Verena Pausder (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Audio: rbb 88.8 |18.09.2020 | Verena Pausden im interview | Bild: dpa/Christophe Gateau

Interview | Verena Pausder über Digitales Lernen - "Corona war ein idealer Nachhilfelehrer für die Schulen"

Der Berlinerin Verena Pausder ist eines der prominentesten Gesichter der deutschen Gründerszene. Und sie ist eine Expertin in Sachen Digitale Bildung. Im rbb-Interview berichtet sie über ihre Homeschooling-Erfahrungen während der Corona-Pandemie.

Verena Pausder ist eines der bekanntesten Gesichter der Gründerszene in diesem Land. Seit Jahren macht sich die 41-jährige gebürtige Hamburgerin einen Namen als Expertin für Digitale Bildung. 2016 wurde sie vom Weltwirtschaftsforum zum "Young Global Leader" ernannt. Während der Corona-Zeit hat sie die Seite homeschooling-corona.com ins Netz gestellt, wofür sie vom Handelsblatt als "Vordenkerin 2020" ausgezeichnet wurde. Verena Pausder lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Berlin.

Im Gespräch mit rbb 88.8-Moderator Ingo Hoppe erzählt sie, wie sie die zurückliegenden Monate mit ihren Kindern erlebt hat - und wo es noch hakt auf Deutschlands Weg zu einem digitalen Bildungssystem.

rbb: Frau Verena Pausder, ich finde es ja immer gut, wenn sich Menschen für etwas engagieren, wovon diese Menschen dann auch was verstehen. Bei ihnen ist das der Fall. Sie haben drei Kinder. Sie haben die Pandemie erlebt. Wie war das denn bei Ihnen ganz konkret

Verena Pauser: Bei uns zu Hause war das so anspruchsvoll wie bei vielen anderen auch. Man musste ja nicht nur Homeschooling meistern, sondern hatte auch noch seinen Job und Haushalt - und diese Unsicherheit: Machen wir das jetzt ein paar Wochen oder Monate? Das machen wir nun auch seit ein paar Monaten und haben nebenbei festgestellt, dass man nicht der beste Lehrer oder die beste Lehrerin für seine Kinder ist.

Lassen Sie uns mal ein bisschen teilhaben. Wie war das so: Waren sie dann gefrustet oder der haben Sie gedacht, tolle Erkenntnis?

Ich war am Anfang erst einmal gefrustet, weil man abends immer das Gefühl hat, als wäre man keinem gerecht geworden. Man hat sich zerrissen, hat überall versucht zu helfen und am Ende aber nirgendwo richtig den Durchbruch geschafft. Bei uns kommt hinzu, dass wir auch Kita-Kinder haben. Das ist nicht so ganz kompatibel mit Homeschooling. Aber natürlich waren wir insofern total privilegiert, als dass die Schulkinder jeweils ein Gerät hatten, auf dem auch was ankam. Die Schulen haben mit den Kindern Kontakt gehalten. Das war kein Unterricht, sodass man als Eltern nichts mehr machen musste. Aber das war auch kein Totalausfall. Bei anderen Familien hat die Infrastruktur gefehlt, die Betreuung war nicht möglich oder von der Schule kam nichts - da ging es uns sicherlich ganz gut.

Ich finde es traurig, dass wir seit Jahrzehnten hören: Die Schüler stehen besser da, bei denen sich die Eltern kümmern, die bildungsaffin sind, Bücher anschaffen und das Geld dazu haben, aber auch eben die Emotion. Corona hat aber auch gezeigt, wie diese Schere deutlich auseinander geht. Ist es das, was Sie meinen mit "Corona war ein idealer Nachhilfelehrer für die Schulen"?

Genau! Zwei Sachen meine ich damit: Zum einen genau das, was Sie beschreiben. Digitale Bildung hatte eigentlich das Versprechen, die Schere zu schließen. Es hält die Grenzkosten gering. Einmal gekauft und der nächste, der die Software nutzt, kostet nicht viel mehr - quasi gar nichts. Und man kann individueller auf die Kinder eingehen, weil sie in ihrer Lerngeschwindigkeit lernen können. Nicht jeder muss alles gleichzeitig gleich schnell machen. Es war eigentlich das Bildungs- oder Zukunftsversprechen: Wenn wir digitale Bildung haben, dann schließt sich die soziale Schere immer mehr. Dann wird Bildung mehr zugänglich. In Coronazeiten hat man eben gesehen, dass das massiv von Infrastruktur abhängt und davon, wie ausgestattet die Familien sind. Dadurch, dass wir noch keine Geräte an den Schulen hatten, konnten wir sie auch nicht an die verleihen, die keine haben.

