Eine Anästhesistin richtet am 23.03.2020 in Ulm ein Intesivbett für einen Coronapatienten ein. (Quelle: dpa/Felix Kästle)
Bild: dpa/Felix Kästle

Steigende Zahl an Covid-19-Fällen auf Intensivstationen - "Das Personalproblem auf Intensivstationen wurde nicht ausreichend adressiert"

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen steigt seit Tagen. Richtig betreuen können sie nur hochspezialisierte Pflegekräfte, von denen es zu wenige gibt. Das Problem war vorhersehbar, sagt Uwe Janssens von der Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin.

rbb|24: Herr Janssens, wie ernst ist denn die Lage auf den Intensivstationen?

Uwe Janssens: Wir haben schon in den letzten Tagen Höchststände verzeichnet und noch sind wir nicht durch. Zum einen nicht, weil die Infektionszahlen nach wie vor hoch sind und die schweren Verläufe ja erst verzögert bei uns auf die Intensivstationen kommen. Zum anderen, weil die Covid-19 Patienten auf der Intensivstationen sehr lange behandelt werden müssen. In der ersten Welle hatten wir laut Daten der Aok im Mittel einen beatmeten Covid-19 Patienten 23 Tage lang auf der Intensivstation in Behandlung.

Es gab vereinzelt die Anmerkung, dass der Anteil an Corona-Patienten zwar steigt, insgesamt die Betten auf den Intensivstationen aber nicht mehr belegt sind als in den Vorwochen. Haben wir einfach mehr Corona aber dafür weniger andere Krankheiten? Ist die Lage gar nicht so dramatisch?

Nein, das stimmt nicht. Zum einen hat der Rückgang von anderen Patienten damit zu tun, dass auch Operationen verschoben werden. Oder sie wurden im Sommer vorgezogen. Das vergisst man ja gerne, aber da haben die Chirurgen ja sehr viel operiert um die verschobenen Eingriffe aus dem Frühjahr wieder aufzuholen.

Zum anderen muss man sagen, dass Corona-Patienten viel aufwendiger in der Behandlung sind als reguläre Patienten, das können sie nicht vergleichen. Da haben Sie viele schwere Verläufe mit Blutvergiftungen, Lungenkollaps, Herzinfarkte bis hin zum Multiorganversagen – und es besteht zusätzlich ständig die Gefahr, dass sich das Pflegepersonal ansteckt.

Das Anlegen der persönlichen Schutzausrüstung vor Betreten des Zimmers erfordert viel Zeit und bedeutet auch eine zusätzliche Belastung für das Pflegepersonal. Arbeiten Sie einmal eine Stunde lang mit Schutzkittel, FFP2 Maske, Brille und Haube – das ist körperliche Höchstanstrengung.

Auf die Ansteckungsgefahr hat unter anderem die Charité hingewiesen, dass Pfleger/innen auf Intensivstationen ausfallen, weil sie selbst erkranken. Reicht das Personal denn aus?

Da müssen wir gerade in ganz Deutschland zugegebenermaßen phantasievoll werden. Also indem zum Beispiel Anästhesiepflegerinnen und Anästhesiepfleger aus den OPs jetzt auf die Stationen mit Covid-19-Patienten wechseln und dort unterstützend tätig werden. Die haben die entsprechende Ausbildung und können wirklich gut und professionell helfen. Oder eben auch Ärzte aus der Anästhesie.

Insofern ist es richtig, dass jetzt Operationen verschoben werden und man nur die nicht aufschiebbaren Eingriffe durchführt, also zum Beispiel bei Krebspatienten. Das macht die Charité in Berlin schon jetzt vorbildlich. Aber trotzdem muss man sagen, dass die Politik das Personalproblem im Sommer nicht ausreichend adressiert hat. Das was jetzt in einigen Kliniken und Bereichen eingetreten ist, war vorhersehbar.

Nun hat in Berlin die Gesundheitssenatorin dazu aufgerufen, dass pensionierte Intensivpflegekräfte sich melden sollen. Kann man so einfach wieder in den Job einsteigen, wenn man zwei, drei Jahre raus war?

