Ärztin und rbb-Moderatorin Dr. Julia Fischer (Bild: rbb)
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Video: rbb SPEZIAL | 08.04.2020 | Bild: rbb

Video | Dr. Julia Fischer erklärt - Warum Verschwörungstheorien anziehend wirken

Haben Sie schon gehört, dass das Coronavirus eine von China entwickelte Bio-Waffe ist? Oder dass die Krankheit Covid-19 durch die Strahlung der neuen 5G-Handy-Sendemasten? Im Netz kursieren zahlreiche absurde Theorien zur Entstehung der Coronavirus-Pandemie. Warum springen so viele Menschen immer wieder auf Verschwörungstheorien an?

Anmerkung: Die Erklärvideos entsprechen dem Wissensstand des Ausstrahlungsdatums. Da zu dem neuartigen Coronavirus noch nicht viel bekannt ist, sind viele Erkenntnisse medizinisch und wissenschaftlich noch nicht ausreichend gesichert und durch Studien belegt.

Unser Gehirn ist darauf getrimmt, Muster in der Umgebung zu erkennen: Eine dunkle Wolke am Himmel bedeutet Regen, ein wandernder Schatten, dass ein Raubtier oder Unheil uns verfolgt. Das Erkennen solcher Muster kann unser Leben retten. Deswegen hat unser Gehirn diese Fähigkeit im Laufe der Evolution immer weiter perfektioniert. Mit dem Ergebnis, dass wir dazu neigen, Muster auch dort zu sehen, wo keine sind. Wie menschliche Gesichter in Steckdosen oder auf Schildern. Außerdem mag das Gehirn Kontrolle - und hasst Unvorhersehbares. Es möchte Antworten auf Fragen. Und zwar, wenn möglich, einfache.

Und welche, deren Brisanz zu den Folgen passt. Ein drastisches Beispiel: Eine Atombombe und viele Tote: ja, das macht Sinn. Aber eine so gewaltige Krise wie die aktuelle, ausgelöst durch ein winziges Virus? Da stimmt doch was nicht. Da muss jemand Größeres die Fäden ziehen. Menschen mit einer solchen Ahnung neigen dazu, sämtliche Informationen so umzudeuten, dass sie irgendwie in ihr Muster passen. Das ist der sogenannte Bestätigungsfehler. Mit "echten" Fakten gegen diese Überzeugungen anzukommen, kann dann schwer bis unmöglich sein. Verschwörungstheorien sind also der Versuch des Gehirns, sich zu schützen - vor Überforderung durch Unsicherheit. Deswegen kann es helfen, Menschen darin zu unterstützen, sich in ihrem eigenen Leben sicherer und handlungsfähig zu fühlen. So wird das Wissen darüber, dass es kein Muster und keinen Verantwortlichen für das große Ganze gibt, vielleicht erträglicher.

kurz erklärt

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4 Kommentare

  1. 4.

    Eine Atombombe mit vielen Toten macht Sinn ? Dann müsste die gesamte Menschheit dauerhaft im Panikzustand leben.
    Denn die Lager derartiger Waffen sind mehr als gut gefüllt, um diese gleich mehrmals zu pulverisieren.

    Der Umstand ist eher dem geschuldet, dass von den Maßnahmen jeder davon betroffen ist.
    Oder gab es damals bei der sog. spanischen Grippe 1918 Verschwörungstheorien ? Zumindest in solchem Umfang.
    Damals 1957 zur sog. chinesischen Grippe gab es bereits Rundfunk und Fernsehen. Aus diesen Zeiten ist ebenfalls medial über Verschwörungstheorien wenig bekannt.

    Worüber sich diese Verschwörungen verbreiten ist die heutige Vernetzung der Menschen im Internet, wo inzwischen jeder sein eigener Virologe, Statistiker oder Präsident sein kann. Das Internet kennt weder Demokratie, weder Diktatur.
    Entscheidend sind die Dinge die in die reale Welt getragen werden und jeder in seinen Gedanken daraus macht.

  2. 3.

    Kennt denn Dr. Julia Fischer jemanden der Corona hat?

  3. 2.

    Ich stimme Ihnen zu.
    Allerdings liegt die crux im letzten Satz: "Man kann sich aber dazu selbstkritisch und reflexiv verhalten!"
    Es wäre schön, wenn diese Fähigkeit verbreiteter wäre... ;)

  4. 1.

    Der Erklärungsversuch trägt zwar viel Sinnvolles in sich, ist an einer Stelle aber entschieden widersprüchlich. Es wird vom "Bestätigungsfehler" bereits gesprochen, während man eigentlich noch im Feld der Wahrnehmung sein sollte. Der größere logische Bruch besteht aber genau darin, zunächst eine Ideologie, eine Verschwörungstheorie als selbsterhaltendes Wertungsmuster darzulegen, also etwas, das einer selbstbestimmungsfähigen Person durch eigene Entscheidung, durch eigenes Handeln zukommen kann, und redet dann von Verschwörungstheorie in biologisierender Weise. Das ist irrig. Denn dann hätten alle Menschen, die versuchen, ihre Umweltreize zu interpretieren Verschwörungstheorien.

    Es gilt für Verschwörungstheorien genau wie für Rassismus: Die biologischen und soziologischen Anlagen, die eigene Umwelt zunächst(!) leichter verstehen zu können, bedeutet Reduktion, von Reizen sowie Komplexität von Erklärungsmustern. Man kann sich aber dazu selbstkritisch und reflexiv verhalten!

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