Symbolbild: Ein Mann sitzt krank in einem Büro. (Quelle: dpa/Christin Klose)
Bild: dpa-Symbolbild/Christin Klose

Kollege des ersten Berliner Corona-Infizierten - "Wir gehen aus, dass fünf Kollegen ebenfalls infiziert sind"

Stefan Müller* steht seit Sonntagnacht unter häuslicher Quarantäne. Er saß im Großraumbüro direkt neben dem ersten Berliner Corona-Infizierten. Im Interview erläutert er, warum er glaubt, dass es schon viel mehr Fälle in der Stadt gibt als offiziell bekannt.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb|24: Herr Müller* (*Name von der Redaktion geändert), Sie befinden sich derzeit wegen des Verdachts einer Corona-Infektion in häuslicher Quarantäne. Warum?

Stefan Müller: Wir sind Kollegen des ersten bestätigten Corona-Falls. Meine Partnerin und ich haben direkt neben ihm im Großraumbüro gesessen, gehören also zur Hochrisikogruppe. Wir sind insgesamt 30 Mitarbeiter im Großraumbüro, zehn von uns saßen in seiner Nähe. Sonntagnacht rief mich dann der Chef unserer Firma an und sagte mir, dass der Kollege positiv auf Corona getestet wurde.

Die Telefonnummern der zehn Mitarbeiter, die direkt in seiner Nähe gesessen haben, hat unser Chef proaktiv an das Amt weitergegeben. Seit gestern sind meine Partnerin und ich nun zu Hause – und haben über eine WhatsApp-Gruppe Kontakt mit den zehn Kollegen, die unmittelbar neben ihm gesessen haben.

Wirkte der Kollege denn schon krank auf Sie, bevor er positiv getestet wurde?

Ja, er hat bestimmt zwei Wochen lang gehustet und geschnupft. Das heißt, wir waren zwei Wochen alle im Kontakt mit ihm, acht Stunden am Tag. Wir gehen deshalb davon aus, dass mindestens die Hälfte von uns zehn Kollegen ebenfalls mit dem Virus infiziert ist. Und wir gehen davon aus, dass es viel mehr Fälle in Berlin gibt, als bisher bekannt.

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Die Gesundheitsverwaltung hatte am Dienstag bei einer Pressekonferenz zum ersten Berliner Corona-Infizierten mitgeteilt, dass der junge Mann schon länger an Krankheitssymptomen litt. Auf Nachfrage von rbb|24, ob es zutrifft, dass er zwei Wochen lang mit Krankheitssymptomen zur Arbeit ging, verwiesen sowohl Gesundheitsverwaltung als auch die Charité auf den Datenschutz des Patienten. Es dürften nur solche Informationen herausgegeben werden, die der Patient selbst vorher freigegeben habe, sagte eine Charité-Sprecherin.

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rbb|24: Fühlen sie sich denn selbst krank?

Stefan Müller: Richtig heftige Grippesymptome haben meine Partnerin und ich nicht. Es sind leichte Symptome da: ein bisschen Halskratzen und ein bisschen Gliederschmerzen. Aber es kann ja auch eine leichte Verlaufsform der Krankheit sein.

Wurden Sie und Ihre Kollegen denn inzwischen auf das Corona-Virus getestet?

Wir haben uns Montagfrüh selbst beim Bezirksamt Tempelhof gemeldet. Am Montagmittag rief dann das Bezirksamt Mitte bei uns an und hat uns versichert, dass wir noch am selben Tag alle untersucht werden sollen. Das ist aber bis jetzt noch nicht annähernd passiert. Aus der Gruppe der zehn Betroffenen, mit denen wir per Whatsapp in Kontakt sind, sind bislang nur zwei untersucht worden. Einer der beiden hat inzwischen ein positives Testergebnis, bei dem Zweiten ist der Test negativ ausgefallen.

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Die Senatsgesundheitsverwaltung prüfte auf Anfrage von rbb|24 den Fall und bestätigte schließlich, dass ein Arbeitskollege des ersten offiziellen Corona-Infizierten positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet wurde, das die Krankheit Covid-19 auslöst. Damit steigt die Zahl der offiziell registrierten Erkrankten in Berlin auf sechs.

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Haben Sie denn nochmal nachgehakt, warum Sie und viele Ihrer betroffenen Kollegen noch nicht getestet wurden?

