An der Tür zu einem Club an der Oberbaumbrücke in Berlin klebt ein Zettel mit der Aufschrift: "Achtung! Aufgrund der aktuellen Covid-19 Ereignisse bleibt das Musik&Frieden bis auf weiteres geschlossen. Wir hoffen, bald wieder für euch da sein zu können. Bleibt geschmeidig... (und gesund)" (Quelle: dpa/Zinken).
Audio: Inforadio | 16.03.2020 | Rebecca Barth | Bild: dpa/Paul Zinken

Drohende Club-Insolvenz wegen Corona - "Wir dürfen jetzt nicht den Kopf ins Konfetti stecken"

Berlin ist berühmt für sein Nachtleben. Doch seit diesem Wochenende müssen Clubs und Kneipen geschlossen bleiben - um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen. Doch für viele könnte das das Aus bedeuten. Von Rebecca Barth

Was Sie jetzt wissen müssen

Der vergangene Freitag wird wohl als historischer Tag in die Geschichte der Berliner Clubkultur eingehen. Bereits bevor am Samstag angeordnet wurde, alle Clubs und Kneipen mit sofortiger Wirkung zu schließen, entschieden viele Betreiber ihre Veranstaltungen freiwillig abzusagen. 

"Was das insbesondere für Kulturschaffende bedeutet, ist jedem klar, der auch nur im Ansatz weiß, wie die wirtschaftlichen Verhältnisse in unserem kleinen Kosmos aussehen", schreibt der Club "Kater Blau" auf Facebook. Der Shutdown macht damit einmal mehr die prekären Arbeitsverhältnisse vieler Kulturschaffenden deutlich. Bereits am Freitag hatten mehrere Clubs vorsorglich Privatinsolvenz angemeldet, gibt die Berliner Clubcommission an.

Zögerliche Entscheidung

"Diese Schließung trifft uns hart", schreibt auch das Neuköllner SchwuZ. Man habe "nicht die notwendigen Rücklagen, die es uns gestatten würden, jetzt unbeschadet monatelang zu schließen. Das ist für den ältesten und größten queeren Club im deutschsprachigen Raum existenzbedrohend."

Gefährdet ist nicht nur das SchwuZ. "Die Fixkosten für einen Club sind enorm", sagt Holger Sorgatz. Als Mitglied im Betreiberkollektiv des "Mensch Meier" musste auch er am Freitag eine Entscheidung treffen zwischen Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit und drohender Insolvenz. "Einen Monat zu schließen ist für uns sehr hart. Aber wenn das ganze jetzt zwei, drei Monate dauern sollte, müssten wir immense Kredite aufnehmen." Ob diese anschließend bedient werden könnten, bezweifelt Sorgatz.

Auch das mag wohl ein Grund dafür gewesen sein, dass viele Clubs ihre Veranstaltungen zunächst nur zögerlich absagten. Noch Anfang vergangener Woche rieten einige ihren Gästen dazu, Abstand in den Schlangen zu halten und ihre Getränke oder Zigaretten nicht mit anderen zu teilen. Maßnahmen, die bei vielen für Wut und Unverständnis sorgten.

Unsichere Arbeitsverhältnisse

Die Partyszene stellt für Berlin einen großen Wirtschaftsfaktor dar. Laut einer Studie der Clubcommission kommt ein Viertel aller Hauptstadttouristen allein zum Feiern nach Berlin. Jährlich erwirtschaften die Clubs einen Umsatz von rund 170 Millionen Euro. Dennoch gibt es in der Branche kaum gesicherte Arbeitsverhältnisse. Die meisten Kreativschaffenden sind Freiberufler und kommen nur selten in die Position, sich finanzielle Rücklagen zuzulegen.

Rund 9.000 Mitarbeiter beschäftigen Berlins Clubs. Dazu kommen Tausende freiberufliche Künstler, Veranstalter und Techniker wie Maurice Müller und Tim Heppchen. Als DJs spielen sie unter den Namen "Maurice Mino und sin:port" in Berlins Technoclubs.

"Wer in diesem Bereich arbeitet, leidet sehr unter der Situation", sagt Müller. Wäre dies ein normaler Freitagabend, die beiden würden früh ins Bett gehen, um mitten in der Nacht aufzustehen und zu einem Gig zu fahren. Stattdessen herrscht an diesem Freitag Katerstimmung bereits vor der Party. 

"Das ist jetzt der erste von zehn Gigs, die uns in den nächsten Wochen abgesagt wurden", sagt Heppchen. Dabei lief es gerade gut bei den beiden. Die kommenden Monate waren so gut mit Gigs und eigenen Veranstaltungen gefüllt, dass Müller seinen Job kündigte, der ihm ein regelmäßiges Einkommen garantierte. Das könnte sich jetzt rächen. 

