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Audio: Inforadio | 17.04.2020 | Interview mit Torsten Schulz | Bild: imago-images/Jürgen Ritter

Interview | Corona-Tote im Bergmann-Klinikum - "Ein Paradebeispiel dafür, wie Kliniken kaputtgespart werden"

Wie konnte es zu den vielen Corona-Fällen am Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus in Potsdam kommen? Torsten Schulz, Verdi-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Gesundheit, verweist auf schwierige Arbeitsverhältnisse und fordert politische Lösungen.

rbb: Herr Schulz, 36 Corona-Tote am Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus - der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert beklagt unvollständige Unterlagen, die Stiftung Patientenschutz hat Strafanzeige gegen Geschäftsführung und Ärzte des Klinikums gestellt. Wie beurteilen Sie das?

Torsten Schulz: Was wir am Ernst-von-Bergmann-Klinikum gerade erleben, ist ein Paradebeispiel dafür, was passieren kann, wenn Krankenhäuser kaputtgespart werden wie in den letzten 20 Jahren. Und dann kommt noch wie jetzt in der Corona-Krise eine Pandemie obendrauf.

Was ist Ihr Vorwurf in dem Zusammenhang? Wie hängt das Sparen mit der Pandemie zusammen?

In den letzten Jahren haben wir am Ernst-von-Bergmann wie auch in anderen Krankenhäusern gemerkt, dass unter Personalnot und schlechten Arbeitsbedingungen, der Ausgliederung von Beschäftigten in Tochterfirmen, eine flächendeckend gute Versorgung für die Patienten nicht gewährleistet werden kann. Wenn dann ein Extremfall wie eine Pandemie in diesem Jahr hinzukommt, führt das natürlich Krankenhäuser extrem an ihre Grenzen.

Nun wurde überall gespart. Warum ist das aus Ihrer Sicht in diesem Klinikum besonders relevant?

Das Klinikum Ernst-von-Bergmann ist Brandenburg-weit ein Fall, wo wirklich viele Beschäftigte in Tochtergesellschaften ausgegliedert wurden.

Beschäftigte am Klinikum sind auch Mitglieder bei Verdi. Was erzählen sie Ihnen?

Die Beschäftigte, die sich bei uns melden, sprechen von einer Intransparenz der Leitung gegenüber den Beschäftigten. Dass sie teilweise Informationen eher von der Presse erhalten, als von ihrer Leitung. Das bringt natürlich Unruhe unter die Beschäftigten, weil die auch wissen wollen: Welche Maßnahmen werden am Klinikum ergriffen, um sich auch im Falle einer Pandemie gut schützen und Patienten gut pflegen zu können?

Gefährdet diese Situation auch Patienten?

Wir können nur feststellen: Wenn in Krankenhäusern wenig Personal da ist und es viele Tochtergesellschaften gibt, ist das ein Indikator, dass eine solche Krise schwerer überwindbar ist.

Vor zwei Jahren hat sich ein Bündnis für mehr Personal in Pflege und Krankenhaus formiert. Hat das etwas gebracht?

Es gibt ein Bündnis für mehr Personal in Krankenhäusern in Berlin. In Brandenburg startete vor Kurzem eine Initiative von über 38 Erstunterzeichnern aus über 20 Brandenburger Kliniken. Die Landesregierung, also Dietmar Woidke und die Gesundheitsministerin Frau Nonnenmacher, wurden aufgefordert, verschiedene Forderungen jetzt endlich umzusetzen. Jetzt sofort in der Krise. Aber die Forderungen sind schon weit vor der Krise entstanden. Wir fordern auch die beiden Minister dazu auf, in einer Videokonferenz mit den betroffenen Beschäftigten aus dem Land Brandenburg zu sprechen, deren Forderungen ernst zu nehmen und umzusetzen.

Reicht eine Videokonferenz mit den Beschäftigten? Oder was wünschen Sie sich grundsätzlich von der Landespolitik?

Eine Videokonferenz ist ein erster großer Schritt. Endlich auf Augenhöhe mit den Beschäftigten, die in den Krankenhäusern täglich gute Arbeit leisten, zu sprechen, deren Nöte und Ängste ernst zu nehmen und Forderungen wie sofortige Schutzmaßnahmen umzusetzen. Aber auch das Fallpauschalensystem (Die Vergütung von medizinischen Leistungen pro Behandlungsfall, Anm.d.Red.) in den Krankenhäuser abzuschaffen, Krankenhäuser vollumfänglich zu finanzieren und zu rekommunalisieren und dann gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Das bedeutet wieder die ordentliche Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband für die Krankenhäuser und alle Tochtergesellschaften zugleich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Torsten Schulz sprach Leon Stebe, Inforadio. Der Beitrag ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.

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16 Kommentare

  1. 16.

    Nun ist das Ernst von Bergmann Klinikum ein kommunales Krankenhaus also gerade kein gutes Beispiel gegen Privatisierung.
    Das große Privatkrankenhaus, das Josefskrankenhaus muss und kann jetzt als Ausweich -Krankenhaus herhalten, finde den Fehler

  2. 15.

