Noch erste Welle oder vierte Phase?
Bild: rbb|24

Trend bei den Corona-Infektionen - Sind wir noch in der ersten Welle – oder schon in der vierten?

Seit dem Sommer steigt die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen. Von welcher Phase der Epidemie man aber spricht, hängt nicht nur von der Region ab – sondern auch wie nervös man auf die Entwicklung schaut. Von Arne Schlüter und Haluka Maier-Borst

In Biergärten und Parks, während Fahrradtouren und Zoom-Calls ist es seit dem Sommer eines der Themen: die nächste Welle. Wie unverantwortlich sei dieses oder jenes Verhalten, sagen die einen. Man sei schließlich schon mitten in der nächsten Welle. Alles halb so schlimm, die Krankenhäuser seien doch nie überlastet gewesen, sagen die anderen. Aber was ist nun richtig?

Vor dem Hintergrund des neuen Anstiegs der Fallzahlen in Berlin bekommt die Debatte um die nächste Welle wieder Auftrieb. Tatsächlich gibt es aber keine genaue Definition darüber, was eine "Welle" nun genau ausmacht. rbb|24 spricht darum in Rücksprache mit Epidemiologen von verschiedenen "Phasen". Außerdem haben wir in Zusammenarbeit mit den Experten versucht zu definieren, was solche Phasen ansteigender (in den Grafiken orange gekennzeichnet) und absteigender Neuinfektionszahlen (blau gekennzeichnet) ausmachen könnte.

Dabei zeigt sich: Deutschland ist definitiv in der zweiten Phase der Epidemie oder gar in der dritten – je nachdem, wie kurz eine solche Phase im Minimum sein darf.

Noch extremer ist der Unterschied, wenn man auf die Region schaut. Je nach Definition ist Brandenburg bereits im Abschwung der vierten Phase – oder noch im Abschwung der ersten Phase. Das hat auch damit zu tun, dass ingesamt die Fallzahlen hier relativ niedrig blieben.

Berlin dagegen ist ein Beispiel, bei dem das Verändern der Mindestdauer für eine Phase wenig Auswirkungen hat. So oder so kann man davon sprechen, dass die Hauptstadt nicht erst in der zweiten, sondern mindestens in der dritten Phasen der Epidemie ist. Oder vielleicht schon in der vierten.

Wie genau funktionier die Definition der Phasen von Auf- und Abschwung? Angelehnt haben wir uns dabei an unsere täglich aktualisierten Fallzahlen, indem wir auf den Wochentrend schauen. Sprich wir nehmen die Gesamtzahl bzw. den Schnitt der letzten 7 Tage, um zu vermeiden, dass einzelne Tagesausreißer unsere Analyse verzerren. Außerdem ist es so, dass am Wochenende stets weniger Fälle gemeldet werden, weil gewisse Gesundheitsämter an diesen Tagen keine entdeckten Infektionen übermitteln.

Es gibt aber noch einen anderen Fallstrick: Die Frage, ob auch ein einzelner hoher oder niedriger Wochentrend ein Ausreisser ist – oder eben wirklich eine Trendwende. Wie so oft ist man dabei im nachhinein schlauer – ganz ähnlich wie bei Börsenkursen. Um genau diesem Umstand Rechnung zu tragen, haben wir uns entschieden Ihnen als User/in die Wahl offen zu lassen. Sie können entscheiden, ob ein Trend ein, zwei, drei oder gar vier Wochen anhalten muss, bis man ihn als solches bezeichnet.

Eingefärbt wird dann jeder Balken entsprechend dem Trend, der sich in den folgenden Wochen abzeichnet. Sprich wenn der Balken am 01.09. orange ist, dann war der Wochentrend mindestens für fünf der sieben Tage im Zeitraum 01.09. bis 07.09. steigend. Wenn Sie ausgewählt haben, dass ein Trend mindestens zwei Wochen andauern muss, dann müssten vom 01.09. bis 14.09. die Fallzahlen an 10 der 14 Tage steigend gewesen sein, damit der Balken am 01.09. selbst orange ist.

