Zwei Männer stehen am 11.12.2013 in einem Ruderboot auf dem Groß Schauener See in Groß Schauen bei Storkow. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Kommentar | Corona-Krise - Berliner und Brandenburger sitzen in einem Boot

Distanz ist wichtig in Zeiten von Corona. Abschottung hingegen ein Fehler. Sonst riskieren wir eine langfristige Schädigung unserer Gesellschaft. Ein Plädoyer für weniger Panik - und für mehr Verständnis der Berliner für die Brandenburger und umgekehrt. Von Cornelia Koch

Was Sie jetzt wissen müssen

Das Wochenende ist vorbei und die Berliner haben sich einsichtig gezeigt und das Kontaktverbot weitgehend eingehalten. Und in Brandenburg haben sich die Landräte nicht vom aufrührerischen Ostprignitz-Ruppin anstecken lassen. Kein anderer Landkreis hat nachgezogen und ein Einreiseverbot für Frischluftsuchende aus Berlin und dem Speckgürtel verhängt. Soweit es möglich ist bei zwei Metern Abstand zueinander, gibt es also offenbar noch Menschen, die in dem ganzen Durcheinander Mitmenschlichkeit und einen kühlen Kopf bewahren. Und das ist wirklich gut so.

Wir tun so, als wären wir morgen alle tot

Denn was nützt es, wenn sich jetzt Brandenburger gegen Berliner verbarrikadieren und umgekehrt? Oder wenn auch noch die Landkreise anfangen, sich gegenseitig mit Abschottungsmaßnahmen zu überbieten? Das schürt nur Misstrauen und weiter Panik. Dann kommen wir gar nicht mehr raus aus dem kollektiven "Schockrisiko", das uns die Ökonomin Margit Osterloh attestiert.

Auf uns alle stürmen gerade Unmengen negativer Ereignisse ein, so viele Zahlen von Infizierten, Bilder von Toten, dass wir all diese schrecklichen Eindrücke nicht mehr verarbeiten können und als Ergebnis, das tatsächliche Risiko möglicherweise falsch bewerten. Kurz gesagt: Wir drehen durch und tun so, als wären wir morgen alle tot.

Im Ergebnis richtet die panische Reaktion auf das Ereignis möglicherweise mehr Schaden an als das Ereignis an sich. Wenn wir also anfangen, aus Angst die Mauer wieder hochzuziehen, und sei es auch nur in den Köpfen, können wir damit in unserer Gesellschaft und unserem Leben so viel Schaden anrichten, wie es das Virus hier bei uns vielleicht nie schaffen wird.

Panik hilft uns nicht weiter

Niemanden können die Bilder aus Italien, Spanien und Frankreich kalt lassen. Aber sie dürfen uns nicht unseren gesunden Menschenverstand vernebeln. Panik hilft uns nicht weiter. Gerade wir Deutschen können froh sein, dass unser Gesundheitssystem trotz aller Sparmaßnahmen offenbar doch ziemlich gut funktioniert bisher. Und dass wir so viele engagierte Menschen haben, die es am Laufen halten.

Wenn irgendetwas in diesen Zeiten ein Hoffnungsschimmer für das zerbröselnde Europa ist, dann doch wohl die Tatsache, dass polnische Ärzte hier bei uns in Brandenburg bleiben, um deutsche Patienten zu versorgen, statt – was auch zu verstehen wäre – aus Sorge um die eigenen Familien nach Polen zurückzukehren. Und dass Berliner und Brandenburger Kliniken Patienten aus Italien und Frankreich aufnehmen, die sonst vermutlich sterben würden.

Verständnis für Großstädter,

Tatsächlich wird Mitmenschlichkeit in diesen Tagen auch in unserer Region groß geschrieben. Es melden sich freiwillige Erntehelfer, Einkaufswillige für Ältere, es gibt Spendenaufrufe für Berliner Clubs, Kulturschaffende und Cafébetreiber. Ein Hoffnungsschimmer, dass wir bei allem social distancing die anderen nicht ganz aus den Augen verlieren.

Für uns Brandenburger heißt das auch: Verständnis haben für die Großstädter, die keinen Garten haben und mal raus müssen aus ihrer Enge. Fotos von Berliner Autokennzeichen ins Netz zu stellen und über deren Besuch zu wettern, ist für ein künftiges Miteinander eher kontraproduktiv. Abgesehen davon, dass eine Tröpfcheninfektion beim Vorbeilaufen am Gartenzaun höchst unwahrscheinlich ist.

Andererseits, liebe Berliner, vielleicht kauft ihr vor Eurem Spaziergang auf dem Land zu Hause in Berlin ein - und nicht die Brandenburger Läden leer. Sucht euch einsame Wanderwege, was in den Weiten Brandenburgs nicht schwierig sein dürfte. Und Grillpartys im Garten kommen nicht so gut an in diesen Zeiten.

