Datenanalyse - Wie sich der Berliner Radverkehr in Corona-Zeiten entwickelt

Sa 09.05.20 | 09:01 Uhr
Ein Radfahrer mit Mundschutz faehrt auf dem Oberbaumbruecke in Berlin am 23. Maerz 2020. (Quelle: imago images/Emmanuele Contini)
Audio: 29.04.2020 | Jan Menzel | Bild: imago images/Emmanuele Contini

Busse und Bahnen waren seit Mitte März wochenlang deutlich leerer, der Autoverkehr ging zurück. Doch wie sieht es auf den Radwegen aus? rbbI24 hat die Zählstationen in Berlin ausgewertet, mit einem überraschenden Ergebnis. Von Götz Gringmuth-Dallmer

In den vergangenen Wochen zählte die BVG bis zu 75 Prozent weniger Fahrgäste, der Autoverkehr ging teilweise zwischen 20 und 30 Prozent zurück. Doch wie sieht es beim Radverkehr aus? Gingen auch hier die Zahlen zurück, weil viele Menschen im Homeoffice sind oder gar nicht arbeiten? Oder gab es eine Zunahme, weil viele Menschen von den potenziell infektiösen Massenverkehrsmitteln aufs Rad umgestiegen sind?

rbb|24 hat die 16 automatischen Radzählstellen ausgewertet, die es in Berlin zurzeit gibt. Das Ergebnis: Im Vergleich zum April 2019 hat der Radverkehr insgesamt zugenommen - und das auch unter Berücksichtigung eines Sondereffekts im vergangenen Jahr: Am 1. April 2019 gab es bei der BVG einen 24 Stunden andauernden Warnstreik. Überraschend: Das Plus kommt vor allem dadurch zustande, dass die Menschen am Wochenende deutlich mehr Rad gefahren sind als im Vorjahresmonat.

Nur an vier Zählstellen wurden weniger Fahrräder gezählt

Der Blick auf die einzelnen Radzählstellen ergibt folgendes Bild: Fast überall fuhren mehr Radfahrer und Radfahrerinnen vorbei. Nur an vier Orten wurden weniger gezählt als im April 2019: Jannowitzbrücke in Mitte, Maybachufer in Neukölln, Kaisersteg in Oberschöneweide und die Monumentenstraße, bei der allerdings das Minus sehr gering ist. Lassen sich diese Ausreißer nach unten erklären?

Den größten Einbruch an Wochentagen gab es an der Jannowitzbrücke. 18.371 Räder wurden hier im April 2020 zwischen Montag und Freitag durchschnittlich weniger gezählt als im Jahr davor. Lediglich an Sonntagen gab es hier ein Plus von knapp 900.  

Fehlender Arbeits- oder Club-Verkehr?

Über die Gründe für das Minus kann hier nur spekuliert werden. Eine Erklärung für die Jannowitzbrücke könnte sein, dass der Weg über die Brücke eine zentrale Verbindungsachse zwischen Kreuzberg und Mitte/Prenzlauer Berg ist, die normalerweise von vielen Menschen auf dem Weg zur Arbeit genutzt wird, die jetzt im Homeoffice oder gar nicht arbeiten. Dazu sind in der Nähe der Zählstelle verschiedene Clubs, die jetzt geschlossen sind. Der Kaisersteg ist in der Nähe der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Möglicherweise fehlen hier einfach die Studierenden, die diesen Weg sonst nutzen.

Vier Radzählstellen haben wiederum im Vergleich zum April 2019 einen Zuwachs über alle sieben Wochentage zu verzeichnen: die Invalidenstraße in Mitte (+ 4.044), am Breitenbachplatz in Steglitz-Zehlendorf (+ 1.943), in der Prinzregentenstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf (+ 733) und in der Alberichstraße in Marzahn-Hellersdorf (+648).

Hier zeigt sich der Wochenendeffekt

Für alle anderen Zählstellen gilt: Sie verzeichnen ihre Zuwächse vor allem an den Wochenendtagen Freitag bis Sonntag. An der Zählstelle Berliner Straße in Pankow wurden an den Sonntagen im April 2019 im Durchschnitt etwa 4.100 Räder mehr gezählt, als im April 2019. An Donnerstagen wurde dort hingegen 363 Räder weniger als im Vorjahr gezählt. Die oben schon erwähnte Zählstelle am Maybachufer hatte zwar an Sonntagen einen Zuwachs von durchschnittlich knapp 1.600 Räder, zwischen Montag und Freitag aber ein Minus von 4.740 im Schnitt.

