Häusliche Gewalt in Berlin um zehn Prozent gestiegen (Quelle: imago images)
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Corona-Krise - Häusliche Gewalt in Berlin um zehn Prozent gestiegen

Anzeigen wegen häuslicher Gewalt sind seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen stark gestiegen - jedenfalls in den Städten, sagt Familienministerin Giffey. Da Kinder nicht mehr in Kita, Schule oder Sportverein gehen, beibt Gewalt gegen sie möglicherweise unentdeckt.

Was Sie jetzt wissen müssen

Bundesfamilienminister Franziska Giffey (SPD) sieht durch die Ausgangsbeschränkungen vor allem in Städte die Gefahr einer Zunahme häuslicher Gewalt. Bereits in der vergangenen Woche habe sie Rückmeldung bekommen, dass in Berlin die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt um zehn Prozent gestiegen seien, sagte sie in einem am Samstag veröffentlichten Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Offensichtlich gebe es ein Stadt-Land-Gefälle, so Giffey weiter. In ländlichen Regionen, wo es mehr Möglichkeiten gebe rauszugehen und wo Menschen nicht so sehr auf engem Raum lebten, sei das Konfliktpotenzial nicht so hoch. "Dort hören wir noch nicht von zusätzlichen Fallzahlen", so Giffey.

Mehr Anrufe bei "Nummer gegen Kummer"

Beim Hilfetelefon "Nummer gegen Kummer" gebe es einen Anstieg der Anrufe um mehr als 20 Prozent, sagte die Ministerin in der Online-Ausgabe der "Zeit" [externer Link/Bezahlschranke]. Sowohl Kinder als auch Eltern würden dort anrufen. Ein Teil des Zuwachses, gab Giffey aber zu bedenken, könne auch dadurch begründet, sein, dass massiv für diese Nummer geworben worden sei.

Angesichts der Zunahme häuslicher Gewalt und dem ohnehin bestehenden Mangel an Frauenhausplätzen in Berlin plant der Senat Notplätze in Hotels. Das habe der Senat beschlossen, hatte die Geschäftsführerin der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG), Doris Felbinger, in der vergangenen Woche gegenüber rbb24 gesagt. BIG betreibt zusammen mit fünf Fachberatungsstellen eine Hotline für Frauen, die Gewalt erfahren haben und vermittelt bei Bedarf Plätze in Frauenhäusern.

Kein Frühwarnsystem

Vor einer Zunahme unentdeckter Gewalt gegen Kinder warnen der Deutsche Städte- und Gemeindebund sowie der Deutsche Kinderschutzbund. "Problematisch ist, dass persönliche Kontakte zwischen Jugendämtern und Familien derzeit die Ausnahme sind", sagte der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, in der Samstagsausgabe der "Augsburger Allgemeinen" [externer Link/Bezahlschranke].

Auch andere Frühwarnsysteme seien eingeschränkt: "Die Kinder besuchen auch nicht mehr die Kitas, die Schule oder die Sportvereine, Orte, an denen ein möglicher Missbrauch entdeckt werden könnte."

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5 Kommentare

  1. 5.

    Laut einer Polizeisprecherin gab es seit dem 14. Februar keine steigenden Zahlen über häusliche Gewalt. Es sei so schlecht geblieben wie vor der Pandemie. Also, wo hat die Ministerin die Zahlen her? Von der Polizei kann sie diese nicht haben. Das Interview lief gerade beim MOMA.

  2. 4.

    Ich hoffe, dass dieses Thema auch nach dem Drosseln der aktuellen Vorgaben weiterhin wichtig genommen wird. Im Moment erscheint es mir manchmal ein wenig scheinheilig, jetzt plötzlich so intensiv darüber zu reden, wo doch körperliche, seelische, sexuelle Gewalt innerhalb der eigenen vier Wände schon seit Generationen, ja eigentlich schon immer, stattfindet.

    Mich erinnert diese Diskussion ein wenig an die Obdachlosenproblematik zu Zeiten der Flüchtlingskrise. Vorher und hinterher war das Interesse an dieser Bevölkerungsgruppe minimal, zu Zeiten der Krise hat man sie jedoch instrumentalisiert und aus ethisch falschen Gesichtspunkten vorgeschoben.

    Meine Kritik nimmt ausdrücklich alle Menschen aus, die sich regelmäßig und nachhaltig für sowohl Obdachlose als auch Gewaltopfer engagieren.

    Das soll jetzt nicht so zynisch rüberkommen wie es vielleicht erst einmal klingt, aber zum Glück geht momentan wenigstens die Gewalt an Kindern innerhalb von Vereinen und Kirchen zurück.

  3. 3.

    Das sind die Auswüchse unseres Systems in dem wir leben. Schneller, höher, weiter, wer stehen bleibt hat keine Chance. In den 24 Stunden die Dir täglich zur Verfügung stehen wirst Du in ein Korsett gezwängt, dass Dir kaum noch die Luft zum atmen bleibt. Immer rennen, alles muss schnell gehen. Sobald Du irgend wo ausgebremst wirst und Dir läuft nutzlos die Zeit davon fängst Du an zu kochen. Egal ob beim Einkauf an der Kasse, auf der Stadtautobahn, überall da wo die Zeit läuft aus der Du so gut wie keinen persönlichen Nutzen ziehen kannst. Das ist die Zeit wo es dann anfängt in Dir zu brodeln. Die Nerven liegen bei vielen nur noch blank. Die geballte Faust aus dem fahrenden Auto, die fast geschlossene Tür der U/S-Bahn wird mit Gewalt wieder aufgerissen. Auf einmal sitzt Du von heute auf morgen zuhause und sollst Deine geballte Dynamik, die Du dir über Jahre antrainiert hast, um all das zu schaffen was man von Dir verlangt hat runterfahren. Du bist jetzt geduldig, entspannt, gelassen

  4. 2.

    Komisch, ca. 150 Kommunen in Deutschland melden freie Aufnahmekapazitäten für Flüchtlinge. Da wird doch auch der eine oder andere Platz für Frauen, Obdachlose oder des Feldes verwiesene Männer dabei sein. Oder denke ich einfach nur zu einfach und es bedarf einer komplizierten Lösung?

  5. 1.

    Warum sind diese Stimmen so leise? Warum werden sie nicht verstärkt?
    Psychologen, Sozialarbeiter und Erzieher warnen seit Wochen vor den Konsequenzen der reduzierten Regulationstechniken für die Schwächsten der Gesellschaft.
    Wer schützt die Kinder während ihre Eltern in die Panikdemie geschickt werden?

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