Symbolbild: Kindesmissbrauch
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Gefahr der häuslichen Gewalt - Warum Kinderschutz in Corona-Zeiten so schwer ist

Seit einem Monat sind Kitas und Schulen geschlossen. Die Berliner Polizei verzeichnet seither nur einen leichten Anstieg häuslicher Gewalt – doch vermutlich wird auch das Dunkelfeld der Gewalttaten größer. Engagierte Sozialarbeiter halten dagegen. Von Robin Avram

"Kind in Not? Familie in der Krise?", fragen digitale Plakate seit vergangener Woche zehntausende Wartende an Berliner S- und U-Bahnhöfen. Mit der Info-Kampagne für die "Hotline Kinderschutz" will die Senatsbildungsverwaltung dazu beitragen, das mutmaßlich wachsende Dunkelfeld häuslicher Gewalt auszuleuchten.

Denn seit einem Monat sind die Kitas, Schulen und Jugendzentren dicht – und die allermeisten Kinder viel häufiger zu Hause. Das könne gerade auch für Kinder gefährlich werden, warnte die Opferschutz-Organisation Weißer Ring. Dort, wo es bereits Gewalt gebe, werde sie noch einmal schlimmer, erklärte auch die Psychologie-Professorin Tanja Michael Ende März im Spiegel.

Polizei: noch kein Beleg für Zunahme häuslicher Gewalt durch Pandemie-Auflagen

Doch glaubt man nur den offiziellen Statistiken, wirkt es so, als wären diese Warnungen übertrieben gewesen. Die Berliner Polizei rückte in den vergangenen vier Wochen zwar rund ein Drittel häufiger als im Vorjahreszeitraum aus, um Notrufen wegen häuslicher Gewalt nachzugehen. Doch die tatsächlichen eingeleiteten Ermittlungsverfahren stiegen nur um moderate zehn Prozent - und zwar sowohl im Februar als auch im März.

 

Bei der Bewertung dieses Anstiegs ist die Polizei zurückhaltend: "Derzeit kann noch keine Aussage darüber getroffen werden, ob der leichte Fallzahlenanstieg mit den derzeitigen Pandemie-Auflagen im Zusammenhang steht oder möglicherweise mit der generellen Steigerung der Fallzahlen in den letzten Jahren", schreibt ein Polizeisprecher auf Anfrage von rbb|24.

Doch auch der Krisenstab der Polizei weiß, dass die Statistiken nicht die ganze Wahrheit sagen. "Eine tatsächliche Aussage zu einem Anstieg von Fällen 'Häuslicher Gewalt' ist derzeit nicht möglich, da diverse Kontrollinstanzen derzeit nicht aktiv an/mit Familien arbeiten können (Schulen, Kindergärten, Kinder-/Jugendeinrichtungen etc.)" heißt es in einem internen Lagebericht des Senats zu häuslicher Gewalt.

Mit anderen Worten: Wenn Sozialarbeiter nicht mehr bemerken, dass ein Kind mit blauen Flecken zur Schule kommt, können sie auch nicht mit den Eltern sprechen oder notfalls Jugendamt und Polizei einschalten. Mögliche Folge: Durch die Corona-Krise werden zwar mehr Kinder geschlagen. Aber in den Statistiken spiegelt sich das nicht wieder, weil Jugendamt und Polizei seltener von der Gewalt erfahren.

Was Sie jetzt wissen müssen

So erlebt ein Jugendsozialarbeiter den "Kontrollverlust"

Anruf bei einem Jugendsozialarbeiter. "Ich dachte, endlich ruft mal ein Kind an", sagt er und lacht. Der Mann, der anonym bleiben will, ist solch eine "Kontrollinstanz", die hauptberuflich über das Kindeswohl wachen. Er betreut seit einem Jahr an einer Grundschule im Stadtteil Tiergarten rund 200 Kinder. Solche Jugendsozialarbeiter gibt es laut Bildungsverwaltung inzwischen an jeder dritten öffentlichen Schule Berlins. Jeden Tag bieten er und seine Kollegin nun telefonische Sprechzeiten an, damit die Kinder mit ihnen über ihre Anliegen und Sorgen sprechen können.

