Eine Freiwillige in Spanien zeigt eine für taube Menschen angefertigte Schutzmaske (Bild: imago images/Ramon Costa)
Bild: imago images/Ramon Costa

Hörbehinderte Menschen in der Corona-Krise - "Die Situation Gehörloser lässt sich nicht auf Masken reduzieren"

Um Gehörlosen die Kommunikation zu erleichtern, fordern Verbände Masken mit transparentem Mittelteil. Doch aus der Berliner Community kommt Kritik: Das Problem sei konstruiert. Sie sehen andere Nachteile in der Corona-Krise. Von Jenny Barke

Anders als bei vielen anderen Interviews, die derzeit im Home-Office geführt werden, ist mit Jenny Igersky ein Gespräch über Telefon oder Videoschalte nicht möglich. Die 42-Jährige ist taub, wie bereits ihre Eltern und auch ihr Bruder. Da sie mit ihrer hochgradigen Schwerhörigkeit, aber auch mit "superscharfen Augen" aufgewachsen ist, störe sie ihre Behinderung nicht, schreibt sie in einer E-Mail. Im Gegenteil: Sie finde Begriffe wie "hörgeschädigt" diskriminierend und sei stolz darauf, taub zu sein.

Ihre Sprache von Klein auf ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS). DGS ist eine visuell-manuelle Sprache, setzt sich also zusammen aus den Hand- und Fingerbewegungen sowie dem sogenannten Mundbild. Dieses ist gemeinhin bekannt als Lippenlesen, doch der Begriff wird von tauben Menschen als abschätzig empfunden. Obwohl Jenny Igersky taub ist, wurde sie als Kind zu oraler Schulerziehung gezwungen, wie sie schreibt. "DGS war verpönt und ist es noch".

30 Prozent des Gesprochenen nehmen Gehörlose über Mundbild wahr

Weil im Alltag ihr Gegenüber nur selten die DGS verwendet, sind viele taube Menschen wie Igersky darauf angewiesen, genau auf die Sprechbewegungen im Gesicht zu achten. Mit der aktuell bundesweit geltende Maskenpflicht fällt dieses weitere Hilfsmittel weg. "Für gehörlose Menschen bedeutet das eine extreme Einschränkung in ihrer Kommunikation", sagte die Sprecherin der Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen in Berlin (GFGB), Angelika Bauer, als die Maskenpflicht Ende April eingeführt wurde.

Brauer empfiehlt deshalb, für taube und hörbehinderte Menschen verstärkt Masken anzubieten, die ein transparentes Mittelteil haben. Solch ein Sichtfenster ermögliche es wieder, das Mundbild zu sehen und damit etwa 30 Prozent des Gesprochenen visuell wahrzunehmen. In der Theorie befürwortet auch die taube Igersky diese Idee: "Ein transparentes Sichfenster an der Maske wäre ein großer Vorteil."

Kritik Gehörlosen-Bund: Durch Atemluft würde Sichtfenster beschlagen

Allerdings gibt es diese Art des Mundschutzes nicht, derzeit werden deutschlandweit keine Masken mit transparentem Mittelteil industriell hergestellt. Allein in Berlin bräuchten nach Schätzungen des GFGB etwa 4.000 Gehörlose diese besonderen Masken. Da nur Menschen in die Statistik fallen, die Gehörlosengeld beziehen, liegt laut Brauer die Dunkelziffer gehörloser Menschen in der Hauptstadt deutlich höher.

Auch aus anderen Gründen befürworten nicht viele in der Gebärdensprach-Community den Vorschlag. Der Deutsche Gehörlosen-Bund (DGB) kann nach eigener Aussage in Masken mit Sichtfenstern keinen Vorteil erkennen. In der Praxis hätten sie den Nachteil, dass die Fenster durch die Atemluft schneller beschlügen. "Dann ist der Mund ohnehin schlecht zu sehen", sagt ein DGB-Sprecher. 

Auch hörendes Gegenüber bräuchte Sichtfenster in der Maske

Auch von tauben und hörbehinderten Menschen aus Berlin kommt Kritik. Der Vorschlag sei nett gemeint, aber in der Umsetzung nicht durchdacht, sagtt Benedikt Sequeira Gerardo. Der Gehörlose betreibt den Blog "Taubenschlag", schreibt selbst über seine Erfahrungen im Berliner Alltag als tauber Mensch. "Eine Maske mit transparentem Sichtfenster muss auch von hörenden Menschen benutzt werden. Es hilft nicht, wenn nur Gehörlose sie tragen", sagt Sequiera Gerardo.