Aber es kommen ja auch wieder bessere. Dann freuen wir uns wieder, wenn die Berliner die Pensionen, Reiterhöfe und Campingplätze auf dem Land mit Leben erfüllen und die Brandenburger wieder in der Hauptstadt shoppen und ausgehen. Bis dahin sollten wir weiter versuchen, gut miteinander auszukommen. Letztlich sitzen wir alle in einem Boot.

Beitrag von Cornelia Koch

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20 Kommentare

  1. 20.

    ja klar sitzen wir alle in einem Boot. Nur manche haben eben ein größeres Boot und können die Quarantäne gemütlich in ihrer Villa genießen, während wir in unseren Mini-Appartments in der Plattenbausiedlung vergammeln. Die reichen haben vielleicht sogar einen Pool zu Hause - für uns normale Menschen haben Schwimmbäder laut https://www.schwimmbadberlin.de/ seit 2 Wochen geschlossen. Wir müssen hier echte Sportleidenschaften und Hobbies aufgeben. Naja, kann man nichts tun, hoffen wir mal, dass es bald vorbei ist.

  2. 19.

    Guter Kommentar. Danke dafür!

  3. 18.

    +1 zu diesem Kommentar wunderbar geschrieben danke dafür !
    Jetzt müssten wir nur noch mit diesem für mich unsäglichen "bleibt gesund" aufhören, das impliziert nämlich auch dass wir alle todgeweiht sind und morgen sterben werden.

  4. 17.

    Sie haben völlig recht:
    https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Corona-in-Suedkorea-Mit-Disziplin-durch-die-Pandemie-id57136806.html
    https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-suedkorea-ausgangssperren-1.4855491
    Dort herrschen aber auch Disziplin und Solidarität.
    Das funktioniert auch in einer Demokratie wenn man will!

  5. 16.

    Es ist schon erstaunlich wie das Verbot Abstand zu halten und Kontakte zu vermeiden von den Berlinern ausgelegt wird.
    Die Ansage war doch eindeutig, man soll sich in seinem Wohnumfeld aufhalten. Hat das Wohnumfeld der Berliner einen Radius von 50-80km?
    Hier in Sachsen werden die sächsische Schweiz und das Leipziger Seenland weitestgehend gesperrt, weil diese Gebiete kaum kontrollierbar sind und das ist momentan richtig so.

  6. 15.

    Frau Koch, haben Sie sich je gefragt, warum China, Süd Korea, Singapur und Japan bisher so erfolgreich waren, den Corona-Ausbruch einzudämmen und die Zahl der Corona Opfer niedrig zu halten: Es waren zeitnahe, v.a. strikt eingehaltene und kontrollierte Maßnahmen zur Eindämmung der Virusverbreitung. Ausgangsbeschränkungen dabei an vorderster Stelle. In der westlichen Welt tun wir uns immer noch schwer daraus zu lernen, dass die temporär angeordneten Beschränkungen in dieser Situation primär keine Formen der Freiheitsberaubung sind, sondern unser aller Beitrag zu lebensrettenden Maßnahmen für möglichst viele Menschen v.a. Kranke und ältere Menschen.

  7. 14.

    Es gibt etliche Berliner, die in Brandenburg arbeiten. Das ist gut so. Ich beobachte die Stimmung und finde es sehr bedenklich, wenn bei uns auch gegen diese gewettert wird. Wohin soll das alles führen?

  8. 13.

    Ich möchte ehrlich sein, ich war schon etwas sauer als ich die Fotos von überfüllten Parkplätzen und Scharen von Berlinern
    am Liebnitzsee gesehen habe. Dabei wurde gerade erst am Freitag darum gebeten dies nicht zu tun. Aber ich konnte das herrliche Wetter ja auch in unserem Garten genießen. Berlin und Brandenburg gehören zusammen, keine Rede.
    Berliner sind willkommen, aber wir halten lieb gemeinten Abstand zueinander. Die Zeiten ändern sich und wir werden wieder
    unbeschwert die vielen Feste gemeinsam feiern können, an den herrlichen Seen unsere Decken ausbreiten können.
    Das ist aber nur zu schaffen, wenn wir uns an die Situation anpassen und respektvoll miteinander umgehen.
    In diesem Sinne... passen wir gut aufeinander auf und bleiben wir gesund.

  9. 12.


    Guter Kommentar!
    Mehr miteinander als gegeneinander ist angesagt und nicht das rauskramen und pflegen alter Klischees.
    Die Region kann nicht ohne die Stadt und die Stadt nicht ohne die Region.
    Das sollten sich alle verinnerlichen, den landrat von OPR beziehe ich da mit ein.
    Bleibt gesund!

  10. 11.

    Sehr schön geschrieben!

  11. 10.

    Gut, unter diesen Bedingungen dürfen die Berliner rein. Aber bitte dann auch nach Corona-Zeiten für einen besseren ÖPNV von Berlin aus einsetzen. Es gibt eine Unterschrifenliste des VCD für Brandenburger. Vielleicht auch mal eine Unterschriftenliste für eine bessere Verbindung mit dem Umland von den Berlinern!