Ja, ich habe heute nochmal angerufen beim Bezirksamt Tempelhof, in dem wir gemeldet sind. Da hieß es dann auf einmal, es sollen nur diejenigen getestet werden, die leichte Symptome haben. Daraufhin habe ich angegeben, dass wir leichte Symptome haben. Morgen Vormittag soll nun eine Amtsärztin vorbei kommen, die uns hier zu Hause testet.

Wie bewerten Sie das Krisenmanagement des Senats bisher?

Die Informationspolitik finde ich völlig daneben. Senatorin Kalayci hat gesagt, dass alle Erstkontakte der Infizierten getestet werden, um die Kette zu unterbrechen. Als Betroffener habe ich jetzt das Gefühl, dass da eine Welle rollt, die so nicht dargestellt wird öffentlich.

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Auf Nachfrage bei der Gesundheitsverwaltung, warum die Erstkontakte in diesem Fall offenbar noch nicht getestet wurden, teilt eine Sprecherin mit: "Die Senatsgesundheitsverwaltung hat alle zuständigen Amtsärztinnen und Amtsärzte aufgefordert, umgehend die Testung aller Personen in dem Großraumbüro durchzuführen."

Ein Amtsarzt, der anonym bleiben will, äußerte jedoch Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme. Wörtlich sagte er rbb|24:

Amtsarzt (anonym): "Im Moment platzt mir gerade etwas der Kragen. Heute hat die Gesundheitssenatorin im Zusammenhang mit den fünf Corona-Fällen in Berlin gesagt, dass die 200 Kontaktpersonen getestet werden, und dann wollen wir mal schauen. Das bringt mich derart auf die Palme. Um es mal sehr deutlich zu sagen: Leute, die Kontaktpersonen sind, werden von uns isoliert. Das heißt, dass wir diese Leute für 14 Tage in eine Absonderung nehmen. Sollten diese Leute symptomatisch werden, also Erkältungssymptome zum Beispiel zeigen, dann würden wir sie testen. Aber auch nur dann. Alles andere ergibt keinen Sinn. Wenn Frau Senatorin behauptet, wir ziehen los, und streichen diese Patienten ab, dann hat sie keine Ahnung."

Interview und Recherche von Robin Avram

FAQ zum Umgang mit dem Coronavirus

  • Ich fürchte, infiziert zu sein. Was tun?

  • Was passiert mit möglichen Infizierten?

  • Was passiert mit Kontaktpersonen?

  • Welche Kapazitäten haben die Kliniken?

  • Welche Reisebeschränkungen gibt es?

  • Wie viele bestätigte Fälle gibt es?

  • Ist das Virus meldepflichtig?

  • Was ist das Coronavirus?

  • Woher kommt das Virus?

  • Wie kann ich mich anstecken?

  • Wie ansteckend ist das Virus?

  • Wer ist besonders gefährdet?

  • Wie funktioniert der Test?

  • Was sind die Symptome?

  • Wie kann ich mich schützen?

  • Welche Behandlung gibt es für Infizierte?

  • Gibt es Immunität gegen das Virus?

  • Wie hoch ist die Sterberate?

Beitrag von Robin Avram

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81 Kommentare

  1. 81.

    Wenn du innerhalb der ersten 28 Tage bei deiner neuen Arbeitsstelle krank wirst, zahlt die Krankenkasse deinen vollen Lohn, du hast also keine Nachteile: https://www.deurag.de/blog/krank-im-ersten-monat

  2. 79.

    Warum regt ihr Berliner euch auf. Ihr habt eure Politiker gewählt, also ertragt ihre Unfähigkeit rational und schnell im Sinne der Bevölkerung zu agieren.

  3. 78.

    Heute hat mein Man erfahren, dass 2 Kollegen haben einen ehem. Kolleg getroffen, dessen Partnerin und zukünftige Schwiegervater positiv auf Corona getestet wurden. Die Geschäftsebene hat garn nicht reagiert. Einige Kollegen haben Angst sich anzustecken oder deren Familie wie Eltern und Kinder. Ich habe selbst Ashma und unser Tochter Diabetis Typ 1... ist das nicht fahrlässig die Mitarbeiter einfach weiter arbeiten lassen und das seit Montag?

  4. 77.

    @UKW3000: Wer unterhält das alles im Stillstandsfall?

    Dazu gibt es längst Pandemiepläne.
    Morgen kann auch der Yellowstone hochgehen, Kometen einschlagen oder Ebola Ausbrechen.
    Seien Sie froh, dass Corona bis jetzt nicht negativ mutiert und zu 99% Überlebenschance bietet! Es werden noch andere Pandemien geben.