Berücksichtigt man, dass unter der Woche wegen Homeoffice weniger Menschen mit dem Rad zur Arbeit gefahren sind, lässt der Anstieg am Wochenende durchaus den Rückschluss zu, dass Menschen wegen Corona auf das Fahrrad umgestiegen sind.

Vergleich Kfz mit dem Radverkehr

Besonders interessant ist natürlich, wie sich der Radverkehr im Vergleich zum Autoverkehr entwickelt hat. Für einen Vergleich - wenn auch nur punktuell - bietet sich die Zählstelle in der Frankfurter Allee an. Am S-Bahnhof gib es eine automatische Radzählstelle und die Verkehrsinformationszentrale VIZ misst etwas weiter westlich, zwischen Finowstraße und Jungstraße beziehungsweise Voigtstraße, den Kfz-Verkehr. In der ersten Märzwoche 2020 hat die VIZ an Werktagen im Durchschnitt 48.543 Kraftfahrzeuge gemessen, die automatische Fahrradzählstelle 3.382 Räder.

Während der Autoverkehr an keinem Tag zwischen dem 6. und 26. April dieses Jahres das Volumen der ersten Märzwoche erreichte, nahm die Anzahl der gezählten Fahrräder immer weiter zu. In der Woche vom 20. bis zum 24. April wurden schließlich durchschnittlich 165 Prozent mehr Räder im Vergleich zur ersten Märzwoche gezählt.

Auch bei Bussen und Bahnen gingen die Fahrgastzahlen deutlich zurück. Nach Angaben der
Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz war der ÖPNV mit einem Rückgang zeitweise bis zu 75 Prozent am stärksten von allen Verkehrsmitteln von den Corona-Beschränkungen betroffen. Konkret zeigt sich das an einem Beispiel in der Innenstadt. Die Achse von Kreuzberg/Neukölln nach Mitte/Prenzlauerberg wurde von der BVG deutlich weniger befahren. Auf Anfrage von rbbI24 teile BVG-Sprecherin Petra Nelken mit, dass sich das Fahrgastaufkommen auf dem Streckenabschnitt Hermannplatz nach Alexanderplatz zwischen dem 19.03. und 19. April 2020 im Mittel um 78 Prozent verringert habe.  

Corona-Effekt oder genereller Trend?

Worüber es keine belastbaren Zahlen gibt: Wie viele Menschen im Homeoffice arbeiten oder gearbeitet haben und somit nicht wie sonst unter der Woche mit dem Rad zur Arbeit oder zur Uni fahren. Hinzu kommt, das viele Menschen entweder in Kurzarbeit geschickt wurden oder ihren Job verloren haben, also auch gar nicht zur Arbeit gefahren sind. Gleichzeitig war das Wetter durchgehend schön: Der April 2020 war mit 11 mm Niederschlag in Berlin und Brandenburg sehr trocken und somit radfahrfreundlich, 2019 waren es 13,1 mm.

Ob nun Corona, das schöne Wetter oder ein genereller Trend die Hauptursache dafür sind, dass mehr Menschen mit dem Fahrrad gefahren sind, ist schwierig zu belegen. Vermutlich haben alle drei Faktoren einen Einfluss. 

Kommentarfunktion am 12.05.2020, 16:30 Uhr geschlossen

Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. 

 

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Symbolbild: Eine U-Bahn der Berliner BVG an einer Haltestelle. Ab 1. Juni 2022 kommt das Ticket fuer 9 Euro im Monat. (Quelle: imago images/J. Eckel)
imago images/J. Eckel

Busse, Bahnen, Bahnhöfe - BVG gibt sich einen neuen Klang

Ding Dong! Oder doch Dong Ding? Bislang waren die Hinweistöne in Bussen und Bahnen der BVG nicht immer einheitlich. Das soll sich nun ändern - mit neuen Signaltönen, welche auch die Barrierefreiheit verbessern sollen.