    Sehr geehrter Herr Krüger,
    Sie sprechen mir in sämtlichen angesprochenen Belangen sowas aus dem Herzen...Danke. Sie sind sachlich und bringen Versäumnisse der letzten 20 Jahre geradezu auf den Punkt. Ich schließe mich uneingeschränkt Ihrer Argumentation an....

  3. 14.

    Ich will Ihnen da keineswegs widersprechen. Zu lange hat der öffentliche Dienst an seinem ramponierten Ansehen selbst gearbeitet: Dienst nach Vorschrift, die klassische Beamtenmentalität abseits jeglicher Flexibilität, was die spezifischen Umstände anbetrifft. Mein Eintreten für die Daseinsvorsorge ist eher grundsätzlich, doch eben nicht voraussetzungslos. Als Voraussetzung dazu sehe ich eine höhere Eigenmotivation. Worin ich mich von den Befürwortern privatrechtlich-kommerzieller Organisation unterscheide: Ich glaube, dass Motivation nicht nur durch Druck zu erreichen ist, sondern mehr noch durch ehrliche Anerkennung und Wertschätzung.

  4. 13.

    Potsdam kann froh sein, mit dem St. Josefs Krankenhaus ein nicht kommunales Krankenhaus zu besitzen. Nur mit kommunaler Vetternwirtschaft stände Potsdam jetzt ganz ohne richtigem Krankenhaus da.

  5. 12.

    Ganz ehrlich es ist doch nicht nur in diesem Krankenhaus. Ich wurde gerade gestern aus Quedlinburg entlassen und bin auf mich allein gestellt mit mein Problem. Kann keine Nahrung und Flüssigkeit aufnehmen und mein Zucker geht ständig runter.Und soll mich doch selber kümmern das ich in einer anderen Klinik unter komme. Wurde mit dem so wie ich über die Rettung rein bin auch so entlassen. Zähle zu den gefährdeten Parteien das Dumping Syndrom und Herzerkrankung. Und was mich sehr verwundert hat das keine Person die in das Krankenhaus gekommen ist auf Corona getestet worden. Der besuchvdurfte nicht rein aber die Patienten raus vor der Tür zum treffen bzw an der Info zum treffen. Da stellt sich die Frage wo da der Schutz ist bzw wie unter solchen Maßnahmen es gewährleistet werden kann.
    Und es kann nicht sein das man auf sich allein gestellt ist ohne Hilfe mit Verlegung in eine anderen Krankenhaus. Das sollte doch gewärleistet sein. Da man so nicht in Krankenhäuser aufgenommen wird.

  6. 11.

    kaputtgespart ??? Dass ich nicht lache...
    Funktioniert doch alles. neues Geld wird wahllos ohne Gegenwert gedruckt und umhergeschleudert, Vorstände bekommen Vertrags-Boni trotz Fehlleistungen, Ungelernte bekommen Jobs mit Tarif, jeder Nichtzahler bekommt Sozialleistungen und noch mehr.
    Die Fachkräfte und der (Einkommens-)Steuerzahler müssen die Suppe seit Jahrzehnten auslöffeln. Die nutzlose Mehrheit geht zum Arzt und feiert Party.
    Das war noch nie anders, nur nicht ganz so offensichtlich.

  7. 10.

    Grundsätzlich bin auch ich für eine Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand. Vergangenheit und Gegenwart zeigen allerdings, dass dies genauso wenig ein Allheilmittel ist wie umgekehrt die Privatisierung: Ich wage mal die Behauptung, dass der öffentliche Dienst nicht ganz unschuldig daran war und ist, dass man sich eine zeitlang so viel Gutes von Privatisierungen versprochen hat. - In allen Betriebsmodellen kommt man nicht ohne geeignete gegenseitige Kontroll- aber auch Motivationsmethoden aus um zu verhindern, dass einzelne Individuen oder Gruppen sich hängen lassen, es sich allzu gut gehen lassen oder sich gar bereichern. Menschen sind nun mal Menschen - das gilt im Positiven wie im Negativen.

  8. 9.

    Ohman, Sie sind es, der hier jammert: Andere machen konkrete Vorschläge, was sich wie ändern soll. Oder wollen Sie angesichts der hohen Zahl von Covid-19-Patienten ernsthaft bestreiten, dass sich etwas ändern muss? Geld gibt es genug in diesem Land. Die Frage ist immer nur, wie man es verteilt.

  9. 8.

    Ich kann dieses Wort kaputtgespart nicht mehr hören.
    Wenn etwas kaputt ist dann funktioniert es nicht mehr, aber scheinbar funktionieren ja diese Krankenhäuser oder anders gesagt warum sind denn nicht Mitarbeiter und Gewerkschaft schon vorher auf die Barrikaden gegangen?
    Immer nur jammern bringt hier kein weiter.
    Und wer übrigens mehr Geld für alle fordert, sollte auch bedenken oder sagen wo denn die entsprechenden Mittel herkommen sollen.
    Also wir sollten uns da alle ehrlich machen, am Ende müssen wir extrem viel bezahlen dass wir alle über 80 90 Jahre alt werden.