Misstrauen gegenüber der Politik

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kündigte zwar an, Künstler und Freiberufler unterstützen zu wollen, doch darauf will sich die Clubszene nicht verlassen. "Wir müssen jetzt schauen, wie wir das Überleben des Clubs gewährleisten können. Wir rechnen nicht damit, dass von der Politik großartig was kommt", sagt Holger Sorgatz. Mit gerunzelter Stirn steht er im leeren "Mensch Meier" und starrt unter die Decke. Für die Geburtstagsparty des Clubs hatten die Betreiber noch neue Lichter angebracht. Jetzt stehen nur noch die großen Leitern auf der leeren Tanzfläche.

"Wir dürfen aber jetzt nicht den Kopf ins Konfetti stecken", sagt Sorgatz und schmunzelt. "Momentan ist die Situation ja eh schon so, dass viele Clubs und auch Theater kämpfen müssen, um sich überhaupt zu behaupten." Solidarität sei nun notwendig.

Die Szene ist an den Überlebenskampf gewöhnt. Bereits im Vorfeld hatten steigende Mieten und verschärfte Auflagen vielen Clubs Probleme bereitet. Doch die Corona-Krise könnte ein zu mächtiger Gegner sein. "Wir gehen davon aus, dass es monatlich zehn Millionen Euro benötigt, um die Clubs zu retten", gibt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission, an. Denn Ausgaben wie Mieten, Strom und Personalkosten fallen auch an, wenn der Club geschlossen bleibt. Allein - das sei klar - könne die Clubcommission diese Summe nicht aufbringen.

Corona-Fall im Kater Blau

Leichsenring und seine Mitstreiter richteten eine Crowdfunding-Kampagne ein, um Geld für bedrohte Clubs zu sammeln. Wie die Spenden gerecht verteilt werden könnten, wird derzeit noch erarbeitet und auch Gäste bieten ihre Unterstützung an. "Ich möchte gerne meinen monatlichen Eintritt in den Kater Blau an euch, die Mitarbeiter, die Künstler etc. spenden", schreibt ein Gast auf Facebook.

Am Samstagnachmittag dann veröffentlichte der Club "Kater Blau" eine Nachricht, die wohl kein Clubbetreiber gerne veröffentlicht: "Wir wurden gestern von einem Gast kontaktiert, der sich am letzten Wochenende nach eigenen Angaben von Samstagmorgen dem 07.03. ab ca. 04:00 Uhr bis ca. 21:00 Uhr Samstagabend im Kater Club aufhielt. Dieser Gast wurde im Laufe der Woche positiv auf COVID-19 (Corona) getestet." Trotz aller finanziellen Risiken war die Schließung der Clubs notwendig.

Sendung: Inforadio, 16.03.2020, 6 Uhr

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Beitrag von Rebecca Barth

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13 Kommentare

  1. 13.

    Ziemlicher Luxus an DJ's, den sich die Clubs offensichtlich leisten. Das ist vollkommen unterfinanziert. Da muß der Eintritt viel höher kalkuliert werden. Sonst kann sich das Gewerbe nicht tragen. Dann ist es nur eine Liebhaberei - aus wirtschaftlicher Sicht. - Das Geschrei "Clubs first" ist asozial.

  2. 12.

    Vielleicht hilft diese Krise die ausufernde Subkultur in normale Bahnen zurück zu führen. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat es bestens funktioniert. Nur Party ist kein Lebensinhalt.

  3. 10.

    Viel zu viele Menschen stecken sich an... Es muss sein. Clubs müssen Verantwortung übernehmen. In viele Länder läuft es genauso. Es handelt sich um eine Pandemie und das wird ständig geblendet. Natürlich ist das ein Verlust, ein wirtschaftlicher Verlust und ein kultureller Verlust vorerst. Die Politiker werden sich genauer mit dem Thema Finanzierung beschäftigen müssen und klare Antwort bieten müssen. Schauen wir Mal nach Italien, was passiert dort? Schön italienisches Fernsehen geschaut? Man muss kein Italienisch sprechen um zu sehen was dort passiert.

  4. 9.

    Wer einmal in seiner Studienzeit in Clubs gearbeitet hat, weiß aus Erfahrung, wie die Chefs seine Mitarbeiter "entlohnt" und leider in des seltensten Fällen sozialversichert. Da wird dann mit den Stunden geschoben und getrickst. Manchmal machen die Mitarbeiter (leider!) auch freiwillig mit, weil ihnen der Euro mehr die Std wichtiger ist als zB Rentenanwartschaften. Warum genau dieser Unterschied aber so lebensnotwendig auch für Aushilfen ist, sollte bereits den jungen Leuten in der Schule ständig ! erklärt werden, bis es ihnen aus den Ohren kommt.
    Wie sonst sollten sie ihre Selbstverantwortung kennen lernen?