Das ist auch der Grund, wieso die Balken am Ende jeder Grafik ausgegraut sind. Hier ist schlicht noch unklar, in welche Richtung der Trend geht.

Berlin mit den größten Fluktuationen im Geschehen

Will man die Bundesländer miteinander vergleichen, bietet es sich zudem an, nicht nur nach absoluten Neuinfektionen zu gehen wie oben, sondern die Inzidenz, also die Neuinfektionen pro 1 Million Einwohner sich anzuschauen. Hierbei zeigt sich, dass von den Top-8-Bundesländern mit der höchsten Inzidenz Berlin ebenfalls das einzige ist, dass zweifellos seine dritte Phase durchmacht. Bei Bayern und Baden-Württemberg hingegen ist dies wieder eine Frage der Perspektive.

Spannend ist es aber insbesondere, die untere Hälfte der Bundesländer zu betrachten. Hier zeigt sich, dass zwei Bundesländer besonders glimpflich davon gekommen sind: Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. In beiden Fällen dauerte der Anstieg der Neuinfektionen nur kurz an. So kurz dass bei einer Trenddauer von 4 Wochen die Kurven sich fast komplett blau verfärben. Es gibt nur einen kurzen Anstieg und seitdem eine lange blaue Phase. Das erklärt vielleicht auch, wieso einerseits Sachsen-Anhalt mit am schnellsten Lockerungen durchführte [mdr.de]. Und andererseits wieso Mecklenburg-Vorpommern durch das Verbot von Tagesausflügen versuchte zu verhindern [ndr.de], dass zu viele Fälle aus der Umgebung eingetragen werden.

Wie aber bewerten Epidemiologen die Lage insgesamt? Frank Schlosser von der Humboldt-Universität sagt: "Wir sind definitiv in Deutschland in einer zweiten Phase der Epidemie". Aber man müsse eben beachten, dass sie anders verlaufe als die erste. Und da gäbe es, vorsichtig gesagt, positiv stimmende Unterschiede.

Zum einen hat man eine deutlich geringere Quote an Positivtests als im März und April – was darauf deutet, dass man die meisten Infizierten findet und die Dunkelziffer an Infektionen geringer ist.

Zum anderen infizieren sich derzeit vor allem die Jungen, die in der Regel besser mit dem Virus klar kommen. Trotzdem gibt Schlosser zu Bedenken, dass nach wie vor viel Unsicherheit herrsche. "An Frankreich kann man sehen, wie schnell die Lage sich zuspitzen kann", sagt er. Mehrere andere Epidemiologen hatten auch darauf verwiesen, dass sich in der Regel die Ansteckungen nicht beliebig lang nur in einer Altersgruppe halten lassen.

Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, deren Forschungsgruppe selbst täglich neu ihre Modelle rechnet, sagt, dass ein reines Schauen auf die Zahlen außerdem nicht reiche.

Zweite Epidemie-Phase fällt deutlich milder aus

"Viel wichtiger wäre zu wissen, wieviele der Infektionen 'erwartet' waren, also innerhalb der bekannten Ketten, und wieviele 'spontan' gefunden wurden, also ohne dass klar ist, wo man/frau sich angesteckt hat", sagt sie. Allerdings seien die Daten dazu zumindest auf nationaler Ebene nicht vollständig.

So oder so scheint für den Moment die Chance gegeben, dass trotz des aktuellen Anstiegs die zweite Phase der Epidemie deutlicher milder ausfällt als die erste. Doch solange noch kein Impfstoff und kein Medikament gegen Corona zugelassen ist, liegt es vor allem an einem Faktor: am Verhalten der Menschen.