"Nachdem unsere Schule schließen musste, haben wir alle Familien angerufen, bei denen wir ein unwohles Gefühl hatten", erzählt der Mann. Die Familie des Kindes, das häufig unpünktlich zur Schule kam und meist auch kein Pausenbrot dabei hatte. Die Familie, bei dem zehn Kinder auf engem Raum zusammenleben.

Mit allen seinen Sorgenkindern konnte er schließlich sprechen, keines berichtete davon, dass es ihm zu Hause nicht gut gehe. Das erleichterte ihn zunächst. "Aber natürlich kann ich per Telefon nicht so eine Verbindung mit den Kindern herstellen, wie es sonst möglich ist," sagt er. 

Familien zu Hause besuchen, Spaziergänge mit den Kindern

Der Sozialarbeiter versuchte deshalb auch, über die sozialen Medien mit den Kindern in Kontakt zu bleiben. Doch das ist mit Grundschülern wesentlich schwieriger als mit älteren Kindern. Über eine Instagram-Gruppe erreichte er nur 10 "seiner" 200 Kinder, von den anderen hat er bislang keine Handynummer. Bald will er einen Blog in die digitale Lernplattform der Schule integrieren, über die die Kinder ihre Hausaufgaben bekommen. Sein Ziel: möglichst mit allen Kindern in Kontakt kommen.

Denn je länger der Shutdown dauert, desto mehr macht sich er Gedanken darüber, wie es in all den Familien zu Hause läuft, die er bislang nicht auf dem Radar hatte. Gibt es Väter oder Mütter, die unter dem Stress der Corona-Krise die Nerven verlieren? "Wenn wir wirklich wissen wollen, wo was brennt, müssen wir eigentlich alle Kinder besuchen", sagt er.

Jetzt, wo der Shutdown noch einmal verlängert wurde, will er deshalb endlich wieder in persönlichen Kontakt kommen. Seine Idee: "Ich würde gerne bei den Familien klingeln und mit den Kindern alleine zusammen einen Spaziergang machen - natürlich mit dem Sicherheitsabstand von 1,5 Metern." Ob das machbar ist, muss er allerdings noch mit der Schulleitung besprechen. In jedem Fall hofft er, dass die Grundschule möglichst bald wieder öffnen kann. "Ich freue mich, wenn ich am 4. Mai alle Kinder hier wieder wohlbehalten begrüßen kann."

Jugendämter und Beratungsstellen für Kinderschutz bieten weiter Hilfe an

So wie der Jugendsozialarbeiter tun auch tausende andere professionelle Kinderhelfer während der Corona-Krise ihr Möglichstes, um gewaltgefährdeten Kindern zu helfen. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagt: "Gerade jetzt ist Kinderschutz das oberste Gebot. Die Jugendämter helfen auch jetzt. Ihre Angebote für Krisenfälle und die Hilfen zur Erziehung laufen weiter. Die Erziehungs- und Familienberatungsstellen und auch andere Beratungsstellen im Kinderschutz sind ebenfalls weiter für Familien da und bieten ihre Unterstützung an."

Denn auch wenn die offizielle Statistik es noch nicht wiederspiegelt: Das lange Zusammenleben auf engem Raum, ie Sorgen um die Zukunft – all das kann zu Krisen führen oder bestehende Konflikte innerhalb der Familie verschärfen.

Beitrag von Robin Avram

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17 Kommentare

  1. 17.

    WIe lange sollen denn die Alten in der Kammer bleiben, wenn sie es nicht eh schon sind? Bis ein Impfstoff da ist? Das kann noch dauern. Bis die Herdenimmunisierung von 70% erreicht ist? Bis dahin sind sie eh an Mangel an Bewegung und sozialen Kontakten zu kompletten Pflegefällen geworden. - Matze, "Risikogruppen" heisst nur, dass die Betreffenden mit höherer Wahrscheinlichkeit besonders schwer erkranken können. Das heisst aber nicht, dass der Rest der Gesellschaft frei ist vom Risiko zu erkranken; u.U. auch schwer, und Viren zu übertragen. Wir müssen also dieses Risiko gemeinsam schultern und nicht anfangen, Menschen nach Wert einzuteilen. Zudem werden doch die Schulen bald wieder öffnen: egal, ob die Alten spazieren gehen oder nicht. - Schuld an Kindesmisshandlungen sind nur die Täter und Täterinnen! Und bei denen sowie in der Stärkung von Kindern muss der Kampf gegen Misshandlungen ansetzen! Nicht bei der weiteren Schwächung von Alten und Menschen mit Behinderung.

