Mögliche Kontrolle von Handydaten - Das Mittel gegen Corona liegt nicht in der Hosentasche

So 29.03.20 | 08:10 Uhr | Von Haluka Maier-Borst
Symbolbild: Ein Jugendlicher mit Mundschutz blickt an einem Berliner S-Bahnhof auf sein Handy. (Quelle: imago images)
Bild: imago images

Datenschutz lockern, um Corona einzudämmen? Aktuell wird diskutiert, ob man die Handydaten von Infizierten durchsuchen soll, um weitere Kontakte zu finden. Doch Experten dämpfen die Erwartungen und sehen Gefahren. Von Haluka Maier-Borst

Was Sie jetzt wissen müssen

Testen, testen, testen. Das ist die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Kampf gegen das Corona-Virus. Auch im bislang internen Strategiepapier des Bundesinnenministeriums wird gefordert die Testkapazitäten massiv auszubauen [tagesschau.de]. Doch noch eine andere Maßnahme wird zunehmend diskutiert: das "Location Tracking" von Handys.

Tatsächlich werden jetzt schon Handydaten ausgewertet, um den Fortschritt im Kampf gegen Corona besser nachzuverfolgen. Allerdings auf anonymisierter Basis und nur bis zu einer Detailschärfe von Landkreisen.

Einer, der daran beteiligt ist, ist Frank Schlosser von der Berliner Humboldt-Universität. Schlosser wertet derzeit mit anderen Kollegen Daten der Telekom im Auftrag des Robert-Koch-Instituts aus. So will man nachvollziehen, wie sehr sich Bewegungsmuster in den letzten Wochen verändert haben. "Wir können bislang sehen, dass die Bewegungen innerhalb der Landkreise aber auch zwischen den Landkreisen deutschlandweit um 45 Prozent abgenommen haben", sagt er gegenüber rbb|24.

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Besonders stark sei die Abnahme der Bewegungen in Großstädten wie Berlin, aber auch Hamburg und München zu spüren, erklärt Schlosser: "Wir reden da teilweise von einem Minus von bis zu 60 Prozent." Auch die Grenzregionen zum Beispiel zu Polen würden einen besonders starken Rückgang der Bewegung verzeichnen. All das deute darauf hin, dass die bislang beschlossenen Maßnahmen greifen.

Die Daten, die Schlosser und seine Kollegen haben, können somit zeigen, dass auch ohne drastische Maßnahmen wie in Italien deutlich weniger Menschen sich fortbewegen und wohl auch ihren Kontakt mit anderen reduzieren.

Aber diese Daten können noch weitaus mehr. Sie können Forschern dabei helfen zu verstehen, wie sich Krankheiten ausbreiten. So konnten vergangene Studien zeigen, dass sich mithilfe von Handydaten ziemlich genau nachverfolgen ließ, wie sich Röteln in Kenya [pnas.com], Ebola in Westafrika [plos.org] oder Dengue innerhalb des Stadtstaats Singapur ausbreiten [nature.com].

Und doch, wenn es um die Pläne des Gesundheitsministers geht, mit Handydaten auch einzelne Infektionsketten bei Corona zu klären, ist Schlosser vorsichtig: "Das ist eine gute Idee, ist aber technisch nicht so einfach."

Die mangelnde Präzision vieler Methoden

Der Grund dafür ist, dass die Auflösung der Daten zu niedrig ist. Denn zum jetzigen Zeitpunkt haben Mobilfunkanbieter lediglich Informationen darüber, in welcher Funkzelle ein Handy sich befindet, also mit welchem Funkmast es verbunden ist. Und diese Funkzelle ist selbst im besten Fall 100 Meter mal 100 Meter groß. Entsprechend helfen diese Daten nicht dabei festzustellen, zu wem eine infizierte Person über längere Zeit weniger als zwei Meter Abstand hatte.

Ähnlich ist es mit der GPS-Ortung. Auch diese kann im besten Fall metergenau sein, aber auch schnell mal einen Fehler von 7 bis 13 Meter aufweisen [plos.org]. Und in Gebäuden ist man noch viel ungenauer. Entsprechend sei nicht nachvollziehbar, ob jemand an einer Supermarktkasse neben jemandem stand, der später positiv getestet wurde - oder zwei Kassen weiter, gibt der Forscher Piotr Sapiezynski zu bedenken. Und er muss es wissen.

Wie sehr sich gemessener und tatsächlicher Abstand zwischen den Messmethoden unterscheiden

Sapiezynski hat als Forscher an der sogenannten Kopenhagener Netzwerk-Studie mitgearbeitet. In dieser Studie gab ein Forscher-Team um den Dänen Sune Lehman mehreren hundert Studierenden umsonst ein Handy. Die Bedingung: Im Gegenzug durften die Forscher alle Metadaten zur Handynutzung dieser Studierenden speichern. Also sei es wer wem Nachrichten schrieb oder wer in wessen Nähe auf dem Campus war. Die Studie, die 2012 begann, war ein Versuch mit Daten die Interaktion von Menschen nachzuzeichnen. "Das ging aber in unserem Fall auch nur, weil wir das Bluetooth-Signal mitbenutzt haben", sagt Sapiezynski.

Bluetooth nutzen viele vor allem um kabellose Boxen oder Kopfhörer zum Beispiel mit ihrem Handy zu verbinden. Es lässt sich aber auch dazu nutzen, um festzustellen, welches Handy in der Nähe von welchem anderen Handy war. Nur müssen dazu die Nutzer einwilligen und die entsprechenden Daten bei sich auf dem Handy speichern. "Für die vergangenen Tage können wir also solche Informationen nicht mehr herausfinden", erklärt Sapiezynski. Und der einzige Weg, um sie für die nächsten Wochen zu haben, wäre, dass sich möglichst viele Menschen eine spezielle App auf ihr Handy laden. 

Gibt es bald eine Anti-Corona-App?

Angenommen die Bundesregierung würde einen solchen Plan tatsachlich verfolgen: Würden sich Leute diese App freiwillig herunterladen und ihre Daten zum Rückverfolgen von Infektionen spenden, gäbe es zumindest kein größeres Problem mit der Privatsphäre. Und auch ließe sich im Fall von Bluetooth das Ganze technisch so lösen, dass Daten genügend anonymisiert wären.

Dennoch warnt Sapiezynski davor, dass eine solche App ein falsches Gefühl von Sicherheit geben könne: "Nur weil Sie keine Meldung bekommen, dass Sie mit keinem Infizierten in Kontakt waren, heißt das nicht, dass Sie tatsächlich nicht angesteckt wurden. Vielleicht hatte der Erkrankte einfach auch nicht die App."

Des Weiteren gibt der polnische Forscher zu bedenken, dass Eingriffe in den Datenschutz und die Privatsphäre klar auf eine gewisse Dauer beschränkt sein müssten, weil sie sonst wohl schnell zum Dauerzustand werden könnten. In China oder Südkorea haben zum Beispiel solche Apps dazu geführt, dass teilweise sehr private Dinge über Erkrankte bekannt wurden, wie zum Beispiel Affären.

Sapiezynski und Schlosser zeigen sich darum einig: Eine Art Corona-App könnte ein hilfreicher Ansatz sein, den man in einer derart angespannten Lage prüfen sollte. Doch welchen wirklichen Nutzen sie hätte und wie groß möglicherweise der Schaden für den einzelnen und die Gesellschaft ist, müsse man genau prüfen.

Beitrag von Haluka Maier-Borst

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