Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam
Video: Brandenburg Aktuell | 08.04.2020 | Jäger / Krippahl | Bild: dpa

Infektionen in Potsdamer Krankenhaus - Bergmann-Klinikum weist Vorwürfe teilweise zurück

Nach einer Häufung von Corona-Fällen unter den Mitarbeitern prüft die Staatsanwaltschaft, ob Ermittlungen gegen die Führung einer Potsdamer Klinik eingeleitet werden sollen. Die Klinikleitung verweist derweil auf ähnliche Situationen an anderen Krankenhäusern.

Was Sie jetzt wissen müssen

Die Leitung des Ernst-von-Bergmann-Klinikums hat indirekt Vorwürfe zurückgewiesen, dass es am Haus eine ungewöhnliche Häufung von Mitarbeitern gibt, die an dem neuartigen Coronavirus erkrankt sind. In einer Pressemitteilung hieß es am Dienstag, dass 103 Mitarbeiter positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden seien, was einer Quote von 4,3 Prozent aller Mitarbeiter entspreche.

Damit liege man leicht über dem Wert des St.-Josef-Krankenhaus, wo 4,1 Prozent der Mitarbeiter eine Corona-Infektion erlitten hätten. 23 der 550 Mitarbeiter seien dort betroffen. Zudem liege man deutlich unter dem Schnitt des EZA in der Weinbergstraße; dass dort neun der 150 Mitarbeiter infiziert seien, führe zu einer Quote von 6,0 Prozent. Das Ernst-von-Bergmann-Klinikum habe diese Zahlen der Presse entnommen, hieß es.

Offenbar Versäumnisse bei der Weitermeldung von Infektionen

Anfang der Woche hatte das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) die Situation am Klinikum untersucht. Anschließend wurde empfohlen, das sogenannte Abstrich-Management - also die Routinen bei den Kontrollen - zu ändern. Zudem erging die Aufforderung, Meldungen über Infizierte entsprechend dem Infektionsschutzmeldegesetz auch weiter zu geben.

Die Potsdamer Staatsanwaltschaft teilte mit, es werde geprüft, ob es einen Anfangsverdacht gegen leitende Ärzte und die beiden Mitglieder der Geschäftsführung des Klinikums gibt. Die Vorwürfe lauten auf Verstöße gegen Meldepflichten sowie auf Fehler beim Krisenmanagement und bei der Krankenhaushygiene. Die Amtsärztin hatte zuvor in einer Pressekonferenz kritisiert, sogenannte Arztmeldungen zu Neuinfektionen seien dem Gesundheitsamt "zeitlich verzögert oder gar nicht" vorgelegt worden.

Vor zwei Wochen war an der Klinik entschieden worden, Patienten und Personal komplett zu testen. Das habe im Nebeneffekt zu einer Datenflut geführt. Die Medizinische Geschäftsführerin des Hauses, Dorothea Fischer, sagte dem rbb, dass die die Labore an ihre Grenzen gebracht habe, "so dass wir die Ergebnisse von den Abstrichen deutlich verspätet teilweise bekommen haben."

Geschäftsführer Steffen Grebner wies darauf hin, dass als Konsequenz die Klinik begonnen habe, selbst zu testen. Ziel sei es, schnellstmöglich 470 Test pro Tag durchführen zu können. "Aktuell schaffen wir 200 und sind damit weniger abhängig von externen Laboren", so Grebner.

Nonnemacher: Größte Sorge, die wir in Brandenburg haben

Der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD), selbst Aufsichtsratsmitglied des Klinikums, hatte in der Pressekonferenz moniert, zum Zeitpunkt des Ausbruchs habe es offenbar kein adäquates Ausbruchsmanagement gegeben, dazu Mängel bei der Hygiene. "Das sind Punkte, die hätten zum Zeitpunkt des Ausbruchs funktionierten müssen", sagte Schubert. Es müsse geklärt werden, ob ein Organisationsverschulden vorliege.

Die Klinikleitung versicherte in der Pressemitteilung, "bestmöglich dazu beizutragen, die Sachverhalte aufzuklären".

Auch die Gesundheitsministerin Brandenburgs, Ursula Nonnemacher (Grüne), zeigte sich über die Anzahl der Coronavirus-Infektionen und Todesfälle im Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum besorgt. Dieser Ausbruch sei im Moment "die größte Sorge, die wir hier im Land Brandenburg haben", sagte sie am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtages. Die Fälle in Potsdam trieben die Zahlen des Landes etwas in die Höhe. Nonnemacher empfahl dem Klinikum, die Auflagen des RKI umzusetzen.

