Archivbild: Eine junge Frau steht am 28.08.2013 in einem Zimmer eines Frauenhauses. (Quelle: dpa/Peter Steffen)
Video: Abendschau | 21.04.2020 | Kerstin Breinig | Barbara Slowik im Studiogespräch | Bild: dpa/Peter Steffen

Corona-Krise in Berlin - Deutlich mehr Einsätze wegen häuslicher Gewalt, aber kaum mehr Anzeigen

Seit Wochen gibt es in Berlin deutlich mehr Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt als im Vorjahr. Die Zahl der angezeigten Straftaten steigt dagegen nur leicht. Die Corona-Krise verschärft die Situation für Frauen in Not, berichten die Beratungsstellen. Von René Althammer

In der zweiten Märzwoche dieses Jahres rückten die Funkwagen der Berliner Polizei zu 254 Einsätzen wegen "häuslicher Gewalt" aus. Vorausgegangen war jedes Mal ein Notruf. Ob es Nachbarn waren, die die Polizei alarmierten, ob die Opfer selbst um Hilfe baten: Darüber gibt die Statistik keine Auskunft. In den darauffolgenden Wochen stieg die Zahl der Einsätze konstant an. Trauriger Tiefpunkt: In der Woche bis Ostersonntag gingen 332 solcher Notrufe ein. Ein Anstieg um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, damals waren es 215 Einsätze. Ein wenig hinkt dieser Vergleich abar, da Ostersonntag 2019 etwas später war und auf den 21. April fiel.

Vergangene Woche war es wieder etwas ruhiger für die Beamten. Aber auch für die Familien und Lebensgemeinschaften? Um darauf eine Antwort geben zu können, hilft die Statistik nur bedingt.

Berlin hat Plätze in Frauenhäusern deutlich aufgestockt

Sarah Trentzsch arbeitet bei der Hotline der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG). Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle vermitteln den Kontakt zu Frauenhäusern, klären über Rechte auf, hören manchmal einfach nur zu. Als die Ausgangsbeschränkungen einsetzten, war der Bedarf eher normal, inzwischen steigt die Anzahl der Anruferinnen.

Anders als vor der Corona-Krise können sie derzeit auch in schwierigen Fällen helfen: Die Zahl der Unterkünfte wurde ausgebaut. Bislang musste in Berlin keine Frau wieder nach Hause geschickt werden. Insgesamt verfügt die Atadt derzeit über 720 Plätze, davon 132 zeitweilige Notplätze für Frauen und Kinder. Die Hoffnung der Beraterinnen bei BIG ist, dass diese Plätze auch nach Corona bleiben.

Häusliche Gewalt gebe es in allen Milieus, so Trentzsch. Die Opfer sind in der überwiegenden Mehrzahl Frauen und ihre Kinder. Doch dann und wann melden sich auch Männer bei der Hotline, die dann an die Opferschutzhilfe vermittelt werden.

Home-Office, fehlende Kontakte zu Freunden oder Familienangehörigen – die aktuellen Einschränkungen tragen dazu bei, dass Konflikte eskalieren können. Auch fehlen Ausweichmöglichkeiten wie Fitnessstudios, Cafés oder Restaurants. Wohin also? Es fehlen die Möglichkeiten, die Auswege, den Konflikten zu entgehen, Spannungen abzubauen. Die steigende Zahl von Anruferinnen sei wohl auch darauf zurückzuführen, so Beraterin Trentzsch.

Deutlich mehr Einsätze

"Erfasste Straftaten innerfamiliärer und häuslicher Gewalt" ist der Fachbegriff, der ein Dilemma abzubilden scheint: dass nicht jeder Notruf auch strafrechtliche Konsequenzen hat. Waren es in den Vergleichswochen 2019 zwischen 251 und 281 Fälle, so sind es in diesem Jahr 260 bis 303 Taten. Der Anstieg der angezeigten Taten liegt bei pro Woche maximal 15 Prozent höher als im Vorjahr. Dabei wurde eine deutliche Steigerung der Polizeieinsätze registriert: Pro Woche gingen bis zu 54 Prozent mehr Notrufe wegen häuslicher Gewalt ein.

Sarah Trentzsch kennt das Problem: Frauen scheuen oft eine Anzeige, weil sie nicht wissen, was danach passiert. Kommt es zu einer weiteren Eskalation? Wer schützt sie dann dauerhaft vor dem gewalttätigen Partner? Aufbrechen um auszubrechen? Und falls ja, wohin? Mit den Kindern ins Frauenhaus und dann? Wie findet man eine Wohnung, wo gehen die Kinder zur Schule? Der Bruch mit dem Partner, hat weitreichende Konsequenzen – nicht nur zu Corona-Zeiten.

