Am 27.10.2020 läuft ein Mann an geschlossenen Geschäften in Hay-on-Wye, Wales, vorbei. (Quelle: dpa/Nick Potts)
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Interview | Corona in Wales (Großbritannien) - "Der zweite Lockdown ist mit dem ersten nicht zu vergleichen"

Seit Samstag ruht für mehr als drei Millionen Menschen in Wales das öffentliche Leben. Und doch ist einiges anders als beim ersten Lockdown. Zum Glück, sagen zwei Betroffene, die nicht nur schlechte Seiten an der Maßnahme sehen.

“Firebreak” (Feuerschneise), “Circuit Breaker” (Stromunterbrecher) – es gibt verschiedene Worte, die beschreiben, was die Region Wales in Großbritannien gerade durchmacht. Die Kernidee hinter dem 17-tägigen Lockdown ist einfach: Durch das Runterfahren des öffentlichen Lebens sollen die Gelegenheiten für Ansteckungen minimiert werden.

Doch wie fühlt sich das an, ein zweiter Lockdown? Ein Skype-Anruf bei Professor Martin Chorley. Im Hintergrund turnt sein kleiner Sohn vor dem Fernseher, auf dem bunte Cartoons flimmern.

rbb|24: Martin, du lehrst an der Cardiff University. Wie geht das zurzeit im Lockdown?

Martin Chorley: Es ist schon gewöhnungsbedürftig. Die Studierenden aus dem Master habe ich nur einmal in echt gesehen. Zum einen weil deren Semester mit vier Wochen Verspätung gestartet ist. Zum anderen weil wir nur noch einen Kurs in der Uni unterrichten. Und selbst da sitzen alle mit weitem Abstand voneinander entfernt. Alles andere ist digital.

Martin Chorley (Quelle: privat)
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Ist die Situation denn für dich vergleichbar mit dem ersten Lockdown?

Nein, auf gar keinen Fall. Der erste Lockdown war für uns unfassbar anstrengend und auch die Zeit danach, weil wir neben unseren Jobs auch noch die Kinder zu Hause hatten.

Zwei Stunden habe ich die Kinder bespaßt und meine Frau Lisa hatte Zeit für ihre Meetings. Dann war ich zwei Stunden dran mit arbeiten und Lisa hat sich um die Kinder gekümmert. Wirkliche Zeit für die Familie als Ganzes gab es nur beim Frühstück und beim Abendessen. Und jeden Abend sind wir um Mitternacht todmüde ins Bett gefallen, weil wir bis dahin arbeiten mussten. Das ging so über Monate.

Verglichen damit ist der aktuelle Lockdown erträglich. Die Schulen und die Kitas haben offen. Und wir wissen, dass es nur zwei Wochen lang geht.

Habt ihr auch eine gewisse Gelassenheit, weil es eben nicht der erste Lockdown ist?

Ach, ich glaube grundsätzlich sind alle ein bisschen lockerer geworden, weil viele ja seit Monaten von zu Hause arbeiten. Und auch wenn ich meine Vorlesungen aufnehme, habe ich nicht mehr diesen Hang zum Perfektionismus. Wenn Arthur oder Evelyn ins Bild laufen, dann ist das so. Wenn ich jedes Mal neu aufnehmen müsste, dann würde ich gar nicht mehr fertig werden. Auf eine Art und Weise habe ich das Gefühl, dass wir als Professoren auch etwas menschlicher und nahbarer geworden sind.

Hast du das Gefühl, dass dieser kurze Lockdown richtig ist?

Ich denke schon. Ich habe eine Menge Respekt vor denen, die gerade die Entscheidungen treffen müssen. Zu viel drastische Maßnahmen und die Leute verlieren ihre Jobs. Aber ohne Lockdown steigen die Fallzahlen, die Zahl der Patienten in Krankenhäusern und schließlich die Zahl der Toten. Ich glaube, Wales macht es einigermaßen richtig. Wann immer eine harte Entscheidung anstand, haben wir sie wenigstens getroffen.

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass wir nicht in England wohnen. Denn in Wales war die Kommunikation der Regierung stets klar. Das kann man für Boris Johnson nicht sagen. Auf der anderen Seite der Grenze, in England, ist vieles unklar und viele Maßnahmen, wie die Beschränkungen der Öffnungszeiten von Pubs, sind sehr halbherzig. Die helfen keinem.

Was fehlt euch denn am meisten?

Ich glaube, für die Kinder ist es hart. Arthurs fünfter Geburtstag war während des ersten Lockdowns. Und das hieß, wir haben nur als Familie gefeiert. Die befreundeten Kinder und Eltern sind aber an unserem Gartentörchen vorbeigekommen und haben gewunken. Genauso war das jetzt bei Evelyns Geburtstag im September.

Die Kinder verstehen, dass da etwas ist, was gerade unser aller Leben auf den Kopf stellt und haben sich schnell angepasst. Arthur singt jetzt jedes Mal beim Händewaschen, so wie er es im Kindergarten gelernt hat und wirkt eigentlich gefasst.