  10. 7.

    Es ist recht billig, in einer Art Rückschluss zu schlussfolgern, dass jemand nichts unternommen hätte, sofern nichts an Früchten eingetreten ist. Da gibt es in der Tat immer noch die anderen - in diesem Falle die Phalanx der anderen - die aus den unterschiedl. Gründen besagte Entwicklung einleiteten:

    1. Die Logik der Kassenwarte, die den Untergang ihrer Stadt und ihrer Gemeinde heraufziehen sahen, wenn das Kommunaleigentum nicht alsbald verscherbelt würde
    2. Das Trommelfeuer der Betriebswirtschaftler, die alle anderen Ziele außerhalb derer der Effizienz im besten Fall als naiv, im schlimmeren Fall als ideologische Torheit bezeichneten,
    3. Ggf. eine Mehrheit der Steuerzahler, aus deren Reihen die Behauptung kam, dass alles, was staatlich ist, nur unwirtschaftlich sein kann und im öffentl. Dienst sich sowieso nur "der Hintern breitgesessen" wird.

    Mit einem Organisationsgrad unter 50 % kommen Sie gegen eine solche Negativ-Koalition nicht an.

  11. 6.

    Wäre das Virus 2 Jahre später gekommen, wurde es bei uns viel schlimmer aussehen. Es sollten ja von den ca 1200 Klinken in Deutschland, 600 geschlossen werden. Aktuell spricht da keiner mehr von.

  12. 5.

    Die Ausgründung von Tochtergesellschaften war und ist immer noch ein Mittel, auf dem Rücken von Beschäftigten den Haushalt zu stabilisieren. Will sagen, das vermeintlich zu hohe Lohnniveau infolge der Ausgründung in Billiggesellschaften auf einen niedrigeren Stand zu bringen.

    Das schafft betriebsintern Frust, das schafft Intransparenz und das schafft Desorganisiertheit, weil ja alles immer wieder in höherem Maße koordiniert werden muss. Dieser Umstand betrifft die Krankenhäuser, er betrifft den öffentlichen Personennahverkehr und auch die Schlösserstiftung. In meinen Augen ist das ein Boomerang. Das langfristig zum Tragen Kommende hat immer die Kurzfristigkeit in die Schranken gewiesen. Das zeigt sich jetzt.

  13. 4.

    Ach, VERDI kommt aus dem Loch gekrochen und versucht Fehler nur bei anderen zu suchen.
    Wozu gibt es diese Gewerkschaft wenn sie bisher nichts unternommen hat?

  14. 3.

    Bei der Überschrift könnte ich das große Heulen bekommen. Wozu sitzen Gewerkschaften, Vertreter der Städte und sonstige hochbezahlte Leute und den Gremien wie z.B. dem Aufsichtsrat? Wofür bekommen sie für jeden Sitzung Geld wenn sie nie etwas wissen, nichts im Vorfeld ändern und immer von der Situation überrascht werden. Leute dann legt die Ämter nieder, dann können wir Gelder sparen.

  15. 2.

    Es wundert mich nicht, dass das Ernstvon Bergmann Krhs. mit solch einer Epidemie seine Probleme hat. Mein Mann lag bereits 2 mal mit Krebserkrankungen in diesem Krankenhaus. Medizinisch ist dieses Haus wirklich gut, die ärztliche Versorgung optimal. Die Pflege lässt jedoch sehr zu wünschen übrig. Ich musste miterleben, wie bei ihm schwere Pflegefehler begangen wurden. Ob das nun an zu wenig Personal, Inkompetenz oder schlechten Arbeitsbedingungen lag, kann ich nicht beurteilen. Ich würde allerdings zukünftig überlegen, ob es wirklich dieses Haus sein muss.

  16. 1.

    Das kommt dabei raus, wenn Kliniken nach dem ökonomischen Prinzip handeln und mit den geringsten Mitteln den größten Gewinn erwirtschaften wollen. Ich musste das zweimal im Heliosklinikum In Bad Saarow erleben.
    Man fühlte sich wie eine Nummer und nicht als Patient. Das Personal gab sich die größte Mühe, aber ich merkte sie können das gar nicht schaffen bei der knappen Besetzung. Nur ein Beispiel: Eine Nachtschwester für ca. 40 Patienten. Die tägliche Reinigung des Zimmers dauerte keine 10 Minuten.
    Deshalb wundert es mich nicht, dass bei solchen Ausnahmesituationen schnell die Grenzen erreicht werden. Einmal war ich auf der Wahleistungsstation(90,00€/Tagzusätzlich).
    Da sah es viel besser aus und auf der Privatstation soll es noch ganz anders sein. Also doch Zweiklassenmedizin.

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