Kritik an Test- und Impfstrategie - Träger der Behindertenhilfe erhöhen Druck auf Senat

Ein Mann arbeitet in der Metallwerkstatt der Union Sozialer Einrichtungen (USE) an einem Modell des Reichstages (Bild: dpa/Lennart Stock)
Bild: dpa

Mit Briefen haben sich nun Dutzende Träger der Behindertenhilfe an den Berliner Senat gewandt. Ihre Kritik: Bei der Corona-Teststrategie seien sie vergessen worden. Und sie befürchten, dass sich das wiederholen wird, wenn ein Impfstoff da ist. Von Sebastian Schöbel

Dutzende Träger von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung haben den Berliner Senat aufgefordert, seine Test- und Impfstrategie zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu überarbeiten. In Briefen an Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) fordern sie mehr Unterstützung unter anderem bei der Beschaffung von Tests und beim nötigen Personal, sowie bürokratische Erleichterungen.

Die existierende Teststrategie sei lückenhaft und die Träger fühlten sich beim Einsatz der Antigen-Schnelltests alleingelassen, sagte die Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Barbara Eschen, dem rbb. So sei bisher die Vorgabe, dass nur medizinisches Pflegepersonal die Schnelltests durchführen könne. "In den Einrichtungen der Behindertenhilfe arbeiten aber keine Pflegefachkräfte, also ist eigentlich keiner da, der den Test durchführen kann."

Bereits jetzt sei die Sorge vieler Betreiber groß, so Eschen, dass Einrichtungen für Menschen mit Behinderung auch vergessen werden, wenn demnächst zugelassene Impfstoffe ausgerollt werden.

Träger greifen zu Notlösungen

Eschen bestätigte damit die Kritik des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, über den rbb|24 bereits vergangene Woche berichtet hatte. Wie der rbb erfuhr, behelfen sich viele Einrichtungen inzwischen selbst: Sie führen die Tests ohne das eigentlich vorgeschriebene Pflegepersonal durch oder haben pensionierte Pflegekräfte um Hilfe gebeten.

Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales verwies darauf, dass Schnelltests bereits beschafft und einsatzbereit seien. Träger erhielten "auf Grundlage ihres Testkonzepts die zwei- bis dreifache Menge an Schnelltests, damit sie in den kommenden zwei bis drei Monaten damit testfähig sind", sagte eine Sprecherin der Verwaltung auf Nachfrage des rbb. "Notfälle bei Schnelltests werden tagesgleich geliefert." Bedingung sei jedoch, dass in den Einrichtungen qualifiziertes Personal vorhanden" sei. "Wenn das nicht der Fall ist, organisiert unser Krisenstab in Amtshilfe solches von anderer Stelle und vermittelt es dann", so die Gesundheitsverwaltung.

"Um jeden Test muss gekämpft werden"

In einem Brief an Arbeitssenatorin Breitenbach, der dem rbb vorliegt, wird die aktuelle Lage allerdings anders dargestellt. Darin kritisieren über 40 Träger der Behindertenhilfe, dass sie die Schnelltests selbst organisieren müssen und dabei teils hohe bürokratische Hürden zu überwinden hätten. "Um jeden Test muss gekämpft werden", heißt es in dem Brief. "Wir müssen langwierig erklären, warum es zum Beispiel notwendig ist, Tests in den besonderen Wohnformen durchzuführen und dass auch Menschen mit Behinderungen Kontakte außerhalb ihrer Wohnung pflegen und einer Arbeit oder Beschäftigung nachgehen." Zudem habe man lange auf Eckkonzepte für die vorgeschriebenen Testkonzepte warten müssen, dabei sei die nationale Teststrategie bereits vor über einem Monat beschlossen worden.

Auch bei der Beschaffung sei nur an Pflegeheime und die Obdachlosenhilfe, nicht aber an Menschen mit Behinderung gedacht worden. "Bei dem Versuch, Schnelltests über den Markt zu beschaffen, sind wir mit Lieferengpässen konfrontiert. Derweil versuchen wir, die Leistungserbringung aufrechtzuerhalten, so gut es geht."

