Frühling mit Mindestabstand - Corona-Verhaltensregeln spalten Berlin

So 29.03.20 | 10:10 Uhr | Von Oliver Soos
Die Polizei kontrolliert die Einhaltung der Verhaltensregeln zur Eindämmung des Coronavirus im Berliner Gleisdreieckpark. (Quelle: imago images/Klaus Martin Höfer)
Video: rbb|24 | 28.03.2020 | Material: Abendschau, Brandenburg aktuell, TNN, Oliver Soos | Bild: imago images/Klaus Martin Höfer

Wohl noch nie konnte man in Berlin so leicht etwas falsch machen wie an diesem sonnigen Samstag. Schon im Park auf einer Decke zu liegen reichte. Die Stadt droht sich in der Coronakrise zu spalten - in Moralapostel und Leute, die es immer noch nicht begreifen. Von Oliver Soos

Was Sie jetzt wissen müssen

Ich sehe diese Spaltung immer deutlicher. Allerdings weiß ich nicht so recht, zu welcher dieser beiden Gruppen ich mich selbst zählen soll. Auf jeden Fall war ich am Samstag im Zwiespalt. Es begann schon am Morgen, als ich mit meinem 3-jährigen Sohn im Fritz-Schloß-Park in Moabit spazieren ging. Er kennt dort jeden Spielplatz und rannte sofort los, als er aus der Ferne die erste Rutsche sah.

So kam es dann zu folgender Konversation: "Komm runter vom Spielplatz. Er ist zu." – "Nein, offen." Punkt für ihn, denn es gibt keinen Zaun und das rot-weiße Absperrband hat jemand weggerissen. "Aber wir haben dir doch schon erklärt, dass auf dem Spielplatz ein böser Virus herumläuft. Der kann dich krank machen." – "Nein, Virus nicht mehr da. Ich sehe keinen Virus."

Berechtigte Angst oder Denunziation?

Ein paar Minuten später trage ich mein strampelndes schreiendes Kind vom Spielplatz und ziehe dabei die Blicke der Parkbesucher auf mich. Dabei komme ich mir einerseits vor, wie ein Infektionsschutz-Ignorant. Andererseits denke ich mir: was für eine absurde Aktion. Ich trage ihn vom menschenleeren Spielplatz zurück auf den Weg, der voll mit Joggern, Spaziergängern und anderen Kindern ist, damit er sich nicht ansteckt. Natürlich ist mir auch klar, dass es darum geht, die Spielplätze leer zu halten, damit sich die Kinder nicht zu nah kommen und keine kontaminierten Oberflächen anfassen.

Mein Arbeitsauftrag für den Nachmittag lautet: in der Stadt herumfahren und gucken, wie gut sich die Berliner an die Kontaktverbote halten. Wieder bin ich im Zwiespalt. Einerseits finde ich es wichtig, das zu prüfen, denn davon hängt ab, wie schnell wir das Virus in den Griff bekommen. Andererseits komme ich mir vor wie ein Denunziant. Was werde ich da genau prüfen? "Boah, da stehen drei Personen dicht zusammen" oder "Skandal, da liegt jemand auf einer Picknickdecke"? Einerseits absurd, andererseits kein Spaß, denn es geht schließlich um Menschenleben.

Hunderte Menschen im Volkspark Friedrichshain

Ich beginne meine Tour auf dem Alexanderplatz und stelle schnell fest: alles gut hier. Die Geschäfte sind geschlossen. Auf dem gesamten Platz sind weniger als 50 Menschen unterwegs, die sich nicht zu nah kommen. Auf einer steinernen Bank sitzen sechs Personen. Sie verweilen zwar durchaus, was sie eigentlich nicht sollten, aber sie halten immerhin den 1,5 Meter Mindestabstand ein.

Ein ganz anderes Bild bietet sich an meinem zweiten Ort, im Volkspark Friedrichshain. Er ist sehr voll. Auf den Wiesen liegen hunderte Menschen auf Decken, meistens allein oder zu zweit. An einer Stelle sehe ich allerdings sechs Personen auf einer Decke. Ich spreche einige Parkbesucher an, die anonym bleiben wollen. "Ich kenne die neusten Regeln nicht so genau", sagt eine Frau, aber generell sei an der frischen Luft sein doch gut gegen die Virenverbreitung, fügt sie hinzu. Auch für das Immunsystem sei frische Luft gut, ergänzt ein Mann. Ein anderer Mann sagt, man liege doch mit großem Abstand zu den Nachbarn, wo sei denn das Problem.

"Ignoranz der Verzweiflung der Menschen in Italien, Spanien und Frankreich"

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte am Freitag in einer Videobotschaft deutlich gemacht, dass diese Argumentation nicht mehr zählt: "Bitte bedenken Sie, dass viele kleine Zweiergruppen auch eine große Menschenmenge ergeben und dass daraus wieder die entsprechenden Ansteckungsrisiken resultieren", sagte Geisel.

In den rbb|24-Kommentarspalten äußern sich viele Zuhausegebliebene deutlich drastischer über die Parkbesucher. "Unglaublich, die Leute kapieren es einfach nicht", schreibt ein User. In einem anderen Kommentar heißt es: "Die völlige Ignoranz des Leids und der Verzweiflung der Menschen in Italien, Spanien und Frankreich finde ich schockierend. Solidarität der Sonnenanbeter und Hedonisten? Gleich null."

Dicht an dicht auf dem Kollwitzplatz

Am dritten Ort meiner Tour bekomme ich es knallhart von der anderen Seite zurück. Der Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg hat geöffnet. Komische Regelung eigentlich. Dicht an dicht schieben sich die Besucher an den Bio- und Feinkostständen vorbei. Vor einem Straßenmusiker stehen und sitzen etwa vierzig Zuschauer sehr dicht im Kreis, von Abstandsregelungen keine Spur. Eine ältere Dame mit einem Weinglas in der Hand kommt entrüstet auf mich zugelaufen. Ich solle es unterlassen, zu fotografieren. Was ich hier überhaupt darstellen wolle, fragt sie mich. Sie spricht von Zeiten, in denen alle verrücktspielen würden und da müsse ich nicht auch noch Öl ins Feuer gießen.

Die spinnt doch, denke ich mir, die weiß offenbar, dass ihr Verhalten nicht korrekt ist. Andererseits komme ich mir nun tatsächlich vor, wie ein Moralapostel und Denunziant. Denn der Kollwitzmarkt darf geöffnet sein und ich fotografiere hier herumstehende Menschen wie Verbrecher. Wenn, dann muss die Polizei entscheiden, was richtig und was falsch ist. Dass ich die Ansteckungsgefahr hier viel größer einschätze, als im weitläufigen Volkspark Friedrichshain, spielt keine Rolle. Im Park war die Polizei am späten Nachmittag noch unterwegs. Sie hat die Menschen auf den Wiesen aufgefordert, aufzustehen und ihre Decken einzupacken.

Beitrag von Oliver Soos

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