Unterdessen befinden sich derzeit 88 mit dem Coronavirus infizierte Patienten in stationärer Behandlung an der Klinik, davon 14 auf einer Covid-Intensivstation, elf von ihnen werden beatmet. Zuletzt starben drei weitere Patienten, alle drei hätten Vorerkrankungen gehabt. Damit sind bisher 24 Corona-Patienten in dem größten Potsdamer Krankenhaus gestorben.

Kommentar

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15 Kommentare

  1. 14.

    Ich würde auch lieber die Amtsärztin Böhm dafür verknackt sehen, dass sie mitbeschlossen hat, dass man sich im Bergmann nicht so genau an die geltenden Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes in Bezug auf Quarantäne von Mitarbeitern halten muss. Keine Ahnung, wo das Bergmann noch seinen eigenen Kram in Bezug auf "Hygiene" machen durfte. ( vgl 1. Kommentar oder hier https://www.potsdam.de/166-leiterin-des-verwaltungsstabes-informiert-ueber-aktuelle-corona-lage )

    In Potsdam beschließt man erst, dass das RKI nicht so wichtig ist und holt es sich dann als großen Retter mit ins Boot. Natürlich stinkt das. Die Stadt Potsdam hat es mit verbockt. Haften sollen dafür jetzt die, die 2 Tage zu spät einen Stempel auf ein Meldeformular gemacht haben. So läuft das nun mal in Deutschland.

  2. 13.

    Es geht ja gar nicht darum, dass Verstöße nicht aufgeklärt werden sollen. Aber warum muss ein solcher Sachverhalt sofort in der Öffentlichkeit breitgetreten werden mit der unausweichlichen Folge, dass alle Beteiligten, die ja eng mit der Stadtverwaltung zusammenarbeiten, in den Zusammenhang mit strafbaren Handlungen gerückt werden? Und warum müssen die Akten eines Vorgangs, der laut OB nicht strafbar ist, zur Staatsanwaltschaft? Hier stehlen sich die Bürohengste in der Stadtverwaltung schnell aus der Verantwortung statt sich schützend vor diejenigen zu stellen, die zur Zeit Höchstleistung erbringen...

  3. 12.

    Es zeigt die desulate Situation in den Berliner Kliniken, Patienten werden nicht regulär bei aufnahme in der Rettungsstelle auf Corona oder auf andere isolierpflictige Erreger abgestrichen, weil sie einerseits keine Symptome zeigen und wegen anderer medizinischer Beschwerden sich in den Rettungsstellen melden. anschliessend werden sie auf die normal Station verlegt und in ein mehrfach Zimmer, mit anderen Patienten zusammen gelegt. Erst im Verlauf wird festgestellt, das die Patienten positiv auf ein Errger gestestet werden. In dieser Zeit haben diese Patienten kontakt zu anderen Patienten, Angehörigen und Klinikmitarbeiter, die sich von diesem Patienten anstecken, so dass sich der Errger weiter verbreitet. Leider wird dem Personal, mangelhafte Hygiene unterstellt.
    Darüber sollte rbb24 Berichten und aufdecken!!!

  4. 11.

    Es wäre besser nach Corona das Thema Defizite bei der Krankenhaushygiene ohne Aufregung auf den Plan zu rufen.
    Es gibt und gab kein Krankenhaus, in dem keine Hygienemängel festzustellen wären. Gegenseitige Vorwürfe gehen da ganz klar am Ziel vorbei.
    Eine gewisse Coronahysterie und aggressive Verhaltenweisen sind jetzt zunehmend zu erkennen.
    Bei Rewe Ostbahnhof wurde ich gestern von einer Verkäferin lautstark beschimpft, da ich trotz Abstand nicht punktgenau auf irgendwelchen lustigen und nicht erkennbaren Markierungen gestanden habe. Wenn die Frau wüßte, wieviele Keime die Frau durch die Rumbrüllerei so verteilt.
    Maßnahmen sollten jetzt nicht durch Hysterie und gegenseitige Schuldzuweisungen ad absurdum geführt werden

  5. 10.

    Was ich noch loswerden will: wo, wenn nicht im Krankenhaus oder Pflegeheim sollen Corona- Opfer denn sterben? Zu Hause? Ich finde es nur logisch, dass dort, wo massiv Alte und Kranke sind/leben, auch mehr versterben. Da immer auf die Zahlen zu schauen, ist zu wenig.

    Wichtig ist, dass man Ausbreitung durch strikte Hygiene eindämmt. Also Menschen, die ohne Virus dort eingeliefert werden, nicht infiziert.