Das Zweite ist, warum ich meine, warum Corona so ein guter Nachhilfelehrer war: Unabhängig vom Bildungshintergrund haben wir uns nicht richtig mit dem Thema beschäftigt. Wir haben einen Digitalpakt, der ist kaum abgerufen. Die wenigsten Lehrer sind ausgebildet. Das heißt, jetzt waren wir alle mal gezwungen, uns mit dem Thema zu beschäftigen. Und das baut eben Ängste ab, senkt die Hemmschwelle und zeigt uns vielleicht auch: Wir sind doch besser als gedacht.

Das scheint mir zumindest noch nicht der Ist-Zustand zu sein. Vielleicht sind wir besser, als wir dachten. Aber so richtig funktioniert hat es noch nicht. Aus diesem Digitalpakt ist nur ein Bruchteil des Geldes abgerufen worde. Es müsste schon ein bisschen mehr passieren. Oder?

Es müsste viel mehr passieren. Wenn man es mal durchgeht: Der Digitalpakt ist kaum abgerufen. Das heißt, wir haben kaum W-Lan, Glasfaser, Internetanbindung an den Schulen. Bis Corona gab es im Digitalpakt nicht die Möglichkeit, Dienstgeräte für Lehrer und Lehrerinnen anzuschaffen. Das heißt, das wurde jetzt erst nachgezogen, und ich würde behaupten, dass es uns auch erst in Corona-Zeiten aufgefallen ist, dass die meisten Lehrer eben mit ihrem privaten Gerät und einer privaten E-Mail-Adresse mit den Kindern kommunizieren. Statt dass das alles eben schon auf einem Schulserver, einer Schul-Cloud läuft. Das ist das entscheidende Thema.

Wir haben noch nicht definiert, was darf man in der Schule nutzen: welche Software, welche Hardware, welche Schul-Cloud? Im Moment beschränken wir uns eigentlich eher auf Verbote: Was dürft ihr alles nicht? Wir sagen auch nicht, was sie stattdessen nutzen dürfen. Da herrscht eine große Unsicherheit an den Schulen. Jeder muss sich seine Lösung selber suchen. Und das kann nicht Föderalismus sein. Dass wir so gewissermaßen den Buchdruck 16 Mal neu erfinden, weil wir Bücher drucken wollen. Sondern da müssen wir uns mehr Kooperation und Zentralismus zutrauen, ohne das wir den Föderalismus abschaffen müssen.

Zentralismus heißt: Egal, ob wir in München, Leipzig oder Berlin sind: Die Austattung an den Schulen ist deutschlandweit gleich?

Nein, Zentralismus heißt: Im Moment muss jede Schule einen eigenen Medienentwicklungsplan erstellen. Wir haben die Personalkosten dafür nicht im Digitalpakt. Also das muss man irgendwo in seiner Freizeit machen oder eine Ausgleichsstunde dafür kriegen. Aber die sind meistens schon aufgebraucht.

Das heißt, wir haben erstens das Problem, dass diese Entwicklungspläne eben meistens noch gar nicht erstellt wurden. Zentralismus heißt also, warum muss das eigentlich jede Schule von sozusagen von unten nach oben selber erstellen? Warum können wir da nicht viel stärker vorgeben, was man machen könnte - zum Beispiel auf der Ebene der Schulträger, dann würde das gleich für 30 oder 50 Schulen gelten. Das heißt nicht, dass es das gleiche Gerät, die gleiche Software oder Schulcloud genutzt werden.

Da sind wir beim Thema Schul-Cloud: Wenn wir wirklich eine wettbewerbsfähige Alternative zu Microsoft Teams und Google Classroom haben wollen, dann müssen wir uns eine deutsche oder europäische Lösung zutrauen - ein Videokonferenzsystem, Messenger und eine Dokumentenablage. Welche Inhalte wir dann in die Schul-Cloud laden, das kann jedes Bundesland weiter selbst entscheiden. Wir müssen nicht die Software und Lehrumgebung 16-mal neu denken.

Sie haben bemängelt, der Digitalpakt wird selten abgerufen. Warum ist das eigentlich so? Haben wir einige Lehrer, die mit dieser Technik überfordert sind?

Nein, die sind vor allen Dingen damit überfordert, dass sie ein komplettes Medienkonzept schreiben sollen. Was beinhaltet welche Geräte? Was wollen wir damit machen? Wie verändern wir den Unterricht? Also wir haben die falsche Aufgabe oder die richtige Aufgabe bei der falschen Zielgruppe abgeladen. Die sollen sich natürlich überlegen, welche Art von Unterricht sie auf dieser Infrastruktur machen wollen. Aber die sollen eigentlich nicht das Infrastrukturkonzept entwickelt. Weil die Kompetenz dafür fehlt, haben wir in den meisten Fällen gar nicht angefangen.

Wenn wir das geschafft haben, müssten wir noch alle Lehrer dafür schulen. Das sind wir noch nicht weit genug.

