Sex als Single in Zeiten von Corona? Möglich, aber schwierig (Quelle: imago images/Frederic Cirou).
Bild: imago images/Frederic Cirou

Kontaktverbote in Berlin - "Sex fehlt mir tatsächlich extrem"

Soziale Distanzierung betrifft auch das Bett: Das Kontaktverbot wegen des Coronavirus erschwert Menschen das Sexleben, die nicht in klassischen Zweierbeziehungen leben und sich sexuell ausleben möchten. Vanessa Klüber protokolliert drei Stimmungsberichte aus Berlin.

Johannes*, 32

Ich wohne alleine, habe aber mindestens eine Beziehung, wenn nicht sogar mehrere, gehe normalerweise auf Sexpartys und organisiere sogar welche. Aber die sind ja jetzt alle zu. Schon als das Virus nach Europa schwappte, waren die Partys leer. Zwei, drei Wochen, bevor hier irgendwelche Quarantäne-Anordnungen kamen.

Deshalb habe ich gerade wenig Sex, zwangsweise nur Sex mit mir selbst. Das zwar gerne, aber der ganze andere Teil meiner Sexualität fehlt. Meine Primärpartnerin ist gerade in Quarantäne. Die anderen trauen sich alle gerade nicht, haben Angst.

Ich habe für mich persönlich entschieden, dass ich keine Leute treffe, die ich nicht schon mindestens vor einem Monat getroffen habe. Das ist vielleicht eine komische selbstgewählte Regelung. Aber meine Überlegung ist: Wenn wir uns vor einem Monat gesehen haben, hätten wir uns anstecken können.

Es ist schon schwierig, weil jetzt ein Großteil meines Lebens weggebrochen ist: dieses Freie, Ungezwungene - aber trotzdem Intimität aufbauen. Sich auszuprobieren, und die Achtsamkeit dabei.

Auf solche Partys gehen und verschiedene Beziehungsformen leben hat etwas mit Lebensqualität zu tun, mit Glücklichsein und mit Erfülltsein.

Wenn das noch lange fehlt, weiß ich nicht, was ich dann mache. Neben der allgemeinen Angst und depressiven Stimmung kommt das eben noch drauf.

Wenn man ein bisschen das Gefühl hat, die Welt bricht vor einem zusammen, ist das nicht gut für die Libido.

Emilia*, 33

Ich habe jemanden vor zwei Wochen in einem Café kennengelernt, mit dem ich mich regelmäßig treffe, um Sex zu haben. Wir haben gerade nur den Kontakt mit uns beiden und er wohnt derzeit alleine – trifft nicht noch mehr Leute, und wir treffen uns nicht so häufig. Dadurch ist das Risiko minimal. Er wohnt auch um die Ecke. Wäre er weiter weg oder würde in einer großen WG wohnen, dann würde das definitiv ausfallen. Ich glaube, ich bin da in einer sehr günstigen Situation.

Es ist relativ frisch mit ihm, aber wir haben über das Thema Coronavirus gesprochen. Er war vorher im Urlaub und ich wollte wissen, in welcher Region. Das sind schon so Sachen, die plötzlich relevant werden.

Er meinte, er hat zuerst noch nebenbei getindert, hat das gerade aber komplett eingestellt. Das bringt halt nichts, weil die Leute vorsichtig sind - zurecht. Misstrauisch bin ich tatsächlich nicht. Ich vertraue, dass er das deaktiviert hat, und er meinte, er ist sowieso jemand, der nicht viel unter Menschen ist.

Mir geht’s ansonsten ganz gut. Ich würde auch alleine klarkommen, mit mir selbst. Masturbation. Es ist nicht gerade so, dass ich sage, ich müsste jetzt jemanden treffen. Ich habe auch mit Arbeit genug zu tun und andere Projekte. Ich habe natürlich auch das Glück, dass ich in einer WG wohne, so dass keine soziale Isolation stattfindet.

Aber ich habe auch durchaus Freunde in meinem Umfeld, die Single sind und alleine wohnen, und für die ist es tatsächlich gerade sehr schwierig. Die sagen: Es fängt an, Körperlichkeit zu fehlen, und dann hilft halt Masturbieren irgendwann auch nicht mehr, da helfen Videocalls mit Freunden nicht mehr. Man merkt, dass das bei denen mittlerweile auf die Stimmung schlägt und schon belastend ist.

Matthias, 35

Ich bin zwar Berliner, wohne aber in Belgrad, und meine serbische Freundin und ich sind in einer offenen Beziehung. Unser Plan war, für einen Monat gemeinsam nach Berlin zu kommen. Ich bin vorgeflogen und sie wollte nachkommen. Aber dann ging es mit der ganzen Corona-Nummer so richtig los. Ich wollte dann spontan zurück nach Hause fliegen, aber genau an dem Tag wurde klar, dass Serbien die Grenze dichtmacht und keine Deutschen mehr reinlässt. Jetzt also Fernbeziehung auf unbestimmte Zeit. Irgendwie nicht so cool.