Aber natürlich machen wir uns Sorgen, was das mit unseren Kindern langfristig macht. Normalerweise sind wir mit den Kindern alle paar Wochen ins Kino. Und das geht jetzt seit Monaten nicht. Immer wieder fragt bei verschiedenen Sachen der Kleine: "Machen wir das, wenn Corona vorbei ist?" Und ich kann da nur antworten: "Ja, aber ich kann dir nicht sagen, wann das ist."

Nicht nur Familien trifft der Lockdown. Auch junge Erwachsene mussten ihre Pläne wegen der Pandemie ändern. Und sie müssen sie es abermals mit dem zweiten Lockdown. So wie Cecilia Peru, die eigentlich als Englischlehrerin mit ihrer Partnerin in Italien ein neues Leben beginnen wollte – und nun wieder in Wales sitzt.

rbb|24: Cecilia, erstmal herzlichen Glückwunsch nachträglich. Du hattest genau einen Tag vor dem Beginn des Lockdowns Geburtstag. Wie hast du das gefeiert?

Cecilia Peru: Meine Partnerin Emily hatte einen Tisch reserviert in einem Restaurant und entsprechend waren wir noch einmal draußen essen. Außerdem war klar, dass das Picknick mit Freunden, das wir für den Tag darauf geplant hatten, nicht mehr erlaubt ist. Also haben wir auch unsere Freunde noch draußen kurz auf ein Bier getroffen. Und das war dann eine Art "Goodbye". Wir sehen uns dann in zwei Wochen auf der anderen Seite des Tunnels wieder, nach dem Lockdown.

Cecilia Peru (Quelle: privat)
Bild: privat

Wie sieht dein Alltag zurzeit aus?

Ich unterrichte morgens früh per Videocall Studenten in China. Das ist schon eine krasse Umstellung, weil ich jemand bin, die am Unterricht mag, die Leute vor sich zu haben. Und dass Emily und ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung wohnen, macht es nicht einfacher.

Wir versuchen darum einen Spaziergang draußen zu machen, wann immer es das Wetter zulässt. Nur ist das im regnerischen Wales im Herbst so eine Sache. Wenn es den ganzen Tag runtergießt und man eingesperrt ist, geht das einem schon sehr auf den Zeiger. Ich habe inzwischen das Gefühl, dass wir schon im ersten Lockdown alles gesehen haben, was man bei Netflix und Amazon Prime sehen kann. Damals haben wir sogar aus Langeweile Japanisch gelernt per App, aber das hielt nur drei Wochen.

Bist du denn mit dem zweiten Lockdown einverstanden?

Im Großen und Ganzen schon. Vor allem auch weil der walisische Gesundheitsminister gesagt hat, er "verspricht" uns, dass es nur zwei Wochen lang geht. Es gibt also Licht am Ende des Tunnels. Emily und ich waren beim ersten Lockdown in Italien und haben erlebt, wie ernst es werden kann.

Aber was hier in Wales beim aktuellen Lockdown für Ärger gesorgt hat, das war die Definition von "wesentlichen Dingen", die noch verkauft werden durften. Die Regierung hatte zunächst Kleidung da nicht aufgeführt und die Supermarktketten hatten ihre Regale mit Klamotten mit Absperrband umwickelt. Das fanden einige Kunden daneben, weil sie gesagt haben: "Wenn mein Kind friert, muss ich doch was kaufen können." Andersrum verstehe ich den Sinn der Verordnung, weil wenn man Kleiderläden schließt und alle einfach im nächsten Supermarkt das Zeug kaufen, dann schadet das ja nur den lokalen Geschäften.

Es ist kompliziert. Ich versuche einfach so viel als möglich gerade vor Ort einzukaufen, weil für die Geschäfte hier ist das eine harte Zeit.

Wie ist die Stimmung insgesamt beim zweiten Lockdown?

Ich glaube, die Leute denken ein wenig kritischer. Beim ersten Lockdown haben die meisten für die Leute im NHS (Anm. d. Red. britischen Gesundheitssystem) geklatscht. Ich fand das, um ehrlich zu sein, respektlos. Die Pflegerinnen und Pfleger, die Ärztinnen und Ärzte haben mehr verdient als einen Applaus. Und das sehen jetzt auch mehr Leute inzwischen so. Ich glaube, dass die Leute verstehen, dass Großbritannien so hart getroffen wurde, weil die konservative Regierung seit Jahren im Gesundheitssektor spart. Und das wird sich bei den nächsten Wahlen im Ergebnis widerspiegeln.

Und wie geht's dir persönlich mit dem Lockdown?

Ich bin normalerweise eine soziale Person und mir fehlt das natürlich unglaublich, meine Freunde zu sehen, jemanden mal zu umarmen. Der berühmte walisische "Cwtch" (Anm. d. Red. ausgesprochen: "Kutsch", herzliche Umarmung), das geht nicht.

Aber man sagt ja immer, "auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner". Und ich hab realisiert, dass ich auf der grüneren Seite stehe. Klar, zurzeit ist es nicht einfach mit meinem Job als Englischlehrerin, aber andere trifft das alles hier deutlich härter. Flüchtlinge, Ältere oder einfach nur Leute, die alleine wohnen. Ich hab mit meiner Partnerin Emily Glück, auch wenn wir uns natürlich manchmal auf die Nerven gehen.

Die Fragen stellte Haluka Maier-Borst.

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