Nein, diese Menschen sind sicherlich nicht in der Lage mal eben das volle Programm bei Covid-19 Patienten zu übernehmen. Aber das Pflegepersonal, das aus der Pension zurückkommt, kann immer noch die nicht an Covid-19 erkrankten Intensivpatienten übernehmen und versorgen und hier zumindest eine gute Unterstützung sein. Diese Patientengruppe stellt auf den Intensivstationen nach wie vor den Großteil dar. Und so könnten sie dem regulären Personal den Rücken freihalten.

Außerdem sollen reguläre Pflegekräfte aus anderen Bereichen umgeschult werden. Medizinstudenten werden aufgerufen auszuhelfen. All das mit wenigen Wochen Training. Ist das denn realistisch? Eine Ausbildung in der Intensivpflege dauert in der Regel zwei Jahre.

Wir werden mit einem Qualitätsmix arbeiten müssen. Aber wenn es um das Waschen, die pflegerische Versorgung von Corona-Patienten und -Patientinnen geht, wenn es darum geht die beatmeten Patienten in Bauchlage zu bringen, damit sie besser atmen können – das lässt sich vergleichsweise schnell beibringen.

Aber am Ende ist natürlich die Bedienung der Beatmungsgeräte, der Dialysegeräte, das Verabreichen von Medikamenten den ausgebildeten Intensivpflegerinnen und -pfleger vorbehalten. Bestimmte Tätigkeiten können nicht delegiert werden. Da bleibt das personelle Nadelöhr bestehen.

Ich empfinde es als falsch, dass eine erfahrene Pflegekraft den Anweisungen von unerfahrenen Assistenzärzten folgen muss.

Uwe Janssens

Wie viele Corona-Fälle kann eine Intensivpfleger/in denn gleichzeitig behandeln?

Das kommt auf die Schwere der Fälle an. Wenn Sie Intensivpatienten mit und ohne Covid-19 auf einer Intensivstation betreuen, die noch ohne Beatmung auskommen und noch stabil sind, da kann eine Intensivpflegekraft durchaus auch mal drei bis maximal vier Patienten gleichzeitig betreuen. Das ist dann zwar mehr als prinzipiell vorgesehen, aber durchaus umsetzbar und sollte nur die absolute Ausnahme in einer Notsituation darstellen, das möchte ich betonen.

Derzeit ist ein Schlüssel von einer Pflegekraft auf 2,5 Patienten am Tag und einer Pflegekraft auf 3,5 Patienten in der Nacht vorgesehen. Erst einmal müssen alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, bevor diese Vorgaben vorübergehend nicht umgesetzt werden. Wenn sie aber einen Patienten mit schwerer Covid-19 Lungenerkrankung beatmen müssen und zusätzlich die Lungenfunktion durch eine Herz-Lungen-Maschine unterstützt wird, braucht es eine 1:1-Betreuung.

Aber wenn man den Personalschlüssel aufweicht, bringt das nicht Probleme?

Darum haben wir auch gesagt, dass man in dieser Notlage - und definitiv nur in der Notlage - die Pflegepersonaluntergrenzen aussetzen könnte. Und es geht darum, dass man davor alle Möglichkeiten ausschöpft, indem man Personal aus anderen Teilen von Krankenhäusern abzieht. Nur, wenn der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weiterhin dabei bleibt, die Pflegepersonaluntergrenzen beizubehalten, dann müssen vielleicht eigentlich vorhandene Betten konsequenterweise gesperrt werden.

Wie kann das denn sein, dass wir das Land mit den meisten Intensivbetten sind in Europa und gleichzeitig wir jetzt anfangen müssen, aus allen Ecken das Personal umzuschulen?

Klar, das ist unter anderem das Ergebnis der zunehmenden Privatisierung des Gesundheitssystems in den letzten Jahren. Vereinfacht gesagt, an der Pflege wurde an allerster Stelle über viele Jahre gespart zugunsten einer Gewinnmaximierung. Das hieß man hat immer mehr Fälle behandelt ohne gleichzeitig die Zahl der Pflegekräfte zu erhöhen. Die Pflegepersonaluntergrenzen waren jetzt im Grunde mal ein Schritt in die richtige Richtung. Aber insgesamt müssen wir darüber reden, dass Intensivpflegerinnen und -pfleger bessere Arbeitsbedingungen bekommen.

Also Sie meinen mehr Geld?