    Man kann leider den Zahlen auch nicht entnehmen, ob es sich um Patienten handelt, die WEGEN Corona dort waren, oder ob sie dort erst infiziert wurden.

  6. 9.

    Die Stadtverwaltung würde sich selber strafbar machen, wenn sie die Meldeverstöße bei ihrem Arbeitgeber im Sinne der guten, alten Freundschaft nicht verfolgen würde... Und das nachdem ihnen das RKI dies wohl auch noch mal aufgeschrieben hat...

    Persönlicher Feldzug... Nee

  7. 8.

    Vielen Dank für diese Unterstützung!!! Und das meine ich ernst. Diese Hetze gegen meinen Arbeitgeber beruht einzig und allein auf einem persönlichen Feldzug des Herrn Schubert gegen die Geschäftsführung. Das hat mit rationalen Bedenken und Tatsachen nichts mehr zu tun.

  8. 6.

    Wenn man weiss, wieviele Zimmer mit ein und dem selben Feudel gewischt werden, dass es zwar Lappen für WC und Waschbecken gibt, aber für jedes Zimmer einen? Wie ist das mit den Lichtschaltern, den Fernbedienungen von TV und Bett, Fenster- und Türgriffe? Die Kugelschreiber der Ärzte, das Stethoskop? Ich war bei meinen (harmlosen) KH-Aufenthalten, wo ich gesund rein ging, immer befremdet und hatte Sorge, dass ich krank dort rauskomme. Habe erstmal alles mit Papierhandtüchern getränkt in Händedesinfektion gereinigt. Vor allem, nachdem die Putzkolonne da war. Nun war ich nie im Bergmann, vielleicht ist dort alles anders, besser, vielleicht werden gerade diese Dinge dort peinlichst genau beachtet. Dann aber müsste es ein anderes Problem geben. Liegen eigentlich die Hustenkranken in Mehrbettzimmern? grübel grübel....
    Ich glaube, ich möchte derzeit überhauptgarnicht in ein KH müssen, sowas von garnicht. Ich hoffe, ich stecke mich nirgends an....

  9. 5.

    Eins der wenigen Krankenhäuser die alle Mitarbeiter getestet haben obwohl die keine Symptome hatten,
    Dadurch ist die zahl der infizierten wahrscheinlich so hoch.... Ich würde es befürworten das alle Krankenhäuser verpflichtet sind ma zu testen

  10. 4.

    Einfach nur unglaublich wie stillos sich der OB Schubert und Frau Böhm darstellen. Desolat wie sich der OB in der Pressekonferenz präsentiert, während er fünf Personen, die in vorderster Linie gegen das Virus kämpfen, in der Öffentlichkeit an den Pranger stellt. Um vom eigenen Versagen abzulenken, werden Akten der Staatsanwaltschaft übergeben, die nach Einschätzung des OB nicht strafbar sind!? Dass sich das Rathaus in der jetzigen Situation gegen das Klinikum stellt, macht nur noch fassungslos. Das Gespann Schubert/Böhm hat Potsdam nicht verdient. Bleibt zu hoffen, dass die momentane Krise nicht wegen sondern trotz der Stadtverwaltung bewältigt wird...

  11. 3.

    die ungewöhnliche Häufung von Mitarbeitern , die an dem neuartigen Coronavirus erkrankt sind. liegt wohl besonders am Mangel von Schutzkleidungen

  12. 2.

    Das äußerste zu verlangen und zugleich staatsanwaltliche Untersuchungen ansetzen...
    das kann nur Potsdam.
    Aber nicht wundern, wenn keine Behandler mehr aufzutreiben sind...

  13. 1.

    Amtsärztin Böhm und GM Nonnemacher befürworteten um den 12.3. die Entscheidung des EVB Klinikums, die Kinderstation (mit 20 möglich infizierten Mitarbeitenden) nicht lahmzulegen. Einen ähnlichen Interessenskonflikt gab es auch an der Uniklinik Aachen Anfang März auf der Frühgeborenen Station. Sie entschieden sich auch von der RKI Empfehlung abzuweichen. Die Uniklinik in Aachen liegt im Gegensatz zu Potsdam in einem Hoch-Risikogebiet und hat (trotz ähnlicher) Entscheidung kein unkontrolliertes Infektionsgeschehen im eigenen Betrieb. Das wirft beim Ernst von Bergmann Klinikum zurecht Fragen auf, die allerdings nicht zu Bauernopfer führen dürfen.

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