  2. 16.

    Ich habe nie behauptet, dass Risikogruppen für die Taten anderer Leute verantwortlich sind. Was reden sie da? Es hilft manchmal, sich einen Text zweimal durchzulesen. Es ist doch aber unstrittig, dass einige Anti-Coronamaßnahmen den Schutz der Kinder im besten Fall sehr erschweren. Oft wird er wohl auch unmöglich. Und vor diesem Hintergrund macht es mich wirklich wütend, wenn EINIGE mit dem Messer im Mund gegen erwähnte alternative Coronamaßnahmen kämpfen, die diesen Schutz wieder möglich machen würden, nur um ihren Spaziergang zu retten.
    Sie können davon ausgehen, dass ich mich selbst streng isolieren würde, würde ich zu einer Risikogruppe gehören. Auf jeden Fall würde ich niemals wollen, dass Kinder und viele andere soviel erdulden müssen, nur damit ich es ein wenig leichter habe. Hier im Spreewald habe ich miterlebt, als das Risiko schon bekannt war und das öffentliche Leben insgesamt schon zurückgefahren wurde und kaum noch Leute unterwegs waren, die Kähne aber noch fuhren, ...

  3. 14.

    Was ist denn das für eine Argumentation?? Jetzt sind also Menschen aus Risikogruppen (Ältere, Menschen mit Behinderung, Schwangere...) schuld daran, wenn Leute zu Hause ihre Kinder misshandeln? Geht's noch?? - Sie, Matze, sind genauso potenzieller Überträger von Viren und Krankheitserregern. Sind Sie bereit, sich zu Hause vollständig zu isolieren, damit auf der Strasse mehr Platz für Kinder ist? So, wie es viele Alte - freiwillig oder unfreiwillig - ohnehin schon längst tun? Es ist jedenfalls unglaublich, wie hier einige Leute versuchen, Hass zu säen und die Gesellschaft zu spalten. Ich möchte nicht erleben, wie sich das entwickelt, falls hier eine wirkliche Krise entsteht: eine, in der nicht nur das Klopapier knapp ist. Zusammenhalt? Ein deutsches Fremdwort.

  4. 13.

    Nein Daniel, Entschuldigung nicht akzeptiert: Sie können doch nicht allen Ernstes zwei gesellschaftlich benachteiligte Gruppen gegeneinander ausspielen! Wenn Sie Belege für Ihre Ansicht haben, dass die Gesellschaft sich nicht für misshandelte Kinder interessiere, dann bringen Sie die. Aber lassen Sie Ihren Frust nicht ausgerechnet an anderen Opfern von gesellschaftlichem Desinteresse aus.

  5. 12.

    Wer ist denn Ihrer Meinung nach dann die "restliche Gesellschaft", wenn alle zu hause bleiben sollen?
    Mal ganz ehrlich, mir tut es auch leid, wie die Wirtschaft leidet und Existenzen kaputt gehen. Aber hier geht es um Gewalt an Kindern! Wie kann man da an die Wirtschaft denken? Anscheinend ist Ihnen noch keine gebrochene Kinderseele begegnet!

  6. 11.

    Wie sieht es eigentlich mit der Umsetzung des Gewaltschutzgesetzes aus, nach dem Täter die Wohnung verlassen müssen?

  7. 10.

    Ob der Autor Robin Avram weis, dass es hunderte von Heimen in Berlin und Brandenburg gibt, in den unzählige Kinder und Jugendliche seit Wochen eingesperrt sind? Sie werden teilweise gehalten wie Kaninchen. Ihre Rechte - die sie trotz der Pandemie haben - werden bis ins unermässliche eingeschränkt. Dort kümmert sich keiner, zumindets ist mir kein Fall bekannt geworden ...

  8. 9.

    Jetzt mal ein anderer Gedanke.....
    Wenn Alle sowieso dazu angehalten werden zu Hause zu bleiben und die Großeltern keinen Kontakt mit der Familie haben dürfen..... warum kann die restliche Gesellschaft unter Einhaltung der Hygiene Maßnahmen nicht dem geregeltem wenn auch eingeschränktem Arbeitsleben nachgehen.
    Dann könnte die Wirtschaft in Gang gehalten werden und die Menschen die Hilfe benötigen trotzdem versorgt werden.