Nein, nicht nur. Klar ist das ein Problem, dass Sie als Pflegekraft nach 15 Jahren auf der höchsten Gehaltsstufe sind und dann im Grunde nicht mehr viel Karriere machen können. Aber es geht eben auch um Kompetenzen und damit auch um Respekt vor der fachlichen Leistung der Pflegekräfte.

Ich als Arzt empfinde es als wirklich falsch, dass eine noch so erfahrene Pflegekraft immer noch den Anweisungen von jungen und unerfahrenen Assistenzärzten folgen muss. Als ich neu im Beruf war, war ich heilfroh, wenn mich eine erfahrene Schwester mit ihren Ratschlägen gut durch die Nacht gebracht hat. Dafür bin ich heute noch sehr dankbar. Hier muss bei uns Ärzten dringend ein Umdenken erfolgen.

Gibt es denn aktuell ein paar Dinge, die Ihnen Hoffnung machen?

Es gibt schon ein, zwei Hoffnungsschimmer. Wir haben zwar nach wie vor wenig gegen Corona in der Hand, aber das, was wir haben, wissen wir besser einzusetzen. Also hauptsächlich Blutverdünner und Cortison. Dann ist da noch die Hoffnung, dass uns andere Atemwegserkrankungen dieses Jahr weniger beschäftigen, weil die Leute Maske tragen, weil so viele sich gegen die Grippe haben impfen lassen. Und heute hatten wir tatsächlich mal einen Tag, wo ähnlich viele Covid-19 Patienten von den Intensivstationen in Deutschland entlassen wurden wie neu aufgenommen. Aber es ist vollkommen klar, dass das noch eine weite Strecke vor uns liegt.

Das Gespräch führte Haluka Maier-Borst.

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Beitrag von Haluka Maier-Borst

14 Kommentare

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  1. 14.

    Komplett richtig. Aber die echte Wertschätzung müsste seitens ChefInnen kommen, das sind die, die Medizin studiert haben, weil sie zufällig ein Einser-Abi hatten und man als Mediziner ganz gut verdient. Und da waren sie wieder, unsere 3 Probleme... Mammon, Ignoranz, Egoismus.

    Geld allein macht nicht glücklich. Aber auch Krankenschwestern, Pfleger, etc etc wollen was ordentliches zum Anziehen haben, nicht in einer Kaschemme leben und zur Nachtschicht mit dem eigenen Kleinwagen anrollen. Aus Sicherheitsgründen. Das ist aber leider bei DEN Gehältern kaum möglich.

    Wie in der Tönnies-Industrie. Oder in Altenheimen.
    Eigentlich überall. Werkverträge und Leiharbeit gehören abgeschafft, ebenso Haustarife, die schlechter sind also Manteltarife.

    Nach der Wende hat man alle das über Bord geworfen - und Menschen, die auf Jobs angewiesen waren, mussten mitmachen. Schluss jetzt - 30 Jahre sind genug! Die Schröder-Agenda muss endlich überwunden werden. Hartz, Privatisierungen, Leiharbeit.

  2. 13.

    Sorry, genau. BR ist Betriebsrat. WE ist Wochenende. LuL sind LehrerInnen. SuS das gleiche als Schüler. Aküfi ist der Abkürzfimmel ;-)

  3. 12.

    Leider ist das auch nicht mmer die Lösung. Das Gesamtkonzept einer Arbeitsstelle besteht nicht nur aus Geld und Personalanzahl auf eine Menge Arbeit. Gerade Gewerkschaften, manchmal auch Betriebsräte legen viel zu wenig wert auf Begleitfaktoren. Geld befriedigt nur kurz. ECHTE Wertschätzung beflügelt, beschert aber keiner Gewerkschaft höhere Beiträge. ECHTE Wertschätzung kostet auch wenig Geld, aber etwas Zeit, Moral und authentische Ehrlichkeit. Klatschende Politiker konnten das nicht leisten. Eben nich glaubhaft und echt.

  4. 11.

