Slava Kononov (Quelle: instagram/slavakononov)
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Interview | Gestrandet in Neukölln - Wie ein Ukrainer versucht, zurück nach Hause zu kommen

Slava Kononov ist ein international agierender Künstler und Tätowierer mit 26.600 Followern auf Instagram. Im Frühjahr wollte er in Berlin arbeiten und danach in die USA. Stattdessen ist er in Neukölln gestrandet und weiß nicht, wie er zurück nach Kiew kommt.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb|24: Herr Kononov, haben Sie gerade ein Dach über dem Kopf?

Slava Kononov: Ich wohne zurzeit bei meinen Freunden in Neukölln. Es ist komisch, in dieser sonst so lebendigen Gegend durch leere Straßen zu laufen. Eigentlich hat Berlin für mich immer eine sehr lebendige und fröhliche Energie. Aber gerade ist es eigenartig.

Sie hatten eigentlich gar nicht vor, in Berlin zu sein. Wie ist es dazu gekommen?

Eigentlich wollte ich in die USA fliegen. Aber da wurde der Einreisestopp verhängt und ich zurück nach Europa geschickt. Ich bin also in Paris gelandet und habe beschlossen, über Berlin zurück nach Kiew zu fahren. Am vergangenen Freitag, dem 13. März, bin ich hier angekommen und fing sofort an, nach Bustickets für die Heimreise zu suchen. Ich konnte einen Platz in einem Bus am 17. März ergattern. Es gab zwar ein paar Tickets für frühere Verbindungen, aber sie wurden rasend schnell ausverkauft. Bis ich bei der online-Buchung bei der Bezahlung ankam, war der Platz schon weg.

"Der Bus wurde wenige Stunden vor der Abfahrt storniert."

Slava Kononov

Also kaufte ich ein Ticket für den 17. März. Ich hatte mich für einen Bus entschieden, weil es bereits erste Nachrichten gab, dass Flughäfen schließen werden. Als die Nachricht kam, dass Polen die Grenze zumacht, dachte ich noch, dass ich es noch rechtzeitig über die Grenze schaffe, denn der Bus sollte am Vormittag losfahren und bis Mitternacht in der Ukraine sein.

Aber um 23 Uhr am Abend vor der Abreise bekam ich die Nachricht, dass der Bus ausfällt, weil Polen niemanden durchlassen wird. Ich habe von ein paar Landsleuten gehört, die im Grenzbereich stecken geblieben sind, aus einem Land raus, in das andere aber nicht reinkommen.

Welche Möglichkeiten gibt es für Sie, jetzt noch nach Hause zu kommen?

Ich habe der ukrainischen Botschaft geschrieben und sie haben am nächsten Tag gleich geantwortet. Ich sollte einige Formulare ausfüllen und nun warte ich auf die Rückmeldung. Es heißt, es soll ein paar Flugzeuge geben, um die Menschen auszufliegen. Aber man muss sich dafür extra registrieren lassen. Damit werde ich mich als nächstes beschäftigen – zu verstehen, was ich tun muss, um ausgeflogen zu werden.

"Ich hoffe, ich werde ausgeflogen."

Slava Kononov

Die Ukraine ist kein Mitglied der EU. Dürfen Sie denn ohne weiteres in Deutschland bleiben?

Ukrainer dürfen sich bis zu drei Monaten in den Ländern des Schengen-Abkommens aufhalten. Aber meine drei Monate gehen bald zu Ende. Ich habe nur noch etwa zehn Tage übrig. Und wenn ich Deutschland erst verlasse, wenn die Grenzen wieder geöffnet werden, werde ich wahrscheinlich einige Tage ohne gültigen Aufenthaltsstatus sein. Es gibt aber Gerüchte, dass diese Bestimmung momentan außer Kraft gesetzt wurde. Aber de facto läuft mein Visum demnächst ab. Ich hoffe, das wird kein Nachspiel für mich haben.

Reisen sind immer mit Geldausgaben verbunden. Und wenn dabei etwas schiefläuft, sind unvorhergesehene Ausgaben vorprogrammiert. Wie geht es Ihnen momentan finanziell?

Das Geld geht langsam aus. In Deutschland ist vieles recht teuer und ich musste einiges ungeplant kaufen, weil ich nicht damit gerechnet habe, länger zu bleiben... Ans Verdienen ist zurzeit auch nicht zu denken. Als Tattoo-Künstler hat man momentan nichts zu tun. Menschen haben ganz andere Sorgen. Es heißt, der Flug zurück nach Hause könnte über 200 Euro kosten. Soviel habe ich momentan nicht parat. Dazu kommt, dass das Geld, das ich für das Busticket gezahlt habe, nicht erstattet wurde. Gut, dass ich hier Freunde habe, bei denen ich wohnen kann.

"Als Tattoo-Künstler hat man momentan nichts zu tun."

Slava Kononov

Was hören Sie aus der Heimat? Was erzählen Ihre Freunde, die in Kiew sind?

In der Ukraine gilt seit dem 17. März die Quarantäne. In Kiew fährt keine U-Bahn mehr. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren kaum noch – alle sitzen daheim. Ich glaube, es ist nicht ausgeschlossen, dass der Notstand ausgerufen wird.

Red: In der Ukraine gab es am 19. März 26 bestätigte Fälle der Corona-Infektion. Drei Menschen sind bislang gestorben.

Was geht Ihnen durch den Kopf während dieser Tage in Berlin?

Man hat plötzlich sehr viel Freizeit und wird irgendwie hineingezogen in diesen Informationsstrudel. Die Ereignisse überschlagen sich. Der französische Präsident Macron hat neulich in seiner Rede fünf Mal gesagt: "Wir sind im Krieg." Das muss schon was heißen... Es ist mir sehr bewusst, dass eine Rezession unausweichlich ist und das macht sehr nervös und weckt Angst vor der Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Das Interview führte Vera Block, rbb|24

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