  12. 9.

    Liebe Frau Koch,

    schon erstaunlich wie lange es Ihnen der RBB gestattet, Ihre ewig falschen Ansichten hier zum Ausdruck zu bringen.
    Zuletzt lagen Sie in Ihrem Beitrag zur Ausgangssperre schon gehörig daneben, bitte lesen Sie die vielen Kommentare unter diesem Beitrag.

    Laut Ihnen "drehen wir alle durch" und "tun so, als ob wir morgen alle tot wären". Mit welchen Fakten
    untermauern Sie diese Behauptung? Wo drehen die Leute durch? Wer tut so, als wäre er morgen tot?
    Das ist eventuell Ihre sehr persönliche Sicht der Dinge, aber bei Weitem nicht die der Allgemeinheit!

    Haben Sie auch nur einen Satz aus der Begründung des Landrates des Landkreises OPR zur Schließung der Kreisgrenzen gelesen? Wohl kaum...

    Auch in Berlin gibt es jede Menge frischer Luft, es besteht also kein Anlass dafür 50-80km weit nach Brandenburg hinein zu fahren und das Virus eventuell zu verbreiten.







  13. 8.

    Sehr geehrte Dame, es scheint so, als würde Ihre Welt eine völlig andere sein.
    Sie verwischen Panik mit Vorsicht und Rücksicht. Wir sind auch nicht nur Deutschland, wir sind Europa. Sie sprechen sich gegen Abschottung von Berlin und Brandenburg aus aber sehr wohl von Deutschland von Europa. Wie falsch Sie nur liegen. Etwa so, als der RBB einen Film über den Markt an Karl August Platz in Charlottenburg am Mittwoch dreht, den Leuten suggeriert, dass es Samstag sei und sich alle an das Kontaktverbot halten.
    Das Gegenteil ist Woche für Woche der Fall und führte gar zu einem Polizeieinsatz am vergangenen Samstag.....
    Leute bleibt einfach zu Hause!

  14. 7.

    Ein sehr gelungener Artikel, der benennt, was gerade schief zu laufen droht und worauf es in diesen unsicheren Zeiten wirklich ankommt: besonnen bleiben, Rücksicht nehmen ohne in Panik oder gar Selbstjustiz auszubrechen.

  15. 6.

    MENSCH = MENSCH ... egal, ob Berliner oder Brandenburger, wenn wir alle Menschen wären, jeder für jeden, dann hätte auch jeder Mensch einen Menschen ......

    BLEIBEN SIE ALLE GESUND! ... übrigens: Schnee zu Ostern statt zu Weihnachten freut wohl von drinnen Berliner wie Brandenburger gleichermaßen! :)

  16. 5.

    .. zu Hause eingesperrt ? Kontaktsperre ? Berliner müssen einfach mal raus ? Also ich musste am Samstag dienstlich von Kladow nach Wilmersdorf. Die Potsdamer Chaussee krachend voll mit Radlern, als wenn es kein Morgen gibt. Der Radweg ist sonst eher spärlich befahren. Rad an Rad wie sonst nur in der Innenstadt. Die Berichterstattung scheint mir dieses Verhalten eher anzuheizen. Eltern ,die sich mit stolzgeschwellter Brust als solche bezeichnen und bei jeder Gelegenheit präsentieren und selbstverständlich Kindergeld erhalten, müssen hilflos erfragen was so ein Menschlein denn so macht. Man muss mal bei der Kita nachfragen, ob es so einen Knopf zum pausieren gibt ...... Corona zeigt auch eins, die Auswüchse einer dekadenten Gesellschaft.

  17. 4.

    Genau meine Meinung! Bitte mehr von diesen schönen Beiträgen!

  18. 3.

    Sehr gut, und eigentlich die einzig vernünftige Einstellung die man haben kann. Vielleicht kann man aber auch beim direkt Erzeuger in Brandenburg hier und da etwas kaufen um die Supermärkte überall zu entlasten natürlich nur wenn es genug gibt. Hier dachte ich jetzt nicht an Toilettenpapier, eher an Obst und Gemüse und demnächst auch Spargel.

  19. 2.

    Sehr gut geschrieben! Vielen Dank!

  20. 1.

    Sehr guter Beitrag, dankeschön dafür.
    Wenn Brandenburg seine Grenzen zu macht, müsste es im Umkehrschluss heißen, auch Berlin macht seine zu. Wenn Berliner nicht mehr aus der Stadt dürfen, dann dürften auch schwer erkrankte Brandenburger nicht zur Behandlung in Berliner Krankenhäuser. Wollen wir das? Meiner Meinung ist das Virus eh schon überall. Es nutzt nichts mehr, Grenzen zu zumachen. Der Zug ist abgefahren. Berlin und Brandenburg sind eine Region.

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