im Fitness, montags arbeitet sie wieder im Büro. Der nette Typ vom Kanuausleih hat keinen Urlaub, dieser Sommerjob ist sein Urlaub. Es gibt seit Jahren soviele Menschen mit Depressionen und Angst und deshalb so unglaublich viele Suchtkranke. Viele sind freundlich und denken sozial aber sie haben Angst vor den Fragen im jobinterview: was ist deine Idee um deine Produktivität zu erhöhen.....wir haben10 Bewerber..was tust du um deine Konkurrenzsituation zu verbessern. Dort leben ist nicht so leicht wie es aussieht. Für Urlauber ist es ganz anders. Aber das ist in anderen Ländern auch so.

  5. 7.

    Würden Sie uns ein paar Zahlen mit entsprechenden Quellen geben?
    Ich habe eben versucht, aus den vergangenen Jahren welche zu finden, aber da Sie sich ja ausdrücklich darauf beziehen, werden Sie ja helfen können, danke.

  6. 6.

    Dass Schweden deutlich mehr Tote hat, ist etwas sehr weit hergeholt.

    Schauen wir uns unsere Grippewelle 2018 an oder auch die Zahlen vergangener Infektionswellen in Schweden.

    Anhand der Zahlen kommen mir tiefe Zweifel, ob Corona nicht letztlich doch nur eine gewöhnliche Viruserkrankung ist, die, wie jeder Virus, gefährlich bis tödlich werden kann.
    Mehr aber auch nicht.

  7. 5.

    Finde ich auch. Und überhaupt sieht Schweden für uns Deutsche nur aus der Ferne romantisch in pastellen erdigen Farben und IKEA Möbeln aus. Wenn man mit Schweden der Generation 50+ mal tieferschürfend spricht, ist dies dort eine knallharte Leistungsgesellschaft. Jung und dynamisch ist alles rosig, aber älter und mal 3 Wochen krank ist man dort schnell raus aus dem Arbeitsleben. Deswegen sind dort wahrscheinlich auch weniger mit Symptomen zum Arzt gegangen und mithin nicht in der Statistik. Und noch ein großer Unterschied ist mir voriges aus dem einen lockeren Wein-Abend mit den Schweden klar geworden: Wir fragen bei vielem im Alltag... Ist es verboten? Da ist dann im Umkehrschluss sehr viel erlaubt. Die Schweden fragen immer... Ist das überhaupt erlaubt? Bei denen ist im Umkehrschluss im öffentlichen Leben mehr verboten. Mal so als Gedankenanstoß, welches Land für uns jetzt Vorbild sein sollte...

  8. 4.

    Nach schwedischen Modell hätten wir bereits 29756 Tote. Da soll mir mal einer erklären, warum das gut sein soll. Wer das schwedische Modell befürwortet ist leider Fakten-Resistent.

  9. 3.

    Kommentaren 1 und 2 kann ich nur zustimmen. Im Urlaub 2019 auf den Mecklenburger Seen um die Müritz rum hab ich mich im Hafen mit Urlaubern aus Schweden unterhalten. Und man glaubts kaum... Ihnen gefiel Deutschland, zumindest wohl der Teil, den sie relaxt in McPom dort im Urlaub erlebt haben. Sie beneiden uns um unser ungezwungenes Alltagsleben, im Vergleich wenige Restriktionen im Alltag (wie gewsagt, war 2019 ohne Corona!). Und als ich dann noch von bezahltem Urlaub und wenn notwendig auch bezahlter Krankschreibung erzählte, waren die sowas von hin und weg. Und aus ihrem erzählen aus dem Alltag dort sind mir jetzt auch Unterschieden der beiden Länder D und S klar ist: In Schweden sind solche dichten Massenaufläufe auf Liegewiesen, in Restaurants oder in Clubs wie bei uns eher selten. Das ist dort auf Grund der geringeren Bevölkerungsdichte wohl auch nicht üblich.

  10. 2.

    Mehr Info von Liv. 3 Beispiele: Schwangere zahlen Medikamente selbst...sie hätten sich vorher gesünder ernähren können. Nikotinabhängige kommen bei der Warteliste für den staatlichen Zahnarzt nach hinten auf die Warteliste...sie müssen nicht rauchen. Nikotinmissbrauch ist eine Vorerkrankung. Das würde mitrechnen wenn priorisiert werden müsste. Ältere Menschen müssen jahrelang auf Knie- oder Hüftoperationen warten....und je älter je weniger lohnt es sich. Inzwischen fahren soviele Schweden zur Behandlung nach Dänemark oder Polen und zahlen selbst. Bullerby gibt es im Kinderbuch, Schweden heute ist Produktivität und Ekonomie in schönem Ambiente. Weisse Boote im Hafen und Armut und Sucht in den Hochhäusern weit hinter den Felsen. Schweden ist traumhaft, wenn man ein festes Einkommen hat und gesund ist. Wie überall

  11. 1.

    Bin ja seit einigen Wochen aus Gbg zurück, Quarantäne ist vorbei. Ein paar Infos für Schwedenfans. Viele Arbeitslose in der Gastronomie, weil die Restaurants weniger Gäste haben. Da Köche und Service selten Verträge haben sondern Stunden machen wie das dort heißt, gibt es kein Geld wie hier. Das heißt neuen Job suchen und das ist momentan unmöglich. Viele Schweden halten sowieso mehr Abstand und fühlen sich verantwortlich ....andererseits interessiert sich keiner für unproduktive Alte oder z.B. Schweden-Somalier. Solange hauptsächlich die covid kriegen - egal. Die Gesellschaft dort ist solidarisch aber längst nicht mit allen. Produktivität ist ein hoher Wert und der Urlaub und die Kaffeepause sind nicht da weil es so schön ist, sondern damit möglichst keine Krankheitstage entstehen . Wer krank wird, geht mit Paracet weiter arbeiten. Das gehört sich und man wird nicht kkrankgeschrieben.Es ist nicht alles rosa in S und fast alles wird der Ekonomie untergeordnet.

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