Interview | Schulöffnungen - "Je mehr Kinder in die Schulen zurückgehen, desto weniger Unterricht wird es für alle geben"

Mo 11.05.20 | 18:03 Uhr
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Symbolbild - Eine Lehrerin mit Mundschutz vermisst den Abstand zwischen den Tischen für den Schulbeginn nach der Corona-Pause (Bild: imago-images/Mathieu Menard)
Bild: imago-images/Mathieu Menard

Bis zum Herbst wird sich die Situation an den Schulen nicht wesentlich verändern, sagt Norman Heise vom Landeselternausschuss Berlin. Er fordert deshalb dringend neue Konzepte - etwa Mindeststandards für den Fernunterricht.

rbb|24: Herr Heise, am Montag haben die Schulen in Berlin und Brandenburg für weitere Klassenstufen geöffnet. Sind das gute Nachrichten?

Norman Heise: Das sind erstmal gute Nachrichten – vor allem für die Eltern, denen das ein bisschen Entlastung bringt, sich in der Zeit, in der die Kinder in der Schule sind, auch anderen Aufgaben widmen zu können. Aber wir alle wissen, dass es bei vielen Schulen nur ein Schichtbetrieb sein wird, mit wenig Unterricht in den Kernfächern. Für viele Eltern bleibt also das Thema Betreuung weiterhin akut.

Manche Klassen werden geteilt, andere gedrittelt oder geviertelt – jede Schule entwickelt ihr eigenes Modell, um mit dem Spagat zwischen Präsenz-Unterricht, Hygiene- und Abstandsregelungen klarzukommen. Das klingt nach einem ziemlichen Durcheinander!

Was wir wahrnehmen, sind Schichtmodelle: Eine Klasse hat vormittags Unterricht, die andere nachmittags. In anderen Schulen gibt es die sogenannten A und B Wochen: Die jeweiligen Klassen haben versetzt alle zwei Wochen Präsenz-Unterricht. Je nachdem, wer gerade nicht an der Schule ist, bekommt dann halt Aufgaben für den Fernunterricht. Und dazwischen gibt es viele unterschiedliche individuelle Modelle, je nachdem, welche Ressourcen die Schule hat.

Wäre es nicht besser, einen einheitlichen Weg oder Plan dafür vorzugeben, wie die Schulen schrittweise öffnen und sich vom Unterricht her aufstellen können – wie es etwa die FDP fordert?

Es den Schulen zu überlassen, ist schon der richtige Weg. Denn es hängt sehr stark davon ab, welche personellen und räumlichen Ressourcen da sind. Manche Schulen haben 90 Prozent ihres Personals verfügbar für den Präsenz-Unterricht, andere nur 50 Prozent.

 

Norman Heise (Bild: privat)
Norman Heise ist Vorstand des Landeselternausschusses Berlin. | Bild: Privat

Warum?

Die personellen Ressourcen bedingen sich daraus, wie viele Lehrkräfte zur Risikogruppe gehören. Denn diese Personen müssen nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, sondern bieten ihre Angebote aus dem Homeoffice heraus. Je nach Altersdurchschnitt eines Kollegiums ergeben sich unterschiedliche Verfügbarkeiten.

Dann geht es um die Frage der Räumlichkeiten. Habe ich genug Räume, um das irgendwie abzudecken? Viele Schulen sind sowieso schon übervoll, und für sie ist es natürlich unter den aktuellen Bedingungen wesentlich schwieriger, den Präsenz-Unterricht zu planen.

Wir haben rund 800 Schulen in Berlin, die sehr individuell sind, eine sehr unterschiedliche Schülerschaft haben. Da funktioniert kein einzelnes Modell, das man drüber stülpen kann. Man muss für den individuellen Standort eine Lösung finden.

Sie sagen, grundsätzlich sei die Schulöffnung eine gute Nachricht. Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Eltern?

Die gehen weit auseinander. Manche Eltern sagen: Ja, es ist schön, dass unsere Kinder die Schule auch einmal von innen sehen können und es einen Austausch mit den Lehrkräften gibt. Das sind oft Eltern, die durch die Art des Fernunterrichts sehr belastet sind. Denn der ist ja nicht so, wie man ihn sich idealweise vorstellt, mit Lernvideos, Videokonferenzen, einem Mix zwischen digitalen und analogen Angeboten. Sondern die kriegen von ihren Schulen am Montag Aufgabenpakete übermittelt für die ganze Woche. Hat man mehrere Kinder an mehreren Schulen, kommen da schonmal 30 bis 40 Mails an einem Montag zusammen. Da ist man froh, wenn das weniger wird.

Gleichzeitig kann sich durch die erweiterte Schulpräsenz natürlich auch das Infektionsrisiko erhöhen.

