Felipe Fernandez (Quelle:
Audio: Inforadio | 10.06.2020 | Anna Corves | Bild: rbb/Anna Corves

Unsicherheit bei Stellenangeboten - Corona bringt Pläne vieler Azubis in spe durcheinander

Das vom Coronavirus geprägte Jahr bringt viele Pläne durcheinander. Schwierig ist die Situation unter anderem für Jugendliche, die im Umbruch zwischen Schule und Ausbildung stecken. Sie hängen derzeit oft in einer Warteschleife. Von Anna Corves

Felipe Fernandez ist ein schlaksiger Teenager mit Wuschelhaaren und lachenden Augen. Der 16-Jährige besucht die 10. Klasse der Tesla-Gemeinschaftsschule in Prenzlauer Berg und er hat bereits einen festen Berufswunsch: "Ich bin ein Zug-Fan und wollte schon immer was mit Zügen machen." Etwas Praktisches sollte es sein. Mit diesen Kriterien suchte er nach passenden Ausbildungsgängen und wurde fündig: "Ich möchte Schienenfahrzeugmechatroniker werden." Züge bauen, reparieren, warten: Fernandez klingt vollauf begeistert, wenn er von diesen Möglichkeiten spricht.

Felipe hat inzwischen seinen mittleren Schulabschluss in der Tasche und sich bereits auf Lehrstellen beworben, beispielsweise bei Stadler und Bombardier. Bisher hat er aber nur Absagen geerntet. Ob das mit der Corona-Krise zu tun hat? Die Berufskammern befürchten, dass im kommenden Ausbildungsjahr weniger Lehrstellen angeboten werden, vor allem in schwer getroffenen Branchen wie der Kreativwirtschaft oder dem Gastgewerbe. Auch Felipe hat eine Absage von Bombardier bekommen, die mit dem Coronavirus begründet wurde.

Christian Fink (Quelle: rbb/Anna Corves )
Christian Fink betreut seine Schüler bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz | Bild: rbb/Anna Corves

"Die Corona-Krise hält einfach alles auf"

"Da hieß es, dass sie wegen der Corona-Krise weniger Personal ausbilden wollen", um die Abstandsregelungen einhalten zu können, wie Fernandez die Absage verstanden hat. Auch bei der Deutschen Bahn und der BVG hat er sich beworben. Dort hänge er in automatisierten Verfahren fest. Es gelinge ihm nicht, eine richtige Rückmeldung zu bekommen, berichtet er.

Die bisher erfolglose Suche nach einem Ausbildungsplatz in seinem Traumberuf frustriert Felipe. Er hat den Eindruck, dass das Coronavirus die Situation für Ausbildungssuchende erschwert. "Die Krise hält einfach alles auf. Viele Unternehmen müssen sich den Einschränkungen beugen, viele Betriebe sind gerade stillgelegt", sagt der 16-Jährige.

Corona verstärkt seine allgemeine Verunsicherung. Er bewirbt sich weiter, entwickelt aber auch einen Plan B, falls er keine Lehrstelle als Schienenfahrzeugmechatroniker findet. Eine schulische Ausbildung käme in Frage, beispielsweise eine integrierte Berufsausbildungsvorbereitung.

Erschwerte Bedingungen für Berater

Felipes Klassenlehrer, Christian Fink, gehört zum Berufs- und Studienorientierungs-Team der Tesla-Schule. Zusammen mit einem Kollegen eines Oberstufenzentrums sowie einer Beraterin der Jugendberufsagenturen berät Fink Schüler bei der Berufswahl. Auch Felipe hat dieses Angebot genutzt.

Für Fink ist es durch die coronabedingten Einschränkungen der Schule momentan schwerer, seine Schüler beim Sprung ins Berufsleben zu begleiten. "Normalerweise habe ich in allen zehnten Klassen Berufsorientierungsunterricht, kann alles so oft wiederholen, bis es jeder verstanden hat. Das fällt jetzt einfach weg." Statt des regelmäßigen, direkten Gesprächs mit den Schülern im Unterricht oder auch mal auf dem Gang, muss Fink jetzt die Eltern anrufen oder Mails schreiben.