Auch für Lela Finkbeiner ist das ein typischer Denkfehler. Die Berlinerin ist Aktivistin für hörbehinderte Menschen und kämpft dafür, dass Menschen mit beeinträchtigtem Hörvermögen besser mitgedacht werden. Auf Sequeira Gerardos Blog schreibt sie in einem Artikel: "Kommunikation ist eine beidseitige Angelegenheit. Gibt es eine Sprachbarriere, wird das 'Problem' auch zu einem 'Problem' für privilegierte Menschen." Kommunikation beruhe auf einem Dialog und sei keine Einbahnstraße, sagt Finkbeiner. Deshalb bringe es auch nichts, Gehörlose mit Sonderregelungen von der Maskenpflicht zu befreien, wenn das hörende Gegenüber immer noch eine Maske trägt.

Auch die taube Dolmetscherin und Youtuberin Corinna Brenner macht in einem Video darauf aufmerksam, dass oft eher die Frage im Mittelpunkt stehe, wie Gehörlose ihre Kommunikation verbessern: 

Gebärdensprache-Community wird oft bei Krisenkommunikation vergessen

In weiteren Punkten sind sich die vier einig: Erstens sei die Maskenpflicht richtig und wichtig, um die Ansteckung und Verbreitung mit dem Coronavirus zu vermeiden. Zweitens zeige sich in der Krise ein strukturelles Problem: Viel zu oft würden Gehörlose nicht mitgedacht und über ihren Kopf hinweg entschieden. Das zeige sich nicht nur an der Idee der transparenten Masken, die eigentlich alle tragen müssten, damit das Konzept aufgeht.

"Das Problem tauber Menschen lässt sich nicht auf das Maskenproblem reduzieren", sagt Finkbeiner. Es würden sich viele Benachteiligungen hörbehinderter Menschen während der Krise verschärfen. Die Aktivistin verweist auf medizinische Studien, die zeigen, dass Gehörlose eine höhere Rate an Fehldiagnosen, Über- oder Untermedikation und vorzeitigen Todesfällen hätten.

Kaum barrierefreie Corona-Informationen

Denn oft fehlt die gemeinsame Sprache, das zeige sich auch in der Krisenkommunikation der Bundesregierung, den Landesregierungen sowie vieler Medien, kritisieren die Dolmetscherin Brenner und die Aktivistin Finkbeiner. Zu Beginn der Corona-Krise hätten Gehörlose kaum Zugang zu Informationen bekommen. Denn was viele nicht wissen: Tauben Menschen reicht die Schriftsprache oft nicht aus, weil Lesen über die Lautsprache gelernt wird, was vielen Gehörlosen nie möglich war. Doch oft fehlen auf Behördenseiten Informationen auf DGS und auch bei vielen Corona-Pressekonferenzen der Länder hat es anfangs keine Untertitelungen gegeben und Gebärdendolmetscher wurden erst später eingesetzt. 

Lange Zeit war es so für die Gebärdensprache-Community schwer bis unmöglich, sich selbstständig über das Coronavirus zu informieren. Viele hörbehinderte Menschen seien mit ihren Sorgen allein gelassen worden. "Zugang zu Beratung, medizinischer Versorgung gerade in Notfallsituationen werden uns politisch massiv erschwert bis verweigert", so Finkbeiner. So könnten sich taube Menschen auch bei auftretenden Corona-Symptomen kaum mitteilen und würden bei der medizinischen Versorgung benachteiligt. 

Igersky fordert deshalb, dass auch 24-Stunden-Hotlines für Telefonseelsorge, Krisendienst und Polizei eingerichtet werden - eine Forderung, die Gehörlose schon vor der Corona-Krise ohne Erfolg gestellt haben.

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16 Kommentare

  1. 15.