Mit dem Partner müssen die Frauen weiter umgehen, vor allem wenn es gemeinsame Kinder gibt. Der Vater hat ein Recht auf die Kinder. Neben der Gewalt in der Partnerschaft gibt es oft eine liebevolle Beziehung zu den Kindern, auch wenn die unter den Gewalttätigkeiten gegen die Mutter leiden. Aber, so Trentzsch, es gebe auch Mütter, die den Kindern die Trennung vom Vater ersparen wollen und deshalb bleiben.

Zusätzliche Frauenhausplätze schaffen Linderung, keine Lösungen

Derzeit bleibt vieles in den Familien, dringt nicht nach außen. Solange Jugendklubs, Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen geschlossen bleiben, gibt es kaum externe Kontrollinstanzen. Darauf weist auch die Polizei hin. Verlässliche Aussagen zum Umfang und Ausmaß häuslicher oder partnerschaftlicher Gewalt sind schwierig. Es wird nur sichtbar, was Frauen oder Nachbarn offenbaren - wenn es laut wird. Für Kinder fehlen die Ansprechpartner, mit denen sie ihre Ängste teilen können, die Veränderungen im Verhalten wahrnehmen und nachfragen. Derzeit ist vieles im Dunkeln und Sozialarbeiter und Beraterinnen fragen sich, was alles ans Licht kommt, wenn es weitere Lockerungen gibt und damit Auswege.

Sarah Trentzsch weiß, dass sie und ihre Kolleginnen Frauen in Notsituationen lediglich beraten können. Entscheidungen muss jede Betroffene für sich treffen. Stellen wie BIG können helfen, den Schritt ins eigene Leben zu wagen. Sie können informieren, vermitteln, empfehlen. Dauerhaft Schutz können sie im Ernstfall nicht bieten. An Gesetzen mangele es dabei nicht, so Trentzsch, sondern an deren Umsetzung. Solange Strafverfahren sich hinziehen, bleiben gewalttätige Männer auf freiem Fuß und eine permanente Bedrohung. Frauenhäuser bieten zwar Schutz, aber letztlich müssen die Frauen sich verstecken – während die Täter ihre Freiheit genießen. Das zusätzliche Frauenhaus, dass in Berlin bald kommen soll, wird zwar Linderung verschaffen. Das Problem wird es nicht lösen.

Sie befinden sich in einer familiären Notsituation? Sind Druck oder Gewalt in Beziehung, Familie oder der häuslichen Gemeinschaft ausgesetzt?

Beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen erhalten Sie bundesweit unter der 08000 116 016 rund um die Uhr Unterstützung auf Deutsch und in 17 weiteren Sprachen.

Im Berliner Familienportal finden Sie eine Reihe von Gesprächspartnern und Angeboten, an die Sie sich wenden können, wie den Berliner Krisendiest, den Kinder- und Jugendnotdienst oder die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG). Hier finden Sie eine umfangreiche Liste der Hilfsangebote [berlin.de/familie].

Auch in Brandenburg gibt es eine Reihe von Hilfsangeboten für Frauen, die sich in ausweglosen Situationen im häuslichen Umfeld wähnen. Das Brandenburger Familienministerium bietet auf seinen Seiten einen Überblick zu Hilfsangeboten [msgiv.brandenburg.de]. In jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt in Brandenburg gibt es Vereine, die Frauenhäuser betreiben. Kontakte können Sie unter anderem über das Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser finden [nbfev.de] oder über den Bundverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe [frauen-gegen-gewalt.de].

Was Sie jetzt wissen müssen

Sendung: Abendschau, 21.04.2020, 19.30 Uhr

Beitrag von René Althammer, rbb24 Recherche

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3 Kommentare

  1. 3.

    Genau! Und weil immernoch weggesehen wird und wirklich nirgends real darüber berichtet wird. Es interessiert keinen wirklich. Wenn dann aber ein Missbrauchsskandal aufgedeckt wird, wird es in sämtlichen Medien ausgeschlachtet und NIEMAND hätte das kommen sehen!
    Vorgeschoben wird gern Opferschutz. Welcher Opferschutz??? "SCHWEIGEN IST WIE STERBEN, GANZ LEISE UNGEHÖRT ; WORTE KÖNNTEN BRÜCKEN SEIN, IHRE WURDEN NIE GEHÖRT" !!!

  2. 2.

    Gibt es derartige Hilfsangebote auch für Männer?

  3. 1.

    Komisch hier wird nie auf das Recht auf Unversehrtheit gepocht und einfach diese mehr an Gewalt jetzt geduldet.
    Aber daran sieht man dass es die meisten gar nicht um dieses Recht geht, sondern nur um ihren eigenen egoistischen Lebens Ansatz, Hauptsache allen anderen alles verbieten, widerlich.

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