Auch die Arbeit des Beratungsteams stockt: Der Kollege vom Oberstufenzentrum ist an seiner eigenen Schule eingebunden, die Beraterin der Jugendberufsagentur wurde von der Arbeitsagentur abgezogen. Trotzdem glaubt Lehrer Fink nicht, dass Corona das Ausbildungsgeschehen maßgeblich beeinträchtigen wird. Knapp 80 Schüler betreut er in diesem Jahr. Erfolg und Misserfolg bei der Lehrstellensuche seien ähnlich wie im letzten Jahr, sagt Fink.

Sicherlich sei es für die Jugendlichen momentan schwieriger, in direkten Kontakt mit Unternehmen zu kommen: Die sonst beliebten Ausbildungsmessen finden höchstens online statt. Aber viele Schüler hätten schon einen Ausbildungsplatz bekommen - als Gartenbauer und Landschaftsgärtner oder im Einzelhandel. "Ich glaube, dass viele Betriebe noch Auszubildende suchen." Die Wirtschaft werde sich langsam erholen, meint Fink.

Corona-Folgen sehr branchenspezifisch

Katrin Engel wagt noch keine Prognose für das nächste Ausbildungsjahr. Engel ist eine von zwölf Ausbildungsberaterinnen bei der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Sie berät weniger die Azubis als vielmehr die Unternehmen, unterstützt etwa bei Problemen mit den Lehrlingen, will aber auch zusätzliche Lehrstellen akquirieren. Schließlich sind die Azubis von heute die Fachkräfte von morgen - und an denen mangelt es ja kräftig.

"Wir kämpfen ja schon seit Jahren mit leicht rückläufigen Ausbildungszahlen", sagt Engel. "Das 'Matching' ist schwer. Die Jugendlichen haben ganz andere Vorstellungen als vielleicht die Arbeitgeber." Corona sei da jetzt nochmal ein neuer Aspekt. Engel hofft, dass es unterm Strich nur eine "Delle" im neuen Ausbildungsjahr gebe.

Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik haben sich in einer Allianz zusammengeschlossen, um Ausbildungsplätze in Corona-Zeiten zu erhalten. Die Krise wirke sich extrem unterschiedlich aus, sagt Engel. Als Ausbildungsberaterin ist sie unter anderem auf die Branchen E-Commerce und Tourismus spezialisiert. Sie hat alle ihre Ausbildungsunternehmen abtelefoniert und sich nach deren Lage erkundigt.

Von Boom bis Ruin

"Der E-Commerce ist fast durch die Decke gegangen und hatte einen riesigen Zuwachs. Da haben Unternehmen am Höhepunkt der Krise gesagt, sie hätten im Herbst gerne noch zusätzliche Azubis." Kaufleute im E-Commerce arbeiten für Unternehmen, die ihre Angebote online vertreiben: Händler, aber auch Dienstleister, deren Geschäft boomt. Desaströs dagegen ist die Situation für die Kaufleute im Tourismus, die in Reisebüros oder bei Reiseveranstaltern arbeiten.

Die Gespräche mit diesen Unternehmern hätten sie sehr mitgenommen, sagt die sonst eher nüchterne Ausbildungsberaterin. "Die waren durchweg sehr verzweifelt, teilweise auch sehr hoffnungslos." Sie habe nichts Tröstendes sagen, nur zuhören können. "Da kann man nicht schwafeln: 'Ach, das wird schon wieder.' Das ist wirklich eine ganz harte Zeit und für viele mit Sicherheit auch ein Endpunkt."

Gerade bei vielen Reisebüros lief das Geschäft schon seit Jahren schleppend, einen Puffer für schlechte Zeiten konnten die wenigsten anlegen. Es ist also kein Wunder, dass die Tourismusunternehmen ab September nur 40 Prozent der ursprünglich geplanten neuen Lehrstellen anbieten wollen, so das Ergebnis einer Branchenumfrage der IHK. Aber was ist mit den aktuellen Azubis?