12,6 Millionen Schnelltests

Das Land Berlin will insgesamt 12,6 Millionen Corona-Schnelltests beschaffen, das Abgeordnetenhaus stellte dafür zuletzt 71 Millionen Euro bereit. Die ersten 260.000 Tests wurden an Pflegeeinrichtungen und die Wohnungslosenhilfe verteilt. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung sollen noch 2020 sechs Millionen Schnelltests für 33,66 Millionen Euro beschafft werden. Für 2021 seien weitere 6,58 Millionen der sogenannten Antigen-Schnelltests für 36,96 Millionen Euro geplant.

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17 Kommentare

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  1. 17.

    Bitte sprechen Sie von " Menschen mit Autismus" und "Menschen mit Down- Syndrom" . Downie ist eine diskriminierende Verniedlichung und Reduzierung auf die Behinderung. Der Gebrauch des Begriffs "Menschen mit Behinderung" ist in den Fachwissenschaften wie im Bildungsbereich der seit Jahren gebräuchliche.

  2. 16.

    Letztlich ist es jedem freigestellt, ob er in der WfbM arbeitet oder nicht. Denken Sie wirklich, dass der Kostenträger immer weiter zahlt, ohne dass der Beschäftigte arbeitet? Gerade die Mitarbeiter von Heimen und WG führen immer wieder die Ansteckungsgefahr an. Dabei ist bekannt, dass die Mitarbeiter dieser Einrichtungen das Virus einschleppen. Aber über das Hygienekonzert der WfbM zu meckern, ist einfach. Letztlich wird niemand gezwungen in einer WfbM zu arbeiten. Ich habe tagtäglich mit WfbM zu tun.

  3. 15.

    Aktuell steht es jedem frei, in die Werkstatt zu gehen. Wer noch nicht wieder arbeiten will, muss mit Verlust des Steigerungsbetrages rechnen. Ein Verlust des Platzes droht nicht.
    .

  4. 14.

    ...und beim Transport durch die Fahrdienste sitzen dann die Werkstattgänger aus verschiedenen Gruppen dicht nebeneinander. Da können die Werkstätten noch so durchdachte Hygienekonzepte haben...
    Wir in den WGs z.B. warten momentan jede Woche erneut darauf, dass jemand Corona aus der Werkstatt mitbringt.

  5. 12.

    Viele behinderte Menschen haben Betreuer bzw Berufsbetreuer. Somit wird niemand allein gelassen. Wer natürlich keine Betreuung will, muss allein klarkommen. Ich gehe seit Jahresanfang genauso mit meinen Betreuten zum Ämtern ect wie auch davor. . Niemand wird einem Betreuer den Zutritt verweigern

  6. 11.

    Jede WfbM hat ein Hygienekonzert und stellt auch Masken zur Verfügung. Ebenso wurden Abstände vergrößert ect.

  7. 10.

    Ich bin selbst Berufsbetreuer. Komisch, ich durfte alle meine Betreuten besuchen. Wer in einer WfbM tätig ist, durfte nach Rücksprache auch arbeiten. Komisch ist auch, dass meine Betreuen sehr wohl ihre Einrichtungen verlassen dürftenr, wenn sie wollten...

  8. 9.

    Vor allem ist der Umgang des Berliner Senats mit den Werkstätten fragwürdig. Bis zum Oktober war es den Beschäftigten und den Betreuern/Angehörigen überlassen, ob sie in die Werkstatt gehen oder nicht. Jetzt wo die Zahlen wieder so hoch sind müssen sie gehen, da sie sonst ihren Werkstattplatz verlieren!
    Das entbehrt jeglicher Logik.

  9. 8.

    Leider denkt nach wie vor auch niemand an den Schutz der Pflegebedürftigen zu Hause. FFP2 Masken habe ich mir schon lange alleine besorgt, bis die nun angekündigten Masken verfügbar sind, wird es wahrscheinlich Ostern sein. Der Gesundheitszustand der Pflegebedürftigen verschlechtert sich zusehends, auch der der pflegenden Angehörigen. Schnelltests wären auch hier eine Hilfe. Die Schließung der Sportstätten tut das Übrige und ganz grimmig wird es, wenn man berufstätig ist und der Arbeitgeber kein Verständnis mehr hat, wenn man seinen Angehörigen nicht im Sterbeheim abgeben möchte. Die meisten Angehörigen aber haben keine Kraft mehr, sich gegen irgendwas zu wehren. Das Ergebnis des Vergessens wird man in den nächsten Monaten sehen. Aber stirbt man zur Zeit am Herzinfarkt im Krankenhaus, ist die offizielle Todesursache eben Corona, bringt wahrscheinlich mehr Geld.