    Das ist wohl eine Klarstellung zur gestrigen Panikmache, die befürchtete, dass es bald nicht mehr genügend Intensivplätze geben würde? In diesem Fall liegt die Ursache aber in der neoliberalen, wolfskapitalistischen Politik der letzten 30 Jahre. Personal ist ein großer Kostenfaktor. Daran zu sparen ist effektiv. Ob Anzahl oder Bezahlung, Reduktion bringt Profit. Die Politik hat aber nicht nur zugesehen, sondern auch gefördert und gesetzlich geregelt. Die Profitgier privater Kapitalisten auf Kosten anderer ist verständlich, die Helfershelferschaft der Politik ist jedoch verwerflich und normalerweise unverzeihlich.

  5. 10.

    Das ist doch normal in Berlin, an allem für normale Berliner würde gespart.
    Viel Geld aber würde zum Teil zum Fenster raus geworfen.

  6. 9.

    Weil es nicht "die Probleme" gibt. Das Personal, und auch die Patient*innen, haben ganz einfach andere "Probleme" als die Kapitalanleger*innen, besser gesagt, beide haben entgegengesetzte Interessen. Die einen wollen gute Arbeit bei angemessener Bezahlung und guter Pflege, die anderen wollen Rendite, und können sich dann im Krankheitsfall die Privatbehandlung leisten. So redet man eben viele Jahre aneinander vorbei, oder tut so als ob, das gehört zum Geschäft.

  7. 7.

    Abgesehen von Ihrem Post, den ich voll unterstützen kann, senden Sie mir bitte die Erleuchtung: Was heißt BR???

  8. 6.

    Warum hört denn keiner mal auf das einfache Personal???
    Die wissen oft am besten, wo die Probleme liegen.

  9. 5.

    Jahrzehntelang haben sich einige wenige entsprechend Recht und Gesetz die Gewinne im Gesundheitssystem in die Taschen gesteckt. Jetzt investiert der Staat (bzw. die Allgemeinheit) Mrd, um eine Überlastung zu verhindern. Anschließend dürfen sich wieder einige wenige die Gewinne in die Tasche stecken.

    Systemfehler erkannt?

  10. 4.

    Vielen Dank für diesen Artikel er berichtet sehr gut wie zur Zeit der Stand unseres Gesundheitswesen ins besondere im Fall Plege ist.An diesem Artikel ist eindeutig zu erkennen daß uns die Sparpolitik der letzten Jahre jetzt auf die Füße Fällt in Sachen Pflegepersonal. Wie kann es sein daß im Gesundheitswesen nur noch um Geld Einsparung geht ich meine hier sollte es um die Heilung der Patienten gehen soll egal was es kostet aber zur Zeit ist der Patient ein Kostenfaktor an dem gespart wird von den Kliniken und Krankenkassen. Dieses sollten sich alle Veranwortlichen im Gesundheitswesen mal vor die Augen führen da WIR JA AUCH UNSEREN KASSENBEITRAG MONATLICH ENTRICHTEN MIT UNSER GEHALHTSZAHLUNG.

  11. 3.

    you get what you pay for. Ganz einfach. Bei angemessener (!) Bezahlung würden die Intensivpfleger/schwestern auch nicht wahlweise bei Mäckes oder in einer Arztpraxis arbeiten, sondern im KH. Bezahlung, Urlaub, angemessene Schichtsysteme. Tarifbindung. Jaja, ich bin BR und Gewerkschafter. Die alte Leier. Die Gewinne streichen die üblichen Verdächtigen ein und füllen sich die Taschen.

    Da von nicht ausreichender Adressierung zu reden, wo das seit der Privatisierungswelle der 90er bekannt ist (gleiches gilt für Bahn, Post, etc etc), ist blanker Hohn.

  12. 2.

    Das ist "das Ergebnis der zunehmenden Privatisierung des Gesundheitssystems in den letzten Jahren. ... an der Pflege wurde an allerster Stelle über viele Jahre gespart zugunsten einer Gewinnmaximierung."
    Wie oft wurde das in den letzten 20 Jahren von Pflegepersonal, Ärzten, Journalisten und Gewerkschaften sowie Kommentaren und Leserbriefen bemängelt und angemahnt? Tausende von Malen. Die Politik hat es missachtet zu Gunsten der Profitinteressen von Konzernen im Gesundheitswesen. Befördert durch Gesetzgebung der Regierungen in Ländern und im Bund. Fast alle haben mitgemacht im Bundesrat.

  13. 1.

    Schöner Überblick. Danke!

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