    Ein reiches Land hat alle Möglichkeiten, sich für all das besser vorzubereiten, als bisher geschehen!

  5. 76.

    Ein 2 wöchiger Stillstand kommt uns günstiger als das, was uns blüht, wenn das Virus weiter ignoriert und verharmlost wird.

    Dass ein kurzer Stillstand - natürlich kein 100%iger - funktionieren kann, zeigen uns viele andere Länder/Regionen. Leider ist die Politik hier völlig überfordert und planlos. Hier muss jeder selbst für sich und Hilfebedürftige sorgen.

    Sie können gerne weiterarbeiten. Aber bitte niemanden anstecken.

  6. 75.

    "Wir können doch heute nicht auf 20 Flüge verzichten, lieber die nächsten Jahr(zehnte) neue Grippewellen und bedrohte Alte... Es sterben ja nur 1:200."

    Aber wenn wir jetzt mal eben für vierzehn Tage das Land stilllegen würden, würde der Virus einen Bogen um Deutschland machen und die nächsten Jahrzehnte nicht zu uns kommen?

    Menschen wie Sie erschüttern auf die Dauer selbst bei mir den Glauben daran, dass Demokratie ein gutes System ist, das funktionieren kann.

  7. 74.

    Eine großartige Idee! Und wer fährt die Lebensmittel aus? Wie kommen die überhaupt zu den Ausfahrstellen? Und was macht, wer krank wird? Wer betankt die Fahrzeuge all der Notdienste? Wie kommt der Treibstoff zu den Tankstellen? Wie kommen die Notdienstleistenden zu ihrer Arbeit? Und wer sagt, dass unter denen keiner mit dem schlimmen Virus Infizierter ist? Was, wenn man doch einen entdeckt? Und alle seine Kollegen in Quarantäne geschickt werden? Wer ersetzt die dann, wo Sie doch das ganze Land mal eben stilllegen wollen? Wer bezahlt das übrigens? Die Einnahme- und Verdienstausfälle?

    Soll ich die Liste der Fragen noch verlägern oder möchten Sie das selbst übernehmen?

  8. 73.

    Ist hier so üblich: Ackern bis zum Umfallen!

  9. 72.

    Richtig! Aber was empfehlen Sie da genau: Ist ein, zweimal husten gerade noch statthaft oder sollte man die Menschen schon aus dem Verkehr ziehen, wenn sie Halskratzen zu erkennen geben und dennoch zur Apotheke laufen oder dem Paketboten öffnen? Und wo bringen wir all die Delinquenten dann hin? In ein Krankenlager? Und wie schützen wir die Richter, die sie aburteilen sollen, vor einer möglichen Ansteckung mit Schnupfen?

  10. 71.

    Den Amtsarzt müsste man sofort austauschen, da er sich den Anweisungen widersetzt und damit die Verbreitung des Virusses fördert..

  11. 70.

    Claara: "Wie war das? Klassenfahrt nach Norditalien wegen Storno-Gebühren auf Wunsch der Mehrheit der Eltern nicht abgesagt?
    Man muss nicht gleich Panik haben, aber der gesunde Menschenverstand sagt, dass jeder Einzelne seinen Beitrag zur Nichtverbreitung beitragen muss."

    So wahr! Egozentische kurzfristige Interessen der Wohlstandsprivilegierten sind so viel wichtiger, als die Verantwortung für alle!
    In dem Falle mag ich schon unvernünftig hoffen, dass sie ihre Lektion am Corona Schock in eigenen Reihen gelernt haben!

  12. 69.

    Rüdersdorfer: "Man könnte ja so 14 Tage Landesruhe anordnen. Dann fährt keiner in der U-Bahn und niemand landet aus China oder Italien. Einfach mal die Welt anhalten und den Virus alt aussehen lassen."

    DANKE! So einfach könnts sein, aber wir wollen doch unsere kapitalistische Komfortzone nicht aufgeben!

    Panik ist ja was gaaaanz schlimmes, nix natürliches und hat nichts mit Instinkt zu tun... die gebündelt überlegt eine so natürliche reale neue MÖGLICHE Gefahr SICHER ausbremsen würde!

    Wir können doch heute nicht auf 20 Flüge verzichten, lieber die nächsten Jahr(zehnte) neue Grippewellen und bedrohte Alte... Es sterben ja nur 1:200.

    Eine Steckdose fasse ich auch an, wenn sie zu 0,5% unter Strom steht! Weiter so!

  13. 68.

