Symbolbild: Ein Covid-19-Patient wird im Curry-Cabral-Krankenhaus im Rollstuhl geschoben. (Quelle: dpa/Franca)
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Teststrategie in Berlin - Paritätischer Wohlfahrtsverband kritisiert mangelnde Corona-Schnelltests in Heimen für Behinderte

In der Corona-Teststrategie spielen Menschen mit Behinderung eher eine untergeordnete Rolle. Für Betroffene und ihre Angehörigen bedeutet das: banges Warten auf die neuen Antigen-Schnelltests. Eine Mutter schilderte ihren Fall nun rbb|24. Von Sebastian Schöbel

Als sich Susanne B.* hilfesuchend an rbb|24 wendet, wartet sie bereits gut fünf Wochen auf die versprochenen Corona-Schnelltests im Wohnheim ihrer schwerbehinderten Tochter. "Wie viele andere Eltern auch treibt mich die große Sorge um, dass meine Tochter mit dem Coronavirus infiziert werden könnte", schreibt B. der Redaktion. "Denn sie gehört zu der besonders vulnerablen Personengruppe, die einen schweren Verlauf der Erkrankung vermutlich nicht überleben würde."

Doch der Einsatz der sogenannten Antigen-Schnelltests in der Einrichtung für Betreutes Wohnen verzögert sich, schreibt B.: Grund seien fehlende Klarheit bei der Frage, wer testen darf, sowie lange Wartezeiten bei der behördlichen Prüfung des Testkonzepts der Einrichtung. "Ich als Mutter sehe die Berliner Politik und Verwaltung in der Pflicht, hierfür endlich praktikable Voraussetzungen zu schaffen!"

Nur Pfleger und Mediziner dürfen testen

Dass es derzeit vor allem in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung Probleme bei den Corona-Schnelltests gibt, bestätigt Uwe Brohl-Zubert. Er ist beim Paritätischen Wohlfahrtsverband unter anderem Fachreferent für den Bereich Soziale Psychatrie. Die Umsetzung der Teststrategie gestalte sich gerade "sehr bürokratisch", sagt er.

So sei in Berlin vielen Trägern noch immer nicht klar, ob sie ihr vorgeschriebenes Testkonzept dem Senat oder den Bezirken vorlegen müssen. Ohne Testkonzept sind Schnelltests aber nicht möglich. "Ich habe einen Träger in Treptow-Köpenick, der hat sein Konzept ans Bezirksamt geschickt und drei Stunden später die Genehmigung bekommen", sagt Brohl-Zubert. "Ich habe aber auch einen Träger, der sein Konzept an die Senatsverwaltung geschickt und bis heute nichts mehr gehört hat."

Viel problematischer aber sei die Lage für Einrichtungen, die zwar pädagogisches Personal haben, aber keine ausgebildeten Pfleger. Denn nur die dürfen, neben Medizinern, die Schnelltests verabreichen. Auf Bundesebene werde gerade eine Gesetzesänderung verhandelt, die Schnelltests auch durch nicht-medizinisches Personal möglich machen, so Brohl-Zubert. Bisher aber ohne Erfolg.

Berlin will 12,6 Millionen Tests beschaffen

Doch all das nützt nichts, wenn in den Heimen für Menschen mit Behinderung gar keine Schnelltests ankommen. Denn im Testkonzept, das am 15. Oktober auf Bundesebene vereinbart wurde, sei nur von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen die Rede, nur sie genießen Priorität, beklagt Brohl-Zubert. "Menschen mit Beeinträchtigungen werden bei sowas immer vergessen." In Berlin seien das laut Paritätischem Wohlfahrtsverband rund 30.000 Menschen. "Wir fordern ein geordnetes Verfahren und sofortigen Zugang zu den Schnelltests", sagt Brohl-Zubert.

Das Land Berlin will insgesamt 12,6 Millionen Corona-Schnelltests beschaffen
, das Abgeordnetenhaus stellte dafür zuletzt 71 Millionen Euro bereit. Die ersten 260.000 Tests wurden an Pflegeeinrichtungen und die Wohnungslosenhilfe verteilt. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung sollen noch 2020 sechs Millionen Schnelltests für 33,66 Millionen Euro beschafft werden. Für 2021 seien weitere 6,58 Millionen der sogenannten Antigen-Schnelltests für 36,96 Millionen Euro geplant.