Eine Umarmung, oder einfach mal Arm in Arm im Bett liegen wäre ja schon mal schön. Davon abgesehen: Sex fehlt mir tatsächlich extrem.

Meine Freundin und ich sind generell sehr sexuelle Menschen. Es kommt schon vor, dass wir fast jeden Tag Sex haben, trotz Zusammenlebens seit zwei Jahren. Und das letzte Mal ist eben schon ein paar Wochen her, ich bin heute auf den Tag seit drei Wochen hier.

Unsere Beziehungssituation macht es uns möglich, andere Leute zu sehen. Aber ich ziehe das mit dem alleine zu Hause bleiben schon durch. Keine Ahnung, inwiefern ich jemanden von Tinder treffen würde. In dieser aktuellen Situation bin ich jetzt nicht darauf aus, unbedingt möglichst schnell eine fremde Person zu treffen, um Sex zu haben. Erstmal einfach ein bisschen Appetit holen – und stillen. Was ich gerade so fleißig betreibe wie nie, ist Sexting. Bilder austauschen, Dirty Talk, auch mal als Voicemail. Das tut zurzeit echt gut.

Ich schreibe außerdem mit mehreren Single-Freunden und Freundinnen und wir heulen uns alle beieinander aus, wie geil wir zurzeit sind. Das ist irgendwie auch ganz schön und verbindet nochmal ganz anders. In meinem Bekanntenkreis sind auch alle sehr vorsichtig und sehen die Kontaktverbote ein. Ich sehe es auch bei Tinder, wahnsinnig viele Frauen schreiben da: "Für Treffen nach der Krise".

Ich glaube, ich halte es schon noch eine Weile ohne Sex aus. So dringend, so lebensbedrohlich ist es dann irgendwie doch nicht. Ich würde die nächsten zwei Monate schon überleben. Aber es wäre doch echt schön, wenn sich zeitnah eine Gelegenheit böte.

Zu allem hinzu kommt der Stress, nicht zurückreisen zu können. Eine Freundin zu haben, sie aber nicht sehen zu können- das geht weit übers Körperliche hinaus. Wenn du aufgrund der Situation "nur" keinen Sex bekommst, ist das eine Sache. Aber in einer glücklichen und sexuell erfüllten Beziehung zu sein und die nicht sehen zu können - das finde ich noch einen Zacken heftiger.

*Johannes und Emilia heißen eigentlich anders und wollen anonym bleiben.

Beitrag von Vanessa Klüber

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71 Kommentare

  1. 71.

    Aber keinen Lärm veranstalten; Mittagsruhe einhalte. Auch wir wohnten mal eng in einer Platte; gegenüber war es abends oft sehr laut; es war Sommer und die Fenster waren auf. Es war die Frau, die sich so erregte; dabei.

  2. 70.

    meine Güte, was für Probleme
    soll der rbb jetzt auch noch auf einschlägige Webseiten verlinken?
    Die kennt doch wohl jeder, nur gibt es natürlich keiner zu.

    Der Phantasie sind bei diesem Thema praktisch kaum Grenzen gesetzt.
    Diverse Hilfsmittel hat doch praktisch zu Hause auch jeder.
    Damit in den Drogerie Märkten neben dem Klo,- und Küchenpapier demnächst nicht noch weitere Mittel gehortet werden, geb ich hier keine weiteren Tipps dazu.

    Ich lach heut noch drüber über Bastian Pastewka als Brisko Schneider mit seinen Worten Hallo liebe Liebenden in der Wochenshow als Sextherapeut .
    Gibts immer noch im Internet.

  3. 69.

    ...und damit auch die, die keine Verantwortung für sich und andere in einer festen Beziehung übernehmen wollen.

  4. 68.

    Da lobe ich mir die klassische Liebesbeziehung mit einer Partnerin mit der ich zusammen wohne. Seit Corona ist jetzt genügend Zeit um jeden Tag 2x Sex zu haben und viele neue Sachen auszuprobieren^^

    Ich zähle schon immer die Minuten zur Mittagspause, dank Home Office, kann man direkt über sich herfallen, wenn es 12:00 schlägt.

  5. 66.

    Sonst habt ihr keine Probleme??Unfassbar...

  6. 65.

    sebastian,

    Bitte den suchbereich ausweiten und andere soziale umfelder dazunehmen. Plus nahes und fernes ausland.
    Dazu die online sachen wie tinder, und auch dort, nicht auf eine fokussieren und dann verzweifeln. Generell wichtig, dass du einsiehst dass bevor die beziehung etsbliert ist, dich nicht suf eine fokussierrn musst, nicht darfst. Du weisst wohl schin sekbst dsss die anspannung deswegen nicht hilft.