    JustaBerliner: "Die Aussage "er glaubt, dass es schon viel mehr Fälle in der Stadt gibt als offiziell bekannt" könnte, wenn sie aus anderen Kreisen stammen würde, schnell als "Verschwörungstheorie" oder "Fake-News" abgewertet werden. "

    Grundkurs Mathematik und Statistik sollte Ihnen klar machen, dass in der Verteilung der Viren etwas Zufall und Versehen unter den derzeitigen Umständen nur sicher wahrscheinlich ist!
    (2 Wochen krank zur Arbeit gegangen, Nicht alle Kontaktpersonen einer Infizierten Person, Viruskette unbekannten Ursprungs)

    Einfacher ausgedrückt: Ohne 100% Ausschluss unbekannter Ansteckungsketten folgen unbekannte Infektionen.

  14. 67.

    ...ach ja, und da fällt mir ein, es gibt da noch diese gesetzliche Regelung, nach der ein Arbeitgeber bei einer neu eingestellten Person den Lohn nicht zu zahlen braucht, wenn diese Person in den ersten Monaten der Anstellung krank wird. Ja, ist tatsächlich so - konnte es selbst kaum glaube. Der Arbeitnehmer bekommt dann, wenn er oder sie Glück hat und die Krankschreibung sofort an die Kasse geschickt hat, sogar Krankengeld. Natürlich nicht in voller Höhe des Arbeitslohns. Und das schon bei drei Tagen Krankschreibung wegen Grippe. Was ist unsere Lehre daraus? Lieber mit Fieber in die Firma kommen und krank arbeiten als weniger Geld am Ende des Monats....

  15. 66.

    Ich kann es auch absolut nicht leiden, wenn Kollegen krank zur Arbeit kommen. Weil irgendwann die Seuche rundum geht. Wem bringts was? Niemanden! Zumal, auch schon mal bedacht, dass es Risikogruppen gibt? Menschen, die durch chronische Erkrankungen gefährdet sind? Menschen mit Asthma, COPD etc. als Beispiele genannt. Wenn die 14 Tage neben einem Kollegen sitzen, der die Seuche hat oder wie in diesem Fall das Corona Virus, können die sich wahrscheinlich gleich nen Sarg bestellen! Denn Menschen mit geschwächtem Immunsystem rutschen ne Erkältung, Grippe oder Corona nicht auf einer Arschbacke ab. Aber ist ja egal. Der Egoismus des einen kostet die Gesundheit des anderen. Was soll's. Das ist so typisch für die Gesellschaft. Nur noch Egoisten.Ein WIR existiert schon lang nicht mehr. Rücksichtnahme demnach auch nicht.
    Ich hoffe,dass Sie eine intakte Gesundheit haben und sollte es Sie erwischen ,dass Sie mit dem Hintern zu Hause bleiben!

  16. 65.

    Man sagte sich : China ist weit und wir mit dem tollen Gesundheitssytem machen das mit links sollte sich da was ausweiten. Man exportierte wohl viele heute benötigten Dinge-brachte ja Gewinn. Endlich hat man irgendwo doch kapiert was noch alles auf uns warten könnte. Es werden ja nur ältere Personen schwerer befallen...mehr möchte ich nicht schreiben. Man könnte ja so 14 Tage Landesruhe anordnen. Dann fährt keiner in der U-Bahn und niemand landet aus China oder Italien. Einfach mal die Welt anhalten und den Virus alt aussehen lassen. Lebensmittel müßten sogar angeliefert werden damit niemand in Kontakt mit Huster oder kontaminierten Einkaufswagen kommt. Wer Banken retten kann, der kann auch böse Dinge ausbremsen.

  17. 64.

    Sehe ich wie Sie: alle bestrafen. Aber zuerst bitte Strafmaßnahmen für alle Arbeitgeber einführen, die die fehlende Person anschließend benachteiligen. Und außerdem Strafen für alle Auftraggeber von Freiberuflern, die die erkrankte Person unter Druck setzen, vereinbarte Termine einzuhalten und sie damit dazu veranlassen, ihrer Arbeit trotz Krankheit nachzukommen.

  18. 63.

    Kein Widerspruch meinerseits. In einem ganz anderen Fall schickte die aufmerksame Chefin eine Kollegin sofort heim als sie Gespräche im Kollegenkreis vernahm wo es um Entzündung und Antibiotica ging. Die betroffene Kollegin wurde sofort aufgefordert den Arbeitsplatz zu verlassen.

  19. 62.

    Fahrlässig handelt hier nur der Arbeitgeber, der seine Arbeitnehmer in ner Legebatterie zusammenpfercht.

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