  9. 8.

    Der Bedarf für die Schulmediatoren an Schulen, Kita und im Hort wird bestimmt wenn die Schule wieder beginnt sehr hoch sein, bin gespannt.

  10. 7.

    Ich kann Daniel nur zustimmen! Besonders wütend macht es, wenn hier von "moderaten" 10 Prozent gesprochen wird! Geht's noch???
    Und wenn die ganze Familie zusammenhockt, wie bitte soll ein Kind dann telefonieren und seine Ängste schildern?
    Aber das ist mal wieder typisch : Es wird schöngeredet und weggeschaut!!! Und zwar sowohl von Gesellschaft und Politik, als auch von der Presse!
    Jetzt einfach Plakate mit Rufnummern aufzuhängen ist viel zu wenig in Sachen Prävention. Ja,wenn dann aber was passiert, wird es wieder groß aufgebauscht in sämtlichen Medien und alle tun erschüttert und die Vergangenheit des Täters wird durchleuchtet und das OPFER wird mal wieder vergessen. Wacht auf und schützt wehrlose Kinder!!!

  11. 6.

    Das sehe ich auch so. Was manche Kinder aushalten müssen um Risikogruppen zu schützen, während diese teilweise nicht bereit sind selbst die kleinste Einschränkung hinzunehmen, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Vor kurzem stand der Vorschlag im Raum, hauptsächlich die Älteren zu isolieren, damit u.a. eben auch Kinder ihr Leben langsam wieder leben können und vor Gewalt geschützt werden können. Aber da führt wohl kein Weg hin. Manche drohen sogar mit dem Bundesverfassungsgericht, sollte es soweit kommen, und lassen lieber tausende Kinder und ein ganzes Land vor die Hunde gehen, bevor sie auf einen Spaziergang verzichten. Laut dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend sind es denn auch die Älteren, die sich am wenigsten durch die Corona-Maßnahmen eingeschränkt fühlen. Je jünger, desto größer die Belastungen. Kinder werden leider gar nicht erst gefragt.

  12. 5.

    Ich kann Daniel nur zustimmen! Besonders wütend macht es, wenn hier von "moderaten" 10 Prozent gesprochen wird! Geht's noch???
    Und wenn die ganze Familie zusammenhockt, wie bitte soll ein Kind dann telefonieren und seine Ängste schildern?
    Aber das ist mal wieder typisch : Es wird schöngeredet und weggeschaut!!! Und zwar sowohl von Gesellschaft und Politik, als auch von der Presse!
    Jetzt einfach Plakate mit Rufnummern aufzuhängen ist viel zu wenig in Sachen Prävention. Ja,wenn dann aber was passiert, wird es wieder groß aufgebauscht in sämtlichen Medien und alle tun erschüttert und die Vergangenheit des Täters wird durchleuchtet und das OPFER wird mal wieder vergessen. Wacht auf und schützt wehrlose Kinder!!!

  13. 4.

    Das wäre ohne Kontaktverbot eine sehr schöne Idee. Gottlob können wir diese Kinder schon ganz bald wieder in Kitas und Horten begrüßen

  14. 3.

    Bitte achten Sie auf die richtigen Begriffe.
    Häusliche Gewalt findet zwischen den Erwachsenen statt. Kinder erleben diese mit und leiden darunter insbesondere psychisch sehr. Daher wird das Jugendamt in solchen Fällen von der Polizei informiert.

    Gewalt an Kindern ist Misshandlung. In solchen Fällen sind die betreuenden Einrichtungen wie Schulen und Kitas besonders wichtig, da sie die Kinder täglich sehen.

  15. 2.

    Warum es so schwer ist?Weils keinen interessiert und den Stellenwert von Kindern in der Gesellschaft gut zeigt. Es wird mehr über "arme" isolierte Alte diskutiert als geprügelte Kinder. Das ist zum Ko...,Entschuldigung!

  16. 1.

    Da ich als Schulmediatorin in Potsdam in einem Hort und in einer Grundschule tätig bin und dadurch sehr viele Kinder kenne kam mir gerade die Idee, ob ich mich nicht regelmäßig mit 1 oder 2 Kindern treffen könnte um spazieren zu gehen zu reden und ein Eis zu essen.

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