Absolut. Wir müssen uns viel pragmatischere Schulung zutrauen. Also Online-Webinare, Sofortmaßnahmen, wie eine Art digitale Lehrersprechstunde, wo man jede Frage in Richtung technische Infrastruktur stellen kann, wo gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird. Wir müssen vielmehr Best Practice ans Licht heben und sagen: In jedem Teil dieses Landes werden schon Lösungen ausprobiert und durchgeführt. Wir wissen nur nichts voneinander.

Diese Lehrerfortbildung bekommt dadurch einen ganz anderen Charakter. Wir lernen voneinander und miteinander. Damit dann in vier Jahren, wenn jemand damit anfängt, er in acht Jahren dafür qualifiziert ist.

Würde das im Idealfall heißen, dass wir in einigen Jahren tatsächlich die Schülerinnen und Schüler unabhängiger machen von dem Bildungsstand ihres Elternhauses?

Das muss absolut das Ziel sein, weil Medienkompetenz Mündigkeit bedeutet. Sprich zu erkennen, der Youtuber, der da gerade spricht, ist das Meinung oder Fakt? Wie kann ich Fakten prüfen? Wie kann ich technische Geräte für Kreativität und Gestaltung nutzen und nicht nur für Konsum? Wenn diese Fragen eine Frage des Elternhauses sind, dann führt das in einer Welt von morgen dazu, dass die einen zum Programmierunterricht gefahren werden, während die anderen die ganze Nacht spielen. Und das ist das Gegenteil von Bildungsgeschichte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie hören, wenn Sie im oberen Bild auf den Abspielknopf drücken.

Sendung: rbb 88.8, 18.09.2020, 18:05 Uhr

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7 Kommentare

  1. 7.

    Alles Schaumschlägerei! Als Nachweis dessen sollte man mal einen Blick auf die vom Handelsblatt ausgezeichnete Website werfen. Allgemeinplätze und eine spärlichst kommentiere Linksammlung.
    Wenn die Dame dadurch als "Vordenkerin 2020" ausgezeichnet wurde, dann müsste ich für meine kommentierten Literaturlisten mindestens den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" bekommen.

  2. 5.

    Im Übrigen wird der Begriff homeschooling falsch verwendet. Darunter versteht man das Unterrichten Zuhause durch Eltern oder Hauslehrer. Gemeint ist Distanzunterricht.

  3. 4.

    Ich unterrichte mehr als 120 Schüler regelmäßig und soll mit jedem telefonischen Kontakt pflegen? Nö, ganz bestimmt nicht. Zumal dem auch der Datenschutz im Wege steht. Denken Sie bitte mal über die Berufsbezeichnung Lehrer nach. Die ist nicht ganz unsinnig.

  4. 3.

    Wovon träumt diese Dame nachts?
    1. Es steht in keiner Stellenbeschreibung eines Lehrers, Medienkonzepte zu entwickeln.
    2. Seit Mitte der 1980er wurde versucht, Software in und für den Fachunterricht in den Unterricht einzubeziehen. Es scheiterte bisher an den finanziellen Mitteln seitens der Senatsverwaltung und an der katastrophalen Infrastruktur an den Schulen. Mehrere Computerräume können von einem Informatiklehrer nicht durch zwei Abminderungsstunden gewartet werden.
    3. Um den Digitalpakt sinnvoll umzusetzen, müssen Lehrerinnen und Lehrer flächendeckend einen "Computerführerschein" machen, um die dadurch gegebenen Möglichkeiten sinnvoll und souverän umzusetzen.

    Das, was im Interview gesagt wurde, sind nach meinem Dafürhalten sinnentleerte Phrasen. Ich spreche da aus Erfahrung, da ich seit 1986 in dieser Materie stecke.

  5. 2.

    Als computeraffiner Lehrer, der viel mit digitalen Medien und Mitteln unterrichtet, bezeichne ich die meisten Äußerungen dieser "Expertin" als kompletten Unsinn. Sie sollte sich mal in Schulen begeben, mit Ergebnissen von Hirn- und Lernforschung im Zusammenhang mit der Digitalisierung beschäftigen sowie mit Kinderpsychologie. Spätestens dann müsste sie merken, dass sie total daneben liegt.

  6. 1.

    "von der Schule kam nichts", genau DAS war das Problem beim sogenannten Home Schooling. Ich erwarte nicht, dass eine Expertin für digitales Lernen darauf den Fokus richtet. Aber wenn die Lehrkräfte noch nicht mal in der Lage oder willens sind, per Telefon Kontakt zu ihrer Schülerschaft zu halten, da kann doch feinere Technik kein fehlendes Engagement ersetzen! Und warum sollte der Staat Abermillionen von Euro beispielsweise an die Firma Apple überweisen, die bekanntlich von ihren Gewinnen steuerlich fast nichts zurückgibt?

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