  10. 7.

    Ich kann die aufregung nicht ganz Verstehen Der Minister für Arbeit und Soziales Herr Heil hat die Union Sozialer Einrichtung gGmbH(anerkannte WfBM) im August im standort Koloniestr besucht mit Presse und Kamerateam auf einladung der Geschaftsführung und hat sich mit den Beschäftigten und Mitarbeitern unterhalten zum Thema Corona ich habe ihn selbst durch den Metallbau geführt und mit ihm gesprochnen wir hatten in der USE die regelung das bei dringenden/besonderen fällen auch während des lockdows im frühjahr wir arbeiten konnten wenn es nötig war zum erhalt/stabilisation derGesundheit wir haben ein klasse Hygenekonzept für alle 21 Standorte erarbeitet und damit fährt die USE recht gut durch die Corona Krise da risikogruppen eine der ersten impfungen bekommen sehe ich das entspannt grüße

  11. 6.

    Ihr Beitrag ist aber total verquer : "Allerdings muss sich jeder behinderte Mensche selbst um die erforderliche Hilfe kümmern..." Alles klar, ich stelle mir gerade die mir bekannten Autisten und Downies auf dem Amt vor. Und es ging mir hier nicht um die Tests und Erkrankungen, sondern darum, dass viele im ersten Lockdown nicht mal in ihren Wohnheimen besucht werden durften und vieles, dass sie mühsam erlernt haben, verloren ging...

  12. 5.

    Meinen Sie das ernst? Woher nehmen Sie ihre Sicherheit? Ich habe Kontakt mit Einrichtungen für psych. Kranke bzw. geistig (und z. T. körperlich) Behinderte. Letztere durften bzw. dürfen ihre Einrichtungen kaum verlassen - die können sich ganz sicher selbst helfen.
    Und für Menschen mit Depresssion, Angsterkrankung etc. ist die Isolation auch ganz besonders hilfreich...
    (Ende der Ironie, falls das nicht klar ist).

  13. 4.

    Man wird sich wundern zu weihnachten bzw neujahr über krankschreibungen. die Kollegen*in sind sich einig.

  14. 3.

    Die Behindertenhilfe wird seit Beginn der Pandemie komplett vergessen. Wir kommen überhaupt nicht vor. Kein Politiker interessiert sich dafür. Leider kommt darüber auch so gut wie überhaupt nichts in den Medien. Es wäre schön, wenn der RBB da jetzt dran bleiben würde. Es geht die ganze Zeit darum Risikogruppen zur schützen, in den Wohneinrichtungen leben viele Menschen die zur Risikogruppe gehören.

  15. 2.

    Kein behinderter Mensch hat bisher nachweisbar irgendeinen schwerwiegenden Schaden erlitten. Nicht nachweisbare Aussagen helfen nicht weiter. Allerdings muss sich jeder behinderte Mensch selbst um die erforderliche Hilfe kümmern. Das ist ein Ausfluss der Inklusion. Selbstverständlich ist es erforderlich, dass für alle Einrichtungen der Behindertenhilfe incl. WfbM genug Tests vorhanden sind. Ebenso müssen dann auch mobile Impfteams diese Einrichtungen aufsuchen. Impfzentren nutzen vielen behinderten Menschen nichts. Aber Berlin vernachlässigt die Hilfe für behinderte Menschen schon seit Jahrzehnten.

  16. 1.

    Schön, dass in diesem Artikel auch mal die Schwächsten in der Kette benannt werden. Der Schaden, den die Lockdowns bei den Behinderten anrichten, ist überhaupt noch nicht ansehbar. Ich will nicht wissen, wieviele Therapiestunden jetzt völlig umsonst waren und was gerade die geistig Behinderten für einen emotionalen Schaden genommen haben.

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