Symbolbild: Ein Kinderarzt untersucht einen jungen Patienten (Quelle: dpa/Keystone)
Audio: Inforadio | 26.03.2020 | Interview mit Jacob Maske | Bild: dpa/Keystone

Interview | Corona-Alltag von Berliner Kinderarzt - "Die Praxen zu schließen, wäre fatal"

Die Corona-Pandemie krempelt auch den Alltag in den Arztpraxen um. Der Berliner Kinderarzt Jacob Maske hat mittlerweile seine Sprechzeiten geändert. Sorgen bereiten ihm vor allem, dass die Schutzmaterialien immer knapper werden.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb: Herr Maske, wie hat Corona ihren Praxisalltag bisher verändert?

Jacob Maske: Wir haben unsere Sprechzeiten komplett umgestellt. Das heißt, wir trennen die kranken von den gesunden Kindern, damit sich keiner in der Praxis ansteckt.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie und Ihr Personal nicht angesteckt werden?

Wir versuchen, die wenigen Schutzmaterialien, die uns noch bleiben, zu benutzen und möglichst hygienisch zu arbeiten. Aber das ist natürlich ein großes Problem, weil Schutzmaterialien eigentlich nicht mehr zur Verfügung stehen.

Als Sprecher der Kinder- und Jugendärzte haben Sie bereits beim Senat Alarm geschlagen, dass Desinfektionsmittel oder Mundschutz knapp werden. Welche Resonanz hat Ihr Hilferuf bisher gehabt?

Die Senatsgesundheitsverwaltung hat sich bei uns leider noch nicht gemeldet. Wir haben auf verschiedenen Wegen versucht, Kontakt aufzunehmen. Das hat leider bisher überhaupt nicht geklappt. Wir sehen unsere Kassenärztliche Vereinigung, die die Vertretung der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte ist, schon sehr viel arbeiten an der Materie, eben auch Materialien zu beschaffen. Aber vom Gesundheitssenat ist da im Moment überhaupt gar keine Reaktion erfolgt.

Was geschieht, wenn Ihnen die Schutzausrüstung komplett ausgeht? Können Sie Ihre Praxis noch offenhalten?

Wenn zum Beispiel das Desinfektionsmittel oder der Mundschutz ausgehen, weil es deutlich mehr Erkrankte gibt, muss man im Zweifelsfall, um Personal und auch die gesunden Kinder zu schützen, die Praxis komplett schließen. Das wäre fatal.

Was hören Sie von anderen Kinderärzten in der Stadt? Wie gesichert ist deren Versorgung?

Im Moment ist die Versorgung noch gesichert. Die Kinder- und Jugendärzte sind motiviert, das auch so zu lassen. Keiner hat vor seine Praxis zu schließen. Wenn die Versorgung aber kippt, müssen auch die Kollegen die Praxen schließen. Die Situation herrscht nicht nur in unserer Praxis, sondern eigentlich in allen Praxen.

Wie untersuchen Sie ein Kind, das möglicherweise an Covid-19 erkrankt ist? Ein Mindestabstand ist bei der Untersuchung eigentlich gar nicht möglich?

Nein, das geht natürlich nicht. Wir versuchen bei jedem Kind, das krank ist, hygienisch zu arbeiten. Im Moment natürlich mit Mundschutz, ansonsten aber auch mit dem gesicherten Abstand. Wir desinfizieren die Hände vor und nach der Kontaktaufnahme, sowie die Geräte. Das klappt derzeit noch alles gut. Aber irgendwann ist es vorbei, wenn die Menge der mit Covid-19 infizierten Menschen, die es nicht wissen und in unsere Praxis kommen, größer wird. Insofern wird die Ansteckungsgefahr immer größer.

Wenn Sie bei einem jungen Patienten einen Corona-Verdacht haben, führen Sie den Test selbst durch?

Da wir keine entsprechende Schutzausrüstung haben, dürfen wir das nicht. Wir schicken die Kinder an die Abstrichstellen oder zu die jeweiligen Außenstellen des Gesundheitsamtes.

Im Moment ist unser Alltag angespannter als sonst. Woran macht sich das in Ihrem Wartezimmer bemerkbar?

Wir haben den positiven Effekt, dass die Eltern mit ihren nicht so stark erkrankten Kindern zuhause bleiben und anrufen. Viele Eltern brauchen sehr viel Beratung, weil die Ängste sehr groß sind. Aus unserer kinder- und jugendärztlichen Sicht können wir nur sagen, dass sich die Eltern nicht so viel Sorgen um ihre Kinder machen müssen. Kinder entwickeln in der Regel keine schweren oder sehr schweren Krankheitssymptome. Das sind absolute Raritäten. Da befinden wir uns in einer sehr freudigen Situation. Wir sehen eigentlich kaum an Covid-19 erkrankte Kinder. Aber sie sind natürlich trotzdem infiziert und können andere anstecken, wie die Omas und Opas, aber auch die Eltern. Hier besteht ein sehr hoher Beratungsbedarf bei den Eltern und den müssen wir decken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Jacob Maske führte Alexander Schmidt-Hirschfelder, Inforadio.

Bei dem Text handelt es sich um eine redigierte Fassung. Das Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 26.03.2020, 08:25 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Es wäre toll,wenn dieser Arzt auch andere Kinder untersuchen könnte. Ich finde KEINE Praxis,die meinen 13-jährigem Sohn untersucht, der seit 7 Wochen Husten hat. Wenn es chronisch wird:wen kann ich dann verklagen? „Ironie aus“
    Leider arbeiten die meisten Kinderarztpraxen nicht danach:-( nein,stattdessen soll ich mit meinem Sohn in die „Corona-Schlange“,obwohl er nachweislich niemanden als Kontaktperson hatte und nicht verreist war.
    Da muss definitiv noch etwas verändert werden!!!