    In der neuen Verordnung des Landes Berlin steht es nun, dass die Befreiung der Maskenpflicht auch für Läden gilt. Das mit den Plexiglasmasken scheint sich rumzusprechen. Ich sehe immer mehr Leute damit und auch Kassierer. Diese Masken werden zumindest von der Bevölkerung akzeptiert. Von der Regierung habe ich zu dem Thema noch nichts gehört. Die meisten Läden akzeptieren das Attest mit dem SBA, ich habe aber auch erlebt, dass ich damit in einen Laden nicht reinkomme.
    https://www.berlin.de/corona/massnahmen/verordnung/#headline_1_3
    Sechste Verordnung zur Änderung der SARS-Cov-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung
    (4) Die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung nach Absatz 3 gilt nicht für Personen, die aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung oder einer Behinderung keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen können oder bei denen durch andere Vorrichtungen die Verringerung der Ausbreitung übertragungsfähiger Tröpfchenpartikel bewirkt wird.

  2. 13.

    "Anders als bei anderen Interviews..." war es der Autorin nicht möglich, ein Interview über Videocall zu machen. So war es eigentlich auch gemeint. Verzeihen Sie mir, wenn das nicht so rübergekommen ist. Mir ist schon bewusst, dass mir die Fähigkeit der DGS fehlt, auch wenn ich als Kind mal das Alphabet gelernt habe ;) Das sollte nicht despektierlich wirken, ich habe mich schon ausführlicher mit der Thematik auseinandergesetzt und hatte gehofft, dass der Artikel zeigt, wie vielschichtig das Thema ist und ich mit vielen Betroffenen in Kontakt war, um es differenziert darstellen zu können.

    MfG, rbb|24-Autorin Jenny Barke

  3. 12.

    Hallo Ina,
    vielleicht hilft dir der Büroklammer-Trick - Du kannst natürlich auch einfach ein Bändchen durch die Ohrschlaufen ziehen und zuknoten, Männer würden einen Kabelbinder nehmen ;-)

    Hier findest du ein Bild davon:

    https://twitter.com/EvictedSquirrel/status/1243261710594715648

    Also - falls der Link nicht geht - eine dieser großen Büroklammern oder eine "Baby-Sicherheitsnadel", die man fest schließen kann, durch beide Ohrenschlaufen ziehen und das Ganze dann hinten am Kopf tragen. Gummis dadurch verlängert und vom Hörgerät weggezogen.

    Muss ich unbedingt meinem Vater schicken, meeensch... der müht sich auch mit Brille, Hörgerät und Gummibändern, alles hinterm Ohr...

  4. 11.

    Ahhh, Eve mit dem gebündelten Fachwissen über Autisten mit Hyperakusis schlägt wieder zu ;-) und nein, zusammenreißen hilft weder bei Autisten, noch bei Krebskranken. Wer im "normalen" Alltag schon rechts UND links ein größeres Päckchen zu tragen hat, der ist im Coronafall ziemlich gekniffen!

    Für Autisten ist das unnötige Maskengedöns eine ziemliche Zumutung.

    Auch für Hörgeräteträger ist es eine elendige Fummelei.

  5. 10.

    "Anders als bei vielen anderen Interviews ... ist mit Jenny Igersky ein Gespräch über Telefon oder Videoschalte nicht möglich." Warum nicht über Videoschalte? Gebärdensprache sollte doch über Video sichtbar und verstehbar sein - sofern man sie beherrscht. Ich würde begrüßen, wenn bei diesem Thema genauer differenziert wird zwischen dem, was wirklich nicht möglich ist (zB Lippenlesen durch eine Maske hindurch) und dem, was nicht geht weil es der/die Autor*in nicht kann.

  6. 9.

    Meine Lebenspartnerin ist hörgeschädigt. Wenn wir zusammen einkaufen gehen, trage ich keine Maske. Mit Maske wäre es eine Diskriminierung Behinderter, ohne Maske ein Verstoß gegen eine Verordnung, die in Berlin und Brandenburg nicht geahndet wird. Das ist wie der Spagat, den die Regierung mit der Freiheit und dem Recht der körperlichen Unversehrtheit macht. Und nein, ich kann keine Gebärdensprache.

  7. 8.

    "Die Maßnahmen der Regierung sind Behindertenfeindlich." Die Maßnahmen der Regierung - zu denen die Masken zählen - sind zum Schutz da. Sie sind nicht "behindertenfeindlich". Wäre es Ihnen lieber, wenn alle an Corona erkranken und sterben? Und übrigens: Die aktuelle Situation ist für niemanden leicht. Wir alle haben damit zu kämpfen. Nicht nur Sie.

  8. 7.