  5. 8.

    Haben Sie genaue Zahlen zu den Einnahmen und Ausgaben der Clubs?
    Nehmen wir an, der Eintritt ist 10€ und es kommen 1500 Gäste über das Wochenende, dann sind das 15000€. Nehmen wir weiter an es spielen 12 DJs und LiveActs über das Wochenende, die angemessen bezahlt werden, ggf. eine Unterkunft haben und Reisekosten erstattet haben möchten. Kostenpunkt ca. 200€-2000€. Sagen wir durchschnittlich 900€/DJ o. LiveAct. Das macht bei 12 Artists 10800€, die schon mal von den 15000€ abgehen. Da fehlt noch Miete und Fixkosten, Kosten für Bar, Türsteher, Reinigungskräfte und anderes Personal, Geld für Investitionen und Reparaturarbeiten, usw. Der Clubbetreiber möchte auch noch davon leben, etc.
    Also, wo kann da zurückgelegt werden?

  6. 6.

    Ihr habt gegenüber euren Gästen eine Fürsorgepflicht.
    Auch UND ERST RECHT in dieser Situation. Und da muss nun mal der Umsatz hintenan stehen.

  7. 5.

    Kaum ein Clubbetreiber ist seiner sozialen Verantwortung gerecht geworden und hat die Beschäftigten auch sozialversichert. Häufig wurden sogar Tipps gegeben, wie man trotzdem Arbeitslosengeld beziehen kann. Jeder gute Unternehmer weiß, dass man für schlechte Zeiten Rücklagen bilden muss. Hier weinen jetzt die Unternehmer der Vergnügungsindustrie Krokodilstränen. Gleichwohl möchte die Arbeitsämter Sorge tragen, dass den nunmehr Beschäftigungslosen unbürokratisch geholfen wird.

  8. 4.

    Es zeigt viel vom Ansehen der Stadt selbst im Selbstverständnis der lokalen Medien, wenn die Clubs jetzt ein so wichtiges Thema sind. Sicherlich betrifft es die vielfach in "freien Arbeitsverhältnissen" hinter Mischpult und Tresen Beschäftigten hart. Ist die Stadt aber nur ein großer Club mit zig Bühnen? Was ist mit den Arbeitnehmern in anderen Branchen, die niemanden haben, der die Kinder betreut? Was ist mit den Firmen, deren Produkte jetzt nicht mehr gefragt sind?

    Zudem ist der Tourismus in der letzten Dekade enorm gewachsen, wobei der von den anderen Gästen generierte Umsatz noch viel stärker zugenommen als deren schiere Anzahl hat. Er betrug 2018 laut IBB insgesamt 12,3 Mrd Euro. Gerade Messegäste sind dabei übrigens besonders lukrativ. Die Zahl der reisenden Hedonisten und der von denen generierte Umsatz ist nach eigenen Angaben der Clubs jedoch annähernd gleich geblieben.

  9. 3.

    Empörend ist hier eigentlich nicht, dass der Senat nicht sofort und blitzartig erklärt, wie er die Clubs retten will - sondern mit welcher Selbstverständlichkeit hier offenbar im Bereich prekärer Beschäftigungsverhältnisse gearbeitet wird.

    Vielleicht ist so ein (be-)reinigender Donnerschlag ja auch mal ganz gut, der dazu führt, dass am Ende vielleicht das Angebot etwas kleiner, dafür aber wirtschaftlich vernünftig betreibbar wire - mit der Folge, dass auch die Beschäftigten in den Clubs angemessen bezahlt werden. Ansonsten sollte sich jeder, der bisher mit dem Trinkgeld gegeizt oder sich vier Stunden an einem Wasser festgehalten hat, nun mal eine Runde schämen.
    Ausgehen in Berlin ist nicht ohne Grund so billig - viel zu billig im Vergleich zu anderen Städten, auch im Ausland.

  10. 2.

    Nicht nur Nachtclubs sind betroffen. Den kleinen Sportclub um die Ecke trifft es ebenso hart!

  11. 1.

    Es gibt doch den Liqidätsfonds der Bundesregierung und abgesehen davon: warum jammern die Clubberer eigentlich? Viele müssen bei den bisherigen Besucherzahlen gute Einnahmen generiert haben, von denen Rücklagen hätten gebildet werden können - da hört mein Verständnis auf - oder kann mir das mal einer erklären, warum eine Vielzahl von Clubs jetzt auf einmal so schnell in die Insolvent rutschen?
    Wurden die Einnahmen etwa am Fiskus vorbeigeschleust? Wer von den Besitzern hat denn die Einnahmen sonst wo hin geschustert - aber nicht dorthin wo sie hingehören?
    Das Gejammerer ist meines Erachtens verlogen und nicht ehrlich.

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