Menschen mit Behinderung keine Priorität

Der Antigen-Schnelltest liefere ein Testergebnis innerhalb von rund 15 bis 30 Minuten, teilte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) Anfang November mit. "Priorität hat für uns der Schutz von Risikogruppen", so Kalayci. "Ausgedehnte Testmöglichkeiten ermöglichen eine effektive Eindämmung und erweitern auch die Besuchsmöglichkeiten verschiedener Einrichtungen."

Laut der Nationalen Teststrategie sollen die Antigen-Schnelltests insbesondere bei Mitarbeitenden in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, dem Rettungsdienst und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst, in Reha-Einrichtungen und Arztpraxen eingesetzt werde. In Berlin soll er grundsätzlich außerdem bei weiteren Personengruppen wie Polizei, Feuerwehr, Obdachlosenhilfe, Eingliederungshilfe sowie bei Mitarbeitenden von Kita und Schule eingesetzt werden.

Antigen-Schnelltests haben den Vorteil, dass die Probe nicht ins Labor muss, sondern zum Beispiel direkt vor Ort untersucht werden kann. Die Antigen-Tests gelten allerdings als weniger genau als PCR-Tests. Laut Robert Koch-Institut muss ein positives Ergebnis im Antigen-Test immer noch einmal mit Hilfe eines PCR-Tests bestätigt werden.

Dass Schnelltests in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung durchaus nützlich sein können, zeigt sich nun im Fall von Susanne B.: Am Freitag trafen nun doch die ersten Testkits ein, teilte sie rbb|24 auf Nachfrage mit.

Gleich bei den ersten Tests war das Ergebnis eines Betreuers positiv.

* Name von der Redaktion geändert

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12 Kommentare

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  1. 12.

    Endlich einmal ein Bericht über die Situation in Wohneinrichtungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Vielen Dank dem rbb24.
    Seit Monaten bemühen wir uns als Angehörige, dass in Einrichtungen Mitarbeiter*innen getestet werden. In Zehlendorf wartet die Einrichtung unseres Sohnes bis heute auf die Genehmigung eines Testkonzeptes. Die Menschen müssen, obwohl die Infektionsgefahr in den Werkstätten und bei den Transporten am größten ist, seit Oktober wieder zur Arbeit oder in die externen Tagesstrukturen. Nirgends wird getestet - aber beim Fußball, in den Parlamenten, am Fimset geht das problemlos ... Dort sind die Menschen wahrscheinlich wertvoller, systemrelevanter. Es ist ein Skandal!

  2. 11.

    Schnelltest?
    Schon von gehört aber selbst noch nicht getestet worden.
    Billigste ffp2 Masken die man im Dienst tragen muss aber ständig an den Ohren einschneiden. Deswegen greife ich auf meine eigenen Masken zurück
    Dauernd 24 Stunden Dienst weil die Bewohner nicht in die Werkstatt gehen können.
    Hoffentlich kriegen wir auf der Gruppe keinen positiven Fall. Sonst sehe ich schwarz.
    Bleibt alle gesund und haltet die Stellung

  3. 10.

    Das alles was hier passiert ist echt schlimm. Die Testverfahren werden an ganz falscher Stelle verschwendet. In erster Linie muss in Pflegeheimen, Hospizen, Behinderteneinrichtungen, in Schulen mit Angehörigen der Risikogruppen getestet werden. Ich verstehe das nicht wenn ich lese das Angehörige ihre kranken und sterbenden Familienmitgliedern nicht besuchen können? Wozu gibt es diese Schnelltests? Die Regierung jammert es fehlt an Pflegepersonal, Lehrern usw. Diese Berufe werden aber nicht gewürdigt und sind völlig unterbezahlt und bei einem Coronaausbruch in einem Pflegeheim sucht man auch noch die Verantwortlichen unter den Pflegekräften...unmöglich! Ich bin keine Pflegekraft, kein Lehrer aber für mich sind diese Menschen echt Helden in dieser Zeit und verdammt nochmal dafür sollten sie langsam mal belohnt und geschätzt werden.