  2. 7.

    Das kann auch nur jemand so zynisch sagen der momentan nicht ärztlich versorgt werden muss.
    Ich z.b. muss jede Woche eine Spritze bekommen, ansonsten könnte ich nicht mehr lange leben.
    Aber toll das natürlich Corona Patienten wichtiger sind, schön wie Menschenleben gegen Menschenleben gerechnet wird.
    Bin gespannt wie lange das noch funktioniert und ob ich dann auch als Corona Opfer gelte :(

  3. 6.

    Da gebe ich Ihnen Recht, Bendte. Das Gesundheitswesen lag schon vor diesem Virus am Boden. Wir werden doch regelrecht verarscht. Siehe die Situation in den Berliner Krankenhäusern, dort müssen die Pflegekräfte jeden Abend ihren Mundschutz abkochen. Das kann doch nicht wahr sein, wo leben wir denn??

  4. 5.

    Ich kann mich eher bei einer undurchdachten Krisensteuerung bedanken. Und bei einer katastrophalen Gesundheitspolitik, denn in Kinderarztpraxen (und Hausarztpraxen) sind die Zustände auch schon vor Corona sehr schwierig gewesen. Wenn ich mir dann noch das Durchschnittsalter vieler praktischer Ärzte anschaue, wird mir anders. Ich würde auch gern mal lesen, wieviele neue Studienplätze für Medizin in Brandenburg geschaffen werden? Am besten nicht in Potsdam, sondern wie im Koalitionspapier festgelegt, in Cottbus.

  5. 4.

    Wie kann es sein, dass die Senatsgesundheitsverwaltung nicht auf den Alarm der Kinder- und Jugendärzte reagiert? Warum versagen unsere Verwaltungen im Notfall? Da verliert der Bürger doch jegliches Vertrauen in den trägen deutschen Beamtenapparat! Die Damen und Herren der Senatsgesundheitsverwaltung haben doch eine Verantwortung dieser Gesellschaft gegenüber und sind nicht zum Selbstzweck in diesem Amt! Haben diese im Senat arbeitenden Menschen eigentlich selbst den Ernst der Lage erkannt, auf den der Bürger zu Recht laufend hingewiesen wird?
    Auch vom Home Office - Platz lässt sich sicher etwas Effektives bewirken für die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten und sich für die sich ihnen anvertrauenden Menschen jetzt aufopfern und dabei bis an die Belastungsgrenze ihrer eigenen Gesundheit gehen und mit denen die Damen und Herren der Senatsgesundheitsverwaltung momentan sicher nicht tauschen möchten.

  6. 3.

    Sie können sich bei denen bedanken die trotz Warnung vor dem Coronavirus noch vor ein-zwei Wochen Partys gemacht haben und in vollgestopfte Restaurants gegangen sind. Dass ihr Termin abgesagt wurde liegt daran, dass man Kapazitäten schaffen muss. Das ist halt der Nachteil einer Pandemie, aber viele verstehen es leider nicht.

  7. 2.

    "Wir sind gut vorbereitet" - "Es gibt keine Engpässe" - "Für Nachschub ist gesorgt"

    Das waren noch Sprüche vor ein paar Tagen. Schutzkleidung und Desinfektion braucht plötzlich jeder! Da wird verjubelt was da ist. Statt es sinnvoll einzusetzen, da wo es am nötigsten ist: Im Krankenhaus, wo die meisten Infizierten landen und das Personal den ganzen Tag den Viren ausgesetzt ist. Es sollte schnellstens festgelegt werden, wo es am nötigsten ist und eine Rangfolge. Auch Hausärzte und Pflegedienste sind wichtig. Möglicherweise kann man Strukturen ändern, dass Hausärzte Verdachtsfälle nicht mehr selbst untersuchen, sondern weiterleiten, um zu sparen. Es gibt auch noch andere Krankheiten, wegen derer so manch einer Hilfe braucht, die auch lebensgefährlich werden können.

  8. 1.

    Alle möglichen Praxen sagen gerade die Termine ihrer Patienten ab. Als wenn man zum Spaß zum Arzt geht! Bei mir gibt es z.B. keinen Nachsorgetermin für die OP, die ich kürzlich hatte. Dabei sagte mir das Krankenhaus "Wir haben keinen einzigen Corona-Fall bei uns, aber wir dürfen sie diesbzeüglich trotzdem nicht untersuchen", Arztpraxen genauso. Wann kann ich denn für meine akuten Probleme einen neuen Termin bekommen? Haben die Leute plötzlich außer Corona keine anderen gesundheitlichen Probleme? Und wenn mein Kind ernsthaft krank ist, dann soll ich nur anrufen?? Dann sagt die Schwester wahrscheinlich: Ach was, wegen Scharlachsymptomen brauchen sie nicht kommen, ich schicke Ihnen ein Rezept, sie werden schon selber wissen was ihr Kind hat und wie es behandelt werden muss. Ja? Die Unverantwortlichkeit wächst in den Himmel. Hauptsache, wir diskutieren jeden Tag, wie wir der Wirtschaft helfen, wie den Menschen geholfen wird ist ja irrelevant.

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