Richtig. Es gibt eben auch Eltern, die sich angstvoll fragen: Wie kann man in der jetzigen Situation die Schulen öffnen? Wir alle wissen, dass es gerade die jüngeren Kinder vermutlich nicht so einfach haben werden, sich an die Hygieneregeln zu halten, und vielleicht auch die Aufsicht, um die Kontaktregeln zu überwachen, nicht überall anwesend sein kann.

Wieder andere Eltern sagen, es macht überhaupt keinen Sinn, dieses Schuljahr fortzuführen. Sie wollen, dass man sich auf die Vorbereitung des nächsten Schuljahres konzentriert, digitale Unterrichtskonzepte entwickelt, um dann halt nicht in das nächste Schuljahr so zu starten, wie wir aus diesem rausgehen: mit Aufgabenpaketen in unseren Mailpostfächern.

Müssen wir uns über die Sommerferien hinaus längerfristig auf eine solche Situation einstellen?

Man muss sich darüber im Klaren sein: Je mehr Kinder in die Schulen zurückgehen, desto weniger Unterricht wird es für alle geben. Das hat eben mit der Situation von Personal und Räumlichkeiten zu tun. Schulöffnung bedeutet nicht, dass wir zu einem Regelbetrieb zurückkehren, wie wir ihn vor der Schulschließung kannten. Es wird tatsächlich für alle Eltern weiterhin Einschränkungen geben. Wir haben künftig nur wenige Stunden, die die Kinder im Präsenzunterricht verbringen. Das, was wir als Ganztagsschule mit ergänzender Förderung und Betreuung - also mit Hort - kennen, wird es solange nicht geben, bis wir eine Heilung für Corona beziehungsweise einen Impfstoff haben.

Wir müssen jetzt schauen, wie wir mit der Situation umgehen. Es gibt durchaus interessante Vorschläge, etwa aus den Reihen des Vereins der Oberstudiendirektoren des Landes Berlins, zu sagen: Wir müssen das Schuljahr bis in den Januar hinein verlängern, um das, was an Unterricht nicht stattgefunden hat, irgendwie nachzuholen. Da gibt es gerade viele interessante Ideen, die man diskutieren muss und wo dann die Politik auch eine Entscheidung treffen muss. 

Wir schauen skeptisch auf den Beginn des nächsten Schuljahrs

Wie ist denn Ihre Prognose für den Herbst?

Wir schauen in der Tat ein wenig skeptisch auf den Beginn des nächsten Schuljahres. Eigentlich wollte die Senatsverwaltung schon in der letzten Woche eine Handlungsempfehlung für den digitalen Unterricht, also für den Fernunterricht, geben. Mal schauen, ob sie diese Woche kommt. Aber wir fordern, statt Handlungsempfehlungen wirklich Mindeststandards festzusetzen: Wie hat zu Corona-Zeiten der Unterricht, der nicht an der Schule stattfindet, auszusehen? Welche Formen gibt es? Wie kann man Lehrkräften ermöglichen, Unterricht aus dem Homeoffice zu erteilen, der mehr ist, als Aufgabenpakete zu versenden. Sondern eben auch Videokonferenzen zu nutzen, andere digitale Tools, mit denen dann auch wirklich persönlich Kontakt gehalten werden kann. Wir müssen auch gucken, welche alternativen Unterrichtsformen wir finden können: Stichwort Selbstermöglichung, Förderung von Selbstlernprozessen bei Schülern.

Und: Welche Konzepte gibt es auch, um in den Sommerferien den Schülerinnen und Schülern Angebote zu machen, den versäumten Stoff in gewissem Maße aufzuholen: durch Sommerschulen, Sommerakademien, Intensivkurse oder auch externe Anbieter.

Das alles klingt nach einem hohen Aufwand. Dabei kränkelt das Berliner Schulsystem schon in normalen Zeiten.

Gerade in Berlin holen uns die Versäumnisse der Vergangenheit ein. Die Frage ist: Wie kann man etwa diejenigen, die sich gerade auf den Weg machen, Lehrkräfte zu werden, also die Studierenden, möglicherweise im Rahmen von Praxissemestern frühzeitiger an die Schulen holen, um dort zu unterstützen? Oder: Kann man über Quereinsteiger weiterhin Personen in den digitalen Unterricht einbinden? Das sind alles Punkte, die jetzt sicherlich besonders in den Sommerferien im Rahmen von Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen angeboten werden müssen, damit es dann zum nächsten Schuljahr einen Weg gibt und eine klare Perspektive.

Vielen Dank für das Gespräch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags war in einer Bildunterzeile die Rede vom "Landeselternausschuss e.V.". Das war falsch, der Ausschuss ist kein Verein. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Mit Norman Heise sprach Ula Brunner, rbb|24.

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