    Ich denke auch, dass es nicht ausreichen würde, das Gehörlose Masken mit Plastikmittelteil haben. Schließlich wollen sie ja die Mundbewegungen ihres gegenüber ablesen.
    Was mich während der Corona Krise stört: oft sieht man bei PK'en im Hintergrund ein(e) Gebärdendolmetscher(in). Aber dann wird auf die sprechende Person gezoomt und schwupp sind Gehörlose angeschmiert. Es hat sich zwar verbessert, aber es ist noch deutlich Luft nach oben.

  9. 6.

    Die Masken sind auch für mich als Autist ein Problem, da ich das Haus nur mit Gehörschutz verlassen kann und eine Kassiererin im Supermarkt nicht sprechen sehen kann. Ich selbst trage nur Plexiglasgesichtsschutzmasken. Bezüglich der Stoffmasken habe ich ein ärztliches Attest. Die Kassiererin war ziemlich wütend und fand es unhöflich, dass ich Gehörschutz trage. Die Maßnahmen der Regierung sind Behindertenfeindlich.

  10. 5.

    Die Masken sind auch für mich als Autist ein Problem, da ich das Haus nur mit Gehörschutz verlassen kann und eine Kassiererin im Supermarkt nicht sprechen sehen kann. Ich selbst trage nur Plexiglasgesichtsschutzmasken. Bezüglich der Stoffmasken habe ich ein ärztliches Attest. Die Kassiererin war ziemlich wütend und fand es unhöflich, dass ich Gehörschutz trage. Die Maßnahmen der Regierung sind Behindertenfeindlich.

  11. 4.

    Corona ist ein Stressor, der nochmal deutlicher aufzeigt, wo es schon vor Corona Missstände gab, ob miserable Ausbeutungsverhältnisse in Landwirtschaft und Fleischindustrie, bei Rückfällen in patriarchale Geschlechterrollenbilder bei Erziehungs- und Sorgerechtsfragen oder wie hier bei Ableism betreffenden Aspekten. An Behinderte wird generell nicht angemessen gedacht. Es wird fast schon erwartet, die Betroffenen sollen sich möglichst selbst melden, statt gelebte Solidarität so zu interpretieren, möglichst an alle, eben wegen der unterschiedlichsten Lebensbedingungen, zu denken.

    Es ist in der Tat typisch, gesellschaftliche Herausforderungen auf die unmittelbar Betroffenen zu reduzieren und auf sie zu individualisieren, so als gäbe es keine Verantwortung oder staatliche Verpflichtung, allen soziale Teilhabe zu ermöglichen. insofern sind Vorschläge wie transparente Masken oder Telefonseelsorge für Gehörlose - finde den Fehler - entsprechend undurchdacht.

  12. 3.

    Ich bin schwerhörig und trage seit 27 Jahren Hörgeräte...bis jetzt kam ich damit im Leben und Beruf ganz gut zurecht. Ich bin Friseurin und das sehr gerne aber seit der Maskenpflicht könnte ich vor jedem Arbeitstag heulen!!! Die neue Arbeitssituationen in den Salons ist ja bekannt. Kommunikation schwierig und anstrengend plus die Fummelei der Mundschutzbänder hinter den Ohren wo ja auch die Geräte sind!!! Versuch beim Integrationsamt um Rat zu bitten, schlug auf Grund der Dauerbandansage fehl !!! Es gibt viele Minderheiten welche in dieser Situation allein gelassen werden, LEIDER!!!

  13. 2.

    Sorry, wenn es nicht so traurig wäre, müsste man echt lachen: warum sollen Menschen, die schlecht hören, durchsichtigen Mundschutz tragen?? Was sieht man damit besser??
    Da sich dank Lockerungen so gut wie jeder ohne Mundschutz treffen kann, außer im Supermarkt, kann jeder den anderen sehen. Im Supermarkt kann der Gehörlose bei der Verkäuferin auch alles erkennen, die trägt ja keine Maske, weil sie nicht muss.

    Eine echte Hilfe wäre das Fortführen der AbstandsPFLICHT ohne Maske, außer man möchte es aus privaten Gründen selbst so (Vorerkrankungen, Alter, Sicherheitsgefühl).

  14. 1.

    Ja, richtig ausgeklügelt, mit Plastikteil ist dann noch weniger Sauerstoff drin. Was für ein Mist!!

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