  4. 9.

    Wir haben die schnell Tests auch schon aber werden nur im Ernstfall bei den Bewohner angewendet. Für das Personal steht der test nur im absoluten Notfall zur Verfügung und das in einem Pflegeheim. Mensch zweiter Klasse aber sollen unsern Job immer gut ausführen. Einfach nur zum Schei.....

  5. 8.

    Wir haben die schnell Tests auch schon aber werden nur im Ernstfall bei den Bewohner angewendet. Für das Personal steht der test nur im absoluten Notfall zur Verfügung und das in einem Pflegeheim. Mensch zweiter Klasse aber sollen unsern Job immer gut ausführen. Einfach nur zum Schei.....

  6. 7.

    Danke für den Bericht und auch für diesen Kommentar. Wir arbeiten uns den hintern ab und müssen jeder Information hinterher laufen. Dafür sind wir die letzten die informiert werden, wenn es in den Werkstätten einen coronafall gibt, Gesundheitsämter reagieren (wohl aus Überlastung) so langsam, dass die Quarantäne eigentlich schon vorbei ist, wenn man selbst ein Testergebnis bekommt. Deswegen sind Schnelltest gerade jetzt so wichtig, um die Risikofälle zu schützen und auch das Personal arbeitsfähig zu halten.
    Wie schon geschrieben ist gerade bei den Menschen mit Behinderung die Situation prekär, da viele zu ihrer eigentlichen Behinderung auch psychische Diagnosen haben. Das wird alles von sehr motivierten Menschen aufgefangen, das inzwischen auch ganz schön auf dem Zahnfleisch geht. Ich kann die bitte nur unterstützen, die Menschen in der Behindertenhilfe bei der impfstrategie zu berücksichtigen... nicht wie sonst: ach die gibts ja auch noch. :-)
    Bleiben sie gesund!!

  7. 6.

    Bei der Aufzählung derjenigen, die die Schnelltests bekommen, wurde der Fußball vergessen. Bereits in der Fußball-Regionalliga sind die Corona-Schnelltests jeweils zwei Tage vor dem nächsten Spiel obligatorisch (ggf. nach dem gesamten Artikel googeln). Schulungsdauer für den Physiotherapeuten: 1 Tag. Dann darf er testen.

    Es ist alles eine Frage des Geldes, dann flutscht das mit der, äh, "Schulung" und dem Schnelltest sogar in der Regionalliga, ganz regelmäßig. Ich finde diesen Zustand beschämend. Behindertenheime müssen laut werden, kann man dem Paritätischen nur danken, wenn er da dran bleibt.

  8. 4.

    ENDLICH mal ein Beitrag zu den Menschen mit Behinderungen!!! Was soll das? Wir kommen nie zu Wort trotz einer sehr hohen Anzahl an Hochrisikopersonen... Die Werkstätten waren für 6 Monate geschlossen, die Mitarbeiter in den Wohnheimen dann plötzlich nonstop für die Betreuung verantwortlich, trotz (ja, sieh mal einer an, auch hier) extremen Personalmangel. Hier war REALE Mehrarbeit, nicht im Kindergarten oder der Pflege! Sorry Leute, aber vom Bonus hat hier NIEMAND geredet und wird es wohl auch nicht!

  9. 3.

    Hallo rbb24, bitte nochmal Überschrift durchlesen ...

  10. 2.

    Die Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen werden während der gesamten Pandemie sowieso komplett vergessen. Wir kommen überhaupt nicht vor. Wir kommen nicht bei Corona Prämien vor, nicht bei Tests und ich bin mir fast sicher, dass man auch nicht an uns denkt wenn es ums impfen geht. Und es interessiert keinen Politiker, allerdings die Medien auch nicht sonderlich.

  11. 1.

    Auch Schnelltests sind KEINE Pillen. Sie werden nicht verabreicht. - Wie sieht denn die Test-Strategie aus ? Gehen getestete Personen nach JEDEM Test für 2 Wochen in Quarantäne oder wird der Virus weiter verteilt bis das Negativ-Ergebnis vorliegt ?

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