Im Ernstfall wechseln

Der eine oder andere Unternehmer hätte schon gefragt, was er im Ernstfall mit seinem Azubi machen solle, sagt Katrin Engel. Aber die Sachlage sei klar: "Der Azubi ist faktisch die Person, die als letztes ein Unternehmen verlassen wird." Auszubildende genießen einen hohen Kündigungsschutz.

Sie habe dann auf andere Optionen verwiesen. Etwa auf die kurzfristig geschaffene Möglichkeit für Unternehmer, auch für ihre Auszubildenden Kurzarbeit anmelden zu können - das hätten viele genutzt. Die IHK plädiert noch für weitere staatliche Hilfen für Ausbildungsbetriebe, etwa für die Zahlung der Lehrgelder.

Sorgen macht sich Engel vor allem um jene Auszubildenden im Tourismus, die aktuell im zweiten Lehrjahr sind. "Da meldet sich natürlich auch der ein oder andere bei uns und sagt: 'Mensch, ich habe kein gutes Gefühl, wie das weitergeht.'"

Insolvenzen mit Lehrstellenverlust sind Katrin Engel bisher noch nicht untergekommen. Gegebenenfalls müsste man dann einen Auffangbetrieb finden, vielleicht auch aus einem anderen kaufmännischen Beruf. Für Firmen, die Azubis aus Insolvenzbetrieben übernehmen, soll es künftig eine Prämie geben. Auch die Aufrechterhaltung und Neuschaffung von Ausbildungsplätzen sollen finanziell belohnt werden.

Sendung: Inforadio, 10.06.2020, 09:25 Uhr

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Beitrag von Anna Corves

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7 Kommentare

  1. 7.

    @ KB

    Es ist schon seit Jahrzehnten gängige Praxis sich ein Jahr vorher zu bewerben. Bei vielen Firmen endet die Bewerbungsfrist im September, für den August im folgenden Jahr. Dafür nimmt man in der Regel beide Halbjahreszeugnisse der 9. Klasse. Normalerweise gibt es aber in vielen Bereichen immer noch kurzfristig die Möglichkeit einen Ausbildungsplatz zu bekommen, weil Auszubildende absagen oder die Ausbildung abbrechen.

  2. 6.

    Ja genau so sieht es aus, ohne Abschluss bewerben, das wollen die großen Firmen so, da ist Bewerberschluss schon im Dezember.

  3. 5.

    Zumindest für die BVG trifft das nicht zu. Mein Sohn hat sich im Februar (mit dem Halbjahreszeugnis) dort beworben und ist seitdem im Bewerbungsprozess - Test, Gespräche etc. Er hofft jetzt auf die Zusage, die ihm bis Ende des Monats in Aussicht gestellt wurde. Andere Unternehmen, bei denen er sich beworben hat, haben corona-bedingt abgesagt. Es sieht echt düster aus dieses Jahr. Auch sämtliche Ausbildungsmessen wurden abgesagt.

  4. 4.

    Ein wenig spät? Der junge Mann besucht jetzt die 10. Klasse und hat gerade erst seinen MSA gemacht. Nach welchen Sommerferien hätte er sich denn bewerben sollen, (noch) ohne Abschluss?

  5. 3.

    Leider ist der junge Mann einwenig spät dran, wenn man sich bei der BVG und bei der Bahn bewirbt tut man dies nach den Sommerferien, diese Firmen stellen ihre Azubis im Januar ein, also vor Corona. Aber ich denke im Handwerk wird der Bub noch eine Ausbildungsstelle finden. Ich drück dir die Daumen.

  6. 2.

    Und später jammert die Industrie, dass sie keine Facharbeiter hat. Typisch! Damit können sie wieder mal alles auf andere schieben und rufen plötzlich die Politik - sie soll sich darum kümmern. Wir brauchen dringend Fachleute aus dem Ausland (nichts dagegen, wenn es notwendig ist). Nur nicht so viel ins eigene Personal investieren und ausbilden. Damit wird den jungen Menschen die Motivation genommen.

  7. 1.

    "Azubis in spe" ist eine gute Formulierung. :)

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