    Vieleicht schämst du dich oder hast sngst dich als verlierer zu fühlen wenn du deine suche ausweiten musst um jemsnden guten zu finden. Aber du swkber siehst ja dass die regeln dieses spiels dir nicht gefallen, dir sogsr nicht würdig sind.
    Wann du dann mal mit jemandemm gut zusammen bist spielts keine rolle dass du im bisherigen soialen umfeld nicht erfolgreich warst, in dem romantischen sexuellem sinne. dass du jemanden findest, bzw dass du die einsicht hast hier und dort kannst du jemanden gutes finden die dich dann auch möchte... das ist das wichtige. Dann gehts weiter

  7. 64.

    Ach, mit genügend Ganja und Olivenöl schafft man auch 11 Jahre!
    Habt euch mal nicht so, wie schon beschrieben ist das bei einigen Normalzustand!

  8. 63.

    Nur Spießer und sexuell frustrierte können dieses Thema nicht wirklich an sich ranlassen, ansonsten ist das wirklich ein Problem mittlerweile.
    Und wird selbst danach problematisch bleiben, schade dass viele so in Panik verfallen und nicht mehr das normale Leben genießen können.
    Das wird unsere Gesellschaft nachhaltig zum schlechten verwandeln, ich mag mir das gar nicht ausmalen.

  9. 62.

    Ist das nicht auch ein bisschen Jammern auf hohem Niveau. Wie leben noch, wir leben in keinem Kriegs- oder Katastrophengebiet.
    Die Sozialkontakte sind eingeschränkt. So what. ist ja nicht für die Ewigkeit. Ablenkungsmöglichkeiten gibt es viele, so viele wie nie. Ist das wirklich eine solche Herausforderung?

  10. 61.

    Sorry; es ist schwer hier überhaupt zu antworten. Habe viele Einsendungen gelesen. Ich selbst hatte nie Probleme eine Bekanntschaft zu machen. Es blieb oft eher freundschaftlich bis eben die Bindung so fest wurde und wir heirateten und für 3 Kinder verantwortlich waren. "Auf jeden Topf passt ein Deckel" sagt man noch heute. Das Problem der vielen Singles sehe ich so: Keiner will Verantwortung übernehmen und irgendwann ist es zu spät; man trifft stets auf Frauen, die keine erstrebenswerte Vergangenheit hatten. Das ist wirklich ein Problem. Rauchen, Alkohol sind weitere Probleme. Wer nun aber eine relativ feste Partnerin zu haben glaubt, der sollte hier nicht klagen, dass er in Sexnot ist. Noch immer gibt es Kriege; wie erging es den Verpflichteten bei -20° auf beiden Fronten im WK2 ?--- Wer heute jammert, der hat zuvor einiges falsch gemacht. Meine ich.

  11. 59.

    Seinen Körper zu lieben, ist nichts anstößiges. Im Gegenteil. Laut meinen Hausarzt ist es sogar gesund. Natürlich kann man es auch maßlos damit übertreiben. Als Schwuler Mann habe ich ein besonderes Verhältnis zu meinem Buddy. Ich habe genügend Sex genossen im Leben und bin nun mal im Alter enthaltsam geworden. Mich aufzupeppen mit Viagra habe ich nicht nötig. War und bin nicht Sexsüchtig. Mein Nickname hier im Forum ist eine Maßname gewesen, da mein richtiger Name zweckentfremdet wurde. Klappt doch gut so wie es jetzt ist. Alle die mich hier im Forum kennen, wissen wer ich bin und das genügt mir. Zudem halte ich nichts von Monogamie. Verteufle sie aber auch nicht. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

  12. 58.

    Als ich am Sonntag am Görli vorbeigeradelt bin standen die Dealer rum wie eh und je. Die Nachfrage besteht, das Angebot steht. Hedonismus never ends. Rom ist auch nicht in einer Ekstase an Vernunft untergegangen.

  13. 57.

    Der rbb sollte ein anderes heißes Eisen anfassen: Wie sieht es zurzeit mit dem Drogenkonsum in der Stadt aus? Unfreiwilliger Drogenentzug kann verheerende Folgen haben.

  14. 56.

    Lieber Daniel,

    du hast recht. Doch leider werden diese Personen das nicht reflektieren und in Empathie umwandeln bzw. diese Erfahrung als Gedankenanstoß wahrnehmen, sondern einfach wieder so verke ..., verfahren wie bisher, sobald alles wieder normal läuft. Trotzdem, nicht aufgeben! :-)

  15. 55.

    Mitm Hund kann man auch prima kuscheln :-), Sex ist überbewertet,
    und dass die Menschen diesbezüglich wieder krasseres Risiko fahren
    (nicht verhüten mit Folgen wie Krankheiten, Schwangerschaft... ), und jetzt vielleicht zwangsweise *OMG* zum Teil zumindest für ne Weile so klarkommen müssen, finde ich eher positiv, als dass es ein Problem ist;
    bleibt nur zu hoffen, dass die, die es aus "Langeweile" heteroweise... tun, schön verhüten und wir nicht in 9 Monaten verhältnismäßig mehr Menschen auf diesem armen Planeten haben )

  16. 54.

    Endlich fühlt ihr euch mal so wie ich mich fühle

  17. 52.

    Mein Mitleid mit diesen Personen hält sich in Grenzen.

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