Datenquelle: Da das Robert-Koch-Institut keine alten Datenstände speichert, haben wir uns bei einem Archiv von Dr. Jan-Phililpp Gehrcke bedient. Diese Daten starten allerdings erst mit dem 17.3.2020, so dass die frühe Phase der Epidemie fehlt. Der abgebildete Datenstand für alle Grafiken ist 19. September 2020, 12 Uhr.

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24 Kommentare

  1. 24.

    Den Begriff Welle: Z.B. die Wasserwelle. Eine Welle von Katastrophen versetzte die Bevölkerung in Panik. „zweite Welle“ im Zusammenhang mit einem erneuten Lockdown. Zweite Welle der Corona-Infektionen in Deutschland; Corona-Welle
    Die Expertenmeinungen gehen auseinander, ob man überhaupt von Wellen sprechen soll und was genau damit gemeint ist. Von Wellen sei wohl die Rede, weil die Fallzahlen oft in Kurven dargestellt werden, die wie Wellen aussehen. Das heimtückische Coronavirus spricht man von einer dauerhaften Infektionswelle. Zweiten Corona-Welle der Begriff bleibt diffus.



  2. 23.

    Den Begriff Welle: Z.B. die Wasserwelle. Eine Welle von Katastrophen versetzte die Bevölkerung in Panik. „zweite Welle“ im Zusammenhang mit einem erneuten Lockdown. Zweite Welle der Corona-Infektionen in Deutschland; Corona-Welle
    Die Expertenmeinungen gehen auseinander, ob man überhaupt von Wellen sprechen soll und was genau damit gemeint ist. Von Wellen sei wohl die Rede, weil die Fallzahlen oft in Kurven dargestellt werden, die wie Wellen aussehen. Das heimtückische Coronavirus spricht man von einer dauerhaften Infektionswelle. Zweiten Corona-Welle der Begriff bleibt diffus.



  3. 22.

    Das Einzige was sicher kommt, ist die nächste Medienwelle.

  4. 21.

    https://www.berlin.de/corona/lagebericht/desktop/corona.html#labordaten
    https://www.berlin.de/corona/lagebericht/desktop/corona.html#station%C3%A4re-behandlung

    Für mich sieht das immer noch nach einer Welle aus.

  5. 20.

    Danke für die Antwort. Aber sie offenbart das Grundproblem. Wie wir wissen gibt es bei der Influenza genau die gleichen Vulnerabilitäten. Warum wird nicht auch in gleichem Maße auf Influenza getestet? Sondern nur um SARS-Cov2 und Covid-19 solch ein Theater gemacht. Könnten Sie das nachvollziehbar anhand der Zahlen erklären?

    Ich meine, die vulnerablen Personen, deren Kreis ja bekannt ist (über 70 Jahren, schwere Vorerkrankungen), sollten speziell geschützt werden. Dann können alle Anderen wieder dem normalen Leben nachgehen, auch mit SARS-Cov2.

  6. 19.

    die Schweden brauchen auch keinen Herrenfriseur :-) . Aber ihre Meinung gefällt mir. Sehr zutreffend

  7. 18.

    Genau das machen wir doch mit der Positivquote (die aber nur für einen Teil aller Labore ist im Fall von Brandenburg und ganz Deutschland).

  8. 17.

    Hallo Zilla,

    die Frage ist dann, was Sie als symptomatisch definieren und was als asymptomatisch und präsymptomatisch. Dazu gibt es keine Zahlen aktuell, aber es gibt Studien. Hier eine Auflistung des CEBM https://www.cebm.net/covid-19/covid-19-what-proportion-are-asymptomatic/. Grundsätzlich müssen Sie aber bedenken, dass selbst oder gerade asymptomatisch/präsymptomatische Fälle das Problem sein können, weil sie "gesund" durch die Gegend laufen und andere anstecken, die vielleicht vulnerabel sind.

  9. 16.

    Hallo Zilla,

    die Frage ist dann, was Sie als symptomatisch definieren und was als asymptomatisch und präsymptomatisch. Dazu gibt es keine Zahlen aktuell, aber es gibt Studien. Hier eine Auflistung des CEBM https://www.cebm.net/covid-19/covid-19-what-proportion-are-asymptomatic/. Grundsätzlich müssen Sie aber bedenken, dass selbst oder gerade asymptomatisch/präsymptomatische Fälle das Problem sein können, weil sie "gesund" durch die Gegend laufen und andere anstecken, die vielleicht vulnerabel sind.

  10. 15.

    Nicht ganz richtig. Die Steigerung wäre das Unendlichfache, wie auch schon bei 1 Patiente. In der Statistik wird aktuell 0 angezeigt. Und mit der 0 ist das in der Mathematik so ne Sache.

  11. 14.

    Aus der Anzahl der positiven Tests auf den Verlauf der Epidemie schließen zu wollen, ist in meinen Augen unwissenschaftlich. Hier wäre die Anzahl der wirklich Erkrankten - also mit Symptomen - heranzuziehen. Also bitte RBB - wie wäre es mit einer solchen Statistik?

  12. 13.

    und wenn im Bundesland Brandenburg 10 Patienten intensivmedizinisch behandelt werden, dann wird sich die Zahl sogar verzehnfachen.

  13. 11.

    Steigende Zahlen verdanken wir den immer noch fen Unbelehrbaren, die den Ernst der Lage nicht kapieren.

  14. 10.

    Es gab nur eine "Welle", nämlich im März / April. Seitdem bewegt sich der Krankenstand bei Corona auf sehr niedrigem Niveau. Jede "Welle" der Influenza Grippe war bei weitem größer.
    Daher sollte diese Panikmache, die manche Politiker und auch Medien betreiben, endlich ihr Ende finden.

    Übrigens sind wir auch ohne Impfstoff nicht schutzlos: Wir haben die körpereigene Abwehr und die leistet mehr als so manche Senatorin. Kein Anlaß für Leichtsinn, wohlgemerkt, aber eben auch kein Grund für Panikmache.

  15. 9.

    Wenn es nach dem Panikmacher von der SPD, Lauterbach, ginge, wären wir jetzt schon in der sechsten, siebten Welle und Nächste die kommt, ist die Größte, die Gefährlichste, die Tödlichste.
    Ehrlich? Wie die täglichen Geschichten von Trump oder Putin, tangiert mich Corona peripher.

  16. 8.

    Wie wäre es, wenn man endlich mal jede Anzahl der positiven Test-Ergebnisse auf die dazugehörige gesamte Anzahl der Testungen bezieht?

    Wie wäre es, wenn man endlich mal nicht die absolute Anzahl der positiven Test-Ergebnisse, sondern die prozentuale Anzahl nennen würde?

    Wie wäre es, wenn man endlich mal einer NORMIERUNG der Daten durchführen und darstellen würde?

  17. 7.

    Mir scheint, Sie sind ein Opfer der medialen und politischen Panikmache. Tut mir leid, aber in Anbetracht der Zahlen in Brandenburg fällt mir dazu leider nichts anderes ein. Jeder grippale Infekt verbreitet sich rasanter und ungebremster. Eine solche Angst hat er nie ausgelöst. Und kommen Sie mir nicht mit der Tödlichkeit der Krankheit. Die ist vergleichbar niedrig.

  18. 6.

    "Auch die Hospitalisierungsquote wird zeitlich verzögert stark ansteigen"

    Aber natürlich wird sie das. Wenn in ganz Berlin und Brandenburg 50 Leute ins Krankenhaus kommen wird sich die Quote um ca. 100% erhöht haben.

  19. 5.

    Die Zahlen in Schweden seit Wochen niedrig. Weder 2. noch Dauerwelle. Die Schweden